Der Gotteswahn – Kritik der Kritik

Richard Dawkins' Der Gotteswahn ist das bekannteste Werk des sogenannten Neuen Atheismus. Seit seiner Veröffentlichung im Jahr 2006 hat es, wie zu erwarten stand, viel Kritik erfahren: Dawkins verstehe nichts von Theologie, greife eine selbsterfundene Karikatur der Religion an und sei, als Biologe, ohnehin nicht qualifiziert, über das Thema zu sprechen.

Der Gotteswahn – Kritik der Kritik

Diese Kritik wurde interessanterweise nicht nur von Theologen, sondern auch von atheistischen Philosophen, Historikern und Religionswissenschaftlern erhoben(1).

Der vorliegende Fall ist besonders krass: Es macht den Eindruck, als habe der Kritiker bewußt Dawkins' Aussagen verzerrt, und vielleicht auch das Buch nur unzureichend gelesen. Es handelt sich um eine Arbeit des Philosophen Joachim Kahl:

Kahl, J. (2009): Weder Gotteswahn noch Atheismuswahn. Eine Kritik des „neuen Atheismus“ aus der Sicht des „alten Atheismus“. In: EZW-Texte Nr. 204, s. 5-18. (Hier als PDF Datei vom Autor, Mai 2008)

Zuerst die bewußten oder unbeabsichtigten Verzerrungen (Zitate stehen in spitzen, Zitate innerhalb von Zitaten in einfachen Anführungszeichen)(2):

Anstoß nimmt Kahl bereits am Titel, der ihm als Zeichen von Intoleranz erscheint: »Aber im Sinne Dawkins’ jeglichen Gottesglauben als Gotteswahn zu verteufeln, ist plumper Krawallatheismus.«

Das englische Original delusion bedeutet allerdings auch »Irrglaube« – wie im Text erklärt wird.(3) Für die Übersetzung kann Dawkins nichts, und ihm eine durch sie zustande gekommene veränderte Lesart zur Last zu legen, vor allem, wenn sie im Buch richtiggestellt wird, zeigt eklatanten Mangel an Sorgfalt – oder Böswilligkeit.

Später führt Kahl einige Beispiele für den »penetranten Eifer Richard Dawkins’ zur Besserwisserei, Bevormundung und willkürlichen Beanspruchung anderer für die eigene Position« an:

»Nicht weniger dreist bemüht Dawkins sich, Albert Einstein zum „atheistischen Naturwissenschaftler“ umzudefinieren und so für sich zu vereinnahmen, obwohl dieser sich wiederholt und programmatisch in die pantheistische Tradition des exkommunizierten Juden Spinoza gestellt hat, wie Dawkins natürlich weiß und auch zitiert: „Viel unglückselige Verwirrung ist entstanden, weil nicht zwischen der Einstein'schen Religion, wie man sie nennen könnte, und der übernatürlichen Religion unterschieden wurde. Einstein verwendete manchmal (und durchaus nicht als einziger atheistischer Naturwissenschaftler) den Namen Gottes und forderte damit bei den Anhängern des Übernatürlichen das Missverständnis geradezu heraus, denn die waren erpicht darauf, einen so bedeutenden Denker zu den Ihren zählen zu können.“ Als ob Dawkins nicht ebenso darauf erpicht wäre, Einstein bei sich einzugemeinden!«

Dawkins' Begründung, warum er Einstein bei den Atheisten eingemeindet

Hören wir nun Dawkins' Begründung, warum er Einstein bei den Atheisten eingemeindet. Sie findet sich sieben Seiten nach der obigen und zwei Seiten vor einer anderen Stelle, die Kahl zitiert, weshalb anzunehmen ist, daß er sie gelesen hat und unterschlägt:

»Pantheisten schließlich glauben überhaupt nicht an einen übernatürlichen Gott, sondern benutzen das Wort "Gott" als Synonym für die Natur, für das Universum oder für die Gesetzmäßigkeiten, nach denen es funktioniert. […] Im Gegensatz zu den Pantheisten halten die Deisten Gott dennoch für eine Art kosmische Intelligenz, während er für die Pantheisten ein metaphorisches oder poetisches Synonym für die Gesetze des Universums darstellt. Pantheismus ist aufgepeppter Atheismus, Deismus ist verwässerter Theismus.«(4)

