Essentialismus - Die Tyrannei des unsteten Geistes

Die Wissenschaft schreitet fort – dank der Entdeckung neuer Tatsachen und der Entwicklung neuer Ideen. Aber nur wenige wahrhaft neue Ideen werden entwickelt, ohne dass alte Ideen weichen müssen.

Essentialismus - Die Tyrannei des unsteten Geistes

Der physikalische Theoretiker Max Planck (1858 – 1947) bemerkte dazu: „Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, dass ihre Gegner allmählich aussterben und dass die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist.“ Mit anderen Worten: Wissenschaftlicher Fortschritt resultiert aus einer Reihe von Beerdigungen. Warum so lange warten?

Welche wissenschaftliche Idee ist reif für die Rente?

Ideen verändern sich genau so wie die Zeit, in der wir leben. Vielleicht liegt die größte Veränderung heute in der hohen Veränderungsgeschwindigkeit. Welche etablierte wissenschaftliche Idee sollte aus dem Weg geräumt werden, um dem wissenschaftlichen Fortschritt Platz zu machen?

Der Essentialismus – von mir auch „die Tyrannei des unsteten Geistes“ genannt – stammt von Plato und zeugt von seiner für einen griechischen Landvermesser charakteristischen Sichtweise. Für Plato waren Kreise oder Dreiecke ideale Formen, die zwar mathematisch beschrieben, aber nie in der Praxis realisiert werden konnten. Ein Kreis, in den Sand gezogen, war nur eine unvollkommene Annäherung an den idealen platonischen Kreis in der abstrakten Welt. Dies funktioniert für geometrische Formen wie Kreise, aber Essentialismus wurde auch auf lebende Dinge angewandt. Ernst Mayr sah darin die Schuld an der späten Entdeckung der Evolution – erst im 19. Jahrhundert. Wenn man wie Aristoteles alle Hasen aus Fleisch und Blut als unvollkommene Annäherungen an den idealen platonischen Hasen behandelt, kommt einem der Gedanke natürlich nicht in den Sinn, dass Hasen von Nicht-Hasen abstammen und sich zu Nicht-Hasen weiterentwickeln könnten. Wenn man laut der Wörterbuchdefinition von Essentialismus glaubt, dass die Essenz des Wesens eines Hasen der eigentlichen Existenz von Hasen „vorausgeht“ (was auch immer „vorausgeht“ bedeuten mag; das selbst ist bereits Unsinn), dann ist Evolution kein naheliegender Gedanke und trifft auf Widerstand, wenn er von anderen vorgeschlagen wird.

Paläontologen streiten leidenschaftlich darüber, ob ein bestimmtes Fossil beispielsweise noch Australopithecus oder bereits Homo ist. Aber jeder Evolutionist weiß, dass es Individuen gegeben haben muss, die exakt in der Mitte lagen. Es ist essentialistische Torheit, darauf zu bestehen, ein Fossil einer bestimmten Spezies zuzuweisen. Es gab nie eine Australopithecus-Mutter, die ein Homo-Kind gebar, denn jedes Kind gehört zur selben Gattung wie die Mutter. Dieses gesamte System der Nomenklatur von Spezies mit diskontinuierlichen Namen ist an einen Zeitabschnitt gebunden, nämlich die Gegenwart, in der Vorfahren einfach aus unserem Bewusstsein gelöscht wurden (und „Ringspezies“ taktvoll ignoriert werden). Falls wie durch ein Wunder jeder Vorfahre als Fossil erhalten wäre, dann wäre auch jede diskontinuierliche Einteilung unmöglich. Kreationisten irren sich, wenn sie hocherfreut solche „Lücken“ aufzeigen und als peinlich für Evolutionisten bezeichnen. Denn Lücken sind ein Glücksfund für Taxonomen, die aus gutem Grund versuchen, den Spezies unterscheidbare Namen zu geben. Sich darüber zu streiten, ob ein Fossil in Wirklichkeit Australopithecus oder Homo ist, ist wie ein Streit darüber, ob George groß ist. Er misst 1,70 m, sagt das nicht schon genug?

Wir sind eindeutig immer noch mit dem Virus von Platos Essentialismus infiziert

Der Essentialismus zeigt seine hässliche Fratze, wenn es um die rassenbezogene Terminologie geht. Die Mehrheit der „Afro-Amerikaner“ ist multi-ethnischer Abstammung. Und doch ist der Essentialismus so tief verwurzelt, dass man auf offiziellen amerikanischen Formularen genau eine Rasse oder Ethnizität ankreuzen muss – kein Platz für Übergänge. Ebenso verderblich ist es, dass diese Person selbst dann noch als „afro-amerikanisch“ bezeichnet wird, wenn auch nur einer ihrer acht Urgroßeltern afrikanischer Abstammung war. Oder wie es Lionel Tiger mir gegenüber ausdrückte: Wir haben hier eine unstatthafte „Verunreinigungs-Metapher“. Hauptsächlich möchte ich jedoch auf die essentialistische Hartnäckigkeit unserer Gesellschaft aufmerksam machen, Personen entweder dieser oder jener Kategorie zuzuweisen. Wir scheinen mit fließenden Übergängen nur schlecht umgehen zu können. Wir sind eindeutig immer noch mit dem Virus von Platos Essentialismus infiziert.

