Die Unwahrscheinlichkeit Gottes

Wie entstand die Komplexität und Vielfalt des Lebens? Warum erweckt es den Anschein von Design? Auf diese und andere Fragen gibt Richard Dawkins Antworten.

Die Unwahrscheinlichkeit Gottes

Vieles von dem, was Menschen tun, tun sie im Namen Gottes. Iren sprengen sich in seinem Namen gegenseitig in die Luft. Araber sprengen sich in seinem Namen selbst in die Luft. Imame und Ayatollahs unterdrücken in seinem Namen Frauen. Jüdische Schächter schneiden in seinem Namen lebenden Tieren die Kehle durch. Die religiösen Errungenschaften der Vergangenheit – blutige Kreuzzüge, folternde Inquisitionen, massenmordende Konquistadoren, Kultur-zerstörende Missionare, rechtlich durchgesetzter Widerstand gegen jedes neue Stück wissenschaftlicher Wahrheit bis zum letzten Augenblick – sind sogar noch beeindruckender. Und wozu war all das gut? Ich denke, es wird immer klarer, dass die Antwort lautet: Für absolut gar nichts. Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass irgendein Gott jemals existiert hat und gute Gründe für die Annahme, dass Götter nicht existieren und nie existiert haben. Es war alles eine riesige Zeitverschwendung und eine riesige Verschwendung von Menschenleben. Es wäre ein Witz kosmischen Ausmaßes, wenn es nicht so tragisch wäre.

Warum glauben Menschen an Gott? Für die meisten Menschen ist der Grund noch immer eine Variante des alten Arguments vom Design. Wir sehen um uns herum die Schönheit und Komplexität der Welt – der aerodynamische Flügelschlag einer Schwalbe, die Zartheit der Blumen und der Schmetterlinge, die sie bestäuben; durch ein Mikroskop beobachten wir das Gewimmel des Lebens in jedem Tropfen und Tümpel Wasser, durch ein Teleskop machen wir die Baumkrone eines gigantischen Mammutbaums aus. Wir denken über die elektronische Komplexität und die optische Perfektion unserer Augen nach, mit denen wir das alles sehen. Haben wir auch nur die geringste Vorstellungskraft, löst all dies bei uns ein Empfinden der Ehrfurcht und der Andacht aus. Uns fällt die offenkundige Ähnlichkeit lebender Organe mit den sorgfältig geplanten Entwürfen menschlicher Ingenieure ins Auge.

Die Uhrmacher-Analogie des Priesters William Paley aus dem 18. Jahrhundert ist der berühmteste Ausdruck dieses Arguments für die Existenz Gottes. Selbst, wenn man nicht wüsste, was eine Uhr ist, müsste einen der offensichtliche Design-Charakter ihrer Zahnräder und Federn zu der Schlussfolgerung nötigen, „dass die Uhr einen Uhrmacher gehabt haben muss; dass es zu einer bestimmten Zeit an dem einen oder anderen Ort einen Handwerker oder mehrere Handwerker gegeben haben muss, dass der Macher die Uhr zu dem Zweck entwickelte, zu dem sie uns heute dient; dass er ihren Aufbau verstanden hat und dass er ihre Bestimmung festlegte.“ Falls dies schon auf eine simple Uhr zutrifft, wie viel wahrer muss es dann für das Auge, das Ohr, für die Lunge, für das Ellbogengelenk, für das Gehirn sein? Diese schönen, komplexen, verzwickten und offensichtlich zu einem Zweck gebauten Strukturen müssen ihren eigenen Designer, ihren eigenen Uhrmacher gehabt haben – Gott.

