Ist meine Intoleranz Deiner Intoleranz intolerant?

Die Präsidentin der Richard Dawkins Foundation analysiert die Vorgehensweise islamischer Staaten wie Saudi-Arabien, die internationale Kritiker zum Schweigen bringen wollen, und die damit einhergehende Denkweise der regressiven Linken.

Ist meine Intoleranz Deiner Intoleranz intolerant?

Stellen Sie sich die folgende Szene vor: Eine kleine Gruppe Kommentatoren von großen US-amerikanischen Zeitungen sitzt in Riad mit Roben und Kufiya tragenden Beamten des saudi-arabischen Bildungsministeriums zusammen in einem Sitzungsraum. Es geht um das Thema Intoleranz. Als Kolumnist, der für mehrere Zeitungen schreibt und als Autor von Leitartikeln bin ich unter diesen Journalisten. Unsere Fragen konzentrieren sich auf Lehrbücher, die für die Bildung von Millionen saudischen Kindern in öffentlichen Schulen verwendet werden.

Warum, fragen wir, steckt so viel Intoleranz gegenüber Andersgläubigen in diesen Büchern? Sie laufen über mit herabwürdigenden und beleidigenden Beschreibungen von Christen, Juden und allen anderen, die der strengen Islamvariante der Saudis nicht zustimmen. Die Schulbücher akzeptieren – nein, ermutigen – Gewalt gegen Andersgläubige und behaupten, sie sei nötig, um die Integrität des Wahhabismus zu bewahren. Wir fragen: Säen Sie nicht die Saat des Hasses und schaffen die Voraussetzungen dafür, dass junge Menschen einfacher von Terrorgruppen rekrutiert werden können?

Relevante Fragen. Das war im Jahr 2002.

Wir hatten während dieses Ausflugs zum Königreich des Hauses Saud bereits eine Menge orwell’sches Denken zu hören bekommen. Der Mossad steckte hinter den Ereignissen vom 11. September 2001. Der Islam ist eine Religion des Friedens. Aber was wir im Bildungsministerium vorgesetzt bekamen, brachte das Fass des Wahns zum Überlaufen.

Wir seien die Intoleranten, meinten sie. Unsere unverschämten Fragen wären der Beweis dafür. Was uns einfalle, ihre kulturellen und religiösen Traditionen zu hinterfragen? Jede Andeutung, dass ihre Schulbücher den Beigeschmack des religiösen Eifers hätten, sei ein Angriff auf ihre Souveränität und eine Form von religiöser Intoleranz.

Wir waren ihrer Intoleranz gegenüber intolerant.

Man kann sich vorstellen, wie sich eine so verdrehte Auffassung in einer theokratischen Monarchie wie Saudi-Arabien entwickeln kann. Für die Saudis hängt viel davon ab, den Westen davon zu überzeugen, dass er die abstoßenden Haltungen und rückständigen Regeln, die ihr Land bestimmen, schweigend hinnimmt. Ihr System beruht auf religiösen Verlautbarungen, denen zufolge Frauen rechtlich, in der Wirtschaft und im häuslichen Bereich weniger wert sind als Männer und denen zufolge jeder Nicht-Muslim verfolgt und oftmals getötet werden sollte.

Man würde meinen, dass es für Saudi-Arabien das Beste wäre, den Kopf einzuziehen, während es den Westen bittet, seine eigentümlichen Institutionen zu ignorieren. Das ist allerdings nicht Saudi-Arabiens Vorgehensweise. Mit moralisierender Scheinheiligkeit erklären die Saudis, dass jegliche Kritik an ihrem System internationale Menschenrechtsnormen verletze.

