Die Wunder Jesu

Wie sieht es der atheistische Historiker?

Die Wunder Jesu

Foto: Pixabay.com / geralt

Jede Wissenschaft ist in ihrer Methode atheistisch: Man erforscht die Welt, als ob es Gott nicht gäbe. Das gilt sogar dann und wird ausdrücklich gefordert und gefördert, wenn die Wissenschaftler der Vatikan-Sternwarte — die meistens Theologie und Physik studiert haben — die Sterne erforschen.

Jetzt gibt es für das Wort „Wunder“ verschiedenste Definitionen.

Allgemein üblich ist es, ein Wunder als ein „Durchbrechen der Naturgesetze“ zu definieren. Aber wir reden auch von einem „technischen Wunder“, oder sogar „dem Wunder der Technik“, obwohl da kein Naturgesetz verletzt wird. Im Gegenteil, das technische Wunder gelingt überhaupt nur, weil man die Naturgesetze genau genug kennt und daher vorhersagen kann, wie sich etwas verhält.

Wir reden von einem Wunder üblicherweise vor allem dann, wenn wir etwas nicht verstehen oder erklären können. Manchmal auch, wenn etwas sehr Unwahrscheinliches passiert, wie beispielsweise: „Der Wagen flog aus der Kurve, krachte die Böschung hinunter und überschlug sich mehrfach. Wie durch ein Wunder erlitt der Fahrer keine Verletzungen.“

In den Evangelien werden die Wunder, die Jesus laut den Erzählungen getan hat, als „Zeichen Gottes“ gesehen. Da die Wissenschaft nach der Methodik verfährt, „als ob es Gott nicht gäbe“ — das ist unabhängig von dem, was der Wissenschaftler glaubt — kann es also keine Zeichen Gottes gegeben haben. Die Wunder sind daher entweder nicht passiert, oder sie wurden missgedeutet, oder es gibt eine rationale Erklärung, die wir nicht kennen und höchstens mutmaßen können.

Man kann aber die Wunderberichte der Evangelien auch ganz anders deuten. Ich führe dies exemplarisch anhand des sog. Fischwunders vor: Johannes 21,1–13, siehe Bibel-Online.net.

Wenn man den Text aufmerksam liest, dann fällt einem sofort eine Unstimmigkeit auf: Die Jünger halten Jesus für tot, sie fischen. Ein Fremder sagt ihnen, dass sie ihr Netz auf der anderen Seite auswerfen sollen, und sie fangen Fische. Soweit, so gut. Aber jetzt kommt es: Anhand dieser Demonstration erkennen die Jünger plötzlich in dem Fremden den totgeglaubten Jesus. Und sie wissen, wie viele Fische sie im Netz gefangen haben: 153. Woher wissen sie das? Haben sie Jesus erkannt und dann nichts Besseres zu tun als erstmal zu zählen, wie viele Fische ihnen ins Netz gegangen waren? Ist das auch nur irgendwie halbwegs plausibel?

In der Antike war die Zahl 153 bekannt, sie hatte einen Namen: Die Zahl der Fische. Das ist eine merkwürdige Zahl: 1! + 2! + 3! + 4! + 5! = 1 + 2 + 6 + 24 + 120 = 153.

Dahinter steckt also Zahlenmystik. Mehr noch, wenn man zwei Kreise in einem bestimmten Verhältnis zueinander überlappt, dann sieht das so aus:

Hier taucht im Verhältnis die Zahl 153 wieder auf. Jetzt entfernen wir ein paar Linien:

Schon haben wir das altbekannte „Zeichen der Fische“, entstanden aus dem Zahlenverhältnis der „Zahl der Fische". Dieses Zeichen war schon lange vor Christus bekannt, und es wird mit einer sehr alten Geschichte von Pythagoras verbunden, einem Zahlenmystiker (wir kennen ihn noch durch die Formel für Dreiecke):

„Und als er zu den Fischern hinkam, deren Zugnetz noch viel Last aus der Meerestiefe mit sich führte, habe er (Pythagoras) ihnen vorhergesagt, wie viele sie heranzögen, und die Zahl der Fische bestimmt. Und als die Männer versprachen zu tun, was immer er gebiete, falls es so herauskomme, da habe er befohlen, die Fische lebend wieder loszulassen, nachdem sie diese zuvor genau gezählt hätten. Und noch verwunderlicher war, daß kein einziger der Fische, die während der langen Zeit des Zählens außerhalb des Wassers blieben, sein Leben aushauchten, solange er dabeistand.”