So lässt sich Paleys Argument zusammenfassen und es ist ein Argument, das fast alle nachdenklichen und einfühlsamen Menschen in einer bestimmten Entwicklungsstufe als Kind selbst entdecken. Während eines Großteils der menschlichen Geschichte muss es vollkommen überzeugend geklungen haben, wie eine offenkundige Wahrheit. Und doch wissen wir nun als Ergebnis einer der erstaunlichsten intellektuellen Revolutionen der Geschichte, dass es falsch, oder zumindest überflüssig ist. Wir wissen nun, dass die Ordnung und die scheinbare Zweckgebundenheit der Lebewesen durch einen ganz anderen Prozess entstanden sind, durch einen Prozess, der ohne Designer auskommt und der eine Folge von letztlich sehr einfachen physikalischen Gesetzen ist. Das ist der Prozess der natürlichen Selektion, den Charles Darwin, und, unabhängig von ihm, Alfred Russel Wallace entdeckt haben.

Der Zufall entfällt als mögliche Erklärung

Was haben alle Objekte gemein, die so aussehen, als ob sie ein Designer gemacht hätte? Die Antwortet lautet: Statistische Unwahrscheinlichkeit. Wenn wir einen durchsichtigen Kieselstein in Form einer einfachen Linse finden, dann folgern wir nicht, dass sie ein Optiker entworfen haben muss: Die physikalischen Gesetze allein sind in der Lage, dieses Ergebnis hervorzubringen; es ist nicht zu unwahrscheinlich, um einfach „passiert“ zu sein. Finden wir jedoch ein Kameraobjektiv, das sorgfältig gegen sphärische und chromatische Aberration korrigiert sowie gegen blendendes Licht beschichtet wurde und mit einer „Carl Zeiss“-Gravur am Rand versehen ist, dann wissen wir, dass es nicht einfach zufällig entstanden sein kann. Falls man alle Atome eines solchen Objektivs nimmt und sie willkürlich zusammenwirft, während sie von den gewöhnlichen Naturgesetzen angerempelt werden, dann ist es theoretisch möglich, dass die Atome durch bloßes Glück im Muster eines Zeiss-Objektivs zusammenfallen und dass selbst die Atome am Rand so hinpurzeln, dass der Name „Carl Zeiss“ ausgeätzt wird. Die Zahl der anderen Möglichkeiten, wie sich die Atome mit gleicher Wahrscheinlichkeit hätten anordnen können, ist jedoch so erheblich, gewaltig, unbeschreiblich größer, dass wir die Zufalls-Hypothese vollkommen ausschließen können. Der Zufall entfällt als mögliche Erklärung.

Das ist übrigens kein Zirkelschluss. Es mag wie ein Zirkelschluss aussehen, weil man behaupten könnte, dass jede Anordnung von Atomen im Rückblick sehr unwahrscheinlich ist. Wie schon erwähnt: Wenn ein Ball beim Golfen auf einem bestimmten Grashalm landet, dann wäre es töricht, auszurufen: „Von all den Milliarden Grashalmen, auf die er hätte fallen können, fiel der Ball ausgerechnet auf diesen. Wie unglaublich und wunderbar unwahrscheinlich!“ Der Fehlschluss besteht hier natürlich darin, dass der Ball irgendwo hatte aufschlagen müssen. Wir könnten uns nur von der Unwahrscheinlichkeit eines Ereignisses erstaunen lassen, wenn wir vorab festlegen, was geschehen soll: Falls sich ein blinder Mann beim Abschlag um sich selbst dreht, den Ball willkürlich schlägt und er ihn mit einem Schlag ins Loch trifft. Das wäre wirklich erstaunlich, weil das Ziel des Balls im Voraus festgelegt wurde.

