Frohen Petrow-Tag!

Am 26. September ist Petrow-Tag, denn praktisch alle Menschen auf der Welt verdanken ihr Leben der Vernunft und Umsicht Stanislaw Petrows, der am 26. September 1983 die Zerstörung der Welt verhinderte.

Frohen Petrow-Tag!

Foto: Benjamin Bidder

An jenem schicksalhaften Tag hatte Oberst Petrow das Kommando über das sowjetische Frühwarnsystem. Um 0:15 Uhr Ortszeit meldete das System den Start von fünf Interkontinentalraketen aus den USA. Während um ihn herum die Panik herrschte, alle Alarmsirenen einen Start nach dem nächsten anzeigten und die sowjetische Führung jederzeit mit dem Angriff des Westens rechnete, behielt Petrow die Ruhe und Vernunft und entschied entgegen der Vorschriften, den Vorfall als Fehlalarm einzustufen, weil ihm der Angriff mit bloß fünf Raketen strategisch unsinnig vorkam.

Hätte der Offizier nach Vorschrift und Plan gehandelt und seine Befehle befolgt, hätte die Sowjetunion umgehend mit ihrem gesamten Nuklearwaffenarsenal einen vermeintlichen Gegenschlag geführt – der verheerendste Krieg aller Zeiten, wegen (wie sich später herausstellte) einer ungewöhnlichen Konstellation von Sonnenwinkel und Satellit, die der sowjetische Spionagesatellit als Raketenfeuer auffasste.

Deshalb ist der 26. September der Tag, an dem man den Menschen eine Freude bereiten sollte, die das Leben lebenswert machen. Und vor allem sollte man darauf verzichten, die Welt zu zerstören.

Die Ausgangslage

Bevor jemand die Welt retten kann, muss sie erst einmal gefährdet sein. Und diese Gefahr nahm ihren Angang im Jahre 1945, als an der so genannten Trinity Site die USA die erste Atombombe des Planeten zündeten.

Der leitende Wissenschaftler J. Robert Oppenheimer berichtete später, was er dachte, als er die Explosion sah:

„Wir wussten, die Welt wäre nicht mehr dieselbe. Einige Leute lachten, einige weinten, die meisten schwiegen. Ich dachte an die Passage aus der Hindu-Schrift, der Bhagavad-Gita. Vishnu versucht den Prinz zu überzeugen, seine Pflicht zu tun, und um ihn zu beeindrucken, nimmt er seine vielarmige Gestalt ein und sagt: ‚Ich bin nunmehr der Tod, Zerstörer von Welten.‘ Ich vermute, wir alle dachten das, auf die eine oder andere Weise.“

(Im Original: „We knew the world would not be the same. A few people laughed, a few people cried, most people were silent. I remembered the line from the Hindu scripture, the Bhagavad-Gita; Vishnu is trying to persuade the Prince that he should do his duty and, to impress him, takes on his multi-armed form and says, ‘Now I am become Death, the destroyer of worlds.’ I suppose we all thought that, one way or another.“)

Wirklich drastisch wurde die Lage jedoch erst, als die Sowjetunion 1949 ebenfalls über Kernwaffen verfügte. Was folgte war ein beispielloses Aufrüsten beider Seiten, das in einem Zustand kumulierte, den John von Neumann als mutually assured destruction – wechselseitig versicherte Vernichtung bezeichnete.

Die Idee dahinter: Keine Seite kann die andere angreifen, weil beide sich zusichern, dass der Gegenschlag den jeweiligen Angreifer vollkommen vernichten wird.

Dazu gehört auch das Konzept des Overkills – der Übertötung, also der Fähigkeit, das gegnerische Land gleich mehrfach auszuradieren. Denn das erste, was eine Seite mit ihren Atombomben tut, ist die Kernwaffen des Gegners zu vernichten, um dem Gegenschlag zu entgehen. Wenn eine Seite also den Gegner gleich zwanzigmal auslöschen kann, kann sie 19/20 ihrer Waffen verlieren und die wechselseitig versicherte Vernichtung bleibt bestehen.

Ironischerweise verhinderte dieses nukleare Patt einen großen Krieg zwischen den beiden Supermächten. Als friedensstiftende Maßnahme ist es aber natürlich sehr riskant, weil es auf menschliches oder technisches Versagen mit absoluter Gnadenlosigkeit reagiert.

Die Vorgeschichte im Jahr 1983

Im Jahr 1983 befand sich dieses Gleichgewicht des Schreckens unter der Leitung zweier Männer, die damit nicht gerade verantwortungsbewusst umgingen:

Auf sowjetischer Seite war das Juri Andropow. Der war zu diesem Zeitpunkt bereits 69 Jahre alt und schwer krank (er würde im folgenden Jahr versterben). Vor allem gehörte er zur alten Garde der UdSSR und war fest davon überzeugt, der Westen würde bald einen Vernichtungsschlag gegen die Sowjetunion führen.

Auf der Seite der Amerikaner war es Ronald Reagan, der große Muskelspieler. Um vor seinen Republikanern erfolgreich dazustehen, provozierte er die Sowjets, so viel er konnte. Beispielsweise ließ er den sowjetischen Luftraum immer wieder beinahe von amerikanischen Jägern verletzen. Die Sowjets hielten das für die Vorbereitung für einen Krieg und nicht bloßes Säbelrasseln.

