Eine Art, Kunst zu zensieren, Teil 1: Der byzantinische Bilderstreit
Sie hörten nicht auf, sich niederzuwerfen vor ihren Dämonen, vor ihren Götzen aus Gold, Silber, Erz, Stein und Holz, den Götzen, die weder sehen, noch hören, noch gehen können.
Die Offenbarung des Johannes, 9:20
Um uns nicht zu sehr auf die katholische Kirche einzuschießen, wollen wir uns nun der orthodoxen zuwenden, und einer Bewegung, die zum Synonym für die ideologisch motivierte Zerstörung von Kunst geworden ist: Den Ikonoklasten.
Der byzantinische Bilderstreit, in dem die Ikonoklasten eine der beiden Parteien stellten, dauerte von 726 bis 843. Streng genommen ist es daher nicht richtig, von "orthodoxer Kirche" zu sprechen, denn das Schisma zwischen Orthodoxen und Katholiken geschah erst mehrere Jahrhunderte später. Schon im achten und neunten Jahrhundert aber gab es starke kulturelle Unterschiede, die östliche und katholische Kirche trennten, auch wenn sie nominell noch vereinigt waren.
Der Bilderstreit war ein theologischer Disput um den religiösen Status von Heiligen- und insbesondere Christusbildern, eben den Ikonen (anders als heute wurde der Begriff nicht nur für Bildtafeln, sondern alle Abbildungen verwandt, also auch Wandmalereien, Mosaike und sogar Stickereien). Ikonen hatten sich ungefähr seit dem sechsten Jahrhundert, und verstärkt in den Jahrzehnten vor dem Bilderstreit, als "spirituelle Tore" zu den abgebildeten Personen etabliert, und vor einer Ikone zu beten wurde damit vergleichbar, besonders laut zu sprechen – Pilgerfahrten und Reliquien beruhen auf derselben Annahme, daß Gebete durch die Nähe eines heiligen Ortes oder Objekts verstärkt werden können. Ikonen wurde Wundertätigkeit zugeschrieben, sie sollten heilen oder strafen können, und die Heiligen waren nicht nur auf ihnen dargestellt, sondern in ihnen anwesend.
Dieser Bilderkult nahm für viele Theologen bedenkliche Züge an. Wurde tatsächlich die abgebildete Person verehrt, oder das Bild selbst, was Götzendienst gewesen wäre? Konnten Bilder, die Menschenwerk sind, heilig sein? War, im Fall der Christusikonen, Christus überhaupt darstellbar? Letztlich ging der Streit auf das biblische Gebot "Du sollst dir kein Bildnis machen" zurück, um das sich nun ein verwirrendes Hin und Her theologischer Argumente entwickelte.1 Je nach ihrer Position in dem Streit nennt man die Angehörigen der Parteien heute Ikonoklasten (Bildzerbrecher) oder Ikonodulen (Bilderdiener).
Die gesellschaftlichen Ursachen des Bilderstreits sind ungeklärt. Es spricht jedoch vieles dafür, daß es um Rückbesinnung, eine Wiederherstellung der Tradition ging. Das frühe Christentum hatte Bilder abgelehnt, und es gab noch immer eine antiikonische Strömung innerhalb der Kirche. Byzanz war im frühen achten Jahrhundert bedroht, von Arabern im Osten und Bulgaren im Norden, die immer wieder in das Reich einfielen und teilweise bis Konstantinopel vorstießen; mit beiden herrschte seit Jahrzehnten fast ständig Krieg, unter Gebietsverlusten, Entvölkerung und wirtschaftlichem Niedergang. All das stärkte eine Bewegung, die die Rückkehr zum ursprünglichen wahren Glauben forderte, denn schien es nicht so, als habe sich Gott von Byzanz abgewendet?
Ein weiterer Faktor war möglicherweise, daß die byzantinischen Kaiser, von denen der Ikonoklasmus ausging, sich wieder stärker auf ihre traditionelle Rolle als Oberhaupt der Kirche besannen, und sich an die Spitze der Reformbewegung setzten, um diese Rolle aufs Neue zu betonen. Die Quellen dieser Zeit sind allerdings zu spärlich, um die Frage mit Sicherheit zu beantworten.