Von all den Billionen verschiedener Möglichkeiten, die Atome eines Teleskops anzuordnen, würde nur eine Minderheit etwas Nützliches bewirken. Nur eine winzige Minderheit würde eine „Carl Zeiss“-Gravur oder irgendwelche erkennbaren Wörter der menschlichen Sprache bilden. Dasselbe gilt für die Teile der Uhr: Von all den Billionen möglichen Arten, sie zusammenzusetzen, wird nur eine winzige Minderheit die Zeit anzeigen oder irgendetwas Nützliches. Dasselbe gilt umso mehr für die Teile eines lebenden Körpers. Von all den Billionen und Aberbillionen von Möglichkeiten, die Teile eines Körpers zusammenzusetzen, würde nur eine verschwindend kleine Minderheit Nahrung suchen, essen und sich fortpflanzen. Gewiss, man kann auf verschiedene Weise am Leben sein – auf mindestens zehn Millionen verschiedene Weisen, wenn wir die Zahl der unterschiedlichen Arten betrachten, die heute am Leben sind – aber wie viele Möglichkeiten es auch geben mag, wie man am Leben sein kann, es ist gewiss, dass es erheblich mehr Möglichkeiten gibt, nicht am Leben zu sein!

Wir können mit Sicherheit davon ausgehen, dass lebende Körper milliardenfach zu kompliziert sind – zu statistisch unwahrscheinlich –, um durch bloßen Zufall entstanden zu sein. Wie sind sie dann entstanden? Die Antwort lautet, dass der Zufall zwar eine Rolle spielt, aber nicht ein einziger, monolithischer Akt des Zufalls. Vielmehr haben wir es mit einer ganzen Serie von kleinen Schritten zu tun, von denen jeder klein genug ist, um ein glaubhaftes Produkt seines Vorgängers darzustellen. Diese kleinen Schritte werden durch genetische Mutationen, durch zufällige Veränderungen – durch Fehler – im genetischen Material ausgelöst. Sie führen zu Veränderungen in der bestehenden Körperstruktur. Die meisten dieser Veränderungen sind schädlich und führen zum Tod. Eine Minderheit von ihnen erweisen sich als geringfügige Verbesserungen und führen zu einer besseren Überlebensfähigkeit und zu mehr Nachkommen. Durch diesen Prozess der natürlichen Selektion verbreiten sich jene zufälligen Veränderungen, die sich als vorteilhaft erwiesen haben, schließlich innerhalb der Art und werden zur Norm. Nun sind die Vorbereitungen für die nächste kleine Veränderung im evolutionären Prozess getroffen. Nach, sagen wir, eintausend dieser kleinen Veränderungen in einer Serie, wobei jede Veränderung die Ausgangsbasis für die nächste darstellt, ist das Endergebnis durch einen Akkumulationsprozess viel zu komplex geworden, als dass es in einem einzigen Akt des Zufalls hätte entstehen können.

Das korrekte Rezept

Ist es zum Beispiel theoretisch möglich, dass ein Auge spontan, in einem glücklichen Schritt, aus dem Nichts entsteht? Aus, sagen wir, bloßer Haut? Es ist insofern theoretisch möglich, als man ein Rezept in Form einer großen Zahl von Mutationen aufschreiben könnte. Falls sich alle dieser Mutationen zugleich zutragen würden, könnte tatsächlich ein Auge spontan aus dem Nichts entstehen. Obgleich es theoretisch möglich ist, ist es in der Praxis unvorstellbar. Dafür ist zu viel Glück nötig. Das „korrekte“ Rezept erfordert Veränderungen in einer großen Zahl von Genen, die sich gleichzeitig zutragen. Das korrekte Rezept ist eine bestimmte Kombination von Veränderungen aus Billionen von gleichermaßen wahrscheinlichen Kombinationen von Veränderungen. Wir können einen so wundersamen Zufall sicher ausschließen.

Es ist jedoch vollkommen plausibel, dass sich das moderne Auge aus etwas entwickelt hat, das beinahe, aber nicht ganz genau so wie das moderne Auge ist: Ein sehr geringfügig weniger elaboriertes Auge. Gleichsam ist dieses etwas weniger elaborierte Auge aus einem minimal weniger elaborierten Auge hervorgegangen und so weiter. Falls man sich eine hinreichend große Zahl von hinreichend kleinen Unterschieden zwischen jeder evolutionären Stufe und deren Vorgänger vorstellt, muss man geradezu ein vollständiges, komplexes, funktionierendes Auge aus bloßer Haut erhalten können. Von wie vielen Zwischenschritten dürfen wir ausgehen? Das hängt davon ab, wie viel Zeit wir dafür haben. War genug Zeit da, damit Augen durch kleine Schritte aus dem Nichts entstehen konnten?

