Die gravierendsten Fehlschlüsse

Logische Fehlschlüsse sind keine Seltenheit.

Die gravierendsten Fehlschlüsse

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Sie unterlaufen jedem Menschen im Laufe seines Lebens und besonders im Verlauf von Diskussionen kommen sie das ein oder andere Mal vor. Manchen Menschen unterläuft ein solcher – vermeintlich nicht weitreichender – Fauxpas häufiger, manchen seltener.

Besonders in emotional aufgeheizten Debatten ist der Hang zum Fehlschluss groß, da man durch diesen seinen Emotionen Ausdruck verleihen kann, ohne eine größere Denkleistung bemühen zu müssen. Ein solcher Fehlschluss ist jedoch nicht nur intellektuell unredlich, sondern führt auch zu Sackgassen und Trugschlüssen im Denken, was unter Umständen dazu führen kann, dass man sich wegen seines Weltbildes partiell oder gänzlich von der Realität entfernt.

Von daher ist es ratsam sich die Fähigkeit anzueignen, logische Fehlschlüsse zu erkennen und zu lernen, wie man sie vermeidet. Hierzu möchte ich die ersten zehn der in meinen Augen relevantesten und folgenschwersten Fehlschlüsse genauer erläutern:

1. Argumentum ad hominem

(Gegen den Menschen argumentieren, statt gegen dessen Argumente; Einer Person die Kompetenz absprechen)

>>Person A hat den Makel B, folglich sind ihre Argumente falsch<<

In einer rationalen Diskussion geht es immer um die Sache. Die Beteiligten sind eher nebensächlich. Auf ein Argument für oder gegen eine These folgt entweder Zustimmung oder ein Gegenargument, wieder für oder gegen eine These. Leider ändert sich oft die Diskussion, wenn einer Seite die Argumente ausgehen. Dann wird nicht mehr in der Sache, sondern gegen die Personen der Gegenseite argumentiert.

Beispiel: „Der Studienautor wurde einmal wegen Steuerhinterziehung angeklagt, deshalb sind die Studienergebnisse unglaubwürdig.“

Erläuterung: Wenn ein Arzt oder sonst jemand wissenschaftlich fundierte Belege über etwas liefert, dann sind diese gültig, gänzlich unabhängig davon, was dieser jemand in seinem Leben so alles anstellt oder angestellt hat.

2. Strawman (=Strohmann)

(Nicht gegen das tatsächlich Gesagte argumentieren)

>>Person A, die B sagte, sagt auch C und da C einfach zu widerlegen ist, ist auch B falsch<< | Wenn C nicht aus B (oder B nicht aus C) folgt, ist dies ein Fehlschluss.

Beim Argument gegen einen (zuvor selbst aufgebauten) Strohmann wird die Argumentation der Gegenseite in einer Weise verkürzt oder sogar falsch dargestellt, dass man selbst leicht dagegenhalten kann und mit einer einfachen Widerlegung die Diskussion für beendet erklärt. Dieses Argument ist ein Fehlschluss, weil das widerlegte Argument so nie geäußert wurde.

Beispiel: „Die Evolutionstheorie sagt, dass die Lebewesen sich zufällig so entwickelt haben. Das ist aber extrem unwahrscheinlich und unplausibel. Deshalb ist die Evolutionstheorie falsch und die Schöpfungstheorie richtig.“

Erläuterung: In der Evolutionstheorie sind lediglich Mutationen zufällig. Die daran ansetzende Selektion, die letztlich die Richtung der Entwicklung bestimmt, ist alles andere als zufällig.

3. No true scotsman (=Kein wahrer Schotte)

(Nicht legitime Neudefinition der Eigenschaften einer Gruppenzugehörigkeit)

>>
Person 1: Alle A sind B.
Person 2: Einige A sind aber nicht B.
Person 1: Diese sind keine „richtigen“ A.
<<

Hier wird eine allgemeine Eigenschaft einer Gruppe (von Menschen oder Dingen) definiert. Wenn dann ein Gegenbeispiel genannt wird, das die Eigenschaft nicht aufweist, dann wird – ohne gute Begründung – das Beispiel aus der Gruppe ausgeschlossen, damit die ursprüngliche Aussage beibehalten werden kann. Damit wird vermieden, die Richtigkeit der ursprünglichen Aussage zu hinterfragen.

Beispiel: „Alle Schotten sind tapfer.“ – „Aber ich kenne einen, der ist feige.“ – „Der ist kein echter Schotte. Echte Schotten sind nicht feige.“

Erläuterung: Nach der allgemeinen Aussage „alle A sind B“ werden nach und nach alle A ausgeschlossen, die nicht B sind. Dadurch verliert die ursprüngliche Aussage letztlich an Sinn und Wert.

