Kann aus nichts von selbst etwas werden?

Denkfehler des gestohlenen Konzepts

Kann aus nichts von selbst etwas werden?

Foto: Pexels.com / Frank Cone

Ja. Für die Gläubigen ist das insbesondere Gott, der in dem Nichts existiert und offensichtlich von selbst etwas geworden ist. Wenn der Gläubige behauptet, dass nichts von Nichts kommen kann, widerspricht er sich gleich selbst, indem er behauptet, Gott sei die Ausnahme von dieser generellen Regel.

Aber nur wenn diese Regel generell gilt, könnte man auf Gott schließen. Aber mit der Einführung von Gott gibt man zu, dass diese Regel nicht generell gilt, sondern Ausnahmen zulässt. Hätte man gleich damit begonnen, zu sagen: Es gilt die Regel, dass aus nichts auch nichts entstehen kann, aber diese Regel gilt nicht generell, es gibt mindestens eine Ausnahme – dann funktioniert die Logik nicht, und ein Schluss auf Gott würde nicht folgen.

Man nennt das den Denkfehler des gestohlenen Konzepts. Es ist schwer, eine theologische Abhandlung von mehr als ein paar Seiten zu lesen, ohne auf diesen Fehler zu stoßen, vor allem, wenn es um Gott geht.

Seht mal, wenn man behauptet "Von nichts kommt nichts", setzt man drei Dinge voraus, ohne die man eine solche Regel nicht aufstellen kann:

1. Die generelle Gültigkeit der Logik. Ohne Logik gibt es keine Regeln, und dann wäre nichts unmöglich und nichts wahrscheinlich oder unwahrscheinlich. Gibt es keine Regeln, kann man auch nicht ausschließen, dass aus einer nicht geltenden Regel logisch folgt, dass etwas unmöglich ist.

2. Man setzt weiterhin voraus, dass Nichtexistenz der Grundzustand des Seins ist. Das ist nicht selbstverständlich, Materie könne auch ewig existieren.

3. Außerdem muss man voraussetzen, dass etwas existiert, denn sonst könnte man diese Frage nicht stellen.

Da aber etwas existiert, muss man voraussetzen, dass mindestens eine der folgenden Behauptungen wahr sein muss:

1. Entweder, etwas ist aus dem Nichts entstanden.

2. Oder, etwas hat schon immer existiert.

Die Gläubigen behaupten, dass nur Behauptung zwei wahr sein kann. Es ist unerfindlich, woher sie das wissen wollen, sie glauben es nur. Leider gibt es keinen logischen, kausalen oder sonstigen Grund, das für wahr zu halten. Der Glaubenssatz entbehrt jeder Begründung.

Akzeptieren wir jedoch, dass wir Grund eins ausschließen können, auch wenn wir nicht wissen, wieso, dann könnte die Materie das sein, was schon immer existiert. Das müsste man positiv ausschließen können, um zu behaupten, dass Gott das Erste war, was ewig existierte. Aber man hat schon zugegeben, dass ewige Existenz eine Möglichkeit ist. Wir wissen, dass Materie existiert, wir wissen nicht, ob Gott existiert. Da wir nicht ausschließen können, dass Materie ewig existiert, haben wir keinen Grund für die Annahme, es gäbe einen Gott. Da es noch keiner geschafft hat, zu zeigen, dass Materie nicht ewig existieren kann, gibt es keinen Grund, auf Gott zu schließen.

Vielmehr gilt:

(P1) Materie/Energie kann weder erzeugt noch zerstört werden.

