Jesus, Harry Potter und die Hölle

Eine kleine Fragestunde

Jesus, Harry Potter und die Hölle

Foto: Pixabay.com / jeffjacobs1990

Was ist der beste Beweis für einen historischen Jesus?

Mit den Beweisen für einen historischen Jesus sieht es ziemlich mau aus. Stattdessen behilft man sich und benutzt Pseudoargumente, wie etwa:

Jesus war real, weil er so eine große Wirkung hatte. Das ist Bullshit, mit Verlaub, denn man kann das Ganze auch ohne einen historischen Jesus erklären. Der Cargo-Kult hat auch eine große Wirkung in bestimmten Regionen und eine definitiv erfundene Stifterfigur als angeblichen Begründer.

Das Christentum ist wahr, weil es so schnell gewachsen ist. Das ist Quark, weil es zum einen nicht stimmt, denn etwa 400 Jahre nach der Gründung des Christentums hatte es sich in Israel fast überhaupt nicht und in Rom bei maximal 2% der Bevölkerung durchgesetzt. Einige Experten geben diese Zahl auch erheblich niedriger an, sie schwankt zwischen 0,2% und 2%. Zum Vergleich: Der Atheismus wuchs im letzten Jahrhundert von nahe 0% auf über 20%. Das ist Wachstum, aber keiner verwendet es, um irgendeine Wahrheit zu verkünden. Das Christentum wuchs erst nennenswert, als auf die Verweigerung der Taufe die Todesstrafe stand und man die Kinder indoktrinieren konnte. Danach wuchs es mit den Eroberungen der Christen, die ihre „Religion der Liebe“ mit Feuer, Schwert und Zwang verbreiteten.

Angebliche historische Berichte: Auch das ist Unsinn, weil wir keine historischen Berichte über Jesus haben — nicht einen. Die Evangelien sind weder von der Art noch der Struktur noch irgendwas anderem historische Berichte. Sie genügen nicht einmal den bescheidensten antiken Ansprüchen an Geschichtsschreibung, von heutigen nicht zu reden. Ein Bericht, der keine Quellenangaben enthält, galt schon damals nicht als historischer Bericht. Die Berichte von antiken Historikern kommen alle viel zu spät, abgesehen davon sind die meisten ohnehin Fälschungen.

Angebliche Prophezeiungen. Das ist Quatsch der übelsten Sorte, wer das verbreitet, hat entweder eine ideologische Agenda oder nicht genug Verstand, eine solche zu durchschauen. Die Evangelien wurden so konstruiert, dass sich beliebige, komplett aus dem Zusammenhang gerissene Textstellen angeblich „erfüllen“. Tut mir leid: Das ist ein Trick für Doofe. Man nennt das Verfahren „Midrash“. Man reißt irgendeine Textstelle aus dem Kontext und benutzt das, um irgendwelche Ereignisse als angeblich „vorhergesagt“ zu interpretieren. Das wird häufig an so dünnen Haaren herbeigezogen, dass es eine Sau graust.

Ernster zu nehmen ist der Einwand: Wer würde sich so etwas ausdenken? Niemand, denn die Figur des rettenden Gottessohns war in der Antike weit verbreitet, man muss sich die entsprechenden Versatzstücke nur aus anderen Religionen herausklauben. Wer wissen will, wie und warum Gründerfiguren erfunden werden, sollte sich einmal mit dem Cargokult beschäftigen.

Man muss sich wundern: Ein Beweis beweist nur dann etwas, wenn er im logisch-kausalen Zusammenhang mit dem zu beweisenden steht. Das ist bei den meisten Dingen, die als „Beweise“ bezeichnet werden aber nicht der Fall. Gegenbeweise und Gegenargumente werden ohnehin komplett ignoriert.

Jesus starb und was ist dann wirklich passiert?

Laut Evangelien passierten verschiedene Dinge:

Das ursprüngliche Markusevangelium endet mit Vers 16,8:

Markus 16,1: Und da der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, des Jakobus Mutter, und Salome Spezerei, auf daß sie kämen und salbten ihn.

2 Und sie kamen zum Grabe am ersten Tag der Woche sehr früh, da die Sonne aufging.

3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?

4 Und sie sahen dahin und wurden gewahr, daß der Stein abgewälzt war; denn er war sehr groß.

5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Kleid an; und sie entsetzten sich.

6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten; er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, da sie ihn hinlegten!

7 Gehet aber hin und sagt’s seinen Jüngern und Petrus, daß er vor euch hingehen wird nach Galiläa, da werdet ihr ihn sehen, wie er gesagt hat.

