Wie Toleranz zum Selbstmordpakt wurde
Kapitel I: Das Malediven-Paradox - Paradies unter Gebetsperlen verloren
Wenn sich Westler die Malediven vorstellen, denkt man nicht an Fatwas oder Auspeitschungen, sondern an Infinity Pools, biolumineszierende Strände und die dekadente Sorglosigkeit von Überwasser-Bungalows. Kaum jemand ahnt, dass dieser Archipel, der in Flitterwochenkatalogen und Instagram-Feeds glänzt, in Wahrheit eine streng sunnitische Monokultur ist - verfassungsmäßig verankert. Apostasie[1] wird mit dem Tod bestraft, und Kinder lernen nicht das Denken, sondern die ehrfürchtige Rezitation der Scharia.[2]
Das ist keine Übertreibung. Auf den Malediven muss laut Gesetz jeder Bürger sunnitischer Muslim sein. Jede nicht-muslimische Glaubensausübung - so still, privat oder andächtig sie auch sein mag - ist verboten. Es gibt keine Kirchen, keine Synagogen, keine Tempel. Keine Toleranz. Das hier ist kein Urlaub - das ist eine Theokratie mit einer Abteilung für Kundenbeschwerden.
Hier bedeutet „Islamische Republik“ nicht etwa „demokratischer Staat mit muslimischer Mehrheit“, sondern exakt das, was auf der Verpackung steht: Ein Rechtsgebilde, das Freiheiten nicht schützt, sondern einschränkt. Islamische Erziehung ist in jedem Schuljahr Pflicht. Der Islam ist kein Untersuchungsgegenstand, sondern ein Loyalitätsbefehl. Und Widerspruch - ob von einem säkularen Blogger geflüstert oder von einem Ex-Muslim auf Twitter getippt - kann mit 100 Peitschenhieben, 20 Jahren Haft oder einem Platz auf dem Friedhof beantwortet werden.
Willkommen im Paradies.
Doch täuschen Sie sich nicht - das ist kein exklusiv maledivisches Phänomen, nicht einmal ein rein islamisches. Was sich hier offenbart, ist die Metastasierung eines größeren Leidens: Der liberale Selbstmord durch Dauerinfusion aus ungeprüftem Pluralismus. Die Malediven sind kein Ausreißer - sie sind ein Menetekel. Eine Warnung, was passiert, wenn Zivilisationen, die einst Kirche und Staat trennten, beginnen, Ideologien zu importieren, die beides wieder verschmelzen wie siamesische Zwillinge mit gemeinsamem Rückgrat aus Paragraphen.
Dies ist kein Kulturkonflikt. Es ist ein bürokratischer Einmarsch. Und wir finanzieren ihn.
Kapitel II: Die Tyrannei der Toleranz
Karl Popper warnte einst, dass eine tolerante Gesellschaft Intoleranz nicht tolerieren dürfe - oder aufhöre, tolerant zu sein.[3] Ein köstliches Paradox, viel zitiert, selten beherzigt. Denn wir haben uns die erste Hälfte dieser Maxime - den Imperativ zur Toleranz - in Stein gemeißelt: In Gesetze, in Verwaltungsvorgaben, in Uni-Leitbilder und NGO-Broschüren. Doch die zweite Hälfte - das Gebot, Grenzen zu ziehen, „bis hierhin und nicht weiter“ zu sagen - wird behandelt wie Knoblauch im Vampirfilm: altmodisch, unfein, irgendwie peinlich.
So wurde das Paradox zur Pathologie.
Unsere Gerichte dulden heute Scharia-Schlichtungsstellen in britischen Städten, die über Familien- und Erbsachen richten - mit Maßstäben, bei denen selbst ein mittelalterlicher Kirchenjurist zusammenzucken würde. Unsere Schulen bieten religiöse Curricula an, in denen siebenjährige Mädchen zum Tragen des Kopftuchs gezwungen werden und Homosexualität als „satanische Perversion“ gelehrt wird. Und unsere öffentlich-rechtlichen Sender zeigen erst eine Doku über Meinungsfreiheit - und im Anschluss einen Beitrag darüber, warum Karikaturen des Propheten „nicht hilfreich“ seien.
