Eheknast für alle!

Vor lauter medialer und politischer Begeisterung darüber, dass die „Ehe für alle“ nun beschlossene Sache ist, hat man die entscheidenden Fragen völlig übersehen: Ist die Zweierbeziehung überhaupt eine geeignete Form des Zusammenlebens?

Eheknast für alle!

Foto: pixabay.com

Und was passiert, wenn man die Ehe entbiologisiert, indem man sie von der Reproduktion trennt? Bleibt dann mehr als ein Steuersparmodell und Poesiealbumskitsch?

Liebe als Zirkusnummer

Kürzlich verkündete die Soziologin Barbara Kuchler: „Die moderne Gesellschaft […] schätzt die Ehe – das intime Zusammenleben zweier Menschen – als einen Zweck in sich selbst. Ihr Wert ist unabhängig vom biologischen Tatbestand der Reproduktion, vielmehr geht es um die soziale Dimension der Sache: um […] all das, was wir ‚Liebe‘ nennen.“ Da dieses „Projekt“ aber „schwierig und unwahrscheinlich genug“ sei, soll es sich um eine „anerkennenswerte Leistung [handeln], die die moderne Gesellschaft ebendeshalb schätzt und schützt“ (F.A.Z, „‚Ehe für alle‘. Alles ganz normal mit der sozialen Ordnung der Dinge“, 18.07.2017).

Wenn ich die Autorin richtig verstehe, dann soll der Staat eine emotionale und psychologische Zirkusnummer – die Ehe – fördern, auch wenn sie keinen erkennbaren gesellschaftlichen Zweck erfüllt. Und das Finanzamt soll zwei Liebenden unter die Arme greifen, weil das intime Zweisamkeitsprojekt so wunderbar romantisch und schwierig zugleich ist. Auf solche Ideen kann man nur kommen, wenn man jeden Bezug zur Realität verloren hat. Zur biologischen und zur ökonomischen Realität.

Dagegen wirken ja selbst die Versponnenheiten der 1968er noch erfrischend nüchtern. Es ist noch nicht so lange her, da galt die Ehe weithin als Refugium für hoffnungslose Spießer. Und von feministischer Seite hieß es, dass die Befreiung aus den Zwängen des „Eheknasts“ vor allem im Sinne der Frauen wäre. Bei aller Blindheit für die positiven Seiten einer stabilen Zweierbeziehung war zumindest ein Gefühl dafür vorhanden, dass die Einmischung von Staat (und Kirche) in die sexuellen und Liebesbeziehungen letzteren oft nicht gut bekommt. Auch aus biologischer Sicht ist es alles andere als selbstverständlich, dass die Zweierbeziehung das ursprüngliche oder das unter den heutigen Bedingungen beste Lebensmodell ist.

Warum es ohne Biologie nicht geht

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich behauptet, dass bei gesellschaftspolitischen Kontroversen ein Blick in die Biologie nicht schaden kann. Was heißt das konkret? Wie lässt sich die Frage nach dem Sinn oder Unsinn der Zweierbeziehung biologisch beantworten? Eine probate Methode ist schon vergleichsweise alt und stammt aus der Zeit vor der Entdeckung der Evolution: die vergleichende Anatomie. Schon im 18. Jahrhundert stellte man fest, dass es eine enge Beziehung zwischen dem Körperbau eines Tieres und seiner Lebensweise gibt. Dass man beispielsweise am Gebiss eines Tieres ablesen kann, ob es sich um ein Raubtier oder um einen Pflanzenfresser handelt.

Das biologische Prinzip, dass der Körper und das Verhalten eines Tieres aufeinander abgestimmt sein müssen, gilt für alle Lebensbereiche und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Menschen hier eine Sonderstellung hätten. Insofern ist es keine bizarre Marotte, wenn Evolutionsbiologen Merkmalen wie der Penisgröße oder der Dauerschwellung der weiblichen Brust besondere Beachtung schenken. Sondern es ist der vielleicht beste Weg, etwas über die Natur der menschlichen Sexualität aussagen zu können.

Nur bei diesen rein körperlichen Merkmalen kann man sicher sein, dass kulturelle Traditionen keine Rolle spielen. Besonders aussagekräftig, weil vergleichsweise einfach zu messen, ist in diesem Zusammenhang das Gewicht der Hoden im Verhältnis zum Körpergewicht. In gemischten Gruppen haben die Männchen deutlich größere Hoden als bei Paarbindung oder in Harems. Bonobos beispielsweise haben relativ zum Körpergewicht fast zwanzigmal schwerere Hoden als Gorillas. Insofern ist die Tatsache, dass Menschen eher kleine Hoden haben, ein erstes Indiz, das zeigt, dass unsere Vorfahren kaum in Hippie-artigen Kommunen gelebt haben.