8 Und sie gingen schnell heraus und flohen von dem Grabe; denn es war sie Zittern und Entsetzen angekommen. Und sie sagten niemand etwas, denn sie fürchteten sich.

Mit diesem Vers endet das Evangelium. Der weitere Text stammt deutlich von einem anderen Autor und war ursprünglich nicht bekannt. Kurz, es handelt sich um eine Fälschung.

Im Grunde gibt der anonyme Autor des antiken Textes einen deutlichen Hinweis für aufmerksame Leser, dass die Geschichte erfunden ist. Diesen Wink mit dem Zaunpfahl — eher schon ein Leuchtturm — wird von den meisten Lesern, speziell den Gläubigen, aber gerne übersehen:

Wenn die Frauen aus dem Grab flohen und niemandem etwas erzählten — woher weiß dann der Autor von den Geschehnissen? Er kann es nicht wissen, es sei denn, er hat sich die Geschichte ausgedacht. Das ist der „allwissende Autor“, den wir nur aus Romanen kennen, und der einen Roman ganz klar und deutlich von einem Tatsachenbericht unterscheidet. Oder, der Autor verschweigt etwas, was im Widerspruch zu seinen Worten steht, nämlich, dass die Frauen doch jemandem davon erzählten. Dann muss man sich wundern, warum er das tun sollte. Warum sollte ich einen Text so schreiben, dass man ganz klar eine Lüge bemerkt?

Es gibt einen sehr guten Grund, warum der Autor des Markusevangeliums seinen Text mit diesen Worten enden lässt. Denn er muss erklären, warum zu der Zeit, als er den Text schrieb, niemand mehr wusste, wo dieses Grab sein soll. Normalerweise, wenn sich ein Kult um Tote entwickelt, geschieht dies am Grab des Toten. Deswegen hält man es beispielsweise geheim, wo Menschen wie Hitler oder Bin Laden begraben wurden, denn so ein Grab ist ein Anziehungspunkt für Anhänger. Das ist der Treffpunkt schlechthin!

Warum wurde so schnell vergessen, wo dieses Grab liegt? Nun, es wurde nicht vergessen, es hat dieses Grab nie gegeben. Gerade ein leeres Grab wäre eine Sensation. Nicht umsonst gilt heute die Grabeskirche, die über dem angeblichen Grab steht, als das größte Heiligtum der Christenheit. Aber „entdeckt“ wurde dieses Grab erst Jahrhunderte später.

Mit dem Text spielt der Autor des Markusevangeliums auf antike Mysterien an. In allen antiken Mysterienkulten, in denen von einem leeren Grab die Rede ist, sind es Frauen, die das Grab entdecken. Für die damaligen Leser, die noch von den Mysterien wussten, reicht also die Anspielung auf das leere Grab, um zu implizieren, dass Jesus auferstanden ist. Später reichte das nicht mehr aus, da musste man dann handfeste Berichte verfassen.

Diese finden wir einerseits durch Hinzufälschung einer nachösterlichen Auferstehungsgeschichte im Markusevangelium. Andererseits haben wir noch drei andere Evangelien, die davon berichten. Aber die Erzählungen der vier Evangelisten widersprechen sich untereinander so stark, dass es deutlich wird, dass jeder sich einen eigenen Schluss ausgedacht hat. Es gibt immer noch die Herausforderung des ehemaligen Priesters Dan Barker: Schreibe eine Geschichte der Ereignisse an Ostern aufgrund aller vier Evangelien, die eine kohärente Schilderung der Ereignisse erlauben. Bisher ist noch jeder daran gescheitert.

Was also ist wirklich passiert? Selbst wenn man den anonymen antiken Autoren der Evangelien traut, weiß man es nicht und kann es nicht wissen. Ob man es für bare Münze nimmt oder für Symbolismen, man weiß es in keinem Fall. Wer also behauptet, er wüsste, was damals wirklich passiert ist, belügt entweder sich selbst oder andere.

War Jesus Christus jüdisch?

Wenn es Jesus überhaupt gab, war er genau dann ein Jude, wenn seine Mutter Jüdin war. Laut den Evangelien war das so, und mehr als die Evangelien haben wir nicht. Im Grunde ist das eine Frage wie: Waren Robin Hood und Harry Potter britisch?

In welchen Religionen gibt es keine Vorstellung einer Hölle?

