5 Gründe, warum sich die regressive Linke über den Atheismus irrt

„Regressive Linke“ ist ein Begriff, den ursprünglich der britische Reformmuslim Maajid Nawaz prägte.

5 Gründe, warum sich die regressive Linke über den Atheismus irrt

Er bezeichnet eine bestimmte Teilmenge der Linksliberalen, die in einem Versuch, tolerant und kulturell einfühlsam zu erscheinen, jegliche Kritik am Islam oder am Islamismus zu unterbinden versuchen, indem sie diese als „Islamophobie“ oder Rassismus bezeichnen. Die Bedeutung des Begriffs wurde mit der Zeit erweitert und umfasst nun jene, die Warnhinweise auf ideologisch bedenklichen Medien fordern, die kritikfreie Schutzräume in Universitäten sehen möchten, die den Gedanken verbreiten, dass wir alle in einer Art von Vergewaltigungskultur lebten und die kulturelle Vielfalt für eine tolle Sache halten, bis man Franzbrötchen in Bayern verkauft, dann ist es nur noch kulturelle Besitzergreifung.

Obwohl einige Regressive auch Atheisten sind, so scheint es sich bei ihnen um selbsthassende Atheisten zu halten, die selbst dann nicht für ihre eigenen Rechte eintreten würden, wenn man sie fesseln und der Papst ihnen persönlich Hostien in den Mund schaufeln würde. Sie scheinen uns Atheisten für einen üblen Haufen zu halten, inklusive sich selbst, und ich glaube, das liegt an einigen falschen Vorstellungen, die sie über Atheisten und den Atheismus selbst haben. Hier möchte ich auf fünf davon eingehen.

Erstens: Sie halten den Atheismus für eine „Bewegung“. Er ist ebenso eine Bewegung wie die Mondlandung eine Fälschung ist. Und wenn ihr mal eure Aluhüte abnehmt, erkläre ich es genauer. Überlegt doch mal, ich wurde in eine atheistische Familie hineingeboren. Ich wurde ohne Religion aufgezogen, habe keinen einzigen Tag meines Lebens an Gott geglaubt. Ich war im Alter von 2, 4, 9, 11 Jahren eine Atheistin. War ich Teil einer Bewegung? Mein Sohn ist sieben Jahre alt und glaubt nicht an Gott. Welche Rolle spielt er in der Bewegung? Was ist mit all den Atheisten, die sich nicht öffentlich zu der Sache äußern und ihren Unglauben für sich behalten? Was tragen sie zur Bewegung bei? Die große Mehrheit der Atheisten äußert sich nicht zu dem Thema und lebt vor sich hin, ohne auch nur den Anschein eines Verdachts zu erregen, dass sie gottlos sein könnten. Inwiefern ist das eine Bewegung? Was sind die Ziele einer Bewegung, deren Mitglieder sich mehrheitlich gar nicht darüber äußern?

Zweitens: Atheisten tun angeblich nichts, um die Vielfalt unter Atheisten zu vergrößern. Ich habe heute Morgen einen Artikel im linksliberalen Salon-Magazin gelesen (ja, ich hätte es besser wissen müssen) und der Autor behauptete darin: „Die Wurzeln der atheistischen Bewegung sind größtenteils in der weißen, männlichen Oberschicht zu finden, was man allzu deutlich daran erkennt, dass die Bewegung immer wieder dieselben Gesichter zeigt.“ Derweil wurde jedoch als Illustration eben jenes Salon-Artikels Richard Dawkins gewählt.

Von all den Gesichtern, die man für das Artikelbild hätte auswählen können, habt ihr, die Salon-Redakteure, Dawkins ausgewählt. Ihr kritisiert die atheistische Bewegung dafür, „Vielfalt und Inklusion nicht ernster zu nehmen“, während ihr zu genau dem Problem beitragt, was ihr als solches erkannt haben wollt. Ihr hättet für das Bild auch den prominenten und stets freundlich lächelnden Atheisten Hemant Mehta auswählen können (der zumindest für Us-amerikanische Atheisten einen ebensolchen Wiedererkennungswert besitzt wie Dawkins). Ihr hättet ein Foto des forschen Podcasters Lalo Dagach nehmen können. Ihr hättet ein Foto von Maryam Namazie, Sarah Haider, Gad Saad, Stephanie Guttormson, Ayaan Hirsi Ali oder selbst eines von mir nehmen können. Stattdessen habt ihr einen alten, weißen Mann dafür ausgewählt.

