Richard Dawkins zum 20. Jahrestag von „Der Gotteswahn“

Zwanzig Jahre später ist das Buch immer noch relevant

Richard Dawkins zum 20. Jahrestag von „Der Gotteswahn“

Bild: Ullstein

„The God Delusion“ erschien 2006 („Der Gotteswahn“, deutsche Ausgabe 2007, Anm. d. Red.), zwei Jahre nach Harris’ „The End of Faith „ (Das Ende des Glaubens), ein Jahr vor Hitchens’ „God is Not Great“ (Der Herr ist kein Hirte) und im selben Jahr wie Harris’ Folgewerk Letter to a Christian Nation (Brief an eine christliche Nation). (Dan Dennetts „Breaking the Spell“ - Den Bann brechen: Religion als natürliches Phänomen - erschien ebenfalls 2006, aber ich betrachte dieses Buch als eine andere Art von Werk als die zuvor genannten.)

Diese vier Bücher zusammen könnten als Grundlage des „Neuen Atheismus“ angesehen werden, der dem „alten Atheismus“ ziemlich ähnlich ist, abgesehen davon, dass er aggressivere Angriffe auf die Religion führte, deren Schäden betonte und wissenschaftsorientierter war als beispielsweise der Atheismus von Robert Ingersoll. (Carl Sagan ging nicht ganz so aggressiv gegen den Glauben vor, nutzte aber die Wissenschaft, um die Religion anzugreifen.) Nun kann ich nicht beweisen, dass diese Bücher dazu beigetragen haben, Amerikas anhaltende Ablehnung des Glaubens zu fördern, die sich im Anstieg der „Nones“ manifestiert, aber viele Menschen haben mir gesagt, dass dies tatsächlich der Fall war.

Ich kann jedenfalls nicht sagen, dass der „Neue Atheismus“ tot ist. Das wäre so, als würde man behaupten, die „Mendelsche Genetik sei tot“: Sie war ein Fortschritt, der viele Menschen zum Umdenken bewegt hat, und sie ist im Laufe der Zeit in die Kultur integriert worden. Die Dummköpfe, die verkünden, der „Neue Atheismus“ sei tot, sagen damit lediglich, dass „die Argumente gegen den Glauben von Dawkins und Co. die ‚woke‘-artige soziale Gerechtigkeit nicht ausreichend berücksichtigen“. (Dies führte zu der lahmen Bewegung „Atheism Plus“, die tatsächlich tot ist, abgesehen von den wenigen Leuten, die immer noch darauf bestehen, dass Argumente gegen Religion und Götter zwangsläufig ihre bevorzugte Moralphilosophie beinhalten müssen.)

Jedenfalls hat Dawkins gerade im „Torygraph“ seinen Rückblick auf zwei Jahrzehnte „Der Gotteswahn“ veröffentlicht, und ihr könnt ihn kostenlos lesen, indem ihr auf die untenstehende Überschrift klickt. Er beansprucht keine besondere Fachkenntnis in Physik, zeigt aber die intellektuelle Leere der „wissenschaftlichen“ Beweise für Gott auf, die ich neulich erörtert habe, wie etwa die Argumente der „Feinabstimmung“ und des „Urknalls“.

Sie können (und sollten) den ganzen Artikel lesen, aber ich werde ein paar ausgewählte Zitate zu Argumenten für Gott anführen, die von Leuten wie Stephen Meyer und Ross Douthat wieder ausgegraben werden:

Am 2. Oktober jährt sich die Veröffentlichung von „Der Gotteswahn“ zum 20. Mal. Zufälligerweise erschienen etwa zur gleichen Zeit Bücher von Sam Harris, Dan Dennett und Christopher Hitchens. Dies veranlasste jemanden (keinen von uns vieren), den „Neuen Atheismus“ als „Projekt“ zu erfinden.

Wir schrieben unsere Bücher unabhängig voneinander und ohne Absprache, und soweit es uns betraf, gab es kein solches Projekt. Es war traurig, dass die alten Argumente erneut vorgebracht werden mussten. Noch trauriger ist, dass sie auch im Jahr 2026 noch immer erneut vorgebracht werden müssen.