Das ist kein Multikulturalismus. Das ist Masochismus.
Es ist der Glaube, dass Liberalismus so offen sein müsse, dass ihm die eigenen Hirnzellen auf den Gebetsteppich tropfen. Es ist die Fetischisierung von Identität auf Kosten der Freiheit. Es ist der ideologische Pazifismus einer Gesellschaft, die sich nicht mehr traut, ihre eigenen Werte auszusprechen - aus Angst, „rassistisch“ genannt zu werden von jenen, die Ideologie mit Ethnie verwechseln.
Wir haben die Rechte des Theokraten kodifiziert und die Instinkte des Säkularen kriminalisiert. Das Ergebnis ist kein Dialog - es ist Demütigung.
Kapitel III: Die Religion, die nicht genannt werden darf
Sparen wir uns die ritualisierten Disclaimer. Nicht alle Muslime sind Islamisten. Nicht jeder Gläubige will seine Theologie anderen aufzwingen. Natürlich. Aber auch sind nicht alle Weißen Rassisten - und dennoch hat kein Linker ein Problem mit dem Begriff „White Supremacy“. Warum also das Herumeiern, die Euphemismen, das feige Flüstern, wenn es um den politischen Islam geht?
Warum heißt es „religiös motivierter Extremismus“ statt beim Namen zu nennen, welche Doktrin den Sprengsatz geweiht hat? Warum sprechen wir von „asiatischen Grooming-Gangs“, wenn es sich in Wahrheit um pakistanisch-muslimische Netzwerke des sexuellen Missbrauchs handelt? Warum nennt man die Malediven eine „herausfordernde Demokratie“, obwohl sie de facto ein theokratisches Gefängnis mit Korallenriffen sind?
Weil der liberale Westen, nachdem er Blasphemiegesetze abgeschafft hat, sie nun rückwirkend wieder einführt - nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Die neue Ketzerei ist die Kritik an der Religion - zumindest an einer bestimmten. Wer das Christentum verspottet, ist „mutig“. Wer den Islam verspottet, begeht „Hassrede“. Die Infragestellung jüdischer Nationalbestrebungen gilt als „ziviler Widerstand“. Die Infragestellung islamistischer Expansion hingegen als „rassistische Hetze“.
Das ist keine Diversität. Das ist Doppeldenk. Eine heilige Ausnahme, geschaffen im Namen des Friedens - sprich: im Namen der Angst.
Und nennen wir das Kind beim Namen: Angst ist der wahre Treiber hinter all dem. Angst vor Ausschreitungen, Fatwas, Shitstorms und gestrichenen Fördergeldern. Angst, als „islamophob“ gebrandmarkt zu werden - ein intellektuell bankrotter Begriff, der sachliche Kritik mit Hass gleichsetzt. „Islamophobie“ ist die neue Blasphemie-Anklage säkularer Gesellschaften. Und wie alle Blasphemiegesetze dient sie nicht dem Schutz des Gläubigen, sondern der Einschüchterung des Kritikers.
Kapitel IV Pluralismus ohne Prinzipien
Die größte Errungenschaft des Westens ist weder die Demokratie, noch der Kapitalismus, noch die Gewaltenteilung. Es ist die Trennung von Wahrheit und Stammesdenken - die Idee, dass der Mensch nicht nach seinem Glauben, sondern nach seinem Verhalten beurteilt wird. Dass Frauen keine Besitztümer sind. Dass Worte keine Gewalt sind. Dass Blasphemie ein Recht ist - kein Verbrechen.
Das sind keine „westlichen“ Werte. Es sind universelle Werte, zufällig im Westen entdeckt und konserviet durch Blut, Auflehnung und Spott. Es sind die Prinzipien, die es Juden, Ketzern, Atheisten und Abtrünnigen ermöglichten, nicht nur sicher, sondern frei zu leben.
Heute aber droht ihnen die Gefahr - aus dem Innersten selbst.
