Es ist nur einer mehr, an den ich nicht glaube

Ricky Gervais zu Stephen Colbert: „Sie glauben nicht an 2999 Götter. Es ist nur einer mehr, an den ich nicht glaube.”

Wenn der strenggläubige Katholik Stephen Colbert den Atheisten Ricky Gervais in seine Show einlädt, kann man darauf wetten, dass es in ihrem Gespräch irgendwann um Religion gehen wird. Gestern Abend (Anm. d. Red.: 1. Februar 2017) warteten beide nicht erst, bis das Thema von selbst auftaucht, sondern kamen gleich zur Sache; sie diskutierten „erste Ursachen”, die Definition von Atheismus und warum Gervais nicht einfach nur „an Wissenschaft glaubt”.

Die Konversation war nicht streitlustig, erlaubte aber beiden Bühnenkomikern, ihre Positionen klar zu machen.

Gervais: „Der Atheismus lehnt lediglich die Behauptung ab, es gäbe einen Gott. Er ist kein Glaubenssystem. Das ist Atheismus, in aller Kürze. Sie sagen, es gibt einen Gott. Ich sage: Können Sie das beweisen? Sie sagen: Nein. Ich sage: Daher glaube ich Ihnen nicht. Sie glauben an Gott, nehme ich an?

Colbert: „Ähm... in Gestalt dreier Personen, aber fahren Sie fort.”

Gervais: „Ok. Es gibt etwa 3000 Götter zur Auswahl. Im Grunde lehnen Sie einen weniger ab als ich; Sie glauben nicht an 2999 Götter, und ich glaube an nur einen weiteren nicht.”

Gervais sagte weiterhin, er fühle immense Dankbarkeit für seine Existenz, denn „die Chance war eins zu Milliarden, dass ich als ich selbst auf diesem Planeten erscheine, und ich werde es nie wieder.” Anschießend, nachdem er hörte, sein Vertrauen in die Wissenschaft sei auch nur eine Art Glaube, konterte Gervais mit diesem hübschen Monolog.

Gervais: „Wissenschaft wird ständig auf die Probe gestellt. Schauen Sie – wenn wir irgendwelche Belletristik nehmen, irgendeine heilige Schrift, und sie zerstören, dann wird sie auch nach tausend Jahren nicht wiederkehren. Wenn wir dagegen alle wissenschaftlichen Literatur vernichten, dann wäre sie in tausend Jahren wieder da, weil all die gleichen Versuche die gleichen Resultate hervorbringen würden.”

Colbert: „Das ist gut. Das ist wirklich gut.”

Gervais: „Ich brauche also keinen Glauben an die Wissenschaft. Ich brauche keinen Glauben, um zu wissen, dass, wenn ich aus dem Fenster springe, dass jedesmal, wenn jemand aus dem Fenster springt, wir wegen dieser Sache, die man Gravitation nennt, zerschmettert werden.”

All das haben wir natürlich schon oft gehört – aber das ist bei Colberts Abend-Publikum nicht notwendigerweise der Fall. Welch ein Vergnügen, zu erleben, wie Gervais dieselben Argumente anbringt, die Menschen wie Richard Dawkins immer vermitteln können, aber gegenüber einem viel größeren Publikum, das nicht um eine Debatte über Religion gebeten hat.

Als 2015 Bill Maher in Colberts Show auftrat, diskutierten beide auch über Gott, aber es war viel heikler. Maher rümpfte die Nase über Colbert, den Gläubigen, und wirkte herablassend, trotz seiner treffenden Argumente.

Gervais andererseits leistete wunderbare Arbeit bei der Erklärung seiner Haltung, ohne Colbert wie einen Trottel zu behandeln. Es war viel wirksamer.

Übersetzung: Harald Grundner

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Kommentare

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    Lars Vagt

    Ich habe den Eindruck, dass es einen sehr Fehler in der Argumentation gibt. Das Beispiel vom Herrn Gervais gibt das ganz gut wieder, meine ich. Als Christ gehe ich davon aus, dass Gott existiert, so wie Herr Gervais von der Gravitation ausgeht. Beim Glauben geht es eher darum, dass es unsichtbare Wahrheiten gibt, die wir nicht wie die Gravitation aus Erfahrung (empirisch) kennen, sondern über die wir vorher gelehrt werden müssen. Eine gute Analogie wäre beispielsweise wie vor vielen Jahren meine kleine Schwester mit der flachen Hand an die Herdscheibe gefasst hat. Sie hat sich fürchterlich die Hand verbrannt. Es wäre gut gewesen, sie hätte das nicht aus der Erfahrung gelernt. Ich denke, Herr Gervais begeht, ob wissentlich oder unwiderstehlich, einen Kategoriefehler, indem er den Beweis auf eine andere Form von Glauben anwendet. Glauben im Sinn, wie es ein Christ verstehen würde, wäre wenn meine Schwester auf die Warnung meiner Mutter vertraut hätte.

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      Nieven Mann

      @Lars Vagt!

      Alle Lebewesen, die in der Lebensrealität der Gegenwart in Erscheinung treten, müssen in der Tat "ihre" ganz spezifischen Erfahrungen machen, aber die Kreatur "Mensch" ganz besonders.

      Theoretische Erfahrungen bringen nichts. Sie müssen real erfahren werden, damit man daraus lernt. Jedoch lernt der Mensch nur eingeschränkt aus seinen Erfahrungen, was man z. B. immer wieder daran erkennen kann, dass das Kollektiv der Menschheit immer wieder neue Kriege durchleben muss.