Die Wahnvorstellung von Gott will einfach nicht verschwinden. Zum Teil, weil sie als Trostdecke für diejenigen dient, deren Vorstellung von Logik so aussieht: „Ohne X wäre das Leben unerträglich, also muss X existieren.“ Dann gibt es noch den großen Stalin-Syllogismus: „Stalin war Atheist. Stalin war ein schrecklicher Mensch. Folglich existiert Gott.“ Die Variante, die mit „Hitler war Atheist“ beginnt, ist ebenso unlogisch und wird daher durch die Tatsache, dass er es nicht war, nicht widerlegt.

Meine Vermutung ist, dass das Argument „Das Leben wäre ohne X unerträglich“ die Schwäche der Medien gegenüber der Religion begründet, einschließlich Medien wie der Washington Post, der New York Times und der Free Press. Diese Medien sind zu versiert, um die „wissenschaftlichen“ Argumente für Gott anzuführen. Stattdessen verkünden sie die Existenz einer „gottgeformten Lücke“ in unserem Geist, ergo muss es einen Gott geben, der in diese Lücke passt.

Von größerem Interesse ist das sogenannte Design-Argument. Die biologische Variante spricht heutzutage nur noch diejenigen an, deren geistiges „heutzutage“ vor das Jahr 1859 zurückreicht. Darwin hat ihr den Todesstoß versetzt, und seine Nachfolger haben das Werk vollendet. Zu Darwins Schwert kann ich nur kleine Stiche wie die folgenden hinzufügen. Wenn Gott Geparden so entworfen hat, dass sie wunderschöne und effektive Jäger von Gazellen sind, und wenn Gott Gazellen so entworfen hat, dass sie wunderschöne und effektive Flüchtlinge vor Geparden sind, auf welcher Seite steht Gott dann? Ist er ein Sadist, der sich an diesem Zuschauersport erfreut?

Doch die folgenden Argumente haben immer noch einen Hauch von abgestandener Luft in ihren Segeln:

Wenn Paleys relatives Urteil nun umgekehrt wird, dann nicht, weil die kosmologische Version des Arguments vom Design an Kraft gewonnen hätte. Vielmehr ist es so, dass die biologische Version gänzlich verschwunden ist. Hätte Paley nach Darwin gelebt, hätte er dem wahrscheinlich zugestimmt, denn sein Wissen über Biologie war tiefgreifend und detailliert.

Wie sieht es nun mit der heutigen Version der Kosmologie aus? Unser Universum entstand vor etwa 13,8 Milliarden Jahren aus einer Singularität. Der Moment des „Es werde Licht“ – als sich die Bedingungen so weit abgekühlt hatten, dass sich Elektronen mit Kernen verbinden und die ersten neutralen Atome bilden konnten – trat etwa eine Viertelmillion Jahre später ein.

Es dauerte dann noch etwa neun Milliarden Jahre, bis die Sonne (und die Erde) entstanden. In einem Triumph des Wunschdenkens wird diese Abfolge von Ereignissen von manchen als Bestätigung des Buches Genesis angesehen. Im Ernst!

Niemand weiß, was vor dem Universum war. Eine einflussreiche Denkschule unter Physikern lehnt das Wort „vor“ gänzlich ab, da die Zeit selbst erst mit dem Urknall begann. Der gesunde Menschenverstand verabscheut dieses Paradoxon, doch der gesunde Menschenverstand hat sich so entwickelt, dass er nicht tiefer nachdenkt, als es zum Überleben und zur Fortpflanzung nötig war. […]

Nicht alle Physiker akzeptieren die Prämisse des Feinstimmungsarguments. Siehe Victor Stengers „The Fallacy of Fine-Tuning“. Einige vermuten, dass es nur funktioniert, wenn man jeweils nur an einem Regler dreht. Dreht man mehrere Regler gleichzeitig, könnte es eine sehr große Anzahl von Einstellkombinationen geben, die biologisch vielversprechende Universen hervorbringen.

Andere Physiker, darunter auch Martin Rees selbst, weisen darauf hin, dass die derzeit favorisierte Theorie der kosmischen Inflation die Existenz eines Multiversums vorhersagt, das eine riesige Anzahl von Universen umfasst. Bei einer kleinen Minderheit dieser Universen sind die Parameter zufällig auf Werte eingestellt, die die Entstehung von Leben begünstigen. Wir müssen uns offensichtlich in einem dieser wenigen Universen befinden, denn hier sind wir ja – das sogenannte anthropische Prinzip.

Als Biologe fehlt mir die Kompetenz, mich in diese Debatte einzumischen. Ich stimme Paley zu, dass das biologische Argument vom Design das entscheidende war. Darwins Lösung hat dementsprechend enorme Bedeutung. Sie weckt das Vertrauen, dass sich auch die vergleichsweise nebensächliche kosmologische Variante zu gegebener Zeit als unhaltbar erweisen wird.