Aber Vorsicht: Da es sich um einen statistischen Zusammenhang handelt, der noch durch andere Faktoren beeinflusst wird, sind einzelne Merkmale keine strengen Beweise. Um wirklich überzeugend nachzuweisen, dass welches Beziehungsmodell in der Evolution der Menschen eine dominante Rolle gespielt hat, sind noch weitere Belege nötig – je mehr solcher Puzzlesteine umso besser (wen es genauer interessiert: Die verborgene Natur der Liebe).

Das Standard-Modell

Die im Moment vorliegenden Indizien sprechen nun für folgendes Standard-Modell der menschlichen Evolution: Schon vor mehr als zwei Millionen Jahren hat sich die Zweierbeziehung durchgesetzt. Spätestens zu dieser Zeit begannen die Männer einzelne Frauen zu begleiten und die Frauen ihrerseits waren einem Mann sexuell einigermaßen treu, auch wenn es andere Bewerber gab. Sobald die Paarbindungen stabil waren, wurde väterliche Fürsorge in Form von Schutz und Versorgung möglich.

Mit diesem Schritt waren zum einen die materiellen Bedingungen für die weitere Entwicklung des Gehirns in Form ausreichender, hochwertiger Nahrung gegeben. Zum anderen wurde der kulturelle Fortschritt auf eine breitere Basis gestellt, da nicht mehr nur die Mütter und Großmütter, sondern auch die Väter und Großväter ihre Erfahrungen und ihr Wissen an die nächste Generation weitergeben konnten. So wie es aussieht, ist die Paarbindung also tatsächlich die dominierende Form Zusammenlebens, seitdem es Menschen gibt.

Bis heute hat die Zweierbeziehung nichts von ihrer Attraktivität verloren. Auch die romantische Liebe, ihr anfänglicher emotionaler Kitt, ist keine Erfindung der Neuzeit, sondern es gibt sie schon bei Naturvölkern. Aber die Liebesbande sind selten unangefochten, da sie mit anderen Bindungen konkurrieren, die ebenso Teil unserer Natur sind: mit dem Zusammenhalt in einer Gruppe, mit der Freundschaft zu anderen Männern und Frauen, mit erweiterten familiären Banden sowohl zur väterlichen als auch zur mütterlichen Seite.

Das Ende der Ehe?

Durch die Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben wurde nun schlagartig klar, dass sich der Zusammenhang von Ehe und Fortpflanzung schon seit längerem gelockert hatte, dadurch dass heterosexuelle Ehen zunehmend kinderlos blieben. Mein Eindruck ist, dass diese Einsicht viel von dem Unbehagen erklärt, die der „Ehe für alle“ in weiten Kreisen der Bevölkerung, auch bei eher liberal gesinnten, entgegenbracht wird. Man erinnerte sich auf einmal daran, dass die Ehe einmal einen tieferen Sinn gehabt hatte und mehr war als ein Steuersparmodell. Mit Ressentiments oder Vorurteilen gegenüber Schwulen und Lesben hat das nichts zu tun. Was aber sind die Konsequenzen dieser Erosion?

Zum einen entfällt mit der Kinderlosigkeit der ursprünglich entscheidende Grund, warum eine Gesellschaft die Zweierbeziehung gegenüber anderen Lebensmodellen rechtlich und finanziell bevorzugen sollte. Wie immer in solchen Fällen gab es auch hier Versuche, die Sonderbehandlung mit verschiedenen Hilfskonstruktionen zu retten. Ich muss gestehen, dass sie mich bisher nicht überzeugen konnten und teils sogar ratlos zurücklassen. Ein typisches Beispiel habe ich eingangs zitiert.