Das ist der erste Hauptsatz der Thermodynamik und gilt als wissenschaftlich bewiesen. Zudem gilt, dass Materie und Energie äquivalent sind, also für dieses Argument austauschbar. Wer jetzt mit der Quantenphysik kommt, sollte verstanden haben, dass dies nicht für Zeitspannen von der Länge der Planckzeit gilt, der kürzestmöglichen Zeitspanne. Aber auf längere Sicht (wenig mehr als die Planckzeit) gleicht sich das aus und wir können sagen, dass jenseits der Planckzeit die Prämisse gilt. Wenn man darauf beharrt, dass dies auch jenseits der Planckzeit gelten könnte, hat man damit einen möglichen Kandidaten entdeckt, wie aus dem Nichts etwas entstehen kann. Nur, dann muss man zustimmen, dass etwas aus dem Nichts entstehen kann.

(P2) Was ewig existiert, kann keinen Schöpfer haben.

So argumentiert der Gläubige, wenn es um Gott geht: Gott kann keinen Schöpfer gehabt haben, weil er ewig existiert. Aber was für Gott gilt, gilt für die Materie ebenso. Hier wird dann gerne mit der Intuition argumentiert, dass man sich eine ewige Existenz nicht vorstellen kann. Aber man kann sich vorstellen, dass Gott ewig existiert, und auch die Zukunft ewig existiert. Damit widerspricht man sich selbst.

(C) Da Materie weder zerstört noch erzeugt werden kann, muss sie ewig existieren, und was ewig existiert, kann keinen Schöpfer haben. Daher ist die Existenz eines Schöpfergottes ausgeschlossen.

So hat übrigens Epikur argumentiert, vor mehr als 2.000 Jahren. Er wusste nur noch nichts von Thermodynamik, aber die stärkt seine Argumentation. Die einzige Methode, diese Argumentation zu widerlegen, bestünde für einen Gläubigen darin, die Prämisse (P1) zu widerlegen. Aber wenn er das schaffen soll, kann er nicht mehr ausschließen, dass etwas aus dem Nichts entsteht, siehe der Absatz unter (P1). Damit hat er sich dann in den Fuß geschossen. Herzliches Beileid!

Es spielt also keine Rolle, ob wir akzeptieren, dass etwas aus dem Nichts entstehen kann, oder das anzweifeln. Zu Gott führt keiner der beiden Wege. Der eine Weg, dass etwas aus dem Nichts entstehen kann, macht Gott überflüssig. Der zweite Weg führt sogar dazu, dass man die Existenz Gottes ausschließen muss.

Wenn ich also verteidige, dass etwas aus dem Nichts entstehen kann, lasse ich dem Gläubigen sogar einen Ausweg. Aber die sehen oft die Tür nicht vor lauter Möglichkeiten, die sie ignorieren. Die sehen nur, dass ich ihre heilige Kuh schlachte, nämlich, die Behauptung angreife, dass aus dem Nichts auch nichts entstehen kann. Je mehr sie sich dagegen wehren, umso unmöglicher wird Gott. Interessant ist, dass die meisten das nicht sehen können, was uns einiges über das Verhältnis von Gläubigen und Logik verrät (nichts Gutes).

Sorry, liebe Gläubige, Ihr spielt Schach gegen jemanden, der Euch immer mindestens einen Zug voraus ist und oft mehrere Züge weitergedacht hat als Ihr. Der Grund dafür ist simpel: Für Euch ist Gott so etwas wie ein Stoppschild, das besagt: Bis hierhin denken, weiterdenken ist verboten. Ich bin Atheist und unterliege nicht solchen Denkverboten. Daher kann ich viel weiter denken als Ihr.

Das liegt nicht daran, dass ich irgendwie intelligenter bin als Ihr, obwohl man diese Möglichkeit auch nicht ausschließen kann. Es liegt nur daran, dass ich mir keine Denkverbote auferlege.

Zu dem Adler sprach die Taube:
Wo das Denken aufhört, da beginnt der Glaube;
Recht, sprach jener, mit dem Unterschied jedoch,
Wo du glaubst, da denk' ich noch.

(Ludwig Robert)

Hier geht's zum Originalartikel...

Kommentare

  1. userpic
    Canis Majoris

    dass "nichts" so langweilig werden kann wie bei Volker Dittmar ...

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