Das Gebet

Wenn jemand mit seinem „unsichtbaren Freund“ redet, liegt der Verdacht auf Schizophrenie nahe.

Das Gebet

Reden aber viele unter unnatürlichen Umständen mit ihrem unsichtbaren Freund, heißt das Religion bzw. „Beten“ und wird gemeinhin plötzlich als ganz normal angesehen. Oft wird das „Beten“, also das rituelle Hineinsprechen in den leeren Raum, noch nicht einmal von Außenstehenden als befremdlich empfunden, sobald es nur viele Menschen machen und diese sich „Gläubige“ nennen. Doch wir sollten ihre Wahrnehmungsstörung mit Sorge betrachten und den betroffenen Menschen helfen, schon allein da u.a. das Delegieren von Problemen oft zu einer eigenen Passivität führt.

Man stelle sich nur vor, wo wir stehen könnten, wenn in jeder bis zum heutigen Tag verbeteten Minute wirklich geholfen, und wenn jeder an religiöse Institutionen gespendeter Cent in die ihre Versprechen haltende Forschung geflossen wäre.

1. Theodizee

Die Sinnlosigkeit eines Gebetes an (den christlichen) Gott zeigt sich, wenn man die ihm zugeschriebenen Attribute Allmacht, Allwissenheit und Allgüte analysiert:

(P1) Gott ist allwissend.

(K1) Gott um etwas zu beten ist sinnlos, er weiß schon längst, was du möchtest und wie die Sache ausgehen wird.

(K2) Gott weiß auch bereits, was das Beste für dich ist.

(K3) Gott um etwas zu beten ist anmaßend, es offenbart Zweifel an seinem perfekten Plan für uns und wirkt belehrend.

Trotz (K1) möchte Gott, dass wir ihn anflehen. Und trotz der verkorksten Welt, gegen die er offensichtlich nichts unternimmt, möchte er in seiner arroganten Selbstherrlichkeit angepriesen werden (ganz schlimm: 2.Mose 17: 8-13). Ein Gott, der es tatsächlich, spürbar gut mit uns meint und nicht angebetet werden möchte, den möchte ich anbeten!

(P2) Gott ist allmächtig.

(K4) Dann kann (P1) nicht wahr sein. Denn entweder Gott ist allwissend, d.h. z.B. er weiß, dass eindeutig X in Zukunft geschehen wird. Oder Gott ist allmächtig, d.h. er kann auch verhindern, dass X in Zukunft geschehen wird, und stattdessen Y bewerkstelligen. (P1) und (P2) sind also inkompatibel.

(K5) Aus (K4) geht hervor, dass der christliche Gott, mit den Attributen Allwissenheit und Allmacht, nicht existieren kann.

Die erste Prämisse führt aber noch zu weiteren Schwierigkeiten, gerade in Bezug auf das Gebet. Wenn (P1), ist alles determiniert (siehe K4). Wenn aber Gott allwissend und infolge alles determiniert sein muss, dann bringt es nichts mehr, für etwas zu beten, da sowieso schon alles unumkehrbar feststeht.

(P3) Gott ist allgütig.

Eigentlich ist bereits alles gesagt. Wenn Gott allgütig wäre (P3), würde er kein Leid zulassen wollen. Es gibt aber unbezweifelbar Leid auf dieser Erde, weswegen entweder (P2) (Gott kann das Leid nicht verhindern) oder (P3) (Gott will das Leid nicht verhindern) falsch sein muss.

In beiden nur möglichen Fällen ist es fraglich, ob Beten überhaupt sinnvoll ist:

Erklärung für das Leid 1: Wenn (P3) falsch ist, dann bringt es nichts, den Gott nach einer Tragödie um Hilfe zu beten, der nichts getan hat, um diese Tragödie abzuwenden. Wie kommst du auf die Idee, dass der Gott, der den Holocaust geschehen lassen hat, die Barmherzigkeit besitzt, dir eine bessere Klausurnote zu schenken?