Der unmittelbare Auslöser für den Bilderstreit war offenbar im Jahre 726 ein Vulkanausbruch im ägäischen Meer. Kaiser Leo III. interpretierte diesen (tatsächlich oder nur vorgeschoben) als Zorn Gottes über die Ikonenverehrung, und ließ in einer symbolischen Geste das Christusbild von einem Tor seines Palastes in Konstantinopel entfernen. Im Jahr 730 verbot er gesetzlich alle Bilder mit christlichen Motiven und forderte ihre Beseitigung. Der ikonodule Patriarch von Konstantinopel wurde des Amtes enthoben – was zeigt, welche Kontrolle die Kaiser über die Kirche besaßen.
754 berief Leos Nachfolger Konstantinos V. ein Konzil ein, durch das die Verehrung und Herstellung christlicher Bilder zur Häresie erklärt wurde. Innerhalb Byzanz' galt es als ökumenisches Konzil, obwohl keiner der fünf Patriarchen der christlichen Kirche – Rom, Konstantinopel, Alexandria, Antiochia und Jerusalem – oder deren Stellvertreter anwesend waren, wie es dazu hätte notwendig sein sollen. Seine widerrechtliche Stellung bedeutete aber, daß die Beschlüsse nur durch ein anderes ökumenisches Konzil aufgehoben werden konnten.
Ein solches wurde 787 durch Kaiserin Eirene einberufen, die Witwe von Konstantinos' Sohn Leo IV. Der Status des Konzils von 754 wurde aberkannt und dessen Beschlüsse widerrufen. Bildverehrung wurde wieder gestattet und – anders als vor dem Bilderstreit, wo sie lediglich nicht verboten war – zum Dogma erhoben. Allerdings erwies es sich nur als vorübergehender Abschluß:
Nach einem Vierteljahrhundert Pause wurde der Bilderstreit im Jahr 815 durch Leo V. wiederbelebt und 843 durch ein neues Konzil endgültig beendet. "Endgültig" insoweit, als nie wieder eine ikonoklastische Politik betrieben wurde; vollständig entschieden war der Disput nicht, obgleich die Ikonodulen jetzt dauerhaft die Oberhand behielten. Ihre Bestätigung durch das Konzil von 843 wird von der östlichen Kirche bis heute als "Sieg der Orthodoxie" gefeiert.
Es standen im wesentlichen drei Ansätze zur Auswahl, das theologische Problem der Bildverehrung im Sinne der Ikonodulen zu lösen (dies ist wohlgemerkt nur eine grobe Vereinfachung der damaligen Debatte): Ein eher bodenständiger geschichtlicher Nachweis, daß Bilder schon immer zum Christentum gehörten und erwiesenermaßen wundertätig waren; und zwei arkanere theologische Argumente. Das Erste führte eine strikte Unterscheidung ein zwischen Anbetung, die allein Gott zukam, und Verehrung, die einem religiösen Gegenstand geschenkt werden durfte; dem Zweiten zufolge ging die Verehrung des Bildes auf den Abgebildeten über.2 Die Konzile von 787 und 843 orientierten sich vor allem an den ersten beiden Ansätzen, dem geschichtlichen Nachweis und dem Argument Verehrung ≠ Anbetung.
Wem das zu spitzfindig ist, der kann die Begründung, warum Ikonen keine Götzenbilder sind, auch in unkomplizierterer Form lesen:
24. Das verehrungswürdige Bild (die Ikone) und das verabscheuungswürdige Götzenbild (das Idol) unterscheiden sich dadurch, daß die Urbilder der Idole Lüge sind. – "Gegen die Bilderstürmer." Anonyme Schrift, wohl nach 843.3
Forschungen über den Bilderstreit leiden nicht nur an einem Mangel, sondern auch an Parteilichkeit der Quellen.4 Die Geschichte wurde ausschließlich von den Siegern geschrieben, und die ikonoklastischen Schriften sind nur in Zitaten bei den Gegnern erhalten. Berichte über das Ausmaß der Verfolgungen und Zerstörungen sind daher tendentiös gefärbt und wahrscheinlich übertrieben. Zum Beispiel ist nicht ganz klar, wie verbreitet Ikonen vor dem Streit tatsächlich waren, und ob der heutige Mangel an prä-ikonoklastischer Kunst auf Vernichtung zurückgeht oder darauf, daß es einfach nur wenig gab.
