Sind alle Religionen orientalisch und alle Ideologien westlich?

Kann man es behaupten, wenn man die Ursprünge der Strömungen, die die Welt im Laufe der Jahrhunderte geprägt haben, kurz zusammenfasst und die Fakten betrachtet?

Sind alle Religionen orientalisch und alle Ideologien westlich?

Foto: Pixabay.com / JESUS_is_our_only_HOPE

Ganz sicher nicht, wenn man die Bedeutung des Wortes „Ideologie“ versteht.

Das Wort „Ideologie“ bedeutet wörtlich „Ideenlehre“. Demnach wären auch Mathematik, Physik, Biologie etc. Ideenlehren. Aber der Begriff „Ideologie“ meint eine spezielle Form der Ideenlehre. Damit man eine Ideenlehre als Ideologie klassifizieren kann, müssen fünf Kriterien erfüllt sein, nicht alle unbedingt idealtypisch.

- Dogmatismus: Man behauptet, die absolute Wahrheit schon zu besitzen.

- Kritikimmunisierung: Kernideen werden vor Widerlegung geschützt.

- Verschwörungstheorien: Es gibt einen Hang, Verschwörungstheorien auszubilden, nach denen unsichtbare Mächte im Hintergrund die Fäden ziehen.

- Utopie: Teil der Lehre ist es, dass es einen Idealzustand der Menschheit gab und/oder geben wird, in dem alle in Harmonie lebten und/oder leben werden.

- Werturteile: Werturteile werden als Tatsachen behandelt.

Demnach sind nicht alle, aber die meisten Versionen monotheistischer Religionen auch Ideologien, ob sie nun aus dem Orient stammen oder nicht. Ideologien sind über den ganzen Planeten verstreut.

Religionen haben sich ebenfalls überall ausgebildet. Man kann nur sagen, dass die großen Religionen wie Christentum und Islam sich im Osten gebildet haben, aber durchgesetzt hat sich das Christentum im Westen und der Islam im Osten. Im Westen haben sich aber auch nichtideologische Religionen ausgebreitet, wie das Heidentum, das eine Erfahrungsreligion ist und keine Glaubensreligion. So etwas finden wir auch im Osten, wie den japanischen Shintoismus.

Die Welt ist nicht so schwarz-weiß, wie uns gerade Ideologien glauben machen möchten. Nach dem Motto: Alles Gute kommt aus dem Osten und alles Schlechte aus dem Westen, oder umgekehrt.

Wenn man herausfinden möchte, ob eine Ideenlehre eine Ideologie ist, muss man alle fünf dieser Punkte durchgehen. Anhand des Christentums und des Islams wird man schnell sehen, dass für den Mainstream alle fünf Punkte idealtypisch erfüllt sind. Man wird aber auch Varianten finden, bei denen ein oder zwei oder mehr der Punkte nicht erfüllt sind. Aus dem Christentum hat sich der Unitarismus gebildet, und der erfüllt keinen der fünf Punkte. Im Islam wie auch im Christentum hat der Mainstream meist unter Anwendung von Gewalt versucht, sich durchzusetzen. Im Islam findet man das noch heute. Das ist eine Folge des Dogmatismus: Wenn man meint, schon alle Wahrheit zu besitzen, dann muss jeder, der das nicht teilt, ein Feind der Wahrheit sein. Entweder aus Dummheit oder aus Böswilligkeit.

Kritikimmunisierung ist wie ein Virus, der sich in das Denken einschleicht, und es vergiftet. Jede Ideologie korrumpiert das Denken, doch die eine mehr, die andere weniger. Man darf diese Differenzierung nicht übersehen, denn das wäre bereits ein erstes Anzeichen für ideologisches Denken, das solche Differenzierungen oft nicht kennt.

Verschwörungstheorien sind ebenso weitverbreitet. Die bekannteste Verschwörungstheorie ist Gott: Eine Macht zieht im Hintergrund die Fäden. Es spielt keine Rolle, ob diese Macht als gutartig oder bösartig gesehen wird.

Utopien wie das Jenseits oder goldene Zeitalter finden wir im Christentum und Islam auch, aber eben nicht nur dort. Kennzeichen ist, dass man glaubt, wenn sich die eigene Ideologie nur genügend durchsetzt, dass wir dann in goldenen Zeiten leben werden. Manchmal hier, manchmal im Jenseits, manchmal beides.

Wenn die eigene Moral absolut gesetzt wird, dann ist das ein Zeichen dafür, dass man Werturteile absolut setzt, und das fünfte Kriterium wäre dann auch erfüllt.

Interessant ist, dass Ideologien untereinander oft verfeindet sind. Für sie ist alles andere Ideologie, nur sie selbst nicht. Im Kommunismus, einer klassischen Ideologie, war alles andere eine Ideologie, definiert als „falsches Bewusstsein“. Das kommt aus der Idee, man besäße die absolute Wahrheit. Alle anderen nehmen die Realität bloß falsch wahr. Die Idee ist aber eher wahnhaft. Weder wir individuell noch kollektiv noch eine Weltanschauung kennt die ganze Wahrheit. Das heißt nicht, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Wir kennen sie nur nicht, und auch wenn wir sie kennen, so können wir das nicht beweisen. Wahrheit ist mehr ein Ideal, dem man sich annähern kann, ohne zu wissen, wann man das Ziel erreicht hat, oder wie weit man davon entfernt ist. Man kann nur sagen, welche von zwei Ansichten weiter weg von der Wahrheit ist als die andere.

Ideologien haben oft einen eigenen Jargon, bei dem man die Begriffe auf andere Art definiert. Nicht jeder Jargon ist jedoch ideologisch. Wenn man fragt, warum jemand summarisch eine Gruppe von Ideologien als solche bezeichnet, muss man immer fragen, wie das Wort „Ideologie“ definiert wird.

Ohne eine solche Definition ist die Bezeichnung sinnlos. Dann ergibt auch eine Antwort auf die Frage keinen Sinn.

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