Im letzten Jahr sprach sich Saudi-Arabien bei einem internationalen Gipfeltreffen in Frankreich gegen Medien und Nationen aus, denen an der freien Rede gelegen ist und die Religionskritik zulassen, wie die Saudi Gazette berichtet. „Wir haben darauf bestanden, dass eine Redefreiheit ohne Grenzen oder Schranken zu einer Verletzung und einem Missbrauch von religiösen und ideologischen Rechten führen würde“, sagte Abdulmajeed Al-Omari, der Direktor für Auslandsbeziehungen des Ministeriums für Islamische Angelegenheiten. „Jeder ist darum angehalten, die Bemühungen für eine Kriminalisierung der Beleidigung himmlischer Religionen, von Propheten, Heiligen Büchern, religiösen Symbolen und Gotteshäusern zu intensivieren.“

Und das bekommen wir von einem Land zu hören, in dem Christbäume verboten sind, das die Protokolle der Weisen von Zion als historische Tatsache lehrt und das im Jahr 2005 einen Lehrer zu 750 Peitschenhieben und dreieinhalb Jahre Gefängnis verurteilte, weil er Juden lobte und über die Evangelien sprach. (Der Lehrer wurde nach Protesten begnadigt).

In Saudi-Arabien gilt der Atheismus laut Gesetz als eine Form des Terrorismus. Vor ein paar Monaten wurde ein Mann, der Tweets über den Atheismus verschickte, zu zehn Jahren Gefängnis und zweitausend Peitschenhieben verurteilt. Die US-amerikanische säkular-humanistische Organisation Center for Inquiry (CFI) setzte sich für den saudischen Dichter Ashraf Fayadh ein, der im Jahr 2015 wegen Apostasie zum Tode verurteilt worden war und der vor ein paar Monaten im Jahr 2016 stattdessen von einem Berufungsgericht eine Strafe von acht Jahren Gefängnis und achthundert Peitschenhieben erhielt. Das CFI schickte Präsident Barack Obama einen Brief, in dem sie ihn aufforderte, sich bei seinem Besuch in Saudi-Arabien im April für Fayadhs Freilassung auszusprechen. Außerdem lenkte das CFI die internationale Aufmerksamkeit auf den Fall des eingesperrten saudischen Menschenrechtsaktivisten Raif Badawi, der zu zehn Jahren Gefängnis und eintausend Peitschenhieben verurteilt wurde, weil er den Islam kritisiert hatte. Badawi wurde aufgrund von Artikeln angeklagt, die er auf seiner Website veröffentlichte. Auf der Website, die der Meinungsfreiheit gewidmet ist, kritisierte Badawi bestimmte religiöse Figuren.

Als Josephine Macintosh vom CFI im Jahr 2014 eine Rede beim Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen hielt und die Aufmerksamkeit auf die brutale und repressive Behandlung von weltanschaulich Andersdenkenden allgemein und von Badawi im Besonderen im Wüstenkönigreich richtete, unterbrach der saudi-arabische Repräsentant Macintosh drei Mal. Dieser Versuch, Macintoshs Kritik zu unterbinden, war nicht von Erfolg gekrönt, weil andere Mitgliedstaaten, darunter die USA, Irland, Kanada und Frankreich, auf das Recht von Macintosh, des CFI und anderen NGOs auf freie Rede beharrten.

Und die Saudis behaupten, wir würden die Menschenrechte verletzen.

Diese Selbstmitleidsorgie hätte nur einen Teilnehmer, gäbe es nicht das geradezu pathologische Bündnis, das einige auf der politischen Linken mit dieser Denkweise schließen. Absurderweise teilt eine Untergruppe der Progressiven die Idee, dass jegliche Kritik am Islam ein Angriff auf muslimische Menschen wäre. Das ist natürlich nicht dasselbe. Diskriminierende Ideen im Koran, die in Form der Scharia praktiziert werden – wie jene, dass die Zeugenaussage einer Frau nur halb so viel wert ist wie die eines Mannes – sollten kritisiert werden dürfen. Und der Kritiker ist kein Eiferer, wenn er das sagt.

