Menschenaffen mit großem Gehirn: Was macht uns menschlich?

Oberflächlich betrachtet haben wir Menschen mit anderen Spezies eine Menge gemein – aber keine andere Spezies stellt Autos, Computer und Mähdrescher her.

 

Die Menschen gehören zu den Tieren. Wir sind keine Pflanzen und keine Bakterien, wir sind Tiere. Bei den Tieren zählen wir zu den Menschenaffen, genauer gesagt, zu den afrikanischen Menschenaffen. Die anderen afrikanischen Menschenaffen – Schimpansen, Bonobos und Gorillas – sind näher mit uns als mit den anderen asiatischen Menschenaffen verwandt, den Orang-Utans und Gibbons.

Eine Art zu begreifen, was uns zu Menschen macht, ist daher die Frage: „Was unterscheidet uns von den anderen Menschenaffen und vom Rest des Tierreichs?“ Was ist so besonders an uns? Zum Beispiel gehen wir, im Unterschied zu all den anderen Menschenaffen, auf zwei Beinen, und das befreit unsere Hände, die alles Mögliche machen können, was die anderen Menschenaffen nicht können. Und (vielleicht stehen diese zwei Dinge miteinander in Verbindung) wir haben ein viel größeres Gehirn als die anderen Menschenaffen.

Es gibt eine andere Möglichkeit, die Frage „Was macht uns menschlich?“ zu interpretieren, mit der ich mich nicht beschäftigen werde, obwohl sie wichtig ist. Was macht uns menschlich? Was sind die Eigenschaften, die wir bewundern und anstreben: Eigenschaften, die uns menschlich machen und nicht bestialisch.

Wir haben ein großes Gehirn. Andere Spezies verfügen über andere Eigenschaften. Mauersegler und Albatrosse können beeindruckend gut fliegen, Hunde und Rhinozerosse riechen, Fledermäuse hören, Maulwürfe, Erdferkel und Wombats graben. Menschen sind nicht gut in diesen Dingen. Aber wir haben ein sehr großes Gehirn, wir können gut denken, uns erinnern, berechnen, uns Dinge vorstellen, sprechen. Andere Spezies können kommunizieren, aber keine andere hat wahre Sprache mit offener Grammatik. Keine andere Spezies hat Literatur, Musik, Kunst, Mathematik oder Wissenschaft. Keine andere Spezies bringt Bücher hervor, oder so komplizierte Maschinen wie Autos, Computer und Mähdrescher. Keine andere Spezies widmet einen enormen Anteil ihrer Zeit Dingen, die nicht direkt dem Überleben oder der Reproduktion dienen.

Unser einzigartig großes Gehirn entstand, nachdem wir den Gang auf zwei Beinen entwickelt hatten. Wir können heutzutage unsere Abstammung mithilfe einer ziemlich kontinuierlichen Serie an Fossilien zurück verfolgen, und können mit Zuversicht sagen, dass unsere Vorfahren vor drei Millionen Jahren Angehörige der Gattung Australopithecus waren. Der bekannteste Australopithecus ist Lucy – so benannt, weil der Plattenspieler des Camps in Äthiopien „Lucy in the Sky with Diamonds“ von den Beatles schmetterte, als die Fossilienjäger mit der bedeutsamen Nachricht von ihrem Fund zum Camp zurückkehrten. Lucys Gehirn war so groß wie das eines Schimpansen, aber sie ging auf ihren Hinterbeinen. Es ist vermutlich kein Zufall, dass unser Gehirn anzuschwellen begann wie ein evolutionärer Luftballon, nachdem unsere Hände von der Bürde des Gehens befreit worden waren und sich darauf konzentrieren konnten, Nahrung zu sammeln oder Werkzeuge zu herzustellen.

Aber die Menschen zeigten erst vor kurzer Zeit, wie besonders sie wirklich sind. Vor fünfzigtausend Jahren hatten wir den gleichen Körper und das gleiche Gehirn wie heute, und wahrscheinlich hatten wir auch Sprache. Aber bezüglich der Kunst hatten wir nicht viel, und unsere Artefakte waren auf das Funktionelle beschränkt – Steinwerkzeuge zum Jagen und Schlachten etwa.

