Verlagerung von Biodiversitätsforschung

Wird die Biodiversitätsforschung zunehmend in Zweit- und Drittweltländer verlagert und verliert dort durch Massenpublikationen mäßig vorgebildeter Forscher an Wert?

Verlagerung von Biodiversitätsforschung

Foto: pixabay.com

Es erscheint zunächst plausibel: Ein sinnvoller Naturschutz muss zwingend an genaue Kenntnisse unserer Natur anknüpfen. Da unsere natürliche Umwelt zu erheblichen Teilen biologisch belebt ist, ist die Artenkenntnis eine wichtige Grundlage, um unsere irdischen Ökosysteme und damit auch uns selbst zu erhalten. Forscher gehen von insgesamt über acht Millionen Arten weltweit aus. Hierbei zeigen vor allem die Tiere eine hohe Artenvielfalt auf. Ein erheblicher Prozentsatz der Biodiversität, so der Fachterminus für Artenvielfalt, ist jedoch noch immer unbekannt.

Jeder vernünftige Mensch würde doch an dieser Stelle schlussfolgern, dass Biologen und insbesondere Zoologen händeringend benötigt würden, um zu dem Mammutprojekt „Biodiversitätsforschung“ Beiträge leisten zu können. Doch weit gefehlt! Deutsche Stellenangebote suchen in der Regel nach Pharma-Mitarbeitern oder versuchen stellenlose Wissenschaftler unter ihrem Leistungsniveau in Großlaboratorien der medizinischen Forschung unterzubringen. Der Rest bleibt ohne Anstellung und muss mitunter als Hatz-IV-Bezieher ein klägliches Dasein fristen.

Und die Biodiversitätsforschung? Die ist längst nicht mehr in Deutschland zuhause. Nur wenige Grüppchen sind bundesweit verteilt übrig geblieben, und die investieren mehr Zeit damit, ihre Ellbogen zu stärken, um ihre Fördermittel gegen Konkurrenten zu verteidigen, als in gute Forschung. Machtregierungen denken an nichts anderes als an ihren Machterhalt, kurzsichtiges Agieren, denn was nach ihnen passiert, ist ihnen völlig gleichgültig. Steuergelder wandern in die Geldbörsen gieriger Politiker, und das in rauen Mengen, und nicht dahin, wo sie hingehören: in die langfristige Sicherung der Zukunft. In der Zwischenzeit sterben Arten zu Hunderten aus, noch bevor sie überhaupt entdeckt und beschrieben werden können, und mit ihnen vergehen mitunter ganze Ökosysteme.

Dabei verfügte Deutschland über eine seit Jahrhunderten gewachsene Tradition in qualitativ hochwertiger Forschung in den Naturwissenschaften. Gerade in der Biologie waren deutsche Wissenschaftler weltweit bekannt für präzise Gedanken und sorgfältige Terminologien sowie gründlich durchdachte Hypothesen. Inzwischen sind deutsche Spezialisten im Umfeld der Biologie entweder auf Dauer arbeitslos oder zu Überlebenskünstlern geworden. Die USA haben das Feld übernommen, sie investieren immense Forschungsgelder in die Grundlagenforschung. Und das doch mit für das Land typischen Einschränkungen. Wer sich einen US-Wahlkampf anschaut, wer Hollywood-Action-Filme konsumiert, der weiß, dass subtiles Gedankengut oft nicht Sache der US-Amerikaner ist. So auch allzu häufig nicht in den Naturwissenschaften.

USA sequenziert vorwiegend

Terminologien, die wir sorgsam voneinander abgrenzen, werden gerne lax pauschalisiert verwendet. Feinheiten des Artbegriffes? Für manche Systematiker völlig uninteressant! Die USA sequenziert vorwiegend, das ist zeitgemäß und erfasst die Artenvielfalt objektiv und genau, so jedenfalls glaubt man. Einwände werden nicht selten als unmodern verworfen. Aber welches Gen kodiert denn nun für die Artgrenze? Blöde Frage, kein bekanntes natürlich, die Grenzen, die legen wir einfach willkürlich fest. Aber wer um alles in der Welt wählt denn dann das Material nach sinnvollen Kriterien aus, das überhaupt zur Sequenzierung gelangt? Gute Frage, so die Antwort, hier werden nach wie vor Spezialisten benötigt, aber bitte, günstig müssen sie sein und produktiv im Akkord. Ich berichte hier aus meinen eigenen Erfahrungen im Bereich der systematischen Milbenforschung.