Das Problem ist nicht der Islam. Es ist der westliche Reflex, nichts mehr zu fordern von denen, die ihre Götter und Groll-Geschichten in unsere offene Gesellschaft importieren. Wir behandeln jeden importierten Aberglauben als sakrosankt - und jede einheimische Norm als verdächtig. Wir verlangen von Ex-Muslimen, ihre Angst zu flüstern, während wir dem Megafon der Islamisten zuhören, die unsere Kultur von unseren eigenen Bühnen aus verachten.
Das ist kein Pluralismus, sondern Selbstbetrug.
Und der Preis dafür wird nicht nur in aufgegebenen Freiheiten gezahlt, sondern in verlorenen Leben.
Leben wie das von Yameen Rasheed, einem säkularen Blogger auf den Malediven, der dachte, er könne mit Satire gegen die Theokratie anstänkern - bis man ihn im Hausflur erstach.
Leben wie das von Farkhunda Malikzada, gesteinigt und verbrannt auf offener Straße in Kabul, weil jemand behauptete, sie habe einen Koran geschändet.
Leben wie das von Samuel Paty, enthauptet vor einer französischen Schule - von einem Flüchtling, dem er zuvor Schutz gewährt hatte. Sein Verbrechen: eine Karikatur im Staatsbürgerkunde-Unterricht.
Das sind keine tragischen Einzelfälle. Es sind vorhersehbare Ergebnisse eines ideologischen Gifts, das in den Blutkreislauf der offenen Gesellschaft injiziert wurde - und dort Immunität genießt.
Was verbindet diese Opfer? Sie wurden nicht von „missverstandenen Minderheiten“ oder „schlecht integrierten Zuwanderern“ getötet. Sie starben durch die Hand von Männern, die mit der Überzeugung aufwuchsen - mal im Ausland, oft mitten unter uns –, dass “Gottes Ehre” mehr zählt als Menschenleben und dass Widerspruch nicht ausdiskutiert, sondern ausgelöscht werden muss.
Und das eigentlich Schändlichste: Sie starben in den Umgebungen, die sie hätten schützen sollen. In Gesellschaften, die stattdessen Sensibilität über Sicherheit, „Dialog“ über Klarheit und „Verständnis“ über Gerechtigkeit stellten. In Institutionen, wo Diversitäts- und Gleichstellungsbeauftragte nicht die Täter, sondern den Tonfall der Opfer überwachten.
Wir haben eine Kultur erschaffen, in der Mut pathologisiert, Klarheit bestraft und moralische Unterscheidung als Sünde gilt. Wenn islamistische Mobs durch die Straßen toben und Slogans brüllen, gegen die selbst die Inquisition blass wirkt, heißt es: „Ihr sollt ihrer Wut zuhören.“ Wenn Feministinnen gegen die Verschleierung von Kindern protestieren, heißt es: „Ihr sollt kulturelle Unterschiede respektieren.“ Und wenn Juden sich über „From the River to the Sea“-Sprechchöre beklagen, dann werden sie belehrt, sie würden „überreagieren“, „ihre Traumata instrumentalisieren“ oder - am zynischsten - „Antisemitismus mit Zionismus verwechseln“.
Das ist keine Inklusion, sondern ein assistierter Selbstmord.
Kapitel V: Das Narrativ-Kartell
Woher aber kommt all diese Feigheit? Wer subventioniert diesen kollektiven Schlafmarsch in die zivilisatorische Anämie?
Vorhang auf für den NGO-Industriekomplex - eine aufgeblähte Bruderschaft aus nicht gewählten Weltrettern, Aktivistenscharlatanen und Diplomatenzombies mit dem moralischen Kompass einer Wetterfahne im Hurrikan. Es sind jene, die in Staaten fliegen, in denen ein Genozid stattgefunden hat - mit PowerPoint-Präsentationen zur „restorativen Gerechtigkeit“ - und verständnisvoll nicken, wenn der islamistische Prediger in Oxford-Englisch erklärt, warum das Auspeitschen von Vergewaltigungsopfern eine missverstandene Form von Geschlechtergerechtigkeit sei.
