Zuckerbrot und Peitsche: Franziskus‘ Versöhnungs-Trip

Papst Franziskus ist auf mich zugegangen. Nein, nicht nur auf mich. Auf alle Homosexuellen, aber auch auf die Armen, die Benachteiligten und Schwachen. Auf alle, die die katholische Kirche in ihrer Vergangenheit verletzt haben könnte.

Zuckerbrot und Peitsche: Franziskus‘ Versöhnungs-Trip

Bild: https://pixabay.com/de/papst-francis-rom-religion-707390/

Da scheint es vielleicht ganz praktisch, dass man nicht ins Detail geht. Es könnte länger dauern, bis diese Liste abgearbeitet ist.

Doch was soll ich nun mit dieser Geste, mit der Handreichung? „Danke und auf Wiedersehen, Herr Pontifex!“? Irgendwie wäre mir danach, denn ich weiß nicht wirklich, wie ich mit solch einer öffentlichkeitswirksamen Schau umgehen will. Die katholische Welt steht fast Kopf, aber auch ein bisschen die Protestanten, die Orthodoxen und andere Gläubige. Sie sind begeistert von diesem Schritt, den Franziskus gegangen ist. So emotional, so leidenschaftlich, so selbstlos. Und dann auch noch solch eine Barmherzigkeit, solch eine Gnade!

Ja, genau das ist das Problem. Wieder werde ich den Gedanken nicht los, dass dort ein älterer Mann vor mir steht und dem kleinen, hilflosen und in seiner persönlichen Entwicklung so entglittenen, schwulen Ungläubigen nochmals deutlich macht, wie arm dran er doch ist und dass man über all seine Sünde hinwegsehen könne – denn dieser, der Schöpfungsgeschichte entflohene und verlorene Sohn kann ja eigentlich nichts für seine Situation, er will eigentlich nur spielen, seinen Schnuller zurück und möglichst bald wieder Sex.

Eine Bitte um Verzeihung sieht für mich anders aus. Denn sie ist mit Glaubwürdigkeit verbunden. Mit dem Zugeständnis, dass das, was passiert ist, eben nicht noch einmal vorkommen wird. Bei Franziskus dagegen, da will ich es nicht wahrhaben. Mir scheinen seine ständigen Vorstöße des Samariters wie ein Locken und Reizen mit Zuckerbrot und Peitsche. Eine Entschuldigung, damit die Menschheit jubelt – und dann die Einschränkung, dass man an den Normen eigentlich nichts ändern wolle. Der Schwule, die Lesbe, sie bleiben also irgendwie die Schmuddelkinder, nicht nur der katholischen Kirche.

Es ist eine geschickte PR, die Franziskus da fährt. Er erweckt den Anschein, dass auch Rom die Menschenwürde schätzt und die Homosexuellen entsprechend als Geschöpfe des Herrn respektiert. Ob damit aber ebenso gleiche Rechte verbunden sind, Toleranz und Akzeptanz, damit tut sich nicht nur der Papst schwer. Denn über die konservative Exegese der Heiligen Schrift kann auch er nicht hinwegsehen – und betrachte ich den ehemaligen Erzbischof auf alten Videos, dann wollte er schon damals nicht an der Überzeugung rütteln, wonach Schwule und Lesben per se in der Abkehr von Gottes Wort leben.

Wer um Vergebung bittet, der sollte auch etwas dafür anbieten. Und es ist sicher nicht der herunterschauende Blick des Mitleids, der überzeugt. Es wäre die bedingungslose Annahme, die Jesus eigentlich auch formuliert. Doch Franziskus, aber ebenso viele deutsche Würdenträger, schaffen es nicht, ohne sich noch eine kleine Hintertür offen zu lassen. Erst, wenn sie mit der Gutheißung eines jeden Menschen auch die Freiheit verbinden, die Verantwortung für das – meinetwegen auch gläubig geführte – Privatleben des Einzelnen ohne dogmatische Vorgabe in die Hand des Gegenübers zu legen und gerade dann noch zu ermutigen: „Du sollst ein Segen sein!“ (1. Mose 12,2), könnte das was mit Versöhnung werden. Bis es aber so weit kommt, brauche ich wohl wirklich noch ein Leben nach dem Tod…