Erklärung für das Leid 2: Wenn (P2) falsch ist, dann bringt es nichts, den Gott nach einer Tragödie um Hilfe zu beten, der nichts tun konnte, um diese Tragödie abzuwenden. Wie kommst du auf die Idee, dass Gott, der nicht mal was gegen lästigen Schnupfen machen kann, in der Lage ist, den Welthunger zu beenden?

Gläubige übersehen ihre eigene Widersprüchlichkeit nicht zuletzt auch aufgrund einer anderen Wahrnehmungsstörung, die der Selektiven Wahrnehmung:

Wenn die eigene Mannschaft im Fußball gewonnen hat -> Lobet und Preiset den Herrn!

Wenn ein Kleinkind trotz aller Gebete qualvoll an einem Tumor stirbt -> Niemand schiebt es Gott in die Schuhe (wahlweise auch: „die Wege des Herrn sind unergründlich.“)

2. Hilft Beten?

Sieht man einmal von all diesen abstrakten Einwänden ab, kann man sich ganz praktisch fragen, ob Beten was nützt? Und ich meine damit nicht, dass einmal für einen Patienten gebetet wurde und dieser dann gesund wurde. Für die Genesung von Patienten gibt es eine gewisse statistische Wahrscheinlichkeit und auch der Verweis auf Wunder ist kein Beweis für die Nützlichkeit von Gebeten, sofern kein wissenschaftlicher Beweis für dieses hervorgebracht wird und jeder behaupten kann, er habe ein Wunder erlebt. Nein, für einen Beweis der Nützlichkeit von Gebeten muss schon experimentell nachgewiesen werden, dass Patienten für die gebetet wird, im Schnitt und signifikant schneller genesen.

Darwins Cousin Galton war der Erste, der ein solches „Gebetsexperiment“ anstrengte. Galton machte darauf aufmerksam, dass in den britischen Gemeinden jeden Sonntag für die Gesundheit der königlichen Familie gebetet wurde. Müssten die Monarchen demnach nicht im Vergleich zu der restlichen Bevölkerung, die nur in den Gebeten ihrer nächsten Angehörigen vorkamen, besonders gesund und munter sein, wenn Beten was nützt? Bezeichnenderweise fand Galton keinen statistischen Unterschied. Er betete auch noch für zufällig ausgewählte Grundstücke, weil er (aus Neugier oder Spott?) herausfinden wollte, ob die Pflanzen dort dann besser wüchsen. Was auch nicht der Fall war.

In jüngerer Zeit setzte der Physiker Russell Stannard (der, wie wir noch sehen werden, einer der drei bekanntesten religiösen Naturwissenschaftler in Großbritannien ist) sich mit seinem Einfluss für eine Initiative ein, die von der sog. Templeton Foundation finanziert wurde: Er wollte experimentell die Vermutung überprüfen, dass die Gesundheit kranker Menschen sich durch Gebete verbessern würde. Um ein solches Experiment aussagekräftig zu machen bzw. einen Placeboeffekt zu verhindern, muss es als Doppelblindversuch durchgeführt werden. Diese Anforderung wurde streng eingehalten, weswegen psychosomatische Störparameter ausgeschlossen werden können. Die Patienten wurden rein zufällig einer Gruppe A, für die gebetet wurde, und einer Kontrollgruppe B, für die nicht gebetet wurde, zugeteilt. Weder die Patienten noch die Ärzte, das Pflegepersonal oder die Versuchsleiter selbst durften wissen, für welche Patienten gebeten wurde und welche zur Kontrollgruppe gehörten. Die Betenden aber mussten den Namen der Person kennen, für die sie beteten, denn wie hätte sie sonst für einen bestimmten Patienten und nicht für jemand anderen beten sollen? Allerdings achtete man darauf, dass sie nur den Vornamen und den Anfangsbuchstaben des Nachnamens erfuhren.

