Rechte Hetze gegen Atheisten – eine Chronologie

In der jüngsten Talkshow von Moderatorin Maybritt Illner über die Flüchtlingskrise hatte der baden-württembergische Innenminister Strobl behauptet, die AfD sei eine atheistische Partei, die eiskalt eine Schließung der Grenzen fordere.

Rechte Hetze gegen Atheisten – eine Chronologie

Bild: Screenshot Youtube

Dem gegenüber stünde die christliche Nächstenliebe der CDU, die sich Menschen in Not niemals verweigern würde. Diese Äußerung sorgte bei unseren Lesern für große Empörung, wurde aber in einem gestrigen Beitrag glänzend von Bernd Kammermeier widerlegt. Wenngleich die Debatte damit als beendet angesehen werden dürfte, empfiehlt sich dennoch ein Blick auf die Parteigeschichte der Union, um zu erkennen, dass Strobls „Ausrutscher“ eben das genau nicht war – nämlich ein Ausrutscher. Im Gegenteil: Hetze gegen Atheisten hat unter Christdemokraten lange Tradition.

In der Präambel der Verfassung des Freistaates Bayern vom 8. Dezember 1946, die die maßgebliche Handschrift der CSU trägt, heißt es:

„Angesichts des Trümmerfeldes, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Überlebenden des Zweiten Weltkrieges geführt hat, in dem festen Entschlusse, den kommenden deutschen Geschlechtern die Segnungen des Friedens, der Menschlichkeit und des Rechts dauernd zu sichern, gibt sich das bayerische Volk, eingedenk seiner mehr als tausendjährigen Geschichte, nachstehende demokratische Verfassung.“

Auch die Präambel des Deutschen Grundgesetzes spricht vom „Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen.“ Diesen Passus hatte der CDU-Politiker Hermann von Mangoldt 1949 im Parlamentarischen Rat gegen den Widerstand von Sozialdemokraten und Liberalen durchgesetzt. Zehn Jahre zuvor hatte der Jurist in der Schrift Rassenrecht und Judentum die Nürnberger Gesetze begrüßt. Die Nürnberger Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher sah von Mangoldt kritisch. Weder seien Angriffskriege zu verurteilen, noch sollten Staatsoberhäupter vor Gericht gestellt werden können.

Der Fraktionsvorsitzende der CDU im Bundestag, Volker Kauder, hatte im Juni 2014 in der Welt erklärt, mit dem Gottesbezug wolle „sich das Grundgesetz klar absetzen von der Barbarei der Nationalsozialisten, die ein zutiefst menschenfeindliches und vollkommen gottloses Regime entfesselt hatten.“

Alfred Müller-Armack, Mitarbeiter Ludwig Erhards im Wirtschaftsministerium und späterer Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung hatte 1948 Das Jahrhundert ohne Gott verfasst. Darin heißt es:

„Der Nationalsozialismus konnte in den durch den Glaubensabfall breitester Schichten entstandenen Leerraum eindringen und hier die Erbschaft des preisgegebenen Christentums antreten. […] Je mehr sich der Nationalsozialismus in seiner Herrschaft als Pseudoreligion etablierte, geriet er aus instinktivem Gefühl heraus in einen Gegensatz zum Christentum und seinen Kirchen.“

In seinen Erinnerungen schrieb Konrad Adenauers über die Nachkriegszeit:

„Ich hatte von den Verbrechen gehört, die an Juden begangen, die von Deutschen an Deutschen verübt worden waren. Ich hatte gesehen, wohin eine atheistische Diktatur den Menschen brachte. Ich hatte den Sturz des deutschen Volkes ins Chaos erlebt. Von Osten her drohte die atheistische, kommunistische Diktatur."

Es sei das Credo der CDU-Gründerväter gewesen, dass nur die „christlich-abendländische Weltanschauung“ die „notwendige erzieherische Aufgabe am deutschen Volk erfüllen, seinen Wiederaufstieg herbeiführen und einen festen Damm gegenüber der kommunistischen atheistischen Diktatur errichten könnte.“

Konsequent war Adenauer in seiner Ablehnung der NS-Diktatur allerdings nicht. Führende Nazis dienten in seiner Regierung und stets betonte „der Alte“, das deutsche Volk habe vom Holocaust nichts gewusst, oder ihn insgeheim abgelehnt, das Regime aber nicht abschütteln können.