Man trifft sie in Brüssel, in Genf, in New York - stets bemüht, die Nadel zwischen postkolonialer Schuld und kulturellem Relativismus einzufädeln. Sie sind die Apostel der moralischen Bescheidenheit, jederzeit bereit, das nächste Panel zu moderieren, den nächsten Imam zu fördern oder die nächste Resolution zu entwerfen, in der Israel für den Bau von Wohnungsanlagen verurteilt wird, während es nicht einmal eine Fußnote wert ist, zu erwähnen, dass Saudi-Arabien dienstags Schwule hinrichtet.
Sie sind die Priesterschaft der neuen Orthodoxie: Dass alle Kulturen gleichwertig seien - außer der westlichen, die allein einzigartig schuldig ist. Dass alle Glaubenssysteme Schutz verdienen - außer dem Glauben, dass Liberalismus der Barbarei überlegen sein könnte. Dass jede Kränkung heilig ist, jede Religion Respekt verlangt - und jeder Selbstmordattentäter eine Geschichte hat, die wir gefälligst zu „verstehen“ haben.
Das ist keine Diplomatie, das ist therapeutischer Nihilismus im Gewand eines Förderantrags. So sieht es aus, wenn die Sprache der Menschenrechte zur leeren Hülle wird, gefüllt mit Schlagworten - wenn „Intersektionalität” das Individuum verdrängt und „Dekolonisierung” als Entschuldigung für Gräueltaten dient - vorausgesetzt, sie geschehen auf der ideologisch richtigen Seite.
Kapitel VI: Der Feind im Inneren
Es ist wichtig zu begreifen: Die Bedrohung geht nicht nur von importierten Theokratien aus. Sie kommt von den einheimischen Kollaborateuren, die den roten Teppich ausrollen.
Der Professor, der Charlie Hebdo als „provokativ“ bezeichnet. Der Journalist, der Dschihadisten als „Kämpfer“ beschreibt, Israelis aber als „Killer“. Der Studentenverband, der jüdische Redner wegen ihrer „zionistischen“ Haltung auslädt, dann aber einem Redner das Mikrofon überlässt, der die Hisbollah preist. Der Beamte, der auf eine ausgeglichene Geschlechterquote bei Podiumsdiskussionen pocht, aber schweigt, wenn Ex-Musliminnen vom Campus verdrängt werden, weil sie die Scharia kritisieren.
Das sind keine Ausreißer. Das sind die Torwächter unseres moralischen Zerfalls. Die intellektuellen Entsprechungen des Bodenpersonals, das am Rollfeld steht und einem heranfliegenden Fanatismus zur sanften Landung winkt. Und wie alle Kollaborateure werden auch sie - nach den Bomben, nach dem Blut - behaupten, sie hätten doch „nur helfen wollen“.
Aber wem haben sie geholfen?
Kapitel VII: Und doch bleibt das Licht
Und jetzt, da Verzweiflung langweilt und Fatalismus eine billige Ausrede ist, sagen wir es, wie es gesagt werden muss:
Es muss nicht so enden.
Die Geschichte des Westens ist noch nicht zu Ende geschrieben. Sie ist verwundet, ja - zerstreut, dekadent und gefährlich gelangweilt –, aber sie ist nicht tot. Das Feuer, das einst die Flugblätter von Paine entflammte, Voltaires Feder führte, Heines Verse glühen ließ und Salman Rushdie durch seine langen Jahre der Verfolgung trug - dieses Feuer glimmt noch unter der Asche. Was es braucht, ist Sauerstoff.
Was es braucht, ist Klarheit.
Wir müssen uns erinnern, dass Liberalismus kein „Vibe“ ist. Kein Branding-Tool. Kein in Regenbogenschleifen gehüllter TED-Talk. Es ist eine radikale Idee - dass das Individuum mehr zählt als der Stamm. Dass Zweifel heilig ist. Dass Rede frei sein muss, gerade wenn sie weh tut. Und dass Religion niemals, unter keinen Umständen, vor Spott geschützt sein darf.
Wir müssen der Intoleranz mit Intoleranz begegnen - nicht mit Bomben, sondern mit Büchern. Nicht mit Zensur, sondern mit Satire. Nicht mit Verboten, sondern mit einem unerschütterlichen Bekenntnis zur Wahrheit.