Versteht mich nicht falsch. Ich finde Dawkins‘ Arbeit großartig und ich habe kein Problem damit, dass sein Gesicht mit dem Atheismus assoziiert wird, aber ihr habt sein Bild für einen Artikel verwendet, der den Gebrauch solcher Bilder kritisiert. Das eigentliche Problem hier besteht darin, dass solche regressiven Gazetten wie Salon diesen Strohmann des alten, weißen Atheismus aufstellen und uns dann weismachen wollen, das wäre ein echtes Problem. Das ist es nicht wirklich. Würdet ihr mal euer eigenes Spiegelkabinett verlassen, dann würde euch die enorme Vielfalt lauter atheistischer Stimmen auffallen und dass ihr die einzigen seid, die dieses dawkins’sche Bild von uns verbreitet. Wir freuen uns über unsere Vielfalt. Wir lieben unsere Ex-Muslime aus dem Mittleren Osten, unsere schwarzen Stimmen aus dem Süden der Vereinigten Staaten, unsere Frauen, unsere nigerianischen Humanisten, unsere netten Ex-Jainisten… wir lieben sie alle so sehr wie unsere weisen, weißen Biologen, Neurowissenschaftler, Physiker und Philosophen.

Drittens: Atheisten sollen frauenfeindlich sein. Aber klar sind wir das. Wir setzen uns für die Sexualisierung kleiner Mädchen ein, indem wir ihnen sagen, dass sie ihre noch nicht pubertierten Körper bedecken müssen, um keinen Mann zu ihrem Missbrauch anzustiften. Wir setzen uns für die Verbreitung der Idee ein, dass Frauen anzügliche Körper hätten, indem wir ihnen sagen, dass sie züchtige Kleidung tragen sollen. Wir versuchen Frauen zum Schweigen zu bringen und zu diskreditieren, die sich gegen weibliche Genitalverstümmelung wehren. Wir unterdrücken gerne die Kritik an Kulturen, in denen Frauen nichts als verherrlichtes Vieh sind, das über einladende nasse Löcher verfügt. Insbesondere möchten wir den ex-muslimischen Frauen den Mund verbieten, die ihre Religion hinter sich gelassen haben, um solche Dinge zu tun wie sich zu bilden, andere zu unterrichten und ein Amt zu übernehmen. Mit Sicherheit versuchen wir sie nicht zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass sie mehr als zuvor gehört werden. Nein. Überhaupt nicht.

Wir sorgen außerdem dafür, dass diese Frauen von Konferenzen ausgeladen werden und wir stellen uns an die Seite von repressiven, frauenfeindlichen religiösen Freaks, die diesen Frauen das Wort abschneiden, wenn sie an Universitäten Vorträge halten. So sind wir eben. Moment…

Viertens: Angeblich mögen wir keine Muslime. Ich weiß nicht einmal, was ich dazu sagen soll, aber fangen wir mit Star Trek an, denn das wäre naheliegend. Früher mochte ich Star Trek nicht. Damals hatte ich es natürlich noch nie gesehen. Ich war einst ein engstirniger Idiot in einigen Abschnitten meines Lebens, aber ich weiche ab, ich mochte Star Trek jedenfalls nicht. Ich hatte allerdings eine Menge Freunde und sogar einige Partner, die es mochten. Nun war meine grundlose (und geradezu peinliche) Abneigung gegen Star Trek nie ein Hinderungsgrund für mich, meine Freunde, die es mochten, zu lieben. Sie hielt mich nicht davon ab, mich in einen Mann zu verlieben, der es mochte. Es war kaum je ein Problem zwischen uns, solange er mich nicht dazu zwang, es mir anzusehen und ich nicht versuchte, ihn davon abzuhalten, es zu lieben. Es war in Ordnung. Es gab kein Problem zwischen mir und den Trekkies.