Otto von Habsburg, letzter österreichischer Kronprinz und langjähriger CSU-Politiker hatte ähnlich argumentiert. Als Alterspräsident des Europäischen Parlaments hatte er 1997 über seine Lebenserfahrungen referiert:

Auch war ich Zeuge zweier gottloser und daher menschenfeindlicher totalitärer Diktaturen - Stalin als Nachfolger Lenins und Hitler - ihres Aufstieges und ihres furchtbaren Endes.“

Im Jahr 2002 warnte er in einem Interview, dass Unglaube zu Kriminalität führe. Selbst die CDU habe keinen Bezug zu Gott mehr. Die islamische Welt sei ihm da viel sympathischer. Im Interview zeigte er zudem Verständnis für den tschetschenischen Terrorismus. Für Empörung sorgten seine Aussagen zur amerikanischen und israelischen Außenpolitik:

„Wenn man die US-Innenpolitik betrachtet, dann ist sie in zwei Hälften gespalten: Auf der einen Seite das Verteidigungsministerium, in dem die Schlüsselpositionen mit Juden besetzt sind, das Pentagon ist heute eine jüdische Institution. Auf der anderen Seite, im State Department, sind die Schwarzen - zum Beispiel Colin Powell oder besonders Condoleezza Rice. Das ist eine innenpolitische Auseinandersetzung zwischen Falken und Tauben. Im Moment spielen dabei die Angelsachsen, also die weißen Amerikaner, eine relativ geringe Rolle. […] Daß man mit einem Sharon keinen Frieden schließen kann, ist vollkommen klar. Außerdem hat Sharon ein Buch geschrieben, in dem er angekündigt hat, daß er die Araber alle ausrotten will.”

Kritik, er habe mit seinem Interview Putin und Hitler auf eine Stufe gestellt, konterte er damit, dass der russische Präsident einen jüdischen Wirtschaftsberater habe.

2008 hatte von Habsburg vor dem Parlament in Wien anlässlich des 70. Jahrestages des Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 erklärt, „dass es keinen Staat in Europa gibt, der mehr Recht hat, sich als Opfer zu bezeichnen“ als Österreich. Die begeisterte Menge, die Hitler auf dem Heldenplatz in Wien empfing, sei auch nicht größer als eine Versammlung von Fußballfans gewesen.

1998 hatte der damalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm im Wahlkampf ganz unverblümt Moscheebauten verteidigt: „Ein frommer Muslim in der Moschee ist mir lieber als ein besoffener Atheist im Freudenhaus.“* (* wurde auch von Angela Merkel 2010 im positiven Bezug verwendet). In die gleiche Kerbe schlug auch der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger der 2006 auf dem CDU-Neujahrstreff sagte, dass Muslime ihm als Neubürger lieber seien als Atheisten oder Scientologen. Wie auch seine Parteifreunde Strobl und Kauder hatte Oettinger Amtsvorgänger Hans Filbinger, der im Zweiten Weltkrieg Todesurteile gegen Deserteure verhängte, bescheinigt, ein Gegner des NS-Regimes gewesen zu sein.

Derartige Töne sind an der Tagesordnung

Derartige Töne sind in der Südwest-CDU an der Tagesordnung. Die Junge Union Göppingen hatte im März 2010 die Eislinger Erklärung, ein Strategiepapier, verfasst, in der sie eine Rückbesinnung auf konservative Werte, also Ablehnung von Homoehe, Abtreibung, Stammzellenforschung und Islam forderte. Dort heißt es unter anderem:

„Die Katastrophen des letzten Jahrhunderts gründeten auf gottlosen Ideologien, sei es der braune oder der rote Sozialismus. […] Eine punktuelle Abkehr von der Selbstgeißelung mit den Verbrechen des Dritten Reiches, wie sie von der politischen Linken seit Jahren betrieben wird, muss stattfinden.

Zwar müsse die Erinnerung an den Holocaust hochgehalten werden, dieser dürfe jedoch nicht „alleiniges Identifikationsmerkmal“ oder „Moralkeule“ werden.