Aus dem Fossilienbefund können wir schließen, dass sich das Leben auf der Erde seit mehr als 3000 Millionen Jahren entwickelt. Der menschliche Geist kann sich eine so unbegreiflich lange Zeit kaum vorstellen. Wir neigen natürlicher- und glücklicherweise dazu, unsere eigene Lebenszeit als eine ziemlich lange Zeit anzusehen, aber wir können nicht davon ausgehen, auch nur ein Jahrhundert zu leben. Seit Jesu‘ Lebenszeit sind 2000 Jahre vergangen und das ist eine Zeitspanne, die lange genug ist, um den Unterschied zwischen Geschichte und Mythos zu verwischen. Können Sie sich eine Million solcher Zeitspannen vorstellen, die in einer Serie aufgereiht wurden? Angenommen, wir wollten die gesamte Geschichte auf einer langen Schriftrolle festhalten. Würden wir die ganze christliche Zeitrechnung auf einem Meter der Schriftrolle unterbringen, wie lang wäre dann die Schriftrolle, falls man zu Anbeginn der Evolution mit der Aufzeichnung der Geschichte anfängt? Die Antwort lautet, dass sich die Schriftrolle, welche die Geschichte vor der christlichen Zeitrechnung erfasst, von Milan bis nach Moskau erstrecken würde. Bedenken Sie, was das für die Menge an evolutionärer Veränderung bedeutet, die sich über diesen Zeitraum zutragen kann. Alle Rassen von Haushunden – Pekinesen, Pudel, Wachtelhunde, Bernhardiner und Chihuahuas haben sich innerhalb von Jahrhunderten oder allenfalls Jahrtausenden aus Wölfen entwickelt. Das sind nicht mehr als zwei Meter auf dem Weg von Milan nach Moskau. Stellen Sie sich all die Veränderungen vor, die nötig sind, bis aus einem Wolf ein Pekinese wird; nun multiplizieren Sie diese Menge an Veränderungen mit einer Million. So gesehen ist es leicht zu glauben, dass sich ein Auge durch kleine Veränderungen aus keinem Auge entwickelt habe könnte.

Ein halbes Auge ist nicht besser als gar kein Auge?

Wir müssen uns noch davon überzeugen, dass jeder Zwischenschritt auf der evolutionären Route, etwa von bloßer Haut zu einem modernen Auge, von der natürlichen Selektion bevorzugt worden wäre; dass sie in ihrer Reihenfolge eine Verbesserung gegenüber ihrer Vorstufe gewesen wäre oder zumindest überlebt hätte. Die Erkenntnis, dass es theoretisch eine Kette an beinahe wahrnehmbaren Zwischenschritten, die zu einem Auge führen, geben könnte, reicht nicht aus, falls viele der Zwischenschritte ausgestorben wären. Es wird manchmal behauptet, dass alle Teile eines Auges zugleich da sein müssten, oder das Auge würde gar nicht funktionieren. Ein halbes Auge ist nicht besser als gar kein Auge. Man kann mit einem halben Flügel nicht fliegen, mit einem halben Ohr nicht hören. Also kann es keine Serie an schrittweisen Zwischenstufen gegeben haben, die zum modernen Auge, zum modernen Flügel oder zum zeitgenössischen Ohr geführt haben.