Man mag mit Dawkins streiten, ob Pantheisten und Atheisten in eine Kategorie gezählt werden dürfen, unbegründet und damit »willkürlich« ist seine Einteilung nicht. Will man mit ihm streiten, muß man das allerdings auch mit Arthur Schopenhauer tun, der zu dieser Frage schrieb:

»Überdies ist Pantheismus ein sich selbst aufhebender Begriff; weil der Begriff eines Gottes eine von ihm verschiedene Welt, als wesentliches Korrelat desselben, voraussetzt. Soll hingegen die Welt selbst seine Rolle übernehmen; so bleibt eben eine absolute Welt, ohne Gott; daher Pantheismus nur eine Euphemie für Atheismus ist.« (Parerga und Paralipomena, Band 1, §13)

Kahl fährt fort:

»In seinem rationalistisch, ja ausgesprochen szientistisch verengten Weltzugang handelt Dawkins Religion wesentlich als Gestalt menschlicher „Dummheit“ ab. Beim Versuch, vermutete Einwände dagegen bereits im Buch selbst zu entkräften, legt er einem angenommenen Kritiker folgende Sätze in den Mund: “Der Gott, an den Dawkins nicht glaubt, ist einer, an den ich auch nicht glaube. Ich glaube nicht an einen alten Mann mit weißem Rauschebart, der oben im Himmel wohnt.“ Dawkins Replik lautet: “Dieser alte Mann ist nur eine belanglose Ablenkung, und sein Bart ist so langweilig, wie er lang ist. In Wirklichkeit ist diese Ablenkung aber viel schlimmer als belanglos: Mit ihrer genau berechneten Dummheit soll sie davon ablenken, dass das, was der Sprecher wirklich glaubt, nicht weniger dumm ist.“  Was aber glaubt der Sprecher wirklich? Dawkins weiß es nicht, kann es nicht wissen, will es nicht wissen und muss es auch nicht wissen. Denn Einwände gegen ihn können stets nur aus Dummheit geboren sein. Das ist der borniert dogmatische Sinn seiner Ausführungen.«

Böswilligkeit, eine Missrepräsentation durch bewußte Auslassung

Dies nun war ganz sicher Böswilligkeit, eine Missrepräsentation durch bewußte Auslassung. Schauen wir uns die Sätze unmittelbar nach dem Zitat an: »Ich weiss, dass Sie nicht an einen alten Mann mit Bart auf einer Wolke glauben, also vergeuden wir damit keine Zeit. Ich greife nicht eine bestimmte Version von Gott oder Göttern an. Ich wende mich gegen Gott, alle Götter, alles Übernatürliche, ganz gleich, wo und wann es erfunden wurde oder noch erfunden werden wird.«(5)

Oder Dawkins' Definition der »Gotteshypothese«, die sein Buch untersuchen will, sieben Seiten vor der kritisierten Stelle: »Es gibt eine übermenschliche, übernatürliche Intelligenz, die das Universum und alles, was darin ist, einschließlich unserer selbst, absichtlich gestaltet und erschaffen hat.«(6)

Festzustellen, daß ein bestimmter Glaubensinhalt dumm ist, hat überdies nichts damit zu tun, den Gläubigen für dumm zu erklären. Millionen von Katholiken glauben daran, daß Hostie und Wein sich beim Abendmahl buchstäblich in den Leib und das Blut Jesu verwandeln. Das ist ein dummer Glaube, so intelligent einzelne von ihnen anderweitig sein mögen.

Das sollte genügen. Kahl zitiert aus dem Zusammenhang, in einigen Fällen vielleicht, weil er den Text nur oberflächlich gelesen hat, in anderen Fällen sicher mit Absicht. Beides ist, um ihm sein Urteil über Dawkins zurückzugeben, eines Wissenschaftlers unwürdig.