Denn darin liegt die letzte Pointe: Der Westen ist immer noch die einzige Zivilisation, die Kritik dieser Art aufnehmen und überleben kann. Die über sich selbst lachen kann und dabei stehen bleibt. Die aus ihren Sünden lernt, ohne ihre Tugenden zu verleugnen.
Doch das gelingt nur, wenn er erwacht. Nur wenn er aufhört, Kapitulation für Mitgefühl zu halten. Nur wenn er aufhört, Fanatismus mit Mut und Toleranz mit Selbstaufgabe zu verwechseln.
Die Malediven mögen wie eine ferne Warnung erscheinen, wie eine hübsche Postkarte auf einem Pulverfass. Aber wenn wir den Kurs nicht korrigieren, wird diese Postkarte zum Spiegel.
Und das Spiegelbild wird nicht schmeichelhaft sein.
Kapitel VIII: Hinter den Spiegeln - Wenn Liberalismus Selbstmord begeht
Denn das, was uns aus dem Spiegel anblickt, ist nicht mehr die stolze Zivilisation, durchzogen von Dissens und Feinsinn - sondern eine botoxbehandelte Hülle ihrer selbst: Aufgequollen vor Empfindlichkeit, allergisch gegen Urteilskraft, in die Gewänder des Pluralismus gehüllt wie eine Toga über einem ausgestopften Cäsar.
Wir verwandeln uns - in Zeitlupe, mit exzellenten Manieren - in genau das, was wir einst bekämpften: Eine Gesellschaft, zu nervös, um anzuecken, und zu schüchtern, um sich zu verteidigen. Eine Kultur, in der Journalisten lieber Pronomen sezieren als Karikaturen drucken. In der „Hassrede“-Gesetze Comedians züchtigen, während Hassprediger staatliche Fördermittel kassieren. Wo der Säkularismus nur so lange gefeiert wird, wie er nicht auf jemanden angewendet wird, der einen Hidschab trägt oder eine Beschwerde vorbringt.
Das ist kein moralischer Fortschritt. Das ist moralisches Pantomimentheater - inszeniert für ein Publikum, dem Tugend längst gleichgültig ist, solange man Empathie vorspielen kann. Das Ergebnis: Ein Westen, der zunehmend einer sanften Theokratie der Gefühle gleicht, in der die einzige Todsünde Klarheit ist - und das oberste Gebot lautet: Du sollst niemanden kränken - es sei denn, er ist weiß, männlich oder Israeli.
Wir stehen auf den Trümmern einer einst radikalen Aufklärung und rezitieren Gedichte über Toleranz - verfasst von Menschen, die von denselben Priestern verbrannt worden wären, die wir heute im Namen der „Inklusion“ subventionieren. Das ist keine Ironie - das ist Tragödie mit Abschlusszeugnis.
Kapitel IX: Der mittlere Weg ist nicht der Nahe Osten
An dieser Stelle räuspert sich meist ein gutmeinender Mensch und sagt: „Aber ist das nicht ein Aufruf zum Extremismus?“.
Nein, geschätzter Leser.
Es ist ein Aufruf zur zivilisatorischen Selbstachtung. Zur Einsicht, dass nicht alle Kulturen moralisch gleichwertig sind - und dass nicht jedes Glaubenssystem automatisch Respekt verdient.
Es ist die Zurückweisung der absurden Vorstellung, der liberale Westen müsse sich moralisch kastrieren, um jenen Platz zu machen, die ihm - wörtlich oder bildlich - bereitwillig den Kopf abschlagen würden. Es ist die klare Ansage, dass Toleranz, wenn sie etwas wert sein will, ein Rückgrat aus Stahl und eine rote Linie braucht. Und ja, diese Linie verläuft dort, wo theokratischer Faschismus beginnt - sei er bärtig, bibeltreu oder mit einer Birkenrute daherkommend.