CDU-Rechtsaußen Henry Nitzsche hatte mit markigen Worten für Aufsehen gesorgt. So hatte er 2003 behauptet, dass Muslimen eher die „Hand abfaule“ bevor sie die CDU wählten und dass „der letzte Ali aus der letzten Moschee“ das deutsche Sozialsystem ausnutze. 2006 hatte er gefordert, dass Deutschland „endlich vom Schuldkult runterzukommen“ müsse und „nie wieder von Multikultischwuchteln regiert“ werden dürfe. Nach heftiger Kritik trat er aus der CDU aus. In der Jungen Freiheit rechnete er mit seiner alten Partei ab:

„Für mich war das Christliche ausschlaggebend für den Eintritt in die CDU. Unter dem Blickwinkel des Verbraucherschutzes müßte der CDU allerdings das C verboten werden. [...] Die CDU ist offen für Christen, Atheisten und Andersgläubige. Ich frage mich, wie man da noch das Leben in Deutschland nach den christlichen Sittengesetzen gestalten will?“

Im Jahr 2003 hatte es eine Antisemitismus-Affäre gegeben, weil der CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit die nationalsozialistische Propagandathese vom „jüdischen Bolschewismus“ aufgegriffen hatte:

"Mit einer gewissen Berechtigung könnte man im Hinblick auf die Millionen Toten dieser ersten Revolutionsphase nach der 'Täterschaft' der Juden fragen. Juden waren in großer Anzahl sowohl in der Führungsebene als auch bei den Tscheka-Erschießungskommandos aktiv. Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als 'Tätervolk' bezeichnen. Das mag erschreckend klingen. Es würde aber der gleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet."

Stehenlassen wollte er diese These allerdings nicht. Die jüdischen Bolschewiki hätten nämlich ihren jüdischen Glauben abgelegt, genau wie auch die NSDAP-Mitglieder ihren christlichen Glauben abgelegt hätten. Folgerichtig lautete also sein Fazit:

„Die Gottlosen mit ihren gottlosen Ideologien, sie waren das Tätervolk des letzten, blutigen Jahrhunderts. Diese gottlosen Ideologien gaben den 'Vollstreckern des Bösen' die Rechtfertigung, ja das gute Gewissen bei ihren Verbrechen. So konnten sie sich souverän über das göttliche Gebot 'Du sollst nicht morden' hinwegsetzen.“

Nimmt man all diese Aussagen zusammen, ergibt sich folgendes Bild: Die konservativen Eliten, die 1933 im Reichstag Hitlers Machtergreifung zustimmten, hatten nach 1945 ein erhebliches Legitimationsproblem. Um sich selbst vom Nationalsozialismus abzugrenzen, deklarierten sie diesen kurzerhand als atheistisch – wie sehr dies den historischen Fakten auch widersprach. Im Umkehrschluss konnte also ein konservativer Christ kein Nazi sein und unbelastet die Bundesrepublik aufbauen. Im Falle Hohmanns kam hinzu: Bezeichnet man Juden eben nicht mehr als Juden, sondern als Gottlose, wird der eigene latente Antisemitismus nicht mehr so leicht wahrgenommen.

Obwohl Angela Merkel Hohmann 2003 aus der Partei gedrängt hatte, griff sie dessen Thesen 2015 selbst auf. Am 17. November zeigte sie sich beim Treffen mit Migrantenverbänden entsetzt über den kürzlich erfolgten Angriff des Islamischen Staates auf Paris mit insgesamt 137 Toten. Sie habe erfahren, „wozu menschenverachtende und gottlose Terroristen fähig sind.“