Nun zu einigen weiteren Kritikpunkten Kahls, die eine inhaltliche Auseinandersetzung wert sind:

»Mit derlei vulgären Kraftsprüchen [à la »Gotteswahn«] verwandelt sich der Atheismus unter der Hand in Antitheismus. Von oben herab wird Religion als Humbug abgekanzelt. Erforderlich wäre es dagegen, sie gedanklich zu durchdringen, ihren historischen Werdegang und ihre gesellschaftliche Funktion zu erklären und in einen kritischen, auch polemischen Dialog mit ihren Anhängern zu treten.«

Dawkins möchte zeigen, daß es gerechtfertigt und sogar die einzig vertretbare logische Position ist, an keinen Gott zu glauben, und Religion somit tatsächlich Humbug. Ihr historischer Werdegang und ihre gesellschaftliche Funktion werden von ihm tatsächlich relativ vernachlässigt – das gewünschte findet Kahl z.B. in Der Herr ist kein Hirte von Christopher Hitchens, der ihm ebensowenig gefallen dürfte – aber es ist nicht sein Haupthema. Er möchte zeigen, daß sie falsch ist. Warum genau ist das kein akzeptabler Ansatz?

Es wirkt außerdem merkwürdig, Dawkins vulgäre Kraftsprüche zu attestieren, um dann von der Erfordernis eines »kritischen, auch polemischen Dialog« zu sprechen. Zumal Kahls eigene Arbeit, viel, viel mehr als Dawkins', von Derogativen und polemischen Ausdrücken strotzt. Die bisherigen Zitate geben davon schon einen Eindruck, ein paar weitere Kraftworte sind: Intellektueller Cäsarenwahn; Selbstüberschätzung; naßforsch; bodenlose Unkenntnis; hämisch; – alle stammen allein von der ersten Seite.

»Schon früh wurde in der deutschen Aufklärung das Problem der Toleranz als Schlüsselproblem eines friedlichen Zusammenlebens begriffen und erkannt, dass Intoleranz und Fanatismus kein Alleinstellungsmerkmal von Religion sind. Intoleranz und Fanatismus sind eine Entgleisung des menschlichen Geistes schlechthin, an keinen bestimmten Inhalt, an keine bestimmte weltanschauliche Richtung gebunden – ebenso wie Rechthaberei, Besserwisserei, Beckmesserei. Im Nachwort zum „Romanzero“ (1851) beklagt sich Heinrich Heine bitter über die „Intoleranz“, mit der der “gesamte hohe Klerus des Atheismus“ sein „Anathema“ gegen ihn ausgestoßen habe, weil er, Heine, im Alter wieder zum Gottesglauben zurückgehrt sei. Die „fanatischen Pfaffen des Unglaubens“, von denen er in diesem Zusammenhang spricht, machen auch heute wieder lautstark von sich reden – im Gewande der „neuen Atheisten“.«

Da Kahl sich hier nicht mehr allein auf Dawkins und Der Gotteswahn bezieht, sondern pauschal auf alle Neuen Atheisten, sei mir gestattet ebenso pauschal zu antworten: Wenn es fanatisch ist zu sagen "Ich denke, du irrst dich, und zwar aus diesen Gründen", dann wünsche ich, die ganze Welt bestünde aus Fanatikern.

Gegenentwurf Kahls

Auf die Kritik an Dawkins folgt ein Gegenentwurf Kahls für einen nichtdogmatischen Atheismus, der in wesentlich gemessenerer Sprache gehalten ist, allerdings eine weitere Verzerrung enthält:

»Der hier skizzierte Atheismus ist skeptisch und undogmatisch, insofern er sich seiner Unbeweisbarkeit bewusst ist. Es spricht zwar alles für ihn, aber ein schlüssiger Beweis für seine Richtigkeit ist – der Natur der Sache nach – nicht zu führen. […] Aus dieser bewusst reflektierten Einsicht, dass ein letzter Beweis für die Nichtexistenz einer Gottheit nicht zu erbringen ist, erwächst die liberale und tolerante Grundhaltung dieses Atheismus. Sie hebt sich wohltuend ab von dem verkniffenen Eiferertum, das mit dogmatischem Atheismus einherzugehen pflegt.«