In allen Religionen außer dem beiden großen Monotheismen Christentum und Islam gibt es keine Hölle. Im Judentum, obwohl auch monotheistisch, gibt es gleichermaßen keine Hölle.

Es wird oft eingewandt, dass es auch in der griechischen Mythologie eine Hölle gab. Nur hat diese keine Ähnlichkeit mit dem, was wir heute unter Hölle verstehen. In der griechischen Mythologie und anderen heidnischen Mythologien ist das schlicht ein Schattenreich für die Toten. Es ist aber nicht der Ort des Leids und des Höllenfeuers, wie im Monotheismus (außer dem Judentum).

Ausgerechnet in den Religionen, in denen von einem liebenden und barmherzigen Gott die Rede ist, gibt es eine Hölle. Gott liebt alle Menschen, und wenn sie ihn nicht ebenfalls lieben und sich ihm bedingungslos unterwerfen und gehorchen, dann lässt er sie ewig leiden und quält sie grausam. Das habe ich schon als Gläubiger nicht geglaubt. Wer einen liebenden und barmherzigen Gott und ewige Höllenqual miteinander vereinbaren kann, dessen Denkweise lässt sich nicht mit höflichen Worten umschreiben.

Die grausame Hölle mit den ewigen Qualen geht auf Jesus zurück, der angeblich die Liebe gepredigt haben soll — und gleichzeitig die größtmögliche Grausamkeit an denen, die seiner Art der Liebe nicht folgen. Ja, es gibt moderne Methoden der Exegese, mit denen man über alles sagen kann, dass dies ja nicht so gemeint ist, wie es klingt und gesagt wurde. Aber das wurde lange Zeit exakt so verstanden und geglaubt, und wer nun unterstellt, dass die Urchristen das alles falsch verstanden haben, der unterstellt ihnen auch, dass sie daher eine falsche Religion, gegründet auf Missverständnissen, begründet haben. Es ist interessant, dass man den Evangelisten sowohl große Wahrheitstreue unterstellt als auch ein großes Verständnis der beschriebenen Dinge, diese Einschätzung dann aber gleich wieder kassiert, indem man alles, was einem nicht passt, zu einem „Missverständnis“ erklärt. Womit man ja zugleich erklärt, mehr davon zu verstehen als die Evangelisten, die man gerne korrigieren möchte, auf deren Grundlage man sich gleichzeitig stützt und die man gegen jede Kritik schützt. Die haben alles gewusst, nur konnten sie sich nicht richtig ausdrücken.

Also, wenn man schon behauptet, dass die Evangelisten alles richtig wiedergeben, dann sollte man bitte auch konsequent sein und nicht dauernd Ausnahmen machen, wenn einem was nicht passt.

Hier findet wieder eine Missachtung der Autorenintention statt. Was wollten die Autoren damit sagen, und wie wurde das damals von den zeitgenössischen Lesern aufgenommen? Es wurde genauso verstanden, wie es gemeint war: als Warnung, als Drohung, eher als eine Terrorwarnung für die, die nicht bereit waren, das alles zu bedingungslos zu glauben, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Wenn das nicht so gemeint war, wie uns moderne Exegeten gerne weismachen würden, dann waren die Evangelisten unglaublich miese Berichterstatter. Dann muss man sich fragen, was die wohl noch alles völlig falsch verstanden haben, und da ist dann alles möglich.

Kommentare

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    Anonymus

    Ein besonders frühes außerchristliches Zeugnis findet sich beim jüdisch-römischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus († um 100). An zwei Stellen seines Historienwerks "Antiquitates Iudaicae" ("Jüdische Altertümer", veröffentlicht 93/94 n. Chr.) erwähnt er Jesus von Nazareth. Diese Abschnitte werden auch als "Testimonium Flavianum", also das "Zeugnis des Flavius" über Jesus bezeichnet. Im Buch XVIII der Antiquitates heißt es:

    "Um diese Zeit lebte Jesus, ein weiser Mann, wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf. Er vollbrachte nämlich ganz unglaubliche Taten und war der Lehrer aller Menschen, die mit Lust die Wahrheit aufnahmen. So zog er viele Juden und auch viele Heiden an sich. Dieser war der Christus. Und obgleich ihn Pilatus auf Betreiben der Vornehmsten unseres Volkes zum Kreuzestod verurteilte, wurden doch seine früheren Anhänger ihm nicht untreu. Denn er erschien ihnen am dritten Tage wieder lebend, wie gottgesandte Propheten dies und tausend andere wunderbare Dinge von ihm vorhergesagt hatten. Und bis auf den heutigen Tag besteht das Volk der Christen, die sich nach ihm nennen, fort."

