Der Gotteswahn und seine Kritiker (2)

Wenn es für eine Position ein Übergewicht an Argumenten gibt, dann ist es kein Dogmatismus, diese vorzuziehen. Speziell Dogmatiker urteilen oft sehr vorschnell, wenn sie eine andere Ansicht als »dogmatisch« bezeichnen, ohne zu bedenken, dass wenn jede Meinung so beschrieben wird, der Begriff jeden Sinn verliert.

Der Gotteswahn und seine Kritiker (2)

Wenn wir also sehen, dass es bei Gottgläubigen keine gültigen Rechtfertigungen für ihren Glauben gibt, aber sehr wohl valide Beweise dagegen, dann ist Atheismus keine Folge einer Dogmatik. Dass es keine Beweise gegen Gott geben kann, ist eine einseitige Position, die zudem nur für eine bestimmte Klasse von Göttern gilt.

Wenden wir uns nun einem anderen Einwand zu, der gegen das Buch »Der Gotteswahn« von Richard Dawkins erhoben wird, und zwar nicht nur von Gläubigen. Warum hat Dawkins den Glauben an Gott als einen »Wahn« bezeichnet?

Es gibt bei Psychologen und Psychiatern eine gemeinsame Definition der Bezeichnung »Wahn«. Eine Vorstellung gilt als wahnhaft, wenn folgende drei Kriterien erfüllt sind:

1. Es muss sich um eine starke, subjektive Überzeugung handeln.
2. Diese muss unkorrigierbar sein, d. h., sie ist weder durch Fakten noch durch Argumente widerlegbar.
3. Der Inhalt der Ansicht ist entweder logisch unmöglich, oder sehr unwahrscheinlich.

Gerade bei Fundamentalisten kann man das erste Kriteriums als gegeben ansehen. Das zweite ist ebenso erfüllt, denn es wird ja behauptet, dass es keine Möglichkeiten gibt, die Nichtexistenz von Gott zu beweisen! Das ist aber ein Bestandteil des Glaubens selbst. Die meisten Theisten kennen nicht einmal die Argumentationen, die gegen Gott vorgebracht werden bzw. ignorieren sie, weil es sie angeblich nicht geben kann. Meist beschäftigt man sich nicht damit, aber was immer auch der Anlass dafür ist, es bestätigt, dass das zweite Merkmal zutrifft.

Dem dritten Kennzeichen wird Genüge getan durch den von Dawkins vorgebrachten Beweis, der für die Unwahrscheinlichkeit des Existenz Gottes spricht. Man kann diesem dritten Grund nicht dadurch widersprechen, dass man die Beweisführung ignoriert oder ohne weiteres abtut.

Man kann dies auf verschiedene Weise begründen:

1. Nichtexistenz ist immer wahrscheinlicher als Existenz. Deswegen existiert Ockhams Rasiermesser: Man sollte nicht ohne Grund die Anzahl der Entitäten erhöhen.

2. Je fantastischer die Eigenschaften eines Sachverhalts sind, umso geringer die Wahrscheinlichkeit, dass dieser besteht. Dass es eine Person namens Hans Otto Mayer gibt, ist hoch wahrscheinlich (obwohl ich den Namen gerade erfunden habe). Dass dieser Mensch blonde Haare hat und grüne Augen schon weniger. Dass aber dieser Herr ein reiner Geist ist (so etwas hat man noch nie beobachtet) und telekinetische Fähigkeiten besitzt und Gedanken lesen kann, ist so weit abseits aller Erfahrung, dass man mit Sicherheit davon ausgehen kann, dass ich mir das nur ausgedacht habe. Die Eigenarten Gottes sind allerdings noch sehr viel phänomenaler.

3. Die Gläubigen haben keine einheitliche Definition oder Vorstellung von Gott. Das ist ein guter Beweis dafür, dass er eine Erfindung ist.

4. Es gibt eine Reihe von Argumenten, die zeigen, dass die Merkmale Gottes in sich widersprüchlich sind. Demnach wäre seine Existenz logisch unmöglich.