Dawkins' Name fällt in diesem Absatz nicht, doch es ist klar, wer mit verkniffenem Eiferertum und dogmatischem Atheismus gemeint ist. Dawkins allerdings spricht genau diese Unbeweisbarkeit im zweiten Kapitel an und verortet sich selbst auf einer Skala des Unglaubens von 1 bis 7, wobei 1 die Position "Ich weiß, daß es einen Gott gibt" und 7 "Ich weiß, daß es keinen Gott gibt" bezeichnet, auf der Position 6 : »Sehr geringe Wahrscheinlichkeit, knapp über null. De facto atheistisch. "Ich kann es nicht sicher wissen, aber ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass Gott existiert, und führe mein Leben unter der Annahme, dass es ihn nicht gibt."«(7)

Kahls Kritik konzentriert sich fast ausschließlich auf Dawkins' empfundenen Dogmatismus, »Unfehlbarkeitsdünkel«, etc. Was die beanstandete fachliche Inkompetenz angeht, bleibt die Begründung der Anschuldigungen weit hinter der Polemik zurück. Wie zum Beispiel unterscheidet sich das von Kahl in seinem Gegenentwurf vorgestellte Argument:

»Warum hat Gott überhaupt die Welt geschaffen, obwohl er doch – als das in sich selbst vollkommene Wesen – in seiner Majestät keines anderen bedarf? Die biblische Antwort – Gott schuf die Welt als sein Gegenüber und den Menschen als sein Ebenbild – provoziert unvermeidlich den Einwand: Da Gott nichts Sinnloses tut, muss ihm zuvor etwas gefehlt haben. Wenn er sich ein Gegenüber schuf, litt er einen Mangel. Also war er nicht vollkommen. Schöpfungsglaube und Vollkommenheitsprädikat Gottes schließen einander aus.«

in seiner Rafinesse von folgendem Argument Dawkins', in dem sich seine »bodenlose Unkenntnis« offenbart? – :

»Wenn Gott uns unsere Sünden vergeben will, warum vergibt er sie dann nicht einfach, ohne sich selbst dafür foltern und hinrichten zu lassen […] ? Als Krönung des Ganzen kommt noch hinzu, dass Adam, der angeblich die Erbsünde beging, in Wirklichkeit nie existiert hat. Dass Paulus das nicht wusste, kann man ihm nachsehen, aber einem allwissenden Gott (und auch Jesus, wenn man glaubt, dass er Gott war) hätte es eigentlich bekannt sein müssen.«

Kahls Text, jedenfalls sein erster Teil, ist toxisch, unangenehm, unehrlich und humorlos – anders als Dawkins', und mehr, als durch die pure Meinungsverschiedenheit erklärlich scheint. Es wirkt, als sei ihm etwas über die Leber gelaufen. Ich werde nicht spekulieren, was, um ihm nichts zu unterstellen. Ich möchte stattdessen mit einem Gedanken schließen, den ich bei Auseinandersetzungen wie dieser sehr hilfreich finde:

»Und als ich den moralischen Charakter der gegnerischen Seiten betrachtete, stellte ich mir die Frage, wie ich es auch heute regelmäßig tue: Wäre ich gezwungen, eine Wahl zu treffen und einem von ihnen die Macht zu übertragen, in wessen Hände wäre ich gewillt mich zu begeben?« (Harold Fromm)(8)

Fußnoten:

(1) Z.B. die Philosophen Michael Ruse Dawkins et al bring us into disrepute. The Guardian, 2.11.2009 und Massimo Pigliucci Pigliucci, M. 2013. New Atheism and the scientistic turn in the atheism movement. Midwest Studies in Philosophy 37:142-153. und der Historiker R. Joseph Hoffman Re-Made in America: Remembering the New Atheism (2006-2011) The New Oxonian 1.1.2012. Eine Kritik dieser Texte findet sich z.B. auf der Website Why Evolution Is True von Professor Jerry Coyne.
(2) Kahls eigene Quellenverweise wurden aus seinen Zitaten ausgelassen. Meine Zitate stammen aus der Taschenbuchausgabe von Der Gotteswahn, Ullstein 2008. Hervorhebungen entsprechen dem Original.
(3) Dawkins 2008, s. 17. Das online-Wörterbuch leo englisch übersetzt delusion mit: Wahn(vorstellung), Täuschung, Irreführung.
(4) Dawkins 2008, s. 31 f.
(5) Dawkins 2008, s. 53.
(6) Dawkins 2008, s. 47.
(7) Dawkins 2008, s. 73.
(8) Fromm, H. (1997): My Science Wars, The Hudson Review, Winter 1997, p. 599-609

 

Kommentare

  1. userpic
    Bernd Kammermeier

    Antwort auf #2 von stefan.wehmeier.9:
    > Keine andere Geschichte hat jemals so viele Interpretationsversuche hervorgebracht, wie die wunderbare kleine Geschichte von Adam und Eva im Paradies. [...] Doch allein die Tatsache, dass es so viele Interpretationsversuche gibt, lässt darauf schließen, dass die wirkliche Bedeutung der kleinen Geschichte alles andere als belanglos ist.

