Was eigentlich ist Wahrheit?

Wie man Behauptungen bewerten sollte – sogar die von der Auferstehung.

Was eigentlich ist Wahrheit?

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Nach der ersten Definition des Oxford English Dictionary ist ein „Skeptiker“ „jemand, der meint, dass es keine sichere Gewissheit für die Wahrheit irgendeiner These gibt.“

Das ist zu nihilistisch. Es gibt viele Thesen, für die wir ausreichende Gründe haben, sie als wahr zu betrachten:

In dieser Ausgabe des Scientific American gibt es 84 Seiten. Bewiesen durch Beobachtung.

Dinosaurier starben vor ungefähr 65 Millionen Jahren aus. Wahr durch wiederholte Überprüfung radiometrischer Datierungen vulkanischer Ablagerungen ober- und unterhalb der Fundorte von Dinosaurier-Fossilien.

Das Universum begann mit einem Urknall. Bewahrheitet durch die zusammenfassende Bewertung von Phänomenen verschiedener Art, wie die kosmische Hintergrundstrahlung, das Vorherrschen leichter Elemente (wie Wasserstoff und Helium), die Verteilung der Galaxien, die Makrostruktur des Kosmos, die Rotverschiebung der meisten Galaxien und die Ausdehnung des Raumes.

Diese Thesen sind „wahr“ in dem Sinn, dass die Indizien so wesentlich sind, dass es unvernünftig wäre, seine vorläufige Zustimmung zu verweigern. Es ist nicht unmöglich, dass die Dinosaurier erst vor wenigen tausend Jahren ausstarben (wobei das Universum vor erst 10.000 Jahren erschaffen worden wäre), wie „Junge-Erde“-Kreationisten glauben, aber es ist so unwahrscheinlich, dass wir unsere Zeit nicht damit zu verschwenden brauchen, es in Betracht zu ziehen. 

Es gibt auch negative Wahrheiten wie die Nullhypothese der Wissenschaft, nach welcher gilt, dass bestimmte Zusammenhänge nicht existieren, solange sie nicht bewiesen sind. Diese Hypothese sagt beispielsweise, dass unter den zehntausenden Emails, Dokumenten und Dateien der Regierung, die in den letzten Jahren unautorisiert veröffentlicht wurden, kein einziger Hinweis auf ein entdecktes UFO, eine vorgetäuschte Mondlandung oder eine Behauptung, dass die Terroranschläge vom 11. September von der Regierung Bush organisiert worden seien, zu finden ist. Hier ist das Fehlen von Beweisen der Beweis des Fehlens.      

Andere Thesen sind nur durch subjektive Bewertung wahr: Dunkle Schokolade ist besser als Milchschokolade; Led Zeppelin’s „Stairway to Heaven” ist das beste Lied der Rockmusik; die Bedeutung des Lebens hängt von der Zahl 42 ab. Diese Arten der Wahrheit sind rein subjektiv und lassen sich daher von anderen nicht überprüfen. In der Wissenschaft aber brauchen wir eine Bestätigung von außen. 

Wie verhält es sich mit religiösen Wahrheiten? Die These, dass Jesus gekreuzigt wurde, könnte durch historische Überprüfung wahr sein, insofern als ein Mann, den wir Jesus von Nazareth nennen, vermutlich existierte, die Römer Menschen selbst für geringere Vergehen kreuzigten, und die meisten Bibelforscher – selbst die Atheisten und Agnostiker unter ihnen, wie der anerkannte Theologieprofessor Bart Ehrman an der Universität von North Carolina – dieser Tatsache zustimmen. Dagegen ist die These, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist, eine auf Glauben beruhende Behauptung ohne schlüssige Bestätigung durch Erkenntnisse. Dazwischen liegt Jesu Auferstehung, die nicht unmöglich, aber ein Wunder wäre, wenn es sie gegeben hätte. Gab es sie?

Das Fehlen eines Beweises ist der Beweis des Fehlens

Das Prinzip der Verhältnismäßigkeit erfordert außergewöhnliche Beweise für außergewöhnliche Behauptungen. Von den etwa 100 Milliarden Menschen, die vor uns lebten, sind alle gestorben und keiner ist zurückgekommen, also ist die Behauptung, dass einer (oder mehrere) von ihnen von den Toten auferstand, ungefähr so außergewöhnlich wie überhaupt etwas sein kann. Stehen die Beweise in einem angemessenen Verhältnis zur religiösen Überzeugung?

Wie der Philosoph Larry Shapiro an der Uni­versität von Wisconsin in Madison in seinem 2016 veröffentlichten Buch The Miracle Myth (Der Mythos vom Wunder, Columbia University Press) schreibt, sind „Beweise für die Auferstehung in keiner Weise annähernd so vollständig oder überzeugend wie solche, auf die sich Historiker stützen, um den Glauben an andere geschichtliche Ereignisse wie etwa die Zerstörung Pompejis zu begründen.“

Weil Wunder weitaus unwahrscheinlicher als gewöhnliche historische Vorkommnisse wie Vulkanausbrüche sind, „müssen Indizien, die den Glauben an sie rechtfertigen, um ein Vielfaches stärker als jene sein, mit denen wir unseren Glauben an gewöhnliche historische Ereignisse begründen. Aber sie sind es nicht.“   

Wie verhält es sich mit den Augenzeugen? Vielleicht „waren sie abergläubisch oder leichtgläubig“ und sahen, was sie sehen wollten, meint Shapiro. „Vielleicht berichteten sie nur, Jesus 'im Geist' gespürt zu haben, und über die Jahrzehnte wurde ihr Zeugnis verändert, um den Anschein zu erwecken, sie hätten Jesus in seinem Leib gesehen. Vielleicht gab es in den ursprünglichen Evangelien keinerlei Hinweise auf die Auferstehung, und sie wurden in späteren Jahrhunderten hinzugefügt. Jede dieser Erklärungen für die Beschreibungen von Jesu Auferstehung in den Evangelien wäre weitaus wahrscheinlicher als die Möglichkeit, dass Jesus tatsächlich drei Tage nach seinem Tod ins Leben zurückgekehrt ist.“

Das Prinzip der Verhältnismäßigkeit bedeutet auch, dass wir die wahrscheinlichere Erklärung gegenüber den unwahrscheinlicheren bevorzugen müssen, und wahrscheinlicher sind jene Alternativen mit Sicherheit.

Vielleicht schwieg Jesus deshalb, als Pilatus ihn fragte (Joh. 18,38): „Was ist Wahrheit?“

Übersetzung: Klaus Miehling

Michael Shermer ist Buchautor, Gründer und Herausgeber des „Sceptic Magazine“ und schreibt für die Zeitschrift „Scientific American“.

http://www.michaelshermer.com/​
http://www.skeptic.com/

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