Das wohl bekannteste Beispiel für diese Liaison war der Angriff des Schauspielers Ben Affleck auf den Religionskritiker Sam Harris in Bill Mahers HBO-Sendung Real Time. Afflecks tobsüchtige Reaktion auf die Islamkritik von Harris als „abstoßend und rassistisch“ machte das Thema der Diskussion noch dringlicher, nämlich, dass sich die Linke nur um Frauenrechte und Homorechte schert, wenn Frauen und Schwule nicht von Islamisten unterdrückt werden – dann entschuldigt man die Unterdrückung aus einer kulturrelativistischen Sensibilität heraus.

Denken Sie daran, was der mutigen Feministin und Islamkritikerin Maryam Namazie letzten Dezember geschehen ist. Während Namazies Vortrag über Blasphemie und Apostasie in der britischen Goldsmith-Universität betrat eine Gruppe junger Männer von der islamischen Studentengruppe der Universität den Raum mit der Intention, sie am Weiterreden zu hindern. Sie lachten, nahmen sie in die Zange, unterbrachen generell den Vortrag immer wieder und irgendwann schalteten sie den Beamer aus, als eine Karikatur des Propheten Mohammed gezeigt wurde.

Statt Namazie zu verteidigen, gab die feministische Studentengruppe der Goldsmith-Universität eine Stellungnahme heraus, mit der sie ihre „Solidarität“ gegenüber der islamischen Studentengruppe erklärte und die Studentenorganisation der Atheisten, Säkularisten und Humanisten verurteilte, die Namazie zu ihrem Campus eingeladen hatte: „Bekannte Islamophobe in unsere Universität einzuladen, erzeugt ein Klima des Hasses“, heißt es in der Stellungnahme.

Ich würde diese Goldsmith-Feministen gerne auf eine Tour nach Saudi-Arabien mitnehmen, wo sie sich ansehen können, wofür sie da eintreten. Die glänzenden Bürotürme dieses Landes enthalten keine Damentoiletten. Die werden nicht benötigt, weil Frauen nicht mit Männern zusammenarbeiten dürfen.

Gesetze gegen Gotteslästerung sind die in Gesetze gegossene Form dieser „Niemand sollte jemals beleidigt werden“-Haltung der Goldsmith-Feministen. Solche Blasphemiegesetze dienen als Unterdrückungswerkzeuge, um die Gläubigen gefügig, Anhänger von Minderheitenreligionen klein und still und Atheisten im Verborgenen zu halten. Diese Gesetze stellen eine Bedrohung für die Werte der Aufklärung dar. Das CFI hat eine führende Rolle bei den internationalen Anstrengungen übernommen, diese Gesetze aufheben zu lassen.

Die Verteidiger der haltlosen islamischen Diktate über Frauen, Schwule, Atheisten und Anhänger eines anderen Glaubens haben nur einen Pfeil in ihrem Köcher, nämlich ihre Kritiker vor Gericht zu zerren und ihnen den Mund zu verbieten, da sie keine stichhaltigen Antworten auf deren Kritik besitzen. So sehr sie uns überzeugen möchten, dass unsere Intoleranz ihrer Intoleranz eine Form der kulturellen Hegemonie wäre, so wenig glauben wir ihnen das.

Übersetzung: Andreas Müller

Robyn E. Blumner ist die Geschäftsführerin des Center for Inquiry und die Geschäftsführerin und Präsidentin der Richard Dawkins Foundation for Reason & Science.

Hier geht's zum Originalartikel...

Kommentare

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    Mari Luz Iglesias Peral

    Can you authenticate the English subs in this Al Jazeera Arabic clip? https://www.youtube.com/watch?v=ULtNYSUqYHw

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    1. userpic
      Vít Zgažar

      Tolerant ist, wer kleine Fehler vergibt und nicht nachträglich ist, darüber hinaus ist Toleranz eine Schwäche

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        Lisa Malmigatte

        Sr.K.Popper: "We should therefore claim, in the name of tolerance, the right not to tolerate the intolerant."

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