Diese Art von Argument ist so naiv, dass man sich nur fragen kann, aus welchen unbewussten Motiven heraus jemand so etwas glauben möchte. Offensichtlich ist es nicht wahr, dass ein halbes Auge nutzlos ist. Wer an einem grauen Star leidet und wessen Linsen operativ entfernt wurden, der kann ohne Brille nicht sonderlich gut sehen, aber er sieht immer noch besser als Menschen, die gar keine Augen haben. Ohne Augenlinse kann man sich nicht auf ein detailliertes Bild fokussieren, aber man kann es vermeiden, in Hindernisse hineinzulaufen und man könnte den nahenden Schatten eines Raubtiers erkennen.

Was das Argument angeht, dass man mit einem halben Flügel nicht fliegen könne, so wird es von einer großen Zahl sehr erfolgreicher gleitender Tiere widerlegt, darunter Säugetiere verschiedener Arten, Eidechsen, Frösche, Schlangen und Tintenfische. Viele verschiedene Arten von Tieren, die auf Baumwipfeln leben, haben Hautlappen zwischen ihren Gliedmaßen, die ein bisschen wie ein „halber Flügel“ funktionieren. Falls man von einem Baum fällt, kann jede Art von Hautlappen oder flachem, ebenen Körperteil die eigene Oberfläche vergrößern, was einem das Leben retten kann. Und wie groß oder klein der eigene Hautlappen auch sein mag, so muss es immer eine lebensgefährliche Baumhöhe geben, von der man mit diesem Hautlappen fallen kann, sodass er einem mit einer nur etwas größeren Oberfläche das Leben rettet. Wenn die eigenen Nachkommen eine etwas größere Hautlappen-Oberfläche entwickeln, dann hätte eine noch etwas größere Oberfläche ihr Leben gerettet, wenn sie aus einer noch etwas größeren Höhe gestürzt wären. Und so geht das Schritt um nicht wahrnehmbaren Schritt weiter, bis das betreffende Tier hunderte Generationen später vollständige Flügel besitzt.

Augen und Flügel können nicht in einem einzigen Schritt entstehen. Das könnte man mit dem beinahe unendlichen Glück vergleichen, die Kombination für einen großen Banksafe zu erraten. Falls man jedoch die Zahlenschlösser zufällig drehen würde und bei jedem richtigen Treffer die Tür des Safes ein bisschen weiter krächzend aufginge, dann hätte man die Tür bald geöffnet! Das ist das Geheimnis, wie die Evolution durch natürliche Selektion das erreicht, was einst unmöglich schien. Was nicht plausibel von völlig anderen Ahnen abstammen kann, das kann plausibel von nur ein wenig anderen Ahnen abstammen. Solange die Reihe von geringfügig anderen Ahnen nur weit genug zurückreicht, kann alles von allem hergeleitet werden.

Die Evolution ist also theoretisch in der Lage, die Aufgabe zu erfüllen, die einst ein Privileg Gottes zu sein schien. Gibt es jedoch einen Beleg, dass sich die Evolution auch wirklich zugetragen hat? Die Antwortet lautet ja; die Belege sind überwältigend. Man entdeckt an genau den Orten und in genau den Tiefen Fossilien, wo man sie bei einer stattgefundenen Evolution erwartet hätte. Kein einziges Fossil wurde jemals an einem Ort gefunden, wo es die Evolutionstheorie nicht erwartet hätte, obwohl man so etwas einfach hätte entdecken können: Ein fossiles Säugetier in Gesteinsschichten, die so alt sind, dass es damals noch keine Fische gegeben hat, wäre etwa schon genug gewesen, um die Evolutionstheorie zu widerlegen.