      Sollte es tatsächlich einen Gott geben, also überirdisches Metawesen, was ich für unrealistisch halte, dann ist er ein widerliches Monster, das seine erschaffenen Kreaturen ins planetarische Leben schickt, um sie dann ganz bewusst mannigfachen, meist grausamen Todesarten zu überlassen. Welcher "Gott" denkt sich denn solchen Schwachsinn aus? Der Gott aus dem Nahen Osten, und da kommt er ja her, ist meiner Überzeugung nach ein "großes A...loch.

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        Lars Vagt

        Sehr geehrter Herr Mann,

        mehr oder weniger zufällig habe ich ihre Antwort gefunden, und möchte gern noch einmal darauf eingehen.

        Zum einen kommt Gott nicht aus den Nahen Osten, sondern existierte bereits bevor es diese Welt gab, und hat sie auch erschaffen. "Er sprach, und es geschah; er gebot, und es stand da." (Ps 33,9)

        Zum anderen hat Gott keine Freude daran, dass der Mensch stirbt. "Ich habe kein Gefallen am Tod dessen, der sterben muss, spricht der Herr, HERR. So kehrt um, damit ihr lebt." (Hesekiel 18,20) Auch für den Schöpfer ist der Tod etwas Schlimmes.

        Es ist der Mensch, der sich durch seine Sünden von Gott entfernt, und so den Tod über sich gebracht hat. "Wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist, und durch die Sünde der Tod, so ist der Tod zu allen hindurchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben." (Römer 5,12)

        Es ist natürlich auch vollkommen unrealistisch, dass es keinen Gott gibt, denn diese Welt ist nunmal da. Und wir selbst leben und erleben uns darin. Alle erforschbaren Naturgesetze deuten ebenso wie unsere Alltagserfahrung darauf hin, dass all das nicht von alleine entstanden ist.

        Allerdings ist unser Verstand verfinstert, weil wir, auf Grund unserer Sünden und unserem mangelndem Willen zur Versöhnung, den Schöpfer ignorieren, ja ihm sogar alle schlimmen Folgen unseres bösen Tuns in die Schuhe schieben.

        "Das von Gott Erkennbare ist unter ihnen offenbar, denn Gott hat es ihnen offenbart. Denn sein unsichtbares , sowohl seine Kraft als auch seine Göttlichkeit, wird seit Erschaffung der Welt in dem Gemachten wahrgenommen und geschaut." (Römer 1,19-20)

        Natürlich müssen wir auch nicht alle Erfahrungen selbst machen. Muss ich mich vom Auto überfahren lassen, damit ich weiß, dass es gefährlich ist? Muss ich selbst Lungenkrebs haben, bevor ich mit dem Rauchen aufhören kann?

        Nein, wie haben einen Verstand. Dort gibt es auch Instanzen, die uns über Gefahren informieren. Der kluge Mensch geht der Gefahr aus dem Weg.

        Eine Warnung gibt es übrigens zum blasphemischen Umgang mit dem Namen Gottes, was sie leider getan haben.

        Nur damit wir uns richtig verstehen: Auch ich habe mich vielfach versündigt. Aber Gott ist gnädig, und ich durfte seine Vergebung erfahren. Wie wäre es mit Ihnen?

        Herzliche Grüße,
        Lars Vagt

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        Heinz-Walter Hoetter

        Nicht nur Zweifel sind gefährlich. Glaubensgewissheiten sind es nicht minder.

        Wir wissen nichts über das Unerforschliche, und wer dennoch zu wissen glaubt, täuscht sich

        Wir wissen nichts über Gott, über das Leben nach dem Tode oder über die ferne Zukunft. Kein Mensch auf der Welt kann etwas darüber wissen. Trotzdem gibt es viele Gläubige, Priester und religiöse Führer, die behaupten, im Besitz der Wahrheit und des Wissens zu sein. Aber sie wissen nichts. Sie täuschen sich und andere. Wer ihnen nicht glaubt, wird als „Ungläubiger“ abqualifiziert und mit der Strafe Gottes bedroht, von den Gläubigen ausgegrenzt, und, wie die Geschichte lehrt, verfolgt, misshandelt und getötet. Aber nicht die Ungläubigen sind die Gefahr, sondern die Gläubigen. Ihre Intoleranz, ihr Fanatismus, ihre Selbstgerechtigkeit und ihre Überheblichkeit, und vor allem: ihr Machtanspruch stellen eine Gefahr für den Frieden, die Sicherheit, den Fortschritt und das Wohlergehen der Menschheit dar.

        Das Göttliche bleibt unergründbar

        Wer oder was Gott ist, welche Eigenschaften, welche Pläne und welche Motive er hat, kann niemand wissen. Wir wissen nicht einmal, ob das Göttliche eine Person ist. Die drei monotheistischen Religionen behaupten, dass Gott eine Person sei, mit der man in eine persönliche Beziehung treten kann. Aber woher wissen sie das ? Woher kennen sie all die Eigenschaften und Pläne Gottes ?

        Gott bleibt unerforschlich. Alle religiöse Offenbarungen und alle Glaubensgewissheiten beruhen auf Täuschung – sei es auf Selbsttäuschung oder auch auf bewusster Täuschung anderer. „Frommen Betrug“ nennt man das.

        Nicht der Glaube ist eine die Tugend, sondern der Zweifel.

        https://www.e-stories.de/view-kurzgeschichten.phtml?44240

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