    Biblische Geschichten sind natürlich stets funktional. Die Bibel ist Verfassung des neu entstandenen Volkes Israel und seine Besitzurkunde für Kanaan, seine Legitimation, die umliegenden Länder zu überfallen und deren Bevölkerung auszurotten sowieso die vorgefundene Natur (mit ihren Bodenschätzen) auszubeuten, Sklaven zu halten und Frauen so zurechtstutzen, dass sie den Patriarchen gefallen. Alle Texte sind diesem Zweck untergeordnet.

    > Tatsächlich beinhaltet der Text, der unter Genesis 2,4b – 3,24 bis heute überliefert ist, ein fundamentales Wissen, das man ihm bei oberflächlicher (gegenständlich-naiver) Betrachtung niemals zutraut, das aber im Nachhinein betrachtet die gesamte Kulturgeschichte der halbwegs zivilisierten Menschheit seit dem „Auszug der Israeliten aus Ägypten“ bis heute erklärt.

    Ich selbst habe auch nur Theorien anzubieten, doch würde ich mich nie trauen, meine Interpretation als "tatsächlich" zu bezeichnen.
    Ich melde allerdings eine gewisse Skepsis an, dass hier "die gesamte Kulturgeschichte ..." erklärt würde. Der "Auszug der Israeliten aus Ägypten" wurde zum Zweck der Schaffung eines Monotheismus in Babylon erfunden, um einen geschichtlichen Parallelfall zum babylonischen Exil ex eventu in die Heilige Schrift zu implementieren, der einen Gott präsentierte, der sich bereits gnädig "seinem" Bündnisvolk gegenüber gezeigt hatte. Die Vorgeschichte in der Genesis ist im Kern (wie alle Kosmogonien) der "Beweis", dass diesem Gott und nur ihm allein die Erde und die Menschheit gehören, weil er ja Schöpfer und damit auch Eigentümer ist. Nur mit ihm machte es überhaupt Sinn, ein Bündnis einzugehen, bei dessen sakraler Bedienung dem "Volk" Israels das Land etc. zusteht. (Film Exodus: "God gave this land to me")

    > Worum geht es wirklich in dem Text? Um die Basis allen menschlichen Zusammenlebens und die grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung in einer arbeitsteiligen Zivilisation, der Welt des Kulturmenschen: Makroökonomie und Geld. Adam und Eva repräsentieren nicht die ersten Urmenschen nach den letzten Menschenaffen (eine völlig unsinnige Vorstellung), sondern die ersten zivilisierten Menschen, die sich von ihren Vorfahren dadurch unterscheiden, dass sie Geld benutzen und in einer Marktwirtschaft leben. Und weil das so ist, hat eine „moderne“ Menschheit, die bereits Raumfahrt betreibt, etwas im Grunde so Einfaches wie das Geld noch immer nicht verstanden und lebt bis heute in der Erbsünde!

    Das ist eine sehr gewagte These, der ich angesichts der naiven Texte der Bibel nicht folgen kann.
    Ich versuche mal eine sehr viel direktere und naheliegendere Interpretation: Die Menschen im 6. Jh. v. Chr. wussten nichts gesichertes über die Entstehung der Welt. In Babylon konnten sie diverse Mythen dazu lesen und entsprechend ist das beschriebene Weltbild jenes der babylonischen Kultur. Dies ist aber die "geometrische Ebene" (Aufbau der Welt). Die Ereignisse selbst stammen meiner Meinung nach aus einem Wissensschatz, den praktisch jeder Menschen sein eigen nannte und den jeder widerspruchslos akzeptieren konnte (wie problematisch Widerspruch aufgrund eigenen Wissens ist, sieht man heute bei der schwindenden Akzeptanz der Bibel als Buch der "Wahrheit"). Und dieses Wissen umfasste die Entstehung eines Menschen.