Die Belege für die Evolution sind überwältigend

Die Verteilungsmuster von lebenden Tieren und Pflanzen auf den Kontinenten und Inseln der Welt entsprechen genau den Mustern, die man erwarten würde, hätten sie sich langsam und schrittweise aus gemeinsamen Urahnen entwickelt. Tiere und Pflanzen ähneln sich auf genau die Weise, die man erwarten würde, wenn einige miteinander eng verwandt und andere ferner verwandt wären. Die Tatsache, dass alle Lebewesen denselben genetischen Code haben, verweist deutlich auf ihre Abstammung von einem einzigen gemeinsamen Vorfahren. Die Belege für die Evolution sind so überwältigend, dass man die Schöpfungstheorie nur retten kann, wenn man davon ausgeht, dass Gott absichtlich enorme Mengen an Belegen verteilt hat, die den Eindruck erwecken, als hätte sich die Evolution zugetragen. Mit anderen Worten sind die Fossilien, die geografische Verteilung der Tiere und so weiter alles nur eine einzige Bauernfängerei. Möchte jemand einen Gott verehren, der zu solchen Tricks greift? Die Belege für bare Münze zu nehmen ist sicherlich andächtiger und wissenschaftlich vernünftiger. Alle Lebewesen sind miteinander verwandt und stammen von einem fernen Urahnen ab, der vor über 3000 Millionen Jahren lebte.

Das Designargument wurde also als Grund, um an Gott zu glauben, widerlegt. Gibt es andere Argumente? Manche Menschen glauben an Gott, weil sie überzeugt sind, eine innere Offenbarung erfahren zu haben. Solche Offenbarungen sind nicht immer erbaulich, aber sie fühlen sich für das betroffene Individuum sicherlich real an. Einige Bewohner von Irrenhäusern glauben unverrückbar, dass sie Napoleon sind oder sogar Gott höchstpersönlich. Man kann die Macht solcher Überzeugungen für die Betroffenen kaum bestreiten, aber die Übrigen von uns haben keinen Grund, sie zu teilen. Da sich tatsächlich solche Überzeugungen gegenseitig widersprechen, können wir sie nicht alle glauben.

Viel mehr gibt es nicht zu sagen. Die Evolution durch natürliche Selektion erklärt eine Menge, aber sie konnte nicht mit Nichts anfangen. Sie hätte nicht ohne irgendeine rudimentäre Art der Fortpflanzung und Vererbung beginnen können. Die moderne Vererbung beruht auf dem DNS-Code, der zu kompliziert ist, um durch einen einzelnen Zufallsakt spontan entstanden zu sein. Das scheint zu bedeuten, dass es ein älteres Vererbungssystem gegeben haben muss, das nun verschwunden ist und welches simpel genug war, um durch Zufall und die chemischen Gesetze entstanden zu sein und welches das Medium bereitstellte, in dem eine einfache Form der kumulativen natürlichen Selektion ihren Anfang nehmen konnte. Die DNS war ein späteres Produkt dieser früheren kumulativen Selektion. Vor dieser ursprünglichen Art der natürlichen Selektion gab es einen Zeitraum, als die komplexen chemischen Verbindungen aus simpleren entstanden sind und davor einen Zeitraum, als die chemischen Elemente im Einklang mit den gut erforschten physikalischen Gesetzen aus simpleren Elementen entstanden sind. Davor bestand alles aus purem Wasserstoff. Das war die Zeit direkt nach dem Urknall, der das Universum einleitete.

Es gibt eine Tendenz, in die Richtung zu argumentieren, dass wir Gott vielleicht nicht brauchen, um die Evolution der komplexen Ordnung des Universums zu erklären, nachdem das Universum mit seinen grundlegenden physikalischen Gesetzen seinen Anfang genommen hatte, aber dass wir einen Gott benötigen, um den Ursprung aller Dinge zu erklären. Demnach hätte Gott aber nicht mehr viel zu tun: Löse einfach den Urknall aus, lehne dich zurück und beobachte, wie sich alles entfaltet. Der physikalische Chemiker Peter Atkins stellt sich in seinem wunderbar geschriebenen Buch „The Creation“ („Die Schöpfung“) einen faulen Gott vor, der so wenig wie möglich tun wollte, um alles anzuwerfen. Atkins erklärt, wie jeder Schritt in der Geschichte des Universums durch einfache physikalische Gesetze auf vorherige Schritte folgte. Er reduziert also die Menge Arbeit, die ein fauler Schöpfer hätte tun müssen, auf das Allernotwendigste und schließt am Ende, dass er tatsächlich überhaupt nichts hätte tun müssen!

