Das große Buch der Evolution (The Genetic Book of the Dead) veranschaulicht es meisterhaft
Ich habe schon oft gehört, wie Menschen die kalte, herzlose Sichtweise auf das Leben in Richard Dawkins’ erstem Buch „Das egoistische Gen“ ablehnen. Eine solche Bemerkung ist ein sicheres Zeichen dafür, dass der Referent das Buch nie gelesen hat; er hat nur den Titel gelesen und den Inhalt völlig falsch interpretiert. Sein neuestes Buch, „Das große Buch der Evolution“ (The Genetic Book of the Dead), veranschaulicht meisterhaft, warum „Das egoistische Gen“ genauso gut „Das kooperative Gen“ hätte heißen können, denn es greift viele der Konzepte aus „Das egoistische Gen“ und dessen Nachfolger „Der erweiterte Phänotyp“ wieder auf.
Der rote Faden in allen Büchern von Dawkins ist die faszinierende Vorstellung, dass die Wissenschaft ein Reich voller Wunder und Neugier ist. Auch wenn der Titel seines neuesten Buches Bilder von ägyptischem Papyrus und Totenritualen heraufbeschwören mag, wird er niemanden auf seiner posthumen Reise durch die Unterwelt leiten. Es nimmt den Leser jedoch auf eine fesselnde Reise durch die außergewöhnliche Vielfalt der Überlebensmaschinen, die wir Lebewesen nennen, mit. Vom bedauernswert kleinen Nacktmull bis zum wunderschönen Seepferdchen – Dawkins' leidenschaftliche zoologische Ausführungen sind ansteckend.
Schon früh führt er die Idee des Palimpsests ein, eines Manuskripts, das gelöscht und überschrieben wurde. Palimpseste sind wichtige historische Artefakte, da sie Informationen über die ursprünglichen, gelöschten Texte preisgeben und so wertvolle Einblicke in die Geistes- und Kulturgeschichte einer bestimmten Zeit und eines bestimmten Ortes ermöglichen. Ähnlich verhält es sich mit den modernen Lebewesen: Sie sind Palimpseste der Abfolge ihrer Vorfahren. Die zentrale These des Buches lautet, dass der Körper und das Verhalten jedes Lebewesens als Manuskript gelesen werden können, das die Geschichten seiner Vorfahren erzählt – ein überzeugendes Argument, das auf den Prinzipien der Evolutionsbiologie basiert. Wir können Spuren dieser urzeitlichen Organismen in den komplexen Details der Anatomie, Physiologie, Genetik und des Verhaltens ihrer Nachkommen erkennen. Heute gewinnen wir Einblicke in vergangene Leben durch den Phänotyp eines modernen Organismus, aber die Wissenschaftler der Zukunft werden durch das komplexe Genom jedes Organismus viel mehr Informationen gewinnen.
Anhand wichtiger evolutionärer Konzepte wie die Ausbreitung in neue Lebensräume und konvergenter Evolution wird der Leser dazu angeregt, darüber nachzudenken, wie die Körper von Lebewesen Datenspeicher an uralte Leben und Lebensräume wachrufen. Unsere Reise durch die Palimpseste des Lebens würde in den Meeren beginnen. Manche Arten, so Dawkins, legen dabei besonders verschlungene Wege zurück. Schildkröten sind wundersam vielschichtige historische Manuskripte. Sie beginnen ihr Leben im Meer, wandern an Land und kehren ins Meer zurück, bevor sie schließlich wieder an Land gehen. Die Schuppen getarnter Eidechsen erinnern an Bilder permischer Wüsten. Winzige Maulwürfe lassen uns an die moosbewachsene Unterwelt ihrer eozänen Vorfahren denken. Jana Lenzovás farbenfrohe und lebendige Illustrationen erwecken die vielen „Palimpseste des Wunders“ in diesem Buch zum Leben.
Da Professor Dawkins so gerne Analogien verwendet, möchte ich selbst ein paar anführen. Für alle mit biologischen Vorkenntnissen ist sein Buch wie der Eintritt in ein vertrautes Gebäude durch einen anderen Eingang. Vielleicht kennen Sie die beeindruckenden Beispiele für Überlebensstrategien bereits, doch Dawkins' literarisches Können ermöglicht Ihnen eine neue Perspektive. Alle Leser werden sich wohl auch mit folgender Analogie identifizieren können: „Das große Buch der Evolution“ ist wie ein Abenteuer auf einem Spielplatz für den Geist, auf dem gerade neue Spielgeräte installiert wurden. Manche Ideen werden Ihnen bekannt vorkommen, aber es gibt auch neue Leitern und Rutschen zu erkunden.
