Was kostet der Kirchenaustritt?

Katharina Nocun, die ehemalige politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, will aus der Kirche austreten. Über ihre Gründe dazu schrieb sie einen Artikel, den der hpd ebenfalls veröffentlicht.

Was kostet der Kirchenaustritt?

Ich werde noch in dieser Woche aus der Kirche austreten. Diese Entscheidung zu treffen war nicht einfach. Nicht etwa aus religiösen Gründen, sondern aus ganz praktischen Überlegungen heraus. In Sachen Kirchenaustritt bin ich in guter Gesellschaft. In Deutschland ist die Zahl der Kirchenmitglieder seit den Fünfzigerjahren von 90 Prozent auf derzeit 58,8 Prozent gesunken. Doch wer denkt, mit der Kirchensteuer entziehe man der Kirche die finanzielle Unterstützung, der irrt. Das Schweigen der Politik zu den Sonderrechten der Kirchen muss gebrochen werden.

Der zweitgrößte Arbeitgeber Deutschlands genießt Sonderrechte

Fakt ist: Wer aus der Kirche austritt, muss sich im Jahr 2014 nach Christus immer noch Gedanken über die berufliche Zukunft machen. Denn mit einer Millionen Angestellten sind die großen Kirchen nach dem Staat zweitgrößter Arbeitgeber in Deutschland. Bei vielen Taufen erwachsener Menschen spielt mittlerweile die Berufswahl eine tragende Rolle. Die passende Kirchenmitgliedschaft ist besonders in Schulen und Kindergärten noch immer ein wichtiges Einstellungskriterium. Ganz offen kann die Kirche Bewerber ablehnen, die geschieden sind und sich in einer neuen Partnerschaft befinden oder in anderer Hinsicht nicht nach kirchlichen Moralvorstellungen leben.

Bei dem Arbeitsrecht der Beschäftigten bei kirchlichen Trägern hört die Nächstenliebe auf. Erst dank intensiver Anstrengungen von ver.di gibt es bei einigen Einrichtungen der Diakonie seit Neuestem echte Tarifverträge mit Beteiligung von Gewerkschaften. Mittlerweile gilt das Streikverbot nicht mehr vollständig und die Beschäftigten der Kirchen dürfen zumindest eingeschränkt protestieren. Das sind alles Reformen, die durch Gewerkschaften und Gerichte erstritten wurden. Die auf antikem Recht beruhenden Sonderregelungen werden in der Politik fraktionsübergreifend nicht angerührt - man will es sich nicht mit den Kirchen verderben. Doch wer aus der Kirche austritt, um ein Zeichen gegen die Beschäftigungspolitik der Kirchen zu setzen, wird wahrscheinlich nicht gehört werden.

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Kommentare

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    Aleksandra Holopainen

    Ich bin mit 16 ausgetreten und habe es nie bereut.
    Leider hat die Kirche immer noch viel zu viel Macht in diesem Land!
    Ein wichtiger Schritt wäre die Abschaffung der Kirchensteuer.
    In den meisten anderen Ländern gibt es das nicht, dass der Staat für irgendeine religiöse Organisation den Geldeintreiber macht!

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      Bernd Kammermeier

      Es gibt einen Punkt, an dem das bisherige System der "Konfessionserpressung" kippt.

      Spätestens, wenn über 50% in Deutschland konfessionsfrei sind, beschleunigen sich die Austritte, weil alle Kirchen sich selbst in ihrer Gesamtheit (die inzwischen frecher Weise so gerechnet wird) nicht mehr als "Mehrheit" sehen können. Das Verständnis, Kirchen als Gebäude dann noch offen zu halten, wird sinken, der Unmut über die Dotationen aus allgemeinem Steueraufkommen wird steigen und dann wird es für kirchliche Einrichtungen sehr schwer, überhaupt noch geeignetes Personal zu bekommen.

      Heute schon klagen kirchliche Krankenhäuser über den Mangel an qualifizierten Ärzten.
      Und wenn es dann eines nicht allzu fernen Tages sogar von Vorteil sein sollte, eben nicht in diesen moralinsauren Organisationen geistlich gefangen zu sein, werden die Mitgliederzahlen purzeln wie Karten eines Kartenhauses, dem sein Fundament genommen wurde.

      Noch eins, zwei Skandale (die so sicher kommen werden, wie es wieder Vollmond geben wird) in Zusammenhang mit den Kirchen und die schiefe Ebene wird erreicht.
      Für diese Zeit müssen wir gewappnet sein und ein alternatives Gesellschaftsmodell parat haben, sonst besteht die Gefahr, dass dubiose Kräfte in dieses Vakuum stoßen.

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