Kommentare

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    Norbert Schönecker

    Die oberste Maxime für die Kirche besteht darin, den Willen Gottes zu verkünden und zu erfüllen, so gut wir können.
    Manchmal ist das leicht. Zum Beispiel bei "Du sollst nicht morden." Naja, so leicht auch wieder nicht, wenn man an Themen wie "Todesstrafe" oder "gerechter (?) Krieg" denkt. Aber beim Verbot von Raubmord sind wir uns wohl alle einig.
    Beim Verbot der Homosexualität ist es schwieriger. Hier ist nämlich die Bibel (insbesondere das Alte Testament, das Neue mit Abstrichen) ganz eindeutig: Gott will das nicht. Nur: Warum? Im Gegensatz zum Verbot des Mordes leuchtet das dem modernen Menschen nicht recht ein. Der fragt nämlich sofort danach, welches Leid ein Verbot verhindern soll. Und eine gute homosexuelle Partnerschaft samt dazugehöriger sexueller Aktivität schaffft kein Leid, sondern ganz im Gegenteil Glück für alle Beteiligten (so sagen die Betroffenen, und ich kenne keine gegenteiligen Belege, also wird es wohl stimmen).
    Das Naturrecht heranzuziehen, wie es Apologeten gerne tun, hilft nur wenig. Natürlich: Den biologisch ersten Zweck der Sexualität - Zeugung von Nachkommenschaft - kann ein homosexuelles Paar nicht erfüllen. Aber es gibt auch Menschen, die auf einem Laufband joggen, ohne sich vom Fleck zu rühren, obwohl genau das doch der natürliche Zweck des Laufens wäre. Das wird auch nicht als Verstoß gegen das Naturrecht angeprangert. Und selbst das etwas verwerflichere "zuerst fressen, was reingeht, dann erbrechen, um nochmal essen zu können" wurde nie derart erbittert verfolgt wie die Homosexualität, obwohl es mindestens genauso unnatürlich ist.
    Wir (zumindest ich) wissen also nicht, worin der Schaden der Homosexualität besteht. Jedenfalls nicht in der Gegenwart, wo doch global gesehen die Überbevölkerung ein ernsthaftes Problem darstellt. Aber die Bibel, die konstituierende Schrift des Christentums, lehrt: Gott will das nicht. Man muss schon sehr krampfhaft spitzfindig exegetisieren, um zu einem anderen Ergebnis zu kommen (jedenfalls für das Alte Testament, beim Neuen geht es mit etwas kleineren Verrenkungen).
    Für die Katholische Tradition, die eine gleich große Rolle spielt wie die Bibel, gilt zudem klipp und klar: Die Kirche hat homosexuelle Betätigung in ihrer Lehre immer und überall ausgeschlossen. Diese Tradition ist verbindlich.
    Der Papst kann (und will wahrscheinlich) diese Lehre nicht ändern.
    Was er aber kann (und wahrscheinlich auch will) ist dieses: diesen Teil der Katholischen Morallehre auf seine angemessene Wichtigkeit herabschrauben. In den Evangelien ist von Sexualmoral sehr wenig und von Homosexualität gar nicht die Rede. Dafür viel von Gerichtigkeit und noch viel mehr von Demut. Nicht die Sünder, schon gar nicht die Homosexuellen, bringen Jesus auf die Palme, sondern die Heuchler. Franziskus redet deshalb folgerichtig nicht davon, dass die Homosexuellen Vergebung brauchen. Nein die Kirchenvertreter (also er und alle Bischöfe und Priester, auch ich) brauchen Vergebung. Wir brauchen viel mehr davon als "einfache" Gläubige, weil wir predigen und unseren eigenen Predigten nie gerecht werden.
    Es steht uns also nicht zu, zu verurteilen. Dazu hat Jesus uns stets ermahnt.
    Es steht uns aber auch nicht zu, Gottes Wort eigenmächtig zu ändern. Wir sind dazu verpflichtet, Gottes Wort zu verkünden und dem Gewissen der Zuhörer zu überantworten.
    Den Fehler mit dem Verurteilen, bis hin zu weltlicher Justiz, hat die Kirche in der Geschichte oft begangen. Das soll nicht dazu führen, jetzt, sozusagen zum Ausgleich, in den zweiten Fehler zu verfallen.

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      Hard Frost

      "Wir brauchen viel mehr davon als "einfache" Gläubige, weil wir predigen und unseren eigenen Predigten nie gerecht werden" - ??? Ja, dann sollen sie's doch einfach lassen...

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        Dirk Buschmann

        Es ist immer wieder überraschend, wie hypersensibel "Ungläubige" auf Äußerungen irgendeines Religionsvertreters reagieren. Schließlich kann es einem doch egal sein, was der Typ auf der anderen Straßenseite gerade über einen denkt. Aber es ist nun mal so: Man braucht keinen Gott, um Fundamentalist oder radikal zu sein. Es braucht nur eine Weltanschauung, mit der man sich nicht nur identifiziert sondern infiziert, um bereit zu sein, den Typ auf der anderen Straßenseite den Kopf einzuschlagen. Der Atheismus ist dafür ebenso geeignet wie jede x beliebige Religion

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