Das änderte sich vor etwa 40.000 Jahren, die archäologischen Belege zeigen hier ein plötzliches, prächtiges Erblühen der Kunst, sogar Musikinstrumente. Die kulturelle Evolution – die die ihr oberflächlich betrachtet ähnliche genetische Evolution, die unser großes Gehirn überhaupt erst ermöglichte, mit Leichtigkeit überholt – lief auf Hochtouren. Als nächstes folgte der Wechsel von der Lebensweise als Jäger und Sammler zum Ackerbau und zur Viehzucht, bald gefolgt von Städten, Märkten, Regierungen, Religion und Kriegen. Die industrielle Revolution erweiterte Städte zu Ballungsräumen, trieb unsere Spezies zur weltweiten (und potentiell desaströsen) Herrschaft an und sogar dazu, nach dem Mond und den Planeten zu greifen.

Gleichzeitig griff der menschliche Verstand nach dem weiteren Universum, weit über die Zeitbindung eines Menschenlebens hinaus. Wir wissen jetzt, dass die Welt, die die kurze Lebensspanne unserer Vorfahren begrenzte, ein winziger Punkt ist, der einen kleinen Stern umkreist, einen von mehreren hundert Milliarden Sternen, in einer mittelgroßen Galaxie, einer von mehreren hundert Milliarden Galaxien. Wir wissen jetzt, dass die Welt vor 4,6 Milliarden Jahren begann, und das Universum vor 13,8 Milliarden Jahren. Wir verstehen den evolutionären Prozess, der uns und jedes auf DNA beruhende Leben hervorbrachte.

Es gibt vieles, das wir noch nicht verstehen, aber wir arbeiten daran. Und der Drang, dies zu tun, ist vielleicht die inspirierendste von all den einzigartigen Eigenschaften, die uns menschlich machen.

Veröffentlicht im NewStatesman am 6.1.2014
 

Übersetzt von Daniela Bartl

 

Kommentare

Von calippus | Wednesday, 08 Jan 2014 8:26

Dazu dieser fantastische Film über die Kunst unserer Vorfahren vor mehr als 20.000 Jahren:

[http://caveofforgottendreams.de](http://caveofforgottendreams.de)

Von Joseph Wolsing | Friday, 10 Jan 2014 6:59

Aber ist es nicht eher die Kombination aus Größe und Struktur unseres Gehirns, als nur seine tatsächliche Größe? Verglichen mit dem Gehirn eines Zahnwals ist unseres nicht nur kleiner sondern auch noch dazu weniger ausgeprägt strukturiert, was eindeutig weniger Oberfläche und somit weniger neuronale Verbindungen bedeutet.. Was sagt das in Bezug auf die menschliche und die "walische" Intelligenz aus? Gibt es etwa so etwas wie ein optimales Verhältnis von Strukturiertheit und Größe, welches auch über schritten werden kann? Welchen Effekt hat das Vorhandensein der Hand mit dem oppositionierten Daumen auf die Entwicklung des Gehirns gehabt?

Der Mensch riecht nicht so gut, gräbt´nicht so effizient und fliegt nicht so schnell wie seine tierischen Planetenmitbenutzer, hat aber die Fähigkeit entwickelt, den Vorteil dieser Fähigkeiten zu erkennen und sie zu improvisieren. Wir sind eben "Mittelweltler", die gelernt haben ihre Beschränkungen zumindest teilweise zu umgehen. Es gibt kein Tier, dass ohne menschliche Hilfe sowohl in der Stratosphäre, also auch auf dem Grund des Marianengrabens war, schon gar keines, dass die Reise zum Mond geschafft hat. Der Mensch schon! Auch wenn wie von Prof. Dawkins schon angemerkt diese Fähigkeiten auch desaströse Effekte haben könnten.