Kommen wir zur zweiten Konsequenz: Wenn die Ehe ihren ursprünglichen Zweck, die biologische Reproduktion der Gesellschaft, nicht mehr leistet, dann liegt es nahe, Elternschaft direkt zu fördern und nicht mehr indirekt über die Ehe. Das würde natürlich nur gelten, wenn dies auch das Ziel ist, und man nicht auf Zuwanderung setzen möchte, was aber bekanntermaßen seine eigenen Probleme mit sich bringt. Das heißt, die Förderung sollte unmittelbar an die Elternschaft und die Sorge für den Nachwuchs gekoppelt werden. Dies würde dann aber für alle Formen des Zusammenlebens gelten, in denen Kinder geboren werden, sicher heranwachsen und sich entwickeln können. Für Alleinerziehende, für Großfamilien, für polygame Beziehungen und für andere Formen der Zusammenlebens. Hier gäbe es sicher genug Diskussionsbedarf, zumal nicht klar ist, ob diese anderen Modelle ihren Zweck ebenso gut erfüllen wie die klassische Familie.

Aus biologischer Perspektive gibt es jedenfalls gute Gründe anzunehmen, dass Menschen tatsächlich zur Zweierbeziehung tendieren. Dieses Lebensmodell hat viele Vorteile, und es ist aus einem konkreten Zweck entstanden, der Reproduktion. Wenn die Ehen diese Aufgabe nicht mehr erfüllen, dann gibt es kaum mehr einen biologischen Grund sie zu privilegieren. Ob es andere gute Gründe – soziologische, psychologische usw. – geben kann, würde ich eher bezweifeln. Mit der Biologie ist es wie mit der Schwerkraft: Wer meint, sie ignorieren zu können, muss eher früher als später mit einer Bruchlandung rechnen. Insofern könnte sich die Einführung der „Ehe für alle“ nicht als ihre krönende Vollendung erweisen, sondern als der Anfang vom Ende dieser Institution. Ist das das Ziel?

Prof. Dr. Thomas Junker lehrt Geschichte der Biowissenschaften an der Universität Tübingen. Von 1992-1995 war er Mitherausgeber von Darwins Briefwechsel in Cambridge (England). Er hat zahlreiche Bücher und Artikel zur Geschichte und Theorie der Evolutionsbiologie und Anthropologie veröffentlicht. In den aktuellen wissenschaftlichen und weltanschaulichen Kontroversen hat er sich öffentlichkeitswirksam und engagiert für die Vermittlung evolutionsbiologischer Kenntnisse eingesetzt.

Sein aktuelles Buch:
Die verborgene Natur der Liebe: Sex und Leidenschaft und wie wir die Richtigen finden (München: C. H. Beck, 2016)

Webseite: www.thomas-junker-evolution.de

Kommentare

  1. userpic
    Hans Zauner

    Zitat:
    "Das biologische Prinzip, dass der Körper und das Verhalten eines Tieres aufeinander abgestimmt sein müssen..."

    Hier störe ich mich am Wort "müssen". In der Regel sind Körper und Verhalten eines Tieres aufeinander abgestimmt, einfach weil sie gemeinsam evolviert sind. Ob das so sein "muss" ist aber keine primär biologische Fragestellung.



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    1. userpic
      Hebel

      Aus physiologisch/biologischen Gründen bringt die Ehe für alle nämlich eine Diskriminierungs und vorallem eine Entwicklungsgefahr von Kleinkindern: Das eigentlichen Problem ist die Homo-Adoption von Kleinkindern: Sicher wird das volle Adoptionsrecht hinzukommen. Aber das eigentliche Kindeswohl steht nur bedingt im Mittelpunkt der gleichgeschlechtlichen Adoptionswünsche und ist auch durch sicher in vielen Fällen gegebene, beachtliche Liebeszuwendung nicht zu garantieren. Denn eigentümlicherweise wird durch diejenigen, welche Freiheit in jeder Beziehung fordern, eine Beschneidung der Freiheit der Kinder billigend in Kauf genommen.
      Im Gegensatz zu einem Kind in einer Vater-Mutter-Gruppierung, erleidet das in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung heranwachsende Kind eine gewisse Deprivationssituation bzw. Diskriminierung, da ihm der enge Kontakt mit der Gegengeschlechtlichkeit verwehrt bleibt (Fehlende Aktivierung von wichtigen Spiegelneuronen).
      Die Frage nach dem Wohl des Kindes wird hier bei der versuchten Verwirklichung abstrakter Gleichheitsideen oder dem Versuch der Beseitigung eines auszuhaltenden, vielleicht unangenehmen Defizits, in der Regel gar nicht erst gestellt.
      [Einzelheiten über „Kinder – Die Gefährdung ihrer normalen (Gehirn-) Entwicklung durch Gender Mainstreaming“ sind in dem Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 6. Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2014: ISBN 978-3-9814303-9-4 nachzulesen]

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