Stellen Sie sich vor, es gäbe kein Universum

Wissenschaft betrachtet das Unvorstellbare

Stellen Sie sich vor, es gäbe kein Universum

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Stellen Sie sich das Nichts vor! Los geht’s! Was sehen Sie? Ich sehe vor mir einen dunklen leeren Raum ohne Galaxien, Sterne und Planeten. Aber da wäre nicht nur keine Materie, da wäre auch weder Raum noch Zeit. Nicht einmal Dunkelheit. Und kein bewusstes Leben, welches das Nichts betrachten könnte. Einfach… nichts. Stellen Sie sich das vor! Es geht nicht.  

Hier stellen wir uns die ultimative Frage: Warum gibt es überhaupt irgendetwas? Ich habe einige Antworten aus mehreren Quellen zusammengestellt, einschließlich eines 2013 erschienenen Buches von John Leslie und Robert Lawrence Kuhn, mit dem Titel The Mystery of Existence [Das Geheimnis der Existenz] (Wiley-Blackwell) und des Buches von Lawrence M. Krauss The Greatest Story Ever Told—So Far [Die größte Geschichte, die jemals erzählt wurde – bis jetzt] (Atria Books) von 2017.

Ein Nichts ergibt keinen Sinn. Es ist unmöglich, sich ein Nichts vorzustellen – nicht nur keinen Raum, keine Zeit, Materie, Energie, kein Licht, keine Dunkelheit, keine bewussten Wesen, um das Nichts wahrzunehmen, sondern nicht einmal das Nichts als solches. So gesehen ist die Frage im eigentlichen Wortsinn un(vor)stellbar.  

Das Nichts ist etwas.

Es ist ein logischer Irrtum, über „Nichts“ zu sprechen als wäre es ein „Etwas“, das aufhört, zu existieren. Hier stoßen wir auf das Problem, zu definieren, was wir mit „Nichts“ meinen, und auf die Beschränkungen, welche die Sprache dem Problem auferlegt. Der bloße Vorgang des Sprechens über „Nichts“ macht es zu einem „Etwas“. Andernfalls – worüber sprechen wir überhaupt?

Das Nichts würde die Nichtexistenz Gottes beinhalten.

In der Systematik der „Nichtse“, die Leslie und Kuhn aufgestellt haben, listen sie auf, welche Kategorien von Dingen unter „Etwas“ einsortiert werden könnten, das sich durch „Nichts“ negieren ließe: Körperliches, Gedankliches, Platonisches, Geistiges, und Gott. Wenn mit „Nichts“ beispielsweise keine physischen Objekte oder Materie jedweder Art gemeint sind, so kann dennoch Energie existieren, aus der durch natürliche Kräfte, gelenkt durch Naturgesetze, Materie entstehen könnte. Physiker beispielsweise reden davon, dass der leere Raum von virtuellen Teilchen wimmelt, aus denen Paare von Materie und Antimaterie als Folge der Unschärferelation der Quantenphysik hervorgehen. Aus diesem „Nichts“ können Universen „explodieren“.

Das Nichts schließt die Schöpfung ex nihilo aus.

Wenn mit „Nichts“ gemeint ist, dass keine physische, geistige, platonische oder unkörperliche Einheit jeglicher Art existiert, dann kann es auch keinen Gott – oder Götter – geben, was bedeutet, dass es nichts außerhalb des Nichts gibt, aus dem etwas entstehen könnte. Dies widerlegt das christlich-theologische Argument, dass Gott das Universum ex nihilo, d.h. „aus dem Nichts“ geschaffen habe, basierend auf der Übersetzung von Gen. 1.1: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Das ist irreführend. Neuere Forschungen weisen darauf hin, dass das hebräische Wort für „Schöpfung“ in Gen. 1.1 bara (ברא ) lautet – ein Verb, das genauer übersetzt „absondern“ oder „zerteilen“ bedeutet. Gen. 1.1 sollte also heißen: „Am Anfang schied Gott Himmel und Erde.“ Wovon er es schied, wird nicht gesagt.

Das Nichts ist instabil, das Etwas ist stabil.