Nun ersetze Star Trek durch den Islam. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass Star Trek durch seine Großartigkeit meine Zuneigung gewinnen konnte, während ich zwar den Islam studiert habe und in islamische Länder gereist bin, es aber nichts gibt, was mich glauben lassen könnte, dass er in Ordnung ist. Niemals.
Ich liebe aber noch immer die Menschen, die dem Islam folgen. Meine größte Sorge in Hinblick auf den Islam sind gerade diejenigen, die ihm folgen, weil sie am schlimmsten unter den Mängeln der Religion zu leiden haben. Ich wage zu behaupten, dass dies die meisten Atheisten so sehen, die ihre Bedenken wegen der Probleme äußern, die sich aus dem Islam ergeben.

Fünftens: Wir tolerieren religiöse Menschen angeblich überhaupt nicht. Nun könnte ich hier problemlos meine religiösen Follower, Gastautoren, Freunde und Familienmitglieder ausstellen, aber das werde ich nicht tun. Ich sage lieber, was ich nicht toleriere und nicht tolerieren werde. Wenn die haltlosen Überzeugungen einer Person das Leben einer anderen negativ und ohne ihre Zustimmung beeinflussen, das kann ich nicht tolerieren. Es könnte mich nicht weniger kümmern, welche privaten Überzeugungen die Leute haben, solange diese Überzeugungen auf keine Weise die Politik beeinflussen, sofern sie nicht nachweislich wahr sind, und solange sie anderen Menschen nicht schaden. Wie man sagt, endet Dein Recht, mit Deiner Faust auszuholen, an meinem Gesicht (oder am Gesicht eines anderen). Falls Du Deine ausholenden Fäuste aus den Gesichtern der Leute fernhalten kannst, brauchen wir nicht weiterzureden. Hol ruhig aus, mein launischer Freund.

Falls die regressive Linke die Wahrheit sagt, sind wir Rassisten. Wir hassen Frauen. Wir können religiöse Menschen nicht ausstehen. Und schlimmer noch: Wir sind allesamt alte, weiße Männer. Falls dem so sein sollte, sind meine Titten eine Lüge. Und ich kann mich nur von meinen Sünden freikaufen, wenn ich diese mir zu Eigen gemachten Möpse nunmehr ablege und sogleich einen Therapiehamster adoptiere, ihr verblödeten Bastarde.

Allerdings sagt die regressive Linke nicht die Wahrheit. Nichts davon ist wahr und diese Regressiven erreichen nur Eines durch ihren trügerischen Bullshit, nämlich sich selbst kleinkariert, ungebildet und vorsätzlich ignorant aussehen zu lassen.

Übersetzung: Andreas Müller

Godless Mom ist eine kanadische Bloggerin, die in zahlreichen sozialen Netzwerken aktiv ist. Laut ihrer eigenen Beschreibung ist sie eine „weitgereiste, belesene, extrem linke atheistische Mutter, Frau und Schriftstellerin.“

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Kommentare

  1. userpic
    NA Liebisch

    Wir müssen endlich weg vom Schubladen-Denken und anfangen die Probleme unabhängig von unserer politischen Identität diskutieren!

    Indem hier die "Regressive Linke" angesprochen wird, werden wieder eine Reihe von Menschen in eine Schublade gepackt. Das ist genau der selbe Mechanismus den der Artikel anprangert, indem er sagt das alle Atheisten irgendeinem Schema entsprechen müssen.

    Sam Harris nennt das 'identity politics' und es wird immer klarer was für ein Problem das in unserer Kultur ist. Wenn du für 'gun control' bist, bist du ein Linker. Wenn du Islam oder Immigration kritisierst, bist du ein Rechtsradikaler.

    Die einzelne Themen werden gar nicht mehr diskutiert, es geht nur noch darum welcher Sippe du angehörst. Als aufgeklärte Humanisten sollten wir vielleicht öfter mal drüber nachdenken ob wir nicht vielleicht selber in die gleich Falle tappen.

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