    Ein Kind entsteht im Bauch der Mutter. Damals musste man vermuten, dass es in absoluter Dunkelheit im Wasser schwebend und ohne Welt heranwächst. Während des Geburtsvorganges läuft das (Frucht)Wasser aus (die "Urflut"), für das Kind entsteht subjektiv die Welt und vor allem: Für das Kind entsteht das Licht. Nach und nach erfährt es die Dinge, Pflanzen und Tiere, lebt dann beschützt beim Vater (die Mutter spielte ursprünglich sicher in Form der Fruchtbarkeitsgöttin Aschera eine Rolle, die anfangs mit JHWH verheiratet war) in seinem Gehege, sorglos, unwissend, wie ein kleines Kind. Die wachsende Erkenntnis begleitet die Pubertät, die Schamgefühle, das Wachsen des Schamhaars (Feigenblatt). Junge und Mädchen werden fruchtbar und müssen nun als neue Familie das Elternhaus verlassen, um mühsam den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen und unter Schmerzen Kinder zu gebären. Und sie lernen etwas über ihre Sterblichkeit, die Kinder oft nicht tangiert, bzw. als zu abstrakt verworfen wird.

    Diese Interpretation ist m.M.n. jedenfalls dichter an der Lebenswirklichkeit der Menschen in der ausgehenden Bronzezeit, als Makroökonomie und Geld.

    > Der ganze Sinn und Zweck des heute „zweiten“ Schöpfungsmythos der Genesis, der nachträglich im sechsten vorchristlichen Jahrhundert von der israelitischen Priesterschaft durch den heute „ersten“ Schöpfungsmythos (Genesis 1,1 – 2,4a) ergänzt und dann zur Basis dreier Weltreligionen (Judentum, Christentum, Islam) wurde, war eine künstliche Programmierung des kollektiv Unbewussten, um die wirkliche Bedeutung der Erbsünde aus dem Begriffsvermögen des arbeitenden Volkes auszublenden, solange das Wissen noch nicht zur Verfügung stand, um diese „Mutter aller Zivilisationsprobleme“ zu überwinden. Anderenfalls hätte das, was wir heute „moderne Zivilisation“ nennen, gar nicht erst entstehen können.

    Wie hätten denn weidewechselnde Halbnomaden, die mit ihren Ziegen- und Hammelherden unterwegs waren, derartig komplexe Gedanken entwickeln und verstehen können?

    > Schöpfungsmythen – es geht um die Schöpfung von Kultur und nicht um die „Schöpfung von Natur“ – sind geniale metaphorische Beschreibungen der Makroökonomie einer Kultur. Die darin implizit enthaltenen Götter (künstliche Archetypen im kollektiv Unbewussten) bewirken „geistige Beschneidungen von Untertanen“, die in früheren Zeiten, als die Religion (Rückbindung auf künstliche Archetypen) noch eine exakte Wissenschaft und ein wesentlicher Bestandteil der geheimen Staatskunst war, dazu verwendet wurden, um eine größere Anzahl von zuvor in eigenständigen kleinen Dörfern (Urkommunismus) lebenden Menschen (nur bis zu etwa 150 menschliche Individuen können sich alle noch gegenseitig kennen) zu einer übergeordneten, arbeitsteiligen Kultur zusammenzufügen...

    Die "genialen metaphorischen Beschreibungen" der Bibel möchte ich rundweg bezweifeln. Dafür ist sie ein zu offensichtlicher Flickenteppich, der aus x Quellen zusammengebastelt wurde - wie eingangs erwähnt mit dem einzigen Zwecke, das Volk Israels zu gründen und ihm weitreichende Legitimationen zu Landraub und Völkermord zu geben (zuzüglich der Rettung aus dem Exil). Man muss sich nur die biblische Sortierung der Könige in gute und böse Könige anschauen. Gott diente hier jeweils als Legitimation für die eine oder andere Bewertung zur Aufrechterhaltung des Systems. Deshalb ist für mich auch der philosophische oder spirituelle Gehalt der Bibel gegen Null tendierend.

