Das Wissen der Naturwissenschaften

Existiert eine Begründung, dass dieses Wissen höher ist als in einem anderen Wissensbereich?

Das Wissen der Naturwissenschaften

Foto: Pixabay.com / PublicDomainPictures

Wenn man den vagen Begriff „höher“ ersetzt durch „besser begründet“, oder „besser akzeptabel“, dann lautet die Antwort: JA. Der Begriff „höheres Wissen“ hat das Problem, dass er meist von Esoterikern verwendet wird und eigentlich keinen Sinn ergibt, es handelt sich um eine esoterische Leerformal zur Abwertung widersprechenden Wissens, die willkürlich angewendet wird.

Wir müssen aber auch hier die Einschränkung machen, dass es um konkurrierendes Wissen geht, also um Wissen, dass denselben Gegenstandsbereich angehört. Man kann Wissen nicht miteinander vergleichen, wenn es verschiedene Sachverhalte betrifft, dann ist „höher“ oder „niedriger“ nicht von Bedeutung. Man könnte z. B. nicht sagen, dass Wissen über die Relativitätstheorie „höher“ oder „niedriger“ ist als das über die Quantentheorie. Man könnte nur sagen, dass es besser oder schlechter bestätigt wurde, und das auch nur mit großer Vorsicht.

Es gibt grob zwei verschiedene konkurrierende Denksysteme zum Erfassen und Erklären der Welt:

Den Rationalismus, bei dem das Denken über die Sicht der Welt bestimmt.

Den Empirismus, nachdem die Empirie über die Sicht der Welt bestimmt.

Mit dem unvergleichlichen Siegeszug der empirischen Methoden ist der „reine Rationalismus“ in eine schwere Krise geraten, von der er sich nie erholt hat. Der reine Rationalismus, nach der man die Welt durch reines Denken erforschen kann, unterliegt dem unlösbarem Begründungsproblem. Dem Rationalismus zu eigen ist, dass man jede Idee begründen können muss. Das scheitert (nicht nur) am Münchhausen-Trilemma:

Wenn man darauf besteht, dass eine Idee begründet sein muss, dann scheitert man an einem von drei Problemen:

1. Begründungsregress: Für jede Begründung kann man dann verlangen, dass sie wiederum begründet sein muss, bis ins Unendliche. Dies nennt man einen unendlichen Regress. Ein solcher ist prinzipiell undurchführbar.

2. Zirkularität: Man kann A mit B begründen, und B mit A — das gilt als vitiöser (giftiger) Zirkel und ist eine äußerst schlechte Idee. Denn dann kann man mit Nicht-A auch gleichzeitig Nicht-B begründen, man müsste also zwei Begründungen akzeptieren, die sich logisch widersprechen — und das ist innerhalb des Rationalismus nicht möglich.

3. Dogmatismus: Man kann eine Voraussetzung absolut setzen und sagen, dass sie keinerlei weitere Begründung nötig hat. Damit verletzt man aber das Prinzip des Rationalismus, der ja genau darauf abhebt, alles zu begründen. Man macht also willkürliche Ausnahmen und konstruiert eine Letztbegründung.

Das Scheitern ist unausweichlich, man landet letzten Endes immer in einem der drei Probleme, ohne dass man eine Methode hätte, damit umzugehen. Damit ist das Projekt „reiner Rationalismus“ gescheitert, aber wir finden immer noch genug Leute, die nicht bereit sind, von einem toten Pferd abzusteigen.

Es gibt noch ein Problem mit dem reinen Rationalismus, das Bertrand Russel zuerst formuliert und Gödel dann letztlich bewiesen hat. Nein, es handelt sich nicht um die beiden Unvollständigkeitssätze, obwohl die auch ein erhebliches Problem darstellen.

Bertrand Russel sagte einmal einem Freund: „Ich kann alles beweisen, vorausgesetzt, dass 1 + 1 = 1 ist“. „OK“, erwiderte der Freund, dann beweise mal, dass Du der Papst bist. „Ganz einfach“, antwortete Russel: „Der Papst ist eine Person und ich bin eine Person. 1 + 1 = 1, d. h., eine Person und eine Person sind eine Person. Der Papst und ich sind also eine Person. Ich bin der Papst!“.

Gödel hat gezeigt, dass man alles beweisen kann, wenn man nur seine Voraussetzungen geschickt genug wählt. Er hat auch gleich ein schönes Beispiel geliefert und einen Gottesbeweis konstruiert. Er hat diesen Beweis nie veröffentlicht, weil er befürchtete, dass dann geschehen würde, was tatsächlich passiert ist: Einige Leute würden annehmen, dass damit Gott bewiesen worden sei, und dass Gödel an Gott geglaubt habe.

Da alle Voraussetzungen dem Münchhausen-Trilemma unterliegen, kann man alles beweisen, wenn man die Voraussetzungen willkürlich wählt.

Willkürliche Behauptung

Die Hauptverteidigung des reinen Rationalismus ist, dass es eben nur eine Frage der „epistemologischen Perspektive“ ist, was man jetzt an Methode für überlegen erachtet. Und das ist grundfalsch, weil es sich hierbei um eine willkürliche Behauptung handelt. Im Internet finden wir oft die Ansicht, dass alle Menschen nur Meinungen haben und jeder auf „seine Weise“ recht hat. Meist wird das gegen die empirischen Wissenschaften angewandt, aber das Schwert ist zweischneidig, es trennt dem Rationalismus sauber den Kopf ab. Denn es führt zu einem logischen Widerspruch. Wenn alles nur eine Frage des Standpunkts ist, und alle Standpunkte gleichwertig, dann ist auch der Standpunkt gleichwertig, dass eben nichts eine Frage des Standpunkts ist. Damit hat sich der reine Rationalismus fein säuberlich den eigenen Kopf abrasiert, bis zum Hals.