Der mittlere Weg - jener gesegnete Pfad, der eine Gesellschaft vor dem Zerfall in extreme Enklaven bewahrt - kann nicht mit Ideologien, die genau diesen Weg als Sünde betrachten, koexistieren. Du kannst keinen Kompromiss schließen mit jemandem, der Kompromissbereitschaft für Blasphemie hält. Du kannst kein Gespräch mit jemandem führen, der deinen Dissens als Todesurteil betrachtet. Und du kannst - unter keinen Umständen - eine Weltanschauung „übertolerieren“, die Toleranz bloß als trojanisches Pferd benutzt.
Doch genau das versuchen wir - Tag für Tag - unter den glänzenden Bannern von „Diversität“ und „Gerechtigkeit“. Wir hofieren den kulturellen Selbstmord und nennen es Diplomatie. Wir belohnen Groll und nennen es Gerechtigkeit. Wir knien vor der Intoleranz und nennen es Empathie.
Es reicht.
Kapitel X: Die Rückkehr der Erwachsenen
Tun wir nicht so, als wären wir machtlos.
Das Gegenmittel gegen dieses Fieber ist nicht Autoritarismus. Es ist das Erwachsensein.
Erwachsensein heißt zu sagen: „Nein, dein Gott schützt dich nicht vor Kritik.“
Es heißt, zu sagen: „Du darfst tragen, was du willst - aber nicht auf dem Lehrplan meiner Tochter.“
Es heißt, zu sagen: „Du darfst glauben, was du willst - aber nicht herrschen.“
Es heißt, harte Grenzen um weiche Werte zu ziehen. Barbarei beim Namen zu nennen - ungeachtet von Akzent oder Herkunft. Zu begreifen, was den Unterschied ausmacht zwischen Einwanderern und Ideologen, zwischen Zuflucht und Rückschritt.
Wir müssen keine Faschisten werden, um Faschismus zu bekämpfen. Wir müssen uns nur daran erinnern, was den Westen überhaupt verteidigenswert gemacht hat. Nicht seine Hautfarbe, nicht sein Wohlstand - sondern seine Wette: Dass Wahrheit Prüfungen aushält, dass mit Ideen angstfrei gestritten werden kann, und dass kein Gott - wie laut auch immer proklamiert - über dem Gewissen des Einzelnen steht.
Der Westen muss nicht neu geboren werden. Er muss erwachsen werden.
Kapitel XI: Die Flamme, die noch brennt
Trotz all seiner Versäumnisse. Trotz aller Heuchelei bleibt der liberale Westen die einzige Zivilisation, in der man ein Buch verbrennen kann, ohne selbst für das Schreiben verbrannt zu werden. Wo man Gott lästern darf, ohne geköpft zu werden. Wo Frauen lesen dürfen, Kinder Fragen stellen dürfen, und Schwule nicht dankbar sein müssen, nur weil sie nicht auf offener Straße gesteinigt werden.
Das sind keine geringe Änderung. Das ist alles.
Und es gehört immer noch uns - wenn wir bereit sind, es zu verteidigen.
Wir müssen uns zunächst daran erinnern, dass Freiheit nicht Abwesenheit von Regeln ist, sondern Anwesenheit von Prinzipien. Dass „Toleranz“ kein Blankoscheck für Tyrannei ist. Dass Menschenrechte keine westliche Zumutung, sondern universelle Wahrheiten sind - ganz gleich, wer versucht, sie totzuschreien, wegzusprengen oder sie im Blut von Karikaturisten und Abtrünnigen zu ertränken.
Wenn die Malediven ein Vorgeschmack darauf sind, was geschieht, wenn religiöse Reinheit zur Staatsdoktrin wird, dann ist Europas kultureller Selbsthass ein Vorgeschmack darauf, wie wir selbst daran mithelfen.
Wir müssen Religion nicht verbieten. Wir müssen sie mit Scham zurück in den Privatbereich schicken, wohin sie gehört - eingesperrt neben Astrologie und Horoskop, wo niemand mehr ausgepeitscht wird, nur weil er lacht.
Wir müssen nicht die Grenzen schließen. Wir müssen Ideen schützen. Und zwar nicht irgendwelche, sondern die richtigen Ideen: Freiheit, Gleichheit, Skepsis, Satire und der unbeugsame Glaube, dass keine Autorität über dem Spott steht.