(Alexander Polyhistor)
Quelle: Pythagoras, Ethik

Diese Geschichte ist deutlich älter als die Evangelien. In dem Original ergibt es einen Sinn, warum die Fische gezählt werden: Wenn Pythagoras die „Zahl der Fische“ richtig vorhergesagt hat, sollten die Männer die Fische wieder freilassen. Zur Ethik von Pythagoras gehörte Vegetarismus.

Wir haben jetzt folgende Möglichkeiten:

Jesus kopierte das Wunder des Pythagoras Punkt für Punkt, wobei es aber unerklärlich ist, warum er seine Jünger die Fische zählen lässt. In dem Fall muss man aber auch annehmen, dass Pythagoras der erste war, der dieses Wunder gezeigt hat. Es wäre unplausibel, Jesus dieses Wunder zuzugestehen und zu bestreiten, dass Pythagoras das auch konnte.

Der Evangelist kannte den alten Wunderbericht von Pythagoras, und schrieb dieses Wunder Jesus zu. Dabei kommt es zu der Unstimmigkeit, dass die Jünger die Fische zählen.

Pythagoras tat dieses Wunder, Jesus jedoch nicht.

Beiden wird das Wunder lediglich zugeschrieben.

Antike Wunderberichte

Also, was ist es: Pythagoras tätigte dieses Wunder, Jesus wurde es nur zugeschrieben? Jesus tat es, aber Pythagoras nicht? Beide führten dieses Wunder vor, wobei Jesus Pythagoras imitierte? Keiner von beiden?

Wenn man annimmt, dass antike Wunderberichte echt sind, muss man sich fragen, was ist wahrscheinlicher: Dass man das Wunder erfand, dass man es missdeutete, oder dass es wirklich passiert ist? Wir finden überall Erfindungen von Wundern.

Natürlich wählt jeder bei Verstand die Möglichkeit, dass in dem Evangelium einfach nur ein früherer Wunderbericht kopiert wurde. Laut den Evangelien sagte Jesus, dass er keine Zeichen (Wunder) geben würde, aber die Evangelisten beschrieben doch ein Wunder nach dem anderen. Hat Jesus gelogen und doch Wunder vorgeführt? Oder hat der Evangelist einfach ein älteres Wunder Jesus zugeschrieben? Solche Zuschreibungen waren früher an der Tagesordnung, es wäre zu einfach, das so abzulehnen.

Vor allem deswegen, weil alle Wunder, die Jesus vorführte, auf älteren Wunderberichten beruhen.

Wir finden zwei Brotvermehrungen in den Evangelien, die einerseits deutliche Parallelen zu demselben Ereignis im AT haben. Die Details, also die Zahlen, stammen aus den zwei Brotvermehrungswundern aus Homers Odyssee. Da macht es Sinn, dass beim zweiten Mal dies dasselbe Erstaunen hervorruft. In den Evangelien muss man annehmen, dass die Jünger unter Alzheimer litten, sie wussten doch, dass Jesus das zuvor schon gemacht hat, stellten dann aber dieselben Fragen? Ist das plausibel? Waren die Jünger so dumm, nicht zu bemerken, worauf das beim zweiten Mal hinauslief? Oder wurden einfach nur ältere Geschichten Jesus zugeschrieben?

Der Blinde, der sehend wurde, wird bis in die Details über Äskulap berichtet. Über das Wasser gehen wurde über Buddha erzählt, inklusive der Details, wie dem Jünger, der es auch versucht, aber vom Meister gerettet werden musste. Das Stillen des Sturms wird Pythagoras zugeschrieben. Auferweckung der Toten wurde diversen früheren Wundertätern zugeschrieben, inklusive Apollonias von Tyana, einem Zeitgenossen von Jesus und eine historische Gestalt — woran man bei Jesus zweifeln kann. Wasser in Wein zu verwandeln wurde Dionysos zugeschrieben.