    Antworten

    1. userpic
      stefan.wehmeier.9

      Keine andere Geschichte hat jemals so viele Interpretationsversuche hervorgebracht, wie die wunderbare kleine Geschichte von Adam und Eva im Paradies. Es wurde alles hineininterpretiert, was sich an ein unwissendes Publikum verkaufen ließ, so widersprüchlich, sinnlos oder belanglos es auch war. Mit den naiven Interpretationen ließe sich mit Leichtigkeit eine ganze Bibliothek füllen, und wer sich die Mühe machte, sie alle zu lesen, wäre hinterher nicht klüger als zuvor. Doch allein die Tatsache, dass es so viele Interpretationsversuche gibt, lässt darauf schließen, dass die wirkliche Bedeutung der kleinen Geschichte alles andere als belanglos ist.

      Tatsächlich beinhaltet der Text, der unter Genesis 2,4b – 3,24 bis heute überliefert ist, ein fundamentales Wissen, das man ihm bei oberflächlicher (gegenständlich-naiver) Betrachtung niemals zutraut, das aber im Nachhinein betrachtet die gesamte Kulturgeschichte der halbwegs zivilisierten Menschheit seit dem „Auszug der Israeliten aus Ägypten“ bis heute erklärt. Worum geht es wirklich in dem Text? Um die Basis allen menschlichen Zusammenlebens und die grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung in einer arbeitsteiligen Zivilisation, der Welt des Kulturmenschen: Makroökonomie und Geld. Adam und Eva repräsentieren nicht die ersten Urmenschen nach den letzten Menschenaffen (eine völlig unsinnige Vorstellung), sondern die ersten zivilisierten Menschen, die sich von ihren Vorfahren dadurch unterscheiden, dass sie Geld benutzen und in einer Marktwirtschaft leben. Und weil das so ist, hat eine „moderne“ Menschheit, die bereits Raumfahrt betreibt, etwas im Grunde so Einfaches wie das Geld noch immer nicht verstanden und lebt bis heute in der Erbsünde!

      Der ganze Sinn und Zweck des heute „zweiten“ Schöpfungsmythos der Genesis, der nachträglich im sechsten vorchristlichen Jahrhundert von der israelitischen Priesterschaft durch den heute „ersten“ Schöpfungsmythos (Genesis 1,1 – 2,4a) ergänzt und dann zur Basis dreier Weltreligionen (Judentum, Christentum, Islam) wurde, war eine künstliche Programmierung des kollektiv Unbewussten, um die wirkliche Bedeutung der Erbsünde aus dem Begriffsvermögen des arbeitenden Volkes auszublenden, solange das Wissen noch nicht zur Verfügung stand, um diese „Mutter aller Zivilisationsprobleme“ zu überwinden. Anderenfalls hätte das, was wir heute „moderne Zivilisation“ nennen, gar nicht erst entstehen können.

      Schöpfungsmythen – es geht um die Schöpfung von Kultur und nicht um die „Schöpfung von Natur“ – sind geniale metaphorische Beschreibungen der Makroökonomie einer Kultur. Die darin implizit enthaltenen Götter (künstliche Archetypen im kollektiv Unbewussten) bewirken „geistige Beschneidungen von Untertanen“, die in früheren Zeiten, als die Religion (Rückbindung auf künstliche Archetypen) noch eine exakte Wissenschaft und ein wesentlicher Bestandteil der geheimen Staatskunst war, dazu verwendet wurden, um eine größere Anzahl von zuvor in eigenständigen kleinen Dörfern (Urkommunismus) lebenden Menschen (nur bis zu etwa 150 menschliche Individuen können sich alle noch gegenseitig kennen) zu einer übergeordneten, arbeitsteiligen Kultur zusammenzufügen...

      http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

      Antworten

      1. userpic
        Bernd Kammermeier

        Ich kenne den Gotteswahn natürlich und auch einiges von Joachim Kahl (ich hatte schon das Vergnügen, mit ihm zu korrespondieren und kenne ich von Vorträgen). Kahl hält sich Hintertüren auf, warum, weiß ich nicht. Ist es nur wissenschaftliche Redlichkeit?
        Natürlich ist es in Ordnung Gott nicht für unmöglich zu halten.