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      Ralf Müller

      Ihr angeblich außerchristliches Zeugnis ist tatsächlich ein christliches. Die Aussagen des Historikers Flavius Josephus wurden durch gläubige Christen nachträglich überarbeitet, um dem Christentum ein scheinbar historisches Fundament zu verschaffen.
      Zitat Wikipedia:
      <>

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        Ralf Müller

        Zitat Wikipedia:
        In der historisch-kritischen Exegese des Neuen Testaments besteht weitgehender Konsens, dass die Erwähnung des Jesus von Nazareth (Testimonium Flavianum) in der Spätantike christlich überarbeitet wurde. Der ursprüngliche Text des Josephus ist nicht sicher rekonstruierbar. Es ist aber nach Friedrich Wilhelm Horn wahrscheinlich, dass Josephus an dieser Stelle etwas zu den stadtrömischen Christen sagen wollte, von denen er in den Jahren seines Romaufenthalts gehört hatte. Er habe außerdem noch von früher her Informationen über Jesus gehabt, die ihn in Galiläa oder Jerusalem erreichten. Josephus stelle etwas verwundert fest, dass der „Stamm der Christen“ Jesus noch immer verehrte, obwohl er doch gekreuzigt worden sei. Allerdings ist das Testimonium Flavianum nicht gut in den Kontext eingebettet. Eine vollständige christliche Interpolation sei zwar unwahrscheinlich, so Horn, aber nicht auszuschließen.

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        Uwe Lehnert

        Stimme Volker Dittmar in jedem Punkt zu. Erlaube mir nur ein paar Ergänzungen.

        Die renommierte Theologin Uta Ranke-Heinemann schreibt in ihrem Buch »Nein und Amen – Mein Abschied vom traditionellen Christentum, 2002, 5. Auflage:

        »In Wirklichkeit haben wir keine einzige sichere biographische Notiz über Jesu Geburtsjahr. ... So ist Jesus, was die konkreten Daten seiner Geburt betrifft, nahezu wie ein Phantom in die Geschichte eingetreten und, da wir auch sein Todesjahr nicht kennen, in der gleichen Undeutlichkeit wieder aus der Geschichte herausgegangen.«

        Bemerkenswert ist, dass der Geburtsmonat von Jesus nach neueren Erkenntnissen im März, im Sommer oder Herbst gelegen haben könnte. Man recherchiere im Internet mit den Stichworten »Jesus Geburtsmonat«.

        Der ebenfalls sehr renommierte, in antiker und mittelalterlicher Philosophiegeschichte ausgewiesene Philosoph und Historiker Kurt Flasch kommt in seinem 2013 erschienenen Buch »Warum ich kein Christ bin – Bericht und Argumentation« unter anderem zu folgendem Ergebnis: Am wenigsten glaubwürdig sei die Auferstehung von Jesus, das zentrale Ereignis des christlichen Glaubens. Gerade hier seien die Texte der Evangelien so widersprüchlich, dass sie als Dokumente wertlos seien.

        Das sind nur zwei Autoren von ungezählten, die sich kritisch und in ihrer Argumentation überzeugend mit der Person Jesus auseinandergesetzt und nachgewiesen haben, dass die entscheidenden, glaubensbegründenden Aussagen Produkte der Phantasie sind.

        Geradezu abenteuerlich klingt das, was zur Todesstunde von Jesus passiert sein soll:

        Matthäus 25, Vers 50ff: »Jesus aber schrie noch einmal laut auf. Dann hauchte er den Geist aus. Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich. Die Gräber öffneten sich und die Leiber vieler Heiliger, die entschlafen waren, wurden auferweckt. Nach der Auferstehung Jesu verließen sie ihre Gräber, kamen in die Heilige Stadt und erschienen vielen.«

        Ein so aufsehenerregendes Geschehen, das aller menschlichen Erfahrung widerspricht, wäre doch mit Sicherheit in den historischen Aufzeichnungen vermerkt und in den Erzählungen der Menschen über Jahrzehnte weitergegeben worden. Nichts dergleichen ist je bekannt geworden. Bei diesem Text handelt es sich also schlicht um religiöse Propaganda, die selbst sehr fromme Pfarrer in dieser Form heute nicht mehr wagen würden, ihrem Publikum in Predigten vorzutragen.

        Für mich gilt nach langer und intensiver Auseinandersetzung: Die christliche Lehre ist sowohl eine intellektuelle wie moralische Zumutung.

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