Auch waren die Ikonoklasten nicht allen Bildern gegenüber feindlich eingestellt, sondern nur den christlichen; der Bilderstreit führte dadurch zu einer Belebung der weltlichen Kunst, weil für nichtgeistliche Auftraggeber weltliche statt der christlichen Motive in Mode kamen. Und zuletzt führte die ikonodule Reaktion, mit ihrer Förderung des Bilderkults, in den kommenden Jahrhunderten sogar zu einer Beflügelung der Kunstproduktion.
Man kann damit nicht behaupten, der Ikonoklasmus habe einen auf lange Sicht verderblichen Einfluß auf die Kunst gehabt. In toto war es wahrscheinlich sogar ein positiver. Die Episode beweist aber etwas anderes: Die der Religion angeblich inhärente Erschaffung herausragender Kunst ist doch nicht so zwangsläufig, und beim Christentum ein geschichtlicher Zufall. Wäre alles etwas anders verlaufen, gäbe es heute in der sixtinischen Kapelle leere Wände und ein schlichtes Kreuz.
Quellen:
Thümmel, H. G.: Bilderlehre und Bilderstreit. Arbeiten zur Auseinandersetzung über die Ikone und ihre Begründung vornehmlich im 8. und 9. Jahrhundert. Würzburg, Augustinus-Verlag, 1991.
Thümmel, H. G.: Die Frühgeschichte der Ostkirchlichen Bilderlehre. Berlin, Akademie Verlag, 1992.
Auzépy, M.-F.: State of emergency (700-850). In: Shepard, J. (ed.): The Cambridge History of the Byzantine Empire (c. 500-1492). Cambridge University Press, 2008.
Ertl, T.: Byzantinischer Bilderstreit und fränkische Nomentheorie. In: Althoff, G., Keller, H. & Meier, C. (eds.): Frühmittelalterliche Studien. Jahrbuch des Instituts für Frühmittelalterforschung der Universität Münster, Band 40, pp. 13-42. Berlin / New York, Walter de Gruyter, 2006.
Kisoudis, D.: Politische Theologie in der griechisch-orthodoxen Kirche. Marburg, Diagonal-Verlag, 2007.
Breyer, L. (ed.): Bilderstreit und Arabersturm in Byzanz. Das 8. Jahrhundert (717–813) aus der Weltchronik des Theophanes. 2., verbesserte Auflage, Styria Verlag, 1964.
1 Eins der absurdesten Beispiele, zur Frage der Christusdarstellung: Vertreter der einen Seite beriefen sich auf das Dogma, wonach Christus eine göttliche und eine menschliche Natur habe, die untrennbar, aber unvermischt seien; eine Ikone aber stelle nur die menschliche Natur dar und trenne so die untrennbaren Hälften, oder sie versuche beides zugleich darzustellen und vermische damit das Unvermischbare. Vertreter der anderen Seite antworteten, gerade die Inkarnation Christi in menschlicher Form ermögliche es, ihn darzustellen, und seine Darstellbarkeit leugnen hieße, seine Fleischwerdung leugnen.
2 Ein Märtyrer der Bildverehrer, Abt Stephanos vom Auxentiosberg, führte im Jahr 765 einen experimentellen Beweis für die Behauptung, daß die Verehrung der abgebildeten Person und nicht dem Objekt galt: Er trat eine Münze mit dem Abbild des Kaisers in den Dreck, worauf man ihn lynchte.
3 In: Thümmel 1991, p. 143.
4 Theophanes, eine der wichtigsten Quellen, berichtet etwa, Konstantinos V. habe als Säugling während seiner Taufe in das Becken gepinkelt.
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