        Maiglöckchen auf einem Alpha Centauri-Planeten sind aber auch nicht unmöglich. Nichts ist unmöglich. Doch hilft uns diese Erkenntnis irgendwie weiter? Zunächst verwirrt sie gläubige Menschen in hohem Maße, weil sie daraus ableiten, es müsse Gott wohl sicher geben, weil "wir" nicht sicher sagen können, Gott gäbe es nicht. Genauso wie sie der Begriff "Theorie" verwirrt - und deshalb Theorien als falsch deklarieren, weil sie ja "nur" vorläufig gültig seien.

        Vielleicht sollte man ihnen erzählen, "Theorie" käme von "Theologie" und bezeichne eine Aussage direkt von Gott. :-) Dann dürfen wir aber nicht alten Vicky Leandros Song trällern: "Theo - logie ist futsch...!" oder so... :-)

        Genug geblödelt. Wir sollten einfach auf dem Grundsatz: "Wer etwas behauptet, muss es beweisen!" bestehen. Und dies muss streng am Gegenstand festgemacht werden. Wenn ein Theist die Existenz Gottes behauptet, dann frage ich: "Wessen Gottes?" Antwortet er: "Des Gottes der Bibel!" dann sitzt er in einer Falle, aus der ich ihn nicht mehr herauslasse, denn dies verleiht seinem Gottesbild jene Beliebigkeit, die mache Agnostiker oder Pantheisten (hinter denen sich schamhafte Theisten verbergen) von sich geben.

        Der Gott der Bibel hat bestimmte Eigenschaften, hat bestimmte Handlungen vollzogen, hat bestimmte Ziele, Wünsche und Befehle. Er hat sogar ein bestimmtes Umfeld - es ist dezidiert in der Bibel bestimmt -, nämlich seine Abstammung, seine ehemalige Ehefrau und seine ehemaligen Götterkollegen. Nichts davon entspricht dem heute aus der gleichen Bibel HERAUSGELESENEN Gottesbild. Er überliefert durch sein Wort bestimmte Handlungen, die entweder durch die beobachtbare Wirklichkeit überholt sind - wie die gesamte Genesis - oder die den primitivsten ethischen Vorstellungen zuwiderlaufen - wie seine permanenten Massenmorde und unmoralischen Handlungen seiner "Heiligen" - und die schlussendlich den heute aus der gleichen Bibel HERAUSGELESENEN Eigenschaften "Liebe" und "Barmherzigkeit" widersprechen. Damit kann der Gott der Bibel, der Gott Israels, aus der Bibel heraus widerlegt werden. Selbst das Eingeständnis des Theodizee-Problems ändert daran nichts, weil dies Gott ein so hohes Maß an Beliebigkeit zugesteht, dass er theologisch wertlos sein müsste. Dass er dies für Theologen nicht ist, liegt vermutlich an deren studierten Fähigkeit Glauben über Wissen zu stellen, eine Fähigkeit, die Dr. Dr. Kahl wohl gerne bei Dawkins sehen würde, wenn er eine ausreichend theologische Sicht auf Gott durch Dawkins vermisst.

        Ich vermisse das nicht. Zum einen hätte die Theologie 2.000 Jahre lang jede Menge Gelegenheiten gehabt, die Existenz eines so widersprüchlichen Wesens, wie dem biblischen Gott, nachzuweisen - z.B. durch unwiderlegbare Wunder - und zum anderen zeigen die real existierenden Auswirkungen gelebten Glaubens, dass dieser Gott, ob existent oder nicht, niemandem guttut. Falls er also existierte, sollte sich Widerstand auf der Erde rühren, um gegen den Theokraten vorzugehen, ihn aus unserem Sonnensystem herauszuschmeißen.

        Soll er auf einem Alpha Centauri-Planeten Maiglöckchen pflücken gehen...

        Antworten

        Neuer Kommentar

        (Mögliche Formatierungen**dies** für fett; _dies_ für kursiv und [dies](http://de.richarddawkins.net) für einen Link)

        Ich möchte bei Antworten zu meinen Kommentaren benachrichtigt werden.

        * Eingabe erforderlich