Wenn man fragt, warum überhaupt etwas existiert, setzt man voraus, dass „Nichts“ der natürliche Zustand der Dinge sei, so dass „Etwas“ einer Erklärung bedürfe. Vielleicht ist aber „Etwas“ der natürliche Zustand der Dinge, und „Nichts“ wäre das aufzudeckende Geheimnis. In seiner beeindruckenden Erzählung „The Greatest Story Ever Told—So Far“, eine Fortsetzung seines 2012 erschienenen Buches „A Universe from Nothing“, bemerkt Krauss, Einstein sei „einer der ersten Physiker gewesen, die zeigten, dass die herkömmliche Vorstellung von Schöpfung in der Quantenwelt zu versagen beginnt.“ Auch wenn viele Physiker der Idee widersprachen, dass Etwas aus Nichts entstehen könne, bemerkt er, dass „es genau das ist, was mit dem Licht geschieht, das Sie verwenden, um diese Seite zu lesen: Elektronen in angeregten Atomen senden Photonen aus – Photonen, die zuvor nicht existierten –, spontan und ohne bestimmte Ursache. Warum konnten wir uns einigermaßen mit der Vorstellung anfreunden, dass Photonen ohne Ursache aus dem Nichts entstehen können, nicht aber ganze Universen?“

Eine der Antworten hat mit unserem Unbehagen gegenüber dem kopernikanischen Prinzip zu tun, das besagt, dass wir nichts Besonderes sind. Wir bevorzugen religiöse und menschenbezogene Erklärungen, dass das Universum für uns geschaffen und konzipiert wurde, denn sie stellen uns wieder anthropozentrisch in den Mittelpunkt des Kosmos – es dreht sich alles um uns. Doch 500 Jahre wissenschaftlicher Entdeckungen haben gezeigt, dass es um uns überhaupt nicht geht. Dadurch könnten wir zu einer Betrachtungsweise gelangen, die den religiösen und den wissenschaftlichen Antrieb in einem Gefühl der Ehrfurcht vereinigt, wie man es bei der Betrachtung des Nichts gewinnt.

Übersetzung: Klaus Miehling

Michael Shermer ist Buchautor, Gründer und Herausgeber des „Sceptic Magazine“ und schreibt für die Zeitschrift „Scientific American“.

http://www.michaelshermer.com/​
http://www.skeptic.com/

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Kommentare

  1. userpic
    Norbert Schönecker

    "Vielleicht ist aber „Etwas“ der natürliche Zustand der Dinge, und „Nichts“ wäre das aufzudeckende Geheimnis."

    Dann wären wir wieder bei einem ewigen Universum, dessen "Abschaffung" durch Lemaitres Urknalltheorie von vielen Atheisten heftig bekämpft oder zumindest bedauert worden ist.

    Soviel ich weiß, hatte aber die Zeit selbst nach derzeit gängiger physikalischer Lehrmeinung einen Beginn - nämlich beim Urknall. Dann wäre die nächste spannende Frage, ob es jemals ("vor" dem Urknall, sozusagen) einen zeitlosen Zustand des Universums gegeben hat, wo es dennoch "etwas" gab? Und ob ohne Zeit eine Veränderung dieses "Etwas" möglich ist? Oder ob die Zeit sich selbst in Gang setzen kann? Und ob es überhaupt eine Zeitdimension gibt, oder ob sie nur eine "hartnäckige Illusion" ist?

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      Klarsicht

      Siehe auch:
      Eine Teilrasur des christlichen Weltbildes mit „Ockhams Rasiermesser“ (1):
      http://de.richarddawkins.net/articles/eine-teilrasur-des-christlichen-weltbildes-mit-ockhams-rasiermesser-1

      Gruß von
      Klarsicht

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      1. userpic
        Jacob Michailsen

        Zitat: "Das Nichts ist instabil, das Etwas ist stabil"
        Komische These, eigentlich wird es andersrum gesehen.
        Eine gängige und gut begründete These ist, dass das Etwas instabil ist. Also nicht nur Sterne, Planeten, Atome... sonder auch der Raum und die Zeit selber.
        Diese These geht Hand in Hand mit der gängisten und sinnigsten Erklärung, wie es zum Urknall gekommen sein könnte.
        Urknall durch falsche Phase eines Energiefeldes -> das "Etwas / Universum" expandierende Konsequenz der falschen Phase. Folge: Das Etwas / Universum befindet sich in der falchen Phase und strebt an wieder in die Richtige Phase zu finden und könnte sich durch Vacuum Decay selber auslöschen, wenn es sich wieder in die richtige Phase verlagert.

        Hier mal 2 Links dazu:
        https://www.youtube.com/watch?v=hrJViSH6Klo
        https://www.youtube.com/watch?v=ijFm6DxNVyI

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