Somit sind alle drei Kriterien erfüllt, es ist daher berechtigt, von einem »Wahn« zu reden. Wir reden beispielsweise von einem Hexenwahn, weil ebenso die drei aufgeführten Teile der Definition erfüllt waren:

1. Es gab Leute, die sehr stark davon überzeugt waren, dass es Hexen gab.
2. Man erkannte keine Gegenbeweise an. Wie sollte eine Frau auch beweisen, dass sie keine Hexe war? Das war unmöglich!
3. Die angeblichen Eigenschaften einer Hexe waren sehr unwahrscheinlich.

Hier ist es so, dass die Unkorrigierbarkeit des Glaubens zu schwerem Schaden geführt haben – Menschen wurden deswegen umgebracht. Dass gerade innerhalb des Christentums sich ein solcher Wahn Bahn brechen konnte, ist ein weiteres Argument dafür, dass das Rahmenwerk selbst wahnhafte Züge aufwies. Der Glauben an Gott selbst richtet noch keinen Schaden an, wir betrachten einen Wahn erst dann als behandlungsbedürftig oder gefährlich, wenn er bei den Betroffenen oder Dritten zu Leid führt. Das ist aber keine Voraussetzung für die Klassifikation!

Es ist der Definition nach also korrekt, wenn man den Glauben an Gott als einen »Wahn« bezeichnet. Es spielt keine Rolle, ob nur einer oder die Mehrheit daran leidet. Es macht auch keinen Unterschied, wenn die Betreffenden nicht darunter leiden, sondern sich wohl damit fühlen.

Es ist übrigens auch nicht so, dass die Psychiater die objektive Rechtfertigung für den Titel bestritten haben. Sie waren nur der Meinung, dass es kontraproduktiv sei, den Menschen das vor Augen zu führen. Es gibt eine gewisse Scheu davor, den Leuten die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, bzw. eine Ansicht, die sie als unangenehm empfinden könnten. Das gilt ganz besonders für Religionen, die gerne einen »außerordentlichen Respekt« einfordern.

Man darf, so entspricht es der allgemeinen Auffassung, zwar für sich sagen, dass die Religion des anderen falsch ist. Aber es wäre unhöflich, dies öffentlich zu äußern! In diesem Sinne ist Wissenschaft immer wenig galant: Es gehört zu ihren Prinzipien, den Mitmenschen rundheraus  zu sagen, wenn man Gründe gefunden hat, eine Anschauung für falsch zu befinden.

Nun verhält es sich so, dass zwar die Juden sagen, dass die Christen und Muslime einer falschen Religion anhängen, und die Christen denken dasselbe von der jüdischen und islamischen Sichtweise, während wiederum die Muslime das Gleiche von Juden und Christen meinen. Aber ausgerechnet die Atheisten, die allen drei Gruppen zustimmen, sollen das nicht sagen dürfen? Das ist eine sehr befremdliche Ansicht von Meinungsfreiheit.

Man darf den öffentlichen Frieden nicht stören. Da fragt man sich doch gleich, wieso sich Christentum und Islam als friedlich bezeichnen, wenn sich deren Getreue so leicht durch Meinungsäußerungen stören lassen, dass sie unfriedlich werden! Man könnte es den Religiösen fast abnehmen, an sich gutmütige Menschen zu sein, wenn nicht diese schnelle Gereiztheit zu bemerken wäre. Zudem ist diese allgemeine Kritikunfähigkeit ein Zeichen dafür, dass das zweite Kriterium erfüllt ist, und es deutet darauf hin, dass man sich nicht so sicher ist, wie man vorgibt. Schnell beleidigt zu sein gehört jedenfalls nicht zu den Charakterzügen, die ich von friedlichen Personen erwarte. Es ist eher ein Charakteristikum von Leuten mit psychischen Problemen, die nicht in sich gefestigt sind und einen Mangel an Gelassenheit besitzen. Was waren noch mal gleich die Vorteile der Religion?

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