Kommentare

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    Norbert Schönecker

    Viele der Zitate sind dumm, falsch, unbedacht oder, was das schlimmste wäre, bewusst verleumderisch gegen Atheisten.
    Eine Ausnahme sehe ich in folgendem Zitat:
    "Der Nationalsozialismus konnte in den durch den Glaubensabfall breitester Schichten entstandenen Leerraum eindringen und hier die Erbschaft des preisgegebenen Christentums antreten. […] Je mehr sich der Nationalsozialismus in seiner Herrschaft als Pseudoreligion etablierte, geriet er aus instinktivem Gefühl heraus in einen Gegensatz zum Christentum und seinen Kirchen.“
    Das sehe ich tatsächlich auch so. Es gilt die Regel: Wer aufhört, an Gott zu glauben, glaubt zunächst potentiell alles.
    Bis ins späte 19. Jahrhundert galt in den meisten gegenden Deutschlands die chritliche Leitkultur. Die hat sowohl das äußere Leben als auch das Denken geordnet (ob auf gute oder schlechte Weise, ist für dieses Thema jetzt irrelevant).
    Etwa zur Jahrhundertwende fiel die Dominanz des Christentums weg. Und flugs kamen andere Anbieter, um ihre alternativen Ordnungen und Denkweisen anzubieten: Sozialismus, Anarchismus, Okkultismus, Naturalismus, ... (Aufzählung ohne Wertung). Und eben: Nationalsozialismus. Alle diese Anbieter haben ihre Denksysteme nicht nur als mögliche Lebensweisen, sondern auch als Heilslehren vermarktet. Und das mit einigem Erfolg.
    Ein Mensch, der seinen alten Glauben ablegt, braucht sehr, sehr viel Standhaftigkeit, um sich nicht von einem neuen (pseudo-)Glauben vereinnahmen zu lassen. Den meisten Menschen, die sich im letzten Jahrhundert von Christentum abgewandt haben, ist genau das geschehen. Sie wollten sich befreien (obwohl Christus die Menschen befreit, persönliche Bemerkung ohne thematische Relevanz) und wurden von Kommunismus, Okkultismus oder Nationalsozialismus versklavt.
    Soviel zum ersten Satz des Zitats.
    Auch der zweite Satz stimmt. Gegen die großen christlichen Kirchen war der Nationalsozialismus von Anfang an feindlich (besonders gegen die römische, ultramontanistische und folglich undeutsche Kirche). Man kann die hetzerischen Karikaturen im "Stürmer" leicht googeln.
    Das Christentum selbst wurde offiziell die meiste Zeit formell geachtet und den eigenen Bedürfnissen angepasst. Die Tendenzen zur Abkehr vom Christentum wurden aber im Lauf der Zeit stärker. Rosenberg hat noch Jesus Christus behalten, sonst aber alles Christliche beseitigt (z.B. die Bibel quasi zur Gänze). In einer Unterweisung für Kindergärtnerinnen heißt es später schon: "Christus war nur ein Jude, kein Gott. Der Christusglaube muss im Kinderherzen erstickt werden."
    Die Sätze stimmen also.
    Eine Beleidigung von Atheisten kann ich darin nicht erkennen.
    Es wird nicht einmal behauptet, dass der Nationalsozialismus atheistisch wäre (diese Behauptung wäre auch falsch).
    Fazit: Diesen einen Absatz würde ich aus dem Artikel streichen.

    Ich verstehe es übrigens sehr gut, wenn Humanisten sich nicht für die Verbrechen von Stalinisten und ähnlichen verantworten wollen, nur weil die zufällig auch Atheisten waren. Ich will mich ja auch nicht für die Verbrechen von Muslimen oder Azteken verantworten, nur weil die auch Theisten sind/waren. Zumal ich mit den Verbrechen von 2000 Jahren Kirchengeschichte genug zu tun habe. So wie aufgeklärte Humanisten die Französische Revolution samt Terreur im historischen Gepäck haben.

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      Matthias Krause

      Den Spruch "Ein frommer Muslim in der Moschee ist mir lieber als ein besoffener Atheist im Freudenhaus" hat auch Angela Merkel schon gebracht, dokumentiert in der Sendung WDR Scala, O-Ton hier: https://www.youtube.com/watch?v=ha7FjZ3TmYg

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        Achim Stößer

        http://antitheismus.de/archives/12-Hohmann-verletzt-Menschenwuerde-von-Atheisten.html

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          Tony Schmidt

          Haben die Nazis nicht auch gleich alle christlichen Organisationen verboten, die Kirchen enteignet und ihre Privilegien aufgekündigt? Hat sich nicht derPapst entschieden gegen Hitler gestellt und ihn gleich exkommuniziert? Was stand auf den Koppelschlössern der Wehrmacht? "Keiner mit uns" War doch so, oder nicht?

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            Rudi Grolig

            Es kann und darf nicht verwundern. Ein Mitglied dieser Splitterpartei, die momentan als Junior-Stimmenbringer einem grünen Landeschef dienlich ist, ist es immer noch gewöhnt große Töne zu spucken. Das C in deren Namen kann man schon lange klein schreiben. Dass es auch diese Partei war und ist, die an den hemmungslosen Waffenexporten in alle Welt verantwortlich ist, scheint man gelgentlich auszublenden. Aber große Töne von der Christlichkeit spucken. Das haben wir gerne. Diese Partei ist auf dem Weg der italienischen democrazia cristiana, welche durch Rumhurerei auch in die Bedeutungslosigkeit und in den Untergang geschlittert ist.

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              Heinz de Moll

              Gottlos bedeutet heute wirklich amoralisch. Trotzdem ist es irre, wenn gerade mördern, die Gott ist groß grölen, gottloses Verhalten unterstellt wird

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