Alexander von Humboldt hat den reinen Rationalismus auf seine Weise erledigt. Er sagte sinngemäß: „Was taugt schon eine Weltanschauung, die sich die Welt nicht einmal anschaut?“. Das war gegen Hegel gerichtet, der meinte, dass man die Welt vom Lehnstuhl aus vollständig erklären kann.

Ebenso tot ist der reine Empirismus, dies hat sich im Positivismusstreit im letzten Jahrhundert herauskristallisiert. Popper hat den reinen Empirismus ebenso sauber erlegt wie den reinen Rationalismus.

Die Wissenschaft hat sich aus diesem Streit, Empirismus versus Rationalismus, lange Zeit herausgehalten. Was man gemacht hat lässt sich am besten mit „rationalem Empirismus“ bezeichnen, oder in der Sprache von Popper: kritischem Rationalismus. Den könnte man ebenso gut auch als „kritischen Empirismus“ bezeichnen. Hierbei wird auf das Begründungsdenken des Rationalismus verzichtet, man ersetzt es durch das Prinzip der „permanenten Kritik“. Man akzeptiert bestimmte Voraussetzungen, aber man macht dies nur vorläufig. Keine Voraussetzung ist unantastbar, damit vermeidet man Dogmatismus. Man fängt irgendwo an, und versucht dann, seine Voraussetzungen zu widerlegen. Dafür hat sich der Ausdruck „Falsifikationismus“ eingebürgert, den Popper geprägt hat.

Demnach ist eine Aussage, eine Behauptung über die Welt, sinnlos, wenn man keine Gründe angeben kann, mit denen sich die Aussage widerlegen lässt. Es kommt nicht darauf an, wie gut man sie begründen kann, sondern nur darauf, ob man einen empirischen Zustand der Welt finden kann, der beweist, dass die Aussage falsch ist. Man weiß dann zwar nicht, was richtig oder wahr ist, aber man „irrt sich empor“: Man kann sagen, dass eine von zwei Behauptungen besser ist als die andere. Man kann sich der Wahrheit annähern, aber man kann nie beweisen, dass man sie „hat“. Man kann sagen, welche von zwei Theorien der Wahrheit näherkommt — nur das lässt sich begründen, mehr nicht.

Die Wissenschaften, vor allem die empirischen Naturwissenschaften, können also beweisen, dass ihre Theorien besser sind als die anderen konkurrierenden Theorien, d. h., sie kommen der Wahrheit näher. Konkurrierende Weltsichten, wie etwa der reine Rationalismus, können das nicht. Sie behaupten nur, die Wahrheit schon zu besitzen, das können sie unmöglich beweisen, im reinen Rationalismus schon überhaupt nicht.

Die Frage also, welches Wissen besser ist, lässt sich nur im Rahmen des kritischen Rationalismus bzw. der empirischen Naturwissenschaften beantworten — alle anderen Systeme scheitern daran, was ihre Verfechter nicht davon abhält, es permanent zu versuchen, immer mit der Behauptung, man hätte das schon erreicht, was innerhalb ihres eigenen Systems prinzipiell unerreichbar ist. Im reinen Rationalismus kann man nur sagen, ob ein Argument gültig oder ungültig ist, aber man kann nicht bestimmen, wenn man ein ungültiges Argument hat, welche der Voraussetzungen falsch sind. Das geht ohne Rückgriff auf die Empirie nicht.

Der reine Rationalismus wird heute noch von Esoterikern, Theologen, Ideologen, Demagogen, Spinnern, Betrügern, Scharlatanen und einem immer kleiner und verzweifelter werdenden Haufen von Philosophen vertreten. Diese meinen, sie könnten die Wissenschaft mit reinem Rationalismus bekämpfen, und sie scheitern immer und immer wieder.

Ihre Taktik, alles zur „bloßen Meinung“ zu stilisieren kommt bei vielen Leuten gut an, weil es Toleranz suggeriert: Man hält alle Meinungen für gleichberechtigt, und das sorgt für Frieden in der Gesellschaft. Nur kann das letztlich nicht funktionieren, gut gemeint ist etwas anderes als gut gemacht. Denn grenzenlose Toleranz bei Meinungen führt zwangsläufig zu einem Sieg der Intoleranten, die sich da immer durchsetzen werden, und dann ist der Unfriede in der Gesellschaft garantiert. Grenzenlose Friedfertigkeit führt zur Vernichtung der Friedfertigen, dazu reicht schon ein einziger Mensch, der nicht friedfertig sein will.

Also: Die Frage, welches Wissen besser ist, lässt sich beantworten. Aber nicht dann, wenn man der Meinung ist, Wissen sei eine Frage des Standpunkts, oder der epistemologischen Weltsicht, oder was auch immer. Mit „höher“ hat das aber nichts zu tun. Wissen repräsentiert die Welt mal mehr mal weniger korrekt, daher gibt es kein „höheres“ Wissen.

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