Aber natürlich gibt es das Argument vom Design nach wie vor, wenn auch in einer ausgefeilteren Form. Es ist „das Argument vom Design von Merkmalen, die nicht durch einen kontinuierlichen, schrittweisen Anpassungsprozess entstanden sein können.“ Mit anderen Worten, die Befürworter dieses Unsinns, der mittlerweile als „Intelligent Design“ („ID“) bekannt ist, behaupten, es gebe adaptive Merkmale von Organismen, die nicht allein durch natürliche Selektion entstanden sein könnten. Für alle bisher angeführten Beispiele, darunter das bakterielle Flagellum und die Blutgerinnung, gibt es mittlerweile plausible Szenarien für eine Entstehung durch Selektion. Dennoch hält sich ID hartnäckig. Das liegt nicht daran, dass seine Argumente plausibel wären. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der „wissenschaftliche“ Argumente für Gott vorgebracht hat, einschließlich ID, der nicht selbst gläubig war. Wären diese Argumente plausibel, würden wir erleben, wie eine Vielzahl bekannter Atheisten plötzlich gläubig würde, aber das passiert nicht.

Der Artikel enthält noch viel mehr, darunter Richards Antwort auf die Behauptung, er sei ein „kultureller Christ“ und daher glaube er an Gott, aber ich möchte nur noch eine weitere Antwort erwähnen:

„Aber Dawkins“, rufen die Kritiker. „Wenn du nur deine Theologie gelesen hättest, wüsstest du, dass Gott überhaupt nicht komplex ist. Das ist einfach Theologie für Anfänger. Gott ist zutiefst einfach.“

Ach ja, so einfach, dass er in der Lage ist, eine Milliarde Gebete gleichzeitig zu erhören. So einfach, dass er die Kapazität hat, jede einzelne Sünde nach ihrem eigenen Wert zu beurteilen. So einfach, dass „sogar die Haare auf eurem Kopf gezählt sind“ und kein einziger Spatz ohne sein Wissen zu Boden fällt. Und das alles zusätzlich dazu, dass er genau weiß, wie er die Gesetze und Konstanten der Physik feinabstimmen muss, um unsere letztendliche Existenz zu gewährleisten. Ach, Theologie. Ist das überhaupt ein Fachgebiet?

Nun, wie Dan Barker sagte: „Theologie ist ein Fach ohne Gegenstand.“

Ist der Neue Atheismus tot? Nein, ganz und gar nicht. Er lebt weiter in den Köpfen aller ehemaligen Gläubigen, die nach der Lektüre der Argumente von Dawkins & Co. erkannt haben, dass es für Gott nicht mehr Beweise gibt als für das Ungeheuer von Loch Ness.

Richard beendet seinen Beitrag mit diesem Satz: „Zwanzig Jahre später stehe ich nach wie vor zu dem, was ich in ‚Der Gotteswahn‘ geschrieben habe.“

Wenn man halbwegs klug ist, wie kann man dann den unerschütterlichen Glauben eines rationalen Menschen an Gott als etwas anderes betrachten als eine Schwäche des Verstandes oder des Charakters? (Ich schließe dabei diejenigen aus, die durch Gehirnwäsche zum Glauben gebracht wurden.)

Jerry Coyne ist ein amerikanischer Evolutionsbiologe der University of Chicago und seit 2015 emeritierter Professor. Er ist als Buchautor und säkularer Aktivist bekannt und betreibt den  Blog „Why Evolution Is True“. Sein bekanntestes Buch ist „Faith vs. Fact“. Jerry Coyne ist auch auf Twitter aktiv.

Übersetzung: Jörg Elbe

Hier geht's zum Originalartikel...

Kommentare

  1. userpic
    Nora

    "The God Delusion" fand ich schon vor 20 Jahren langweilig, total überflüssig: "The Dawkins Delusion" – Bertrand Russell ist 1000x besser

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    1. userpic
      RPGNo1

      Herzlichen Glückwunsch zum 20 jährigen Jubiläum von “Der Gotteswahn”. Es hat mir nämlich dahingehend die Augen geöffnet, angebliche "Wahrheiten" sog. Autoritäten nicht schulterzuckend zur Kenntnis zu nehmen, sondern sie kritisch zu hinterfragen.

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