Moralische Debatten etwa über Abtreibung oder Euthanasie sind von derselben Krankheit befallen. Zu welchem Zeitpunkt gilt ein hirntotes Verkehrsopfer wirklich als „tot“? In welchem Moment seiner Entwicklung wird ein Embryo zu einer „Person“? Nur ein an Essentialismus erkrankter Kopf würde diese Fragen stellen. Ein Embryo entwickelt sich graduell von einer einzelligen Zygote zu einem neugeborenen Säugling, und es gibt keinen singulären Zeitpunkt, in dem das „Personsein“ eintritt. Es gibt die, die diese Wahrheit verstehen, und solche, die immer noch jammern: „Es muss doch einen Moment geben, in dem der Fötus zum Menschen wird.“ Nein, das muss es genau so wenig, wie es einen Tag geben muss, an dem ein Mensch mittleren Alters zum Greis wird. Es wäre besser, wenn auch nicht ideal, man würde anerkennen, dass der Embryo verschiedene Stufen durchläuft, vom Viertel-Mensch, Halb-Mensch, Dreiviertel-Mensch bis zum vollen Mensch. Der Essentialist wird diese Begriffe ablehnen und mich nach allen Regeln der Kunst der Verleugnung der „Essenz“ des Menschseins anklagen.

Jedes Glied dieser Kette besteht aus Individuen

Evolution verläuft wie die embryonale Entwicklung graduell. Jeder unserer Vorfahren bis hin zum gemeinsamen Vorfahren mit den Schimpansen und darüber hinaus, gehörte zur gleichen Spezies wie seine eigenen Eltern und seine eigenen Kinder. Das gleiche gilt natürlich auch für die Vorfahren der Schimpansen, die auf ebendiesen gemeinsamen Vorfahren zurückgehen. Wir sind mit den heutigen Schimpansen durch eine V-förmige Kette aus Individuen verbunden, die einst lebten, atmeten, und sich fortpflanzten. Jedes Glied dieser Kette besteht aus Individuen, deren Nachbarn an beiden Seiten ebenfalls Mitglieder der gleichen Spezies sind, ganz egal, ob Taxonomen darauf bestehen, an genehmen Stellen Einteilungen vorzunehmen und ihnen unterschiedliche Etiketten zu verpassen. Wenn alle evolutionären Zwischenformen entlang beider Seiten der V-förmigen Kette, beginnend beim gemeinsamen Vorfahren, gleichzeitig leben würden, müssten Moralisten ihre essentialistische, „speziesistische“ Angewohnheit aufgeben, Homo sapiens auf einen heiligen Sockel zu stellen, für immer getrennt von allen anderen Spezies. Abtreibung wäre genauso wenig „Mord“ wie das Töten eines Schimpansen oder – im weiteren Sinn – jedes anderen Lebewesens. Sicherlich wäre es argumentierbar, einem Embryo im frühen Stadium mangels Nervensystem und vermutlich auch der Fähigkeit, Schmerz und Furcht zu empfinden, weniger moralischen Schutz zukommen zu lassen als beispielsweise einem ausgewachsenen Schwein, welches sehr wohl in der Lage ist, zu leiden. Unser essentialistisches Verlangen nach klaren Definitionen für „Mensch“ (bei Debatten über Abtreibung und Tierrechte) und „lebendig“ (bei Debatten über Euthanasie und die Beendigung des Lebens) erscheint im Lichte der Evolution oder anderer gradueller Phänomene nur wenig sinnvoll.

Wir legen eine „Armutsgrenze“ fest: Man ist entweder „darüber“ oder „darunter“. Aber Armut ist ein Kontinuum. Warum gibt man nicht in Dollar-Werten an, wie arm man wirklich ist? Das absurde Wahlsystem der US-Präsidentschaftswahlen ist ein weiteres Beispiel einer besonders schmerzlichen Manifestation von essentialistischem Denken. Florida mit seinen 25 Wahlmännern beispielsweise muss entweder komplett demokratisch oder republikanisch werden, obwohl die Anteile der direkten Stimmen immer Kopf-an-Kopf sind. Aber Staaten sollten doch nicht als essenziell rot oder blau betrachtet werden: Sie sind Mischungen aus unterschiedlichen Anteilen.

Man kann sicher noch mehr Beispiele für Essentialismus, die „tote Hand Platos“, finden. Er ist wissenschaftlich konfus und moralisch verwerflich. Essentialismus gehört verabschiedet.

Übersetzung von: BeBo

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Kommentare

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    Mario Gruber

    Man muss sich etwas konzentrieren wenn man Richards Artikel liest, sogar auf Deutsch. Aber welch eine Poesie! Die Wissenschaft ist wirklich die Poesie der Realität!

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      Joe Wolsing

      Ist eine Einteilung in: "etwas ist essentialustisch, oder eben nicht", nicht genau das, was kritisiert wird? Ein sich entwickelnder Mensch ist hicht ein viertel, ein halber, oder ein ganzer Mensch, sondern ein in Entwicklung befindlicher Mensch. Dies kennzeichnet alles lebendige Sein und setzt sich bis zu dessen Tod durch.
      Selbstredend gibt es den idealen Kreis nur hypothetisch und kann in der Realität nicht erreicht werden. Aber das lässt sich eben auf Lebewesen nicht anwenden.
      Die Genderdebatte zeigt dies deutlich. Wir sind leider besessen davon unsere jeweiligen Ansichten und Erkenntnisse - ganz im Sinne Plancks - zu verteidigen, ganz besonders im Bereich der Humanwissenschaften. Neue Erkenntnisse "übersteuern" und die Vertreter der alten Vorstellungen verneinen und ignorieren. Im extremsten Fall sprechen wir der Gegenseite schlicht die Wissenschaftlichkeit ab. Zielführend im Sinne der Wissenschaft ist das nicht!
      Überhaupt muss sich auch die Wissenschaft die Frage stellen, ob Erkenntnisgewinn um jeden Preis - auch den der fortgesetzten Existenz unserer Gattung - gerechtfertigt ist. Zu leicht wird das zur Besessenheit und "das Kind mit dem Bade ausgeschüttet"!

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