Das ist die Flamme. Sie brennt noch.
Und wenn wir sie nicht verteidigen, wird jemand anderer sie auslöschen - mit Dogma, mit Dolch, oder mit Diversitätsbeauftragten, die Duftkerzen tragen.
Nachwort: Eine Hoffnung, die sich lohnt
Ich möchte nicht mit Verzweiflung, sondern mit einer Wette abschließen.
Einer Wette darauf, dass diese Generation - so süchtig nach Dopamin, Zerstreuung und selbstgeißelndem moralischen Theaterspiel sie auch sein mag - noch in der Lage ist, aus ihrem Dämmerschlaf zu erwachen. Dass sie die Klarheit ihrer Vorfahren wiederentdeckt, ohne deren Dogmatismus zu übernehmen. Dass sie zu Beschwichtigung „genug“, zu Gotteslästerungsgesetzen „nie wieder“ und zu importierten Inquisitionen „nicht bei mir“ sagen kann.
Dass es angesichts von Bücherverbrennern, Kopfabschneidern, Tugendprotzern und bürokratischen Apologeten eine Generation geben wird, die aufsteht - nicht zum Hassen, sondern um dem Hass jede Ausrede zu verweigern.
Der Vorhang ist noch nicht gefallen. Die Tinte ist noch nicht vertrocknet.
Und die Freiheit, wie die Wahrheit, hat immer noch eine Chance - vorausgesetzt, es gibt jemanden, der bereit ist, für sie zu schreiben, zu sprechen, zu bluten und zu lachen.
Lasst uns dieser Jemand sein.
Fußnoten
[1] Apostasie ist die Aufgabe oder der Verzicht auf die eigene Religion, insbesondere in der Öffentlichkeit.
[2] Die Idee für diesen Artikel - und insbesondere für die Fallstudie der Malediven in Kapitel I - wurde durch ein YouTube-Video ausgelöst, auf das ich gestoßen bin: „Die Malediven - Das verlorene Paradies für den islamischen Fundamentalismus?“ (Hier ansehen). Die Gegenüberstellung von Postkarten-Tourismus und schleichender Theokratie in dem Video diente als aussagekräftige Metapher für das umfassendere Argument, das ich in diesem Aufsatz vorbringe: dass Toleranz, wenn sie sich von Prinzipien löst, zu einer nach innen gerichteten Waffe werden kann.
[3] Ich beziehe mich hier auf Karl Poppers 1945 erschienenes Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, insbesondere in Band 1: Der Zauber Platons, Anmerkung 4 zu Kapitel 7.
Hier ist die relevante Passage, der Klarheit halber umschrieben:
„Unbegrenzte Toleranz muss zum Verschwinden der Toleranz führen. Wenn wir die Intoleranz grenzenlos tolerieren, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaft gegen die Angriffe der Intoleranten zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet, und die Toleranz mit ihnen.“
Popper argumentiert, dass eine tolerante Gesellschaft das Recht hat, Meinungen nicht zu unterdrücken, sondern sich gegen diejenigen zu verteidigen, die die Toleranz selbst zerstören wollen, insbesondere wenn solche Gruppen sich weigern, sich auf einen rationalen Diskurs einzulassen und stattdessen Gewalt oder Zwang propagieren.
Dies wird oft als „Toleranz- Paradoxon“ bezeichnet.
Minority of One ist der Blog von Paul Friesen mit unerschrockenen Kommentaren an der Schnittstelle von Politik, Kultur und Ethik - wo Fakten gegen modische Unwahrheiten in den Krieg ziehen.
Kommentare
Vielen Dank für diesen klarsichtigen Beitrag. Alles, an dem die westliche Zivilisation krankt, wurde schlüssig auf den Punkt gebracht.Dem Inhalt stimme ich uneingeschränkt zu. Er sollte an allen Schulen und Universitäten unterrichtet beziehungsweise gelehrt werden.
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Dieser Artikel sollte Pflichtlektüre an jeder Schule, an jeder Uni und in allen Behörden sein
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