Unter Leitung des Kardiologen Dr. Herbert Benson vom Mind/Body Medical Institute in der Nähe von Boston verbrauchten das Experiment 2,4 Millionen Dollar von der Templeton Foundation. In einer früheren Pressemitteilung der Stiftung hieß es über Dr. Benson: „Nach seiner Überzeugung sprechen immer mehr Belege dafür, dass Fürbittgebete in einem medizinischen Umfeld wirksam sind. Das Forschungsprojekt war also in beruhigend guten Händen und wurde höchstwahrscheinlich nicht durch skeptische Schwingungen beeinträchtigt. Dr. Benson und sein Team überwachten in sechs Kliniken insgesamt 1802 Patientinnen und Patienten, die sich alle einer Bypassoperation am Herzen unterzogen hatten. Die Patienten wurden in drei Gruppen eingeteilt: Für die Gruppe 1 wurde gebetet, ohne dass die Kranken es wussten. Für die Gruppe 2 (die Kontrollgruppe) wurde nicht gebetet, und die Patienten wussten ebenfalls nichts davon. Für die Gruppe 3 wurde gebetet, und die Betreffenden wussten davon. Der Vergleich zwischen den Gruppen 1 und 2 sagt etwas über die Wirksamkeit von Fürbittgebeten aus, während man an Gruppe 3 ablesen kann, ob es psychosomatische Auswirkungen hat, wenn man weiß, dass andere für einen beten.

Weiträumig verteilt wurden die Gebete in Kirchen von drei Gemeinden in Minnesota, Massachusetts und Missouri gesprochen. Alle drei waren also weit von den Krankenhäusern entfernt. Es entspricht den Maßstäben für gute experimentelle Arbeit, dass man so weit wie möglich standardisiert, und deshalb wurden alle gebeten, in ihr Gebet die Formulierung „für eine gelungene Operation mit schneller Genesung und ohne Komplikationen“ aufzunehmen.

Die Ergebnisse, über die das „American Heart Journal“ im April 2006 berichtete, waren eindeutig. Zwischen den Patienten, für die gebetet, und denen, für die nicht gebetet wurde, war kein Unterschied festzustellen. Welche Überraschung. Einen Unterschied gab es jedoch zwischen denen, die wussten, dass für sie gebetet wurde, und den beiden Gruppen der Unwissenden; aber dieser Unterschied wies in die falsche Richtung! Die Patienten, die wussten, dass sie in den Genuss von Gebeten kamen, litten signifikant häufiger an Komplikationen als die Unwissenden. Ein prima-facie komisches Resultat. Ist Beten an sich gar kontraproduktiv?

Wahrscheinlicher ist, dass die Patienten, die wussten, dass für sie gebetet wurde, dadurch unter zusätzlichen Stress gerieten – die Versuchsleiter bezeichneten es als „Leistungsangst“. Dr. Charles Betha, einer der beteiligten Wissenschaftler, meinte dazu: „Es hat sie vielleicht verunsichert, weil sie sich gefragt haben: Bin ich so krank, dass man Leute zum Beten rufen muss?“

Wie zu erwarten, sprachen sich Theologen und Christen (meist erst nachdem ihre Ergebnisse publik wurden!) gegen die Studie aus. „Gott lässt sich nicht in wissenschaftlichen Untersuchungen belegen“, oder „die Naturwissenschaft habe keinen Zugang zum Übernatürlichem“ etc. – Man fand viele Wege, um das Ergebnis kleinzureden. Dabei ist es doch eigentlich komisch: Warum will sich Gott uns nicht wissbar offenbaren? Für einen allmächtigem Gott wäre es kein Problem und für einen allliebenden zwingend, sich uns zu offenbaren, da er so unzählig viele Zweifel und Glaubenskriege mit einem Schlag beenden könnte.

Wir brauchen uns an dieser Stelle nicht mit dem Standard-„Argument“ „Gottes Wege sind unerforschlich“ herumzuplagen. Denn wenn Gott existiert, dann weiß er, wie wir denken, und er müsste genau das berücksichtigen, und seine Gründe sich nicht zu offenbaren müssten für Menschen (etwa anhand der Lektüre der Bibel) durchschaubar sein - oder er möchte partout, das wir Zweifeln und um unsere Seele bangen.(„Nicht verstehbar“ ist von Menschen nämlich nicht von „ist völlig sinnlos“ oder „ist völlig beliebig zu interpretieren“ zu unterscheiden!) Tatsächlich aber muss es für einen Christen schon komisch sein, dass Gott früher Wunder und Propheten geschickt hat und heute nur noch auf Toastbroten auftaucht.