Wenn man eine solche Fülle an literarischen Anlehnungen findet — übrigens auch bei den zahlreichen Wundern der Apostelgeschichte, wo Lukas so richtig aufdreht — dann ergibt es erst recht keinen Sinn, wenn man die älteren Wunderberichte zurückweist (auf welcher Basis?), aber meint, Jesus habe die nun wirklich aber in echt getan. Götter, die starben und wiederauferstanden gab es viele: Attis, Adonis, Remus, Ianna, Dionysos etc. pp. Man wird zu dem Schluss kommen müssen, dass die Wunder Jesus nur zugeschrieben wurden, und nicht, dass er lediglich ältere Wunder kopierte.

Natürlich gibt es das Problem, dass ein wissenschaftlich arbeitender Historiker annehmen muss, dass die Naturgesetze damals dieselben waren wie heute. Sonst ist alle Historie komplett Makulatur. Wenn heute keine Toten auferstehen, dann auch damals nicht. Wenn man heute absäuft, wenn man versucht, übers Wasser zu gehen, dann auch damals. Sonst kann man alle Geschichtsschreibung gleich in die Mülltonne werfen. Übrigens wussten das schon die antiken Historiker, von denen die meisten solche Wunderberichte bereits zurückwiesen.

Deswegen hat der „Jesus der Historiker“ keine Wunder vollbracht. Nicht, wie viele argwöhnen, weil man willkürlich Wunder zurückweist, sondern weil man selbst dann sehr gute Gründe dafür hat, wenn man alle diese Wunder für möglich hält. Man hat für jedes Wunder ältere Quellen gefunden. Man müsste schon sehr willkürlich verfahren, wenn man die älteren Quellen für falsch hält, aber die bei Jesus für real — dazu sind das zu viele, und es gibt zu viele Übereinstimmungen bis in die Details.

Es spielt also keine Rolle, ob man Wunder für möglich hält oder nicht. Man muss schon sehr naiv oder ignorant sein, wenn man die Möglichkeit der Zuschreibungen verwirft. Deswegen haben selbst viele Theologen Probleme, irgendeines der Wunder für Jesus zu akzeptieren. Der Theologe Bultmann sprach deswegen davon, dass man die Evangelien „entmythologisieren“ müsse. D. h., man muss sämtliche Wunder als Mythos betrachten, wie die Vorbilder auch, und diese aus den Evangelien entfernen (nicht aus dem Text, man muss sie eben als Mythos betrachten, nicht als reale Ereignisse).

Als Historiker hat man noch den Grund mehr, dass man antike Wunderberichte nicht „einfach so“ akzeptieren kann, weil man seine Wissenschaft nur dann betreiben kann, wenn man von einer Konstanz der Naturgesetze ausgeht. Wenn ein Richter bei der Rekonstruktion eines Falles plötzlich anfängt, Telekinese als Möglichkeit für einen Mord in Erwägung zu ziehen, würde man ihm seine Urteilsfähigkeit absprechen. Ein Historiker rekonstruiert auch die Geschichte und kann nicht anders verfahren.

Selbstverständlich ist jeder aus einer älteren Quelle abgeschriebene Wunderbericht auch ein Beweis dafür, dass die Evangelisten keine Historiker waren und keinen historischen Bericht geschrieben haben. Man kann auch nicht annehmen, dass sie nicht gewusst haben, was sie taten, denn dazu passen die Details viel zu genau. Außerdem, jeder der damals Griechisch lesen oder gar schrieben konnte, kannte Homer. Wenn die vergaßen, was Homer geschrieben hat, wie kann man dann davon ausgehen, dass sie alles getreulich berichtet haben?

Von den Apologeten wird immer gerne so getan, als ob Historiker, Theologen oder Atheisten die Wunder Jesus aus willkürlichen Gründen zurückweisen würden. Deswegen habe ich das so ausführlich geschildert, und man könnte das wirklich für jedes Wunder machen. Man muss sich vielmehr fragen, wie viel Willkür darin steckt, die Wunder für Jesus zu akzeptieren? Wenn es nur eines wäre, oder zwei, könnte man das leicht abtun, aber alle??? Da sollte man schon annehmen, dass dahinter eine Methode steckt.

Der „gewöhnliche Gläubige“ kennt diese ganzen Hintergründe natürlich nicht, deswegen können die Apologeten ihn so leicht belügen.

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