So kam es auch dazu, dass die sowjetische Luftwaffe am 1. September 1983 das südkoreanische Zivilflugzeug Korean Air Lines Flight 007 abschoss, das versehentlich den Luftraum der UdSSR verletzte. In der aufgeheizten Stimmung hielt man es für einen Angriff.

Außerdem wollte die Nato in jenem Jahr die Übungsmission Able Archer 83 durchführen (ab 2. November). Dieses Szenario war derart realistisch gestaltet, dass die Sowjets nicht ganz zu Unrecht dachten, man könne mit wenigen Minuten letzter Änderung einen echten Krieg daraus machen.

Hinzukommt natürlich, dass die erklärte Militärdoktrin der Sowjets durch die wechselseitig versicherte Vernichtung geprägt war und daraus in dieser angespannten Lage die Prämisse resultierte: Wenn jetzt irgendein Angriff kommt, wird sofort mit allem zurückgeschlagen, was wir haben.

Und dieser Angriff kam.

Der Zwischenfall und Petrows Großtat

Zumindest kam er scheinbar.

An jenem schicksalhaften Tag hatte Oberst Stanislaw Petrow das Kommando über das sowjetische Frühwarnsystem. Um 0:15 Ortszeit meldete das System über den Spionagesatelliten Oko Raketenstart aus den USA – eine einzige Rakete.

Und an dieser Stelle zeigt sich, wie wichtig es war, dass Petrow das Kommando hatte, obwohl er an dem Tag eigentlich keinen Dienst hatte und nur in Vertretung anwesend war. Denn während alle um ihn herum in Panik gerieten, behielt Petrow die Ruhe. Er stellte fest, dass ein Angriff mit nur einer Rakete strategisch unsinnig war und obwohl das Satellitensystem über einen vielstufigen Prozess die Meldung bestätigte, ordnete Petrow die Meldung korrekt als Fehlalarm ein.

Er hatte seinem Vorgesetzten dies gerade gemeldet, als die nächste Rakete gemeldet wurde, und die nächste, und die nächste…

Am Ende befanden sich laut Frühwarnsystem fünf Interkontinentalraketen auf dem Weg in die Sowjetunion. Während alle Alarmsirenen einen Start nach dem nächsten anzeigten und die sowjetische Führung jederzeit mit dem Angriff des Westens rechnete, behielt Petrow die Ruhe und Vernunft und entschied entgegen der Vorschriften, den Vorfall weiterhin als Fehlalarm einzustufen, weil ihm der Angriff mit auch fünf Raketen strategisch unsinnig vorkam. Er gab die Meldungen gar nicht mehr nach oben weiter.

Was Petrow verhinderte

Hätte der Offizier nach Vorschrift und Plan gehandelt und seine Befehle befolgt, hätte jemand mitten in der Nach Juri Andropow geweckt und der hätte dann noch wenige Minuten gehabt (die Raketen sind ja nicht ewig unterwegs), um zu entscheiden, ob das jetzt der Angriff war, mit dem er täglich rechnete.

Aller Wahrscheinlichkeit nach hätte die Sowjetunion umgehend mit ihrem gesamten Nuklearwaffenarsenal einen vermeintlichen Gegenschlag geführt. An dieser Stelle hätte die unerbittliche Zwangsläufigkeit der wechselseitig versicherten Vernichtung gegriffen und der Westen hätte ebenfalls mit all seinen Kernwaffen zurückgeschlagen.
 
Zu diesem Zeitpunkt hatte die Welt etwa 40000 nukleare Sprengköpfe mit einer Gesamtsprenglast von etwa 13000 Megatonnen.

Um das einzuordnen: Wir halten die Hiroshima-Bombe oft für eine besonders mächtige Bombe, weil sie innerhalb weniger Sekunden über 100000 Menschen tötete oder tödlich verletzte. Tatsächlich war sie eine der ersten und daher eine sehr kleine Atombombe. 13000 Megatonnen sind 870000 Hiroshima-Bomben.

Anders ausgedrückt entspricht es dem 4300-fachen sämtlicher Bomben und Granaten, die von allen Armeen zusammengenommen in allen sechs Jahren des Zweiten Weltkriegs verschossen wurden – der verheerendste Krieg aller Zeiten, wegen (wie sich später herausstellte) einer ungewöhnlichen Konstellation von Sonnenwinkel und Satellit, die der sowjetische Spionagesatellit als Raketenfeuer auffasste.

Deshalb ist der 26. September Petrow-Tag, der vielleicht höchste Feiertag des Jahres, denn man muss erst am Leben sein, bevor man irgendetwas anderes feiern könnte.
Es ist jener Tag, an dem man allen Menschen eine Freude bereiten sollte, die das Leben lebenswert machen. Und vor allem sollte man darauf verzichten, die Welt zu zerstören.

Kommentare

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    Jakob Michailsen

    Na dann mal fröhlichen Petrow Tag allen! :)

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      Norbert Schönecker

      Danke für die Wünsche und den interessanten Artikel!
      Alles Gute allen Lesern und viel Lebensfreude im Nachhinein!

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        Peter Vogelsanger

        Das ist absolut kein Grund zu feiern. Die Gefahr ist noch längst nicht gebannt. Eher scheint mir, dass die Menschheit aus dieser Fast-Katastrophe — und es ist längst nicht die einzige ihrer Art — absolut gar nichts gelernt hat. (Genauso, übrigens, aus aktuellem Anlass, wie die Menschheit auch aus der absehbaren Fast-Katastrophe Donald Trump absehbar kaum etwas lernen wird.) «Nothing leared and everything forgotten», sagen die Amis. Sehr zu recht.

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