Die Details der Frühzeit des Universums gehören zum Bereich der Physik, während ich als Biologe stärker an den späteren Phasen der Evolution der Komplexität interessiert bin. Für mich lautet das bedeutende Argument hier, dass der Physiker von lediglich einem extrem simplen Minimum ausgehen muss, das notwendig war, damit das Universum mit seiner Entwicklung beginnen konnte. Laut Definition sind Erklärungen, die auf einfachen Prämissen beruhen, plausibler und befriedigender als Erklärungen, die komplexe und statistisch unwahrscheinliche Anfänge voraussetzen. Man kann sich kaum etwas Komplexeres vorstellen als einen allmächtigen Gott!

Der Artikel erschien zuerst im Free Inquiry magazine, Volume 18, Number 3.

Übersetzung: Andreas Müller

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Kommentare

  1. userpic
    Norbert Schönecker

    Erstens: Die Einleitung zeigt, dass der Autor tendenziös ist. Er tut so, als wäre im Namen Gottes nur Böses geschehen. Das ist erstens falsch und hat zweitens in einem Artikel, der sich wissenschaftlich gibt, nichts verloren.

    Zweitens: Das Design-Argument sollte nicht mit Kreationismus vermischt werden. Leider tut das nicht nur Dawkins, sondern auch christliche Apologeten unterscheiden hier nicht sauber. Deshalb hat sich inzwischen auch z.B. Kardinal Schönborn ausdrücklich von der Theorie des "intelligent design" distanziert.

    Drittens: Im drittletzten Absatz postuliert Dawkins eine Vorstufe zur DNS. Das ist höchst hypothetisch und sollte auch so benannt werden. Dawkins schreibt zwar "Das scheint zu bedeuten ...", tut aber nachher so, als spräche er von Fakten. Das ist wieder unseriös. Genauso unseriös, wie aus dieser Lücke einen Beweis für Gott zu schließen. Wie die erste sich selbst reproduzierende Chemikalie entstanden ist und wie sie ausgesehen hat, das wissen wir einfach nicht. Deshalb können wir auch nicht das geringste darüber sagen, wie wahrscheinlich es ist, dass aus unbelebter Materie Leben entsteht.

    Viertens: Das Empfangen von Offenbarungen mit schweren psychischen Erkrankungen gleichzusetzen, die für die Einweisung in ein "Irrenhaus" reichen (übrigens ein veralteter, verächtlicher und eines wissenschaftlichen Beitrags unwürdiger Terminus; das gilt auch für das englische Orininal "lunatic asylum". Heute gibt es zum Glück Psychiatrien), ist psychiatrisch gesehen falsch. Von einer psychischen Störung, die eine Behandlung rechtfertigt, kann man nur dann sprechen, wenn der Patient sich gegen sich selbst oder gegen andere destruktiv verhält. Die Marienerscheinungen der Bernadette von Soubirous in Loudes z.B. - seien sie echt oder Halluzinationen - haben ihr Leben in keiner Weise beeinträchtigt. Höchstens den Rummel um sie herum empfand sie als störend - aber der kam nicht von den Erscheinungen, sondern von den als geistig gesund geltenden Geschäftemachern. Das ist bei als echt geltenden religiösen Erscheinungen oft so. Schizophrenie oder gespaltene Persönlichkeit (falls es das überhaupt gibt) hingegen äußert sich fast immer destruktiv.