4. Umkehrung der Beweislast

(Beweise mir doch das Gegenteil!)

>>Beweis mir doch mal, dass A nicht wahr ist<<

Beweisbar ist lediglich die Existenz einer Sache, niemals ihre „Nichtexistenz“. Wenn eine Sache existiert, dann ist es in der Regel auch einfach, starke Indizien dafür zu finden, auch für Esoteriker, Spirituelle, Religiöse oder Dogmatiker. Insbesondere kann auch gezeigt werden, dass davon abgeleitete Methoden tatsächlich funktionieren.

Was aber meistens passiert, ist dass starke und stärkste Indizien gegen postulierte Phänomene ohne gute Begründung abgelehnt werden und stattdessen von Skeptikern das Unmögliche verlangt wird, nämlich den endgültigen Beweis einer Nichtexistenz. Umgekehrt akzeptieren sie selbst schwächste Indizien (unkontrollierte, kleine Studien, Anekdoten, „habe ich selbst gesehen“), solange diese nur ihre eigenen Überzeugungen bestätigen.

Beispiel: „Beweis mir doch mal, dass Akupunktur nicht funktioniert!“ oder „Beweis mir doch mal, dass diese Erscheinung kein Geist war!“

Erläuterung: Die Gründe, warum solche Aufforderungen abzulehnen sind, lauten wie folgt: Beim Versuch eines solchen Beweises kommt man früher oder später an die Stelle, an der man die Nichtexistenz einer Sache beweisen müsste. Man müsste also zweifelsfrei nachweisen, dass z. B. das „Chi” oder eine „Lebensenergie“ oder „Geister“ nicht existieren und demzufolge die Grundlagen der davon abgeleiteten Behauptungen („Akupunktur funktioniert“, „Geisterscheinungen sind real“, usw.) fehlen. Das Problem ist, dass ein solcher Beweis (im Sinn einer mathematisch-logischen Exaktheit) nicht möglich ist. In den empirischen Wissenschaften kann man allenfalls starke und stärkste Indizien finden, die die Nichtexistenz einer Sache extrem wahrscheinlich erscheinen lassen, jedoch nicht in allerletzter Konsequenz beweisen. Der objektiven Wahrheit kann man sich bestenfalls stark annähern, aber sie nicht 100%ig beweisen.

Auf eine solche bequeme Umkehrung der Beweislast sollten sich Rationalisten nicht einlassen. Es wäre vergebliche Mühe. Nach wie vor sollte gelten: Wer außergewöhnliche Behauptungen aufstellt, muss auch selbst außergewöhnliche Nachweise dafür liefern. Wer also weiter behaupten will, dass bei Vollmond die Geburtenrate steigt, obwohl es dafür keinen plausiblen Mechanismus gibt, und obwohl konkrete Nachforschungen dies nicht bestätigen konnten, muss dies auch anhand von aussagekräftigen Daten belegen.

5. Slippery Slope

(Argument der schiefen Ebene)

>>Wenn A, dann auch automatisch B, und dann C, und dann D, usw. und dann sind wir da, wo wir gar nicht hinwollen, ergo ist A abzulehnen<<

Was oberflächlich oft schlüssig klingt, stellt sich bei genauerer Betrachtung dann als Fehlschluss heraus. Ein A führt eben nicht immer automatisch zu B, usw. und man kommt gar nicht am unteren Ende der schiefen Ebene an (oder anders gesagt: Die Ebene ist gar nicht schief).

Beispiel: „Wenn Schwule heiraten dürfen, dann müssen wir auch Leute ihre Haustiere heiraten lassen, oder ihr Auto, und dann bricht die Gesellschaft zusammen.“

Erläuterung: Ein Aspekt der Ehe ist ja, dass die Ehepartner die Ehe bewusst und freiwillig eingehen und zu diesem Zweck eine Willensbekundung vor dem Staat abgeben. Tiere oder Autos können aber prinzipiell keinen Willen bekunden. Dies wird sich auch nach der Einführung einer Homoehe nicht ändern.

6. Bandwagon (=Popularitätsargument)

(Etwas ist wahr, weil es viele für wahr halten)

>>Die Ansicht A ist weit verbreitet, deshalb ist sie richtig<<

Diesem Fehlschluss liegt die Annahme zugrunde, dass etwas, was so verbreitet ist, ja nicht falsch sein kann.