Das Buch regt zum Nachdenken über faszinierende Fragen an. Die Wissenschaft hat nicht alle Antworten – und genau das macht den Reiz aus. Es erlaubt Dawkins zu spekulieren. Was wird ein Biologe der Zukunft aus der Entschlüsselung des Genoms eines Organismus lernen? Wird er in der Lage sein, ausgestorbene Organismen mithilfe alter DNA wiederzubeleben? Können Fledermäuse Farben hören? Können Delfine wirklich spüren, ob eine Frau schwanger ist? Empfinden niedere Organismen mehr Schmerz als ihre kognitiv begabteren Verwandten? Woher „wissen“ Putzerfische, dass es sicher ist, in das Maul eines Raubtiers zu gehen? Kann man das „Vertrauen“ nennen?
Die Hauptaussage des Buches ist, dass Gene unsterblich sind und von Generation zu Generation an Lebewesen weitergegeben werden. Die physischen Körper dieser Lebewesen werden beim Tod abgelegt. Die natürliche Selektion mag die Artenvielfalt im Laufe der Erdgeschichte durch die vielen geologischen Zeitalter formen, doch es sind die erfolgreichen Gene, die sich durchsetzen und von Individuum zu Individuum und von Vorfahren zu Nachkommen weitergegeben werden. Der Biologe Denis Noble sorgte mit seiner Kritik an der Vorstellung, Gene seien die alleinige Triebkraft der Evolution, für Schlagzeilen. Er argumentiert, dass Zellen, die DNA enthalten, ebenfalls wichtige Einheiten der Fortpflanzung darstellen. Dawkins hält dies für falsch. Zellen sind, wie Körper, vergänglich, während DNA im Wesentlichen unsterblich ist. Nicht Zellen, sondern DNA wird von einer Generation zur nächsten vererbt.
Darüber hinaus kann zwar jedes Gen, das einem Organismus nützt, sein Ziel erreichen und an die nächste Generation weitergegeben werden, doch Gene, die innerhalb dieses Organismus gut zusammenarbeiten, unterstützen sich gegenseitig bei der Weitergabe an die nächste Generation. Manche Viren nehmen keine Rücksicht auf ihre Wirte und nutzen sie lediglich als Überträger, um ihre DNA weiterzugeben. Gene hingegen verhalten sich wie Viren, deren Endziel eng mit ihren Wirten verknüpft ist. Unsere Gene und unser Körper existieren in einer wunderbaren Symbiose. Dies führt zum letzten Satz des Buches, in dem Dawkins das Konzept des egoistischen (oder kooperativen) Gens auf die Spitze treibt: „Jeder von uns ist die Verkörperung einer großen, brodelnden, wimmelnden, durch die Zeit reisenden Virenkooperative.“ (Interessanterweise stammen etwa 8 Prozent unserer Gene von viralen Genomen ab.)
Nein, Wissenschaft ist kein kaltes, herzloses Unterfangen; sie ist eine fantasievolle Reise. Träum weiter, junger Biologe, träum weiter.
Bertha Vazquez unterrichtet seit 24 Jahren Naturwissenschaften an einer Mittelschule im öffentlichen Schulbezirk Miami-Dade County. Sie hat einen Bachelor-Abschluss in Biologie von der University of Miami und einen Master-Abschluss in Naturwissenschaftsdidaktik von der Florida International University. Als erfahrene Reisende, die alle sieben Kontinente besucht hat, begeistert sie sich dafür, jungen, wissbegierigen Menschen die Welt der Natur und der Wissenschaft näherzubringen. Die staatlich anerkannte Pädagogin wurde mit zahlreichen nationalen und regionalen Auszeichnungen geehrt, darunter der mit 150.000 US-Dollar dotierte Samsung-Wettbewerb „Solve For Tomorrow“ (2014) und der Charles C. Bartlett National Excellence in Environmental Award (2009). Sie war 1997 und 2008 Miami-Dade-Naturwissenschaftslehrerin des Jahres und gehörte 2015 zu den Finalistinnen Floridas für den renommiertesten Naturwissenschaftspreis der USA, den Presidential Award for Excellence in Mathematics and Science Teaching.
Übersetzung: Jörg Elbe
Dieser Artikel erschien zuerst im Skeptical Inquirer Volume 49, No. 1.
Das große Buch der Evolution (The Genetic Book of the Dead) erschien am 7. November 2025 bei Hoffmann und Campe. Richard Dawkins stellte die deutsche Ausgabe an diesem Tag in Hamburg vor.

Kommentare
Das Buch explodiert nahezu im letzten Kapitel, auf das die Erzählstränge hinführen. In der Gesamtschau all der Gene unseres Körpers, unseres Genoms mit seiner „unnützen“ DNA in unglaublicher Menge, der Gene unserer Mitochondrien und der unseres Mikrobioms. Alles „gute Gefährten“ („good companions“) auf einer gemeinsamen Reise. Welch ein Blick. Mir wurde schwindlig.
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@ ohannes Aufgebauer
"Mir wurde schwindlig".
Das Buch von Dawkins hat also unangenehme Nebenwirkungen. Oder verursacht es gar Krankheit?
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