    Fünftens: Dass ein allmächtiger Gott sehr komplex sein muss, ist eine leere Behauptung. In seinem "Gotteswahn" begründet Dawkins sie damit, dass evolutionär etwas Komplexes immer nur etwas geringfügig Komplexeres hervorbringen kann. Er geht davon aus, dass die Evolution auch im Transzendenten gelten muss - er kann sich offenbar nicht vorstellen, dass außerhalb unserer Welt andere Gesetze gelten. Naturgesetze gelten aber für Gott per definitionem nicht.
    Dazu ein kleiner Exkurs - ein Gleichnis aus der Geometrie:
    Im dreidimensionalen Raum gibt kaum etwas Einfacheres als eine Kugel.
    Wenn man nun versucht, eine Kugel auf eine zweidimensionale Fläche zu projizieren, dann ist das nur annäherungsweise möglich. Je genauer die Projektion wird, desto komplexer das Ergebnis. Eine unendlich genaue Projektion wäre unendlich komplex. So wird etwas Einfaches ungeheuer komplex, einfach dadurch, dass man eine Dimension wegnimmt. Ähnlich kann man es sich vorstellen, dass ein einfacher Gott ein komplexes Universum erschaffen hat.
    Klarstellung: Nein, ich bin kein Kreationist. Ich halte den Urknall für eine sehr plausible Erklärung für den Beginn des Universums, so wie schon der Erfinder der Urknalltheorie, mein genialer Kollege Lemaître. Aber erstens ist der Urknall weder extrem simpel, noch erklärt er. warum es überhaupt etwas gibt und nicht vielmehr nichts.

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    1. userpic
      Nathan Warszawski

      Ein überzeugter Atheist schreibt über die Unwahrscheinlich Gottes. Somit mutiert der Atheist zum Agnostiker, für den Gott eine gewisse Realität besitzt. Gibt es einen schöneren Beweis Gottes?

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      1. userpic
        Gerhard Pfeiffer

        Gott und die Welt

        Wer falsche Fragen stellt wird falsche Antworten erhalten. Wer unscharfe Begriffe verwendet kann nur platte Denkprozesse veranschaulichen. Wer immer wieder Begriffe wie Gott, Glauben, Religion und Kirche wie Kraut und Rüben durcheinander mengt, bekommt eben nur den Gedankensalat, der daraus hervorgeht.

        Die Existenz des Konstruktes "Gott" hat Baruch de Spinoza bereits im siebzehnten Jahrhundert qua Vernunft bewiesen. Er sagte sinngemäß: Wenn wir erkennen können, dass es etwas gibt das einen Anfang und ein Ende hat, dann muss es etwas geben, das keinen Anfang und kein Ende hat". Ist zwar an unsere Erkenntnisfähigkeit gebunden, sonst aber glasklar.

        Der Glaube hingegen ist eine zutiefst persönliche und wiederum vernunftgeborene Eigenschaft des und nur des Menschen. Er ist der Tatsache zuzuschreiben, dass wenn wir etwas nicht wissen können, es durch glauben ergänzen müssen, um existentielle Fragen der eigenen Person zu beantworten. Woher komme ich, wohin gehe ich, wer bin ich?

        Die Religion ist eine zivilisatorische Komponente menschlicher Gesellschaften. Sie stellt Regeln für das Miteinander von Menschen dar, die sich auf eine Autorität berufen, um glaubhaft zu sein. Die zehn Gebote können durchaus als bürgerliches Gesetzbuch durchgehen, die in den ersten drei ihre Gültigkeit monieren. Religion ist das Mittel der Abgrenzung von Zivilisationen und darum wird in ihrem Namen auch oftmals so unerbittlich gekämpft.

        Die Kirchen wiederum, die auch immer wieder mit Gott, Glaube und Religion verwechselt werden sind einfach nur das Vehikel um zivilisatorische Erfordernisse um- beziehungsweise durchzusetzen. Da es in ihnen durchaus menschelt sind sie auch so missbrauchsanfällig.

        All das ist vernünftig erklärbar. Nicht vernunftsgemäß ist es, die Begriffe zu verwirren und dadurch zu falschen Schlüssen im Namen der Vernunft zu gelangen, wie das so oft, auch von Dawkins geschehen ist. Eiferertum gehört eher zu jenen Kategorien, die zu bekämpfen es vorgibt.

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