Beispiel: „Das Mittel oder Verfahren wird von vielen angewendet, also ist es wirksam.“ oder „X Tausend Menschen glauben an Y, diese können sich nicht alle irren!“

Erläuterung: Die Wirksamkeit von z. B. Medizin wird aber nicht durch Beliebtheit ermittelt, sondern durch klinische Prüfungen, epidemiologische Studien, etc. Die Medizingeschichte ist voll von Methoden, die äußerst beliebt waren und sich auch lange gehalten haben, die sich bei genauerer Prüfung aber doch als wirkungslos oder sogar schädlich herausgestellt haben. Paradebeispiel ist der Aderlass, der über Jahrhunderte bei einer großen Anzahl von Krankheiten praktiziert wurde, der aber wahrscheinlich keinem Patienten jemals geholfen, aber in einigen Fällen wohl sogar das Leben gekostet hat.

Das Popularitätsargument belegt nichts, außer dass die beschriebene Ansicht eben weit verbreitet ist.

[Wissenschaftlicher Konsens]

Wenn in einer Diskussion die Sprache auf den wissenschaftlichen Konsens kommt, dann hört man oft, dass dieser doch auch nur ein Popularitätsargument sei und damit keinen guten Beleg darstelle. Da gibt es jedoch ein paar entscheidende Unterschiede:

1. Der Konsens wird nicht durch eine Abstimmung über pure Meinung ermittelt. Er stützt sich auf Sachbelege. Wer nicht auf den Konsens verweisen will, kann sich stattdessen auf die zugrundeliegenden Belege stützen. Beim klassischen Popularitätsargument dagegen fehlen auch die Sachbelege, oder sie sind unzureichend.

2. Der Konsens wird nicht von der Allgemeinheit bestimmt, sondern von Experten im jeweiligen Fachgebiet. Diese sind am ehesten in der Lage, die Sachbelege zu verstehen und zu bewerten. Sie wissen um die Beweiskraft der Belege, und auch um die vielen Wege, wie schwache Belege eine Beweiskraft nur vortäuschen können.

7. Naturalistischer Fehlschluss

(Etwas ist natürlich, also ist es „gut“)

>>A ist natürlich, B ist künstlich, also ist A zu bevorzugen<<

Der naturalistische Fehlschluss liegt vor, wenn von der Natürlichkeit der Prämissen auf die Richtigkeit der Folgerung geschlossen wird. Im sozialen Bereich werden so Normen postuliert, die alleine durch die natürliche Ausprägung der Prämissen bedingt sind.

Beispiel: „Männer sind von Natur aus stärker als Frauen, deshalb sollten sie auch ein größeres oder das alleinige Stimmrecht besitzen.“

Erläuterung: Hier wird vom natürlichen Sein unmittelbar das gesellschaftliche Soll abgeleitet. Dieser Schluss ist unzulässig.

Die Natur ist nicht angetreten, um dem Menschen ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Die Natur kümmert sich in erster Linie um sich selbst. Wenn Pflanzen interessante Stoffe erzeugen, tun sie das zuerst zu ihrem eigenen Vorteil, z. B. um Fressfeinde abzuwehren.

Wenn ein Produkt oder Verfahren alleine oder vor allem mit dem Wort „natürlich“ angepriesen wird, sollten die Gegenfragen sofort „aber funktioniert es auch?“, „was ist der Unterschied zum künstlichen X?“, „ist das wirklich natürlich?“ und „wenn ja, wollen wir das dann auch so?“ lauten.

Merke: Vom Sein niemals auf das Sollen schließen!

8. Cum hoc ergo propter hoc (=Währenddessen, also dadurch) & Post hoc ergo propter hoc (=Danach, also dadurch)

(Korrelation mit Kausalität gleichsetzten)

>>Ereignis A und B sind beide zur gleichen Zeit passiert, also hat A auch B verursacht<< (Cum hoc)

>>Ereignis A ist unmittelbar vor Ereignis B eingetreten, also hat A auch B verursacht<< (Post hoc)

Wenn zwei Ereignisse zeitlich korrelieren, jedoch aus dieser Korrelation gefolgert wird, dass zwingend auch eine kausale Verknüpfung besteht, ohne dass dies nachweislich der Fall ist, handelt es sich um einen solchen Fehlschluss.

Beispiel: „Seitdem du an den Pokertisch gekommen bist, bekomme ich nur noch hohe Karten. Du musst ein Glücksbringer sein!“

Erläuterung: Nur weil zwei Ereignisse zur gleichen Zeit (oder fast zur gleichen Zeit) stattfanden, muss das eine Ereignis noch lange nicht die Ursache des zweiten sein. Obwohl die Beobachtung der zeitlichen Aufeinanderfolge eine unentbehrliche Voraussetzung für die Bildung von Kausalannahmen ist, kann allein aus einer zeitlichen Korrelation zweier Ereignisse, dennoch niemals auf eine kausale Verknüpfung geschlossen werden.