Hier geht's zum Originalartikel...

Kommentare

  1. userpic
    Meinrad

    Jeder Versuch, die Existenz oder Nichtexistenz Gottes mit unserem menschlichen Verstand zu beweisen, muss scheitern. Soll denn die Schöpfung klüger sein als deren Schöpfer? Ein philosophisches Unding!

    Wie fast immer bei solchen Artikeln, vermisse ich darin jedes theologische Grundverständnis: "Tatsächlich aber muss es für einen Christen schon komisch sein, dass Gott früher Wunder und Propheten geschickt hat und heute nur noch auf Toastbroten auftaucht." Dieses Zitat aus dem Artikel dokumentiert einwandfrei, dass der Verfasser entweder die Evangelien nie gelesen hat, oder deren Aussage gründlich negiert - um nicht zu sagen, nicht verstanden hat.

    Antworten

    1. userpic
      Kalle Simon

      Sehr geehrter Herr Meinrad,

      Ich gestehe Ihnen zu, dass der Beweis einer Nichtexistenz sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich ist. Um eine Nichtexistenz zu beweisen bedarf es stets eines positiven Beispiels, dass das Gegenteil, also die Existenz beweist. Wenn ich also behaupten würde, die Erde ist nicht flach, muss ich positiv beweisen, dass sie rund ist.

      Ihre Argumente, dass ein Existenzbeweis am menschlichen Verstand scheitern müsse sowie, dass es ein philosophisches Unding sei, dass die Schöpfung klüger sei als ihr Schöpfer, sind jedoch fehlerhaft.

      1. Wir können die Existenz von ziemlich vielen Dingen beweisen, eben weil wir den menschlichen Verstand haben. Verstand ist überhaupt das zentrale Werkzeug, um etwas zu beweisen. Was wäre denn eine Alternative aus Ihrer Sicht?

      2. Inwiefern ist es ein philosophisches Unding, dass die Schöpfung klüger ist, als ihr Schöpfer? Im Gegenteil. Sokrates, der die westliche Philosophie begründet hat, war ein kluger Mensch, doch ich nehme mir heraus zu sagen, dass seine Theorien und Methoden Fehler hatten, die zukünftige, "klügere" Köpfe in ihren Theorien verbessert haben.
      Sie kennen bestimmt auch Kinder, die einen besseren Schulabschluss haben, als ihre Eltern und sie kennen bestimmt ganze Generationen von Menschen, die sich in der Gesamtbetrachtung moralisch klüger angestellt haben, als die vorherige Generation. Wäre dem nicht so, dann hätten wir uns zurückentwickeln oder zumindest auf dem Level von Höhlenmenschen bleiben müssen.
      Falls Sie den Sciencehighlights auf dieser Seite folgen, werden Sie gesehen haben, dass es inzwischen Computer gibt, die Menschen nicht nur im Schach, sondern auch im Go schlagen. Ist dann nicht die Schöpfung (Computer) klüger als ihr Schöpfer (Mensch).
      Und wenn das bei uns zutrifft, wieso dann nicht auch bei Gott, sofern existent.
      Es kann natürlich gut sein, dass Sie ein Anhänger einer esoterischen Spiraltheorie sind, in der der Mensch durch bestimmte Äußere Faktoren mal mehr mal weniger intelligent ist. Bitte legen Sie diese Theorie dann in Ihrer Antwort dar, damit Ihre Darstellung geprüft werden kann.

      Bitte nehmen Sie meine Äußerungen nicht persönlich, aber ich möchte Ihnen nahelegen den guten Namen der Philosophie nicht in dieser Art zu gebrauchen.

      Antworten

      Neuer Kommentar

      (Mögliche Formatierungen**dies** für fett; _dies_ für kursiv und [dies](http://de.richarddawkins.net) für einen Link)

      Ich möchte bei Antworten zu meinen Kommentaren benachrichtigt werden.

      * Eingabe erforderlich