9. Tu quoque

(Aber auch du)

>>Person1 argumentiert gegen A, Person1 macht aber selbst A, ergo sind die Argumente falsch<< auch >>Person1 argumentiert für A, Person1 macht aber selbst nicht A, ergo sind die Argumente von Person1 falsch<<

Hier wird ein Argument als falsch bezeichnet, weil der Argumentierende sich nicht an eine Norm hält, die man aus dem Argument ableiten kann.

Beispiel: „Rauchen kann doch nicht schädlich sein, wie die meisten Ärzte behaupten. Schließlich gibt es auch viele Ärzte, die selbst rauchen.“ oder „Sag mir nicht, dass ich nicht rauchen soll, Du rauchst ja selbst!“

Erläuterung: Die Kernaussage des ursprünglichen Arguments ist „Rauchen schadet der Gesundheit“. Daraus wird eine Norm abgeleitet, nämlich „Du sollst nicht rauchen“. Wenn sich der Argumentierende nun selbst nicht an diese Norm hält, dann mag das zu kritisieren sein. Der Argumentierende verliert vielleicht seine Vorbildfunktion oder moralische Autorität in dieser Frage. Was sich jedoch nicht ändert, ist der Wahrheitsgehalt des ursprünglichen Arguments. Dieser hängt nämlich nicht vom Verhalten des Argumentierenden ab, sondern von anderen Prämissen und Indizien.

In der alltäglichen Form wird mit einem Tu-quoque-Argument eine Kritik pauschal abgelehnt, weil der Kritisierende selbst ein kritikwürdiges Verhalten zeigt. Ein Sachargument oder dessen Wahrheitsgehalt wird dabei nicht explizit erwähnt.

Das eigene Fehlverhalten wird also mit dem Fehlverhalten anderer gerechtfertigt.

10. Voreilige Verallgemeinerung (=Stammtischargument)

(Vom Einzelfall aufs Ganze schließen)

>>
A und B sind Beispiele von X.
A und B haben die Eigenschaft Y.
Also haben alle X die Eigenschaft Y.
<<

In der Philosophie und vor allem in der Wissenschaft ist diese „Problematik“ bestens bekannt: Man kann noch so viele Beispiele und Indizien finden, die eine allgemeine Regel bestätigen, das beweist die Richtigkeit der Regel dennoch nicht.

Beispiel: „Ich bin von einem Gebrauchtwagenhändler übers Ohr gehauen worden, und mein Schwippschwager auch. Gebrauchtwagenhändler sind doch alle Gauner!“

Erläuterung: Dieser Schluss ist ganz offensichtlich falsch, da man aus einigen Beispielen niemals auf die Gesamtheit schließen kann. Siehe auch Induktionsproblem von David Hume.

Merke: Von einer sehr kleinen Gruppe oder einem Individuum niemals absolut auf eine sehr große Gruppe oder die Gesamtheit schließen! Vom Speziellen niemals absolut aufs Allgemeine schließen!

Hier geht's zum Originalartikel...

Kommentare

  1. userpic
    Sebastian Hähner

    Danke für die Verbreitung. Erst gestern Nacht stieß ich auf einen Artikel, in dem "De Sophisticis Elenchis" von Aristoteles zur Sprache kam, In dieser alten Schrift werden bereits 13 Fehlschlüsse aufgelistet.
    Es ist ein Jammer, dass die bisher entstandene Vielfalt der entdeckten Fehlschlüsse so wenig Verbreitung erfährt.

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    1. userpic
      Norbert Schönecker

      Diese Auflistung ist sehr interessant und nützlich.

      Zu zwei Punkten habe ich aber kritische Anmerkungen:

      Bei Punkt zwei ("Strohmann") fehlt mir in der Definition der deutlichere Hinweis, dass "C" der Person A nur in den Mund gelegt wird.

      Punkt fünf ("Schiefe Ebene") scheint mir kein logischer Fehlschluss zu sein, sondern eine Folge falscher Fakten. Wären die Voraussetzungen richtig (also: würde aus "A" wirklich "B" folgen, und daraus "C" u.s.w.), dann wäre die Argumentation von der Logik her völlig korrekt.

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      1. userpic
        ChrisV

        Diesen Link werde ich mir merken. Das kann für zukünftige Onlinediskussionen sehr nützlich sein. :)

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