Der Einwand „Qualität gibt es nicht günstig“ wird kaltlächelnd in den Wind geschlagen. Geld spart man, indem man diese Forschungsleistung in Zweit- und Drittweltländer verlagert. Ich habe selbst miterlebt, dass einflussreiche US-amerikanische Forscher die Arbeit nicht hinreichend vorgebildeter russischer Kollegen explizit motivieren und gutheißen, denn diese Sorte Forscher macht häufig, was ihr gesagt wird, ohne kritische Rückfragen, ohne eigene Einfälle und innovative Ansätze. Wer in Zweit- und Drittweltländern forscht (das gilt auch für die russischen Milbenforscher, die ich kennenlernte) wird aus landeseigenen Kassen verhältnismäßig fürstlich entlohnt. Umfassende Kompetenz ist oft nur eingeschränkt wichtig. Vor allem nämlich gilt es, dem jeweiligen politischen System freundlich gesonnen zu sein, denn ansonsten kommt es erst gar nicht zum Studium.

Auf entsprechendem Niveau befindet sich die Forschung nicht nur im fernen Sibirien, sondern auch in Ägypten oder etwa dem Iran. Ich mache wohl Witze? Nein, nein, ich habe das alles selbst gesehen. Zeckenforschung in Kairo: Mir verschlug es den Atem, schon alleine, weil der Begriff der Tierethik dort völlig unbekannt zu sein schien. In Russland war ich angestellt. Ja zumindest kann man sich im westsibirischen Tjumen vernünftige und hochwertige Mikroskope leisten, auch wenn es mitunter an der Fähigkeit, diese adäquat zu bedienen, hapert. Ergänzende sinnvolle Arbeitsmaterialien hat man hingegen oft nicht und kennt man auch nicht. Manches Zeiss- oder Leica-Mikroskop, einst neuwertig erstanden, sieht nun aus, als entstamme es einem Second-Hand-Markt. Auf Nachfrage heißt es dann, man habe mit der Zange diese und jene Schraube gelöst und diese anschließend nicht mehr dran bekommen. Mikroskop-Kameras sind vorhanden, es kann sie aber keiner bedienen, weder für qualitative hochauflösende Fotografie noch für ebensolche Videografie.

Während also russische Forscher der Stadt Tjumen in maroden Räumlichkeiten aus Zeiten des Kalten Krieges unter undichten Decken ihrer Arbeit nachgehen, diese regelmäßig unterbrechen müssen, um die Eimer unter dem tropfenden Dach auszutauschen, freut sich der US-amerikanische Protecteur. Denn der glaubt allen Ernstes, dass die enorme Herausforderung, neue Arten zu entdecken und zu beschreiben, am besten von denen erfüllt werden kann, die über kein weitreichendes biologisches Grundwissen verfügen, die keine kritischen Fragen stellen, die niemals eigene Ansätze entwickeln und sich die Bohne scheren um läppische uninteressante Phänomene wie kryptische Artengruppen oder Zwillingsarten. Stattdessen wird hohe Quantität geboten. Pro Forscher fünfzehn bis zu dreißig Artbeschreibungen im Jahr sind Ehrensache. Was noch vor zehn Jahren in Deutschland für harsche Kritik gesorgt hätte, macht den Milbenforscher aus Tjumen zum „Leading Scientist“. Eine durchaus angenehme Position, denn ein „Leading-Scientist“ muss sich um wenig sorgen. Sogar die private Wohnung wird ihm mit öffentlichen Mitteln finanziert.

Akkordweise Publikationen

Da ist es nicht verwunderlich, dass der Russe, der sich in derart existenzieller Wohlbehütung weiß, kaum Gründe sieht, irgendetwas an seiner Arbeitsweise zu ändern. Im Gegenteil soll alles wie gehabt bleiben. Deswegen werden die Texte einer Artbeschreibung für jede neue Art auch nur geringfügig abgewandelt. Ich habe das nicht nur selbst gesehen, sondern mir wurden diese Arbeiten auch regelmäßig zur sprachlichen Bearbeitung vorgelegt. Denn, auch Ehrensache, Russen beherrschen die englische Sprache in der Regel nicht, obwohl es sich dabei um die internationale Wissenschaftssprache handelt. Wen wundert’s, dass meine Korrekturen immer dieselben waren, es existierte nicht einmal die Flexibilität, um schon mehrfach kritisierte Mängel in der Folge zu beherzigen.

Artbeschreibungen ohne die geringste Kenntnis zur Biologie und Ökologie der betroffenen Spezies sind im Grunde ohne Aussage und daher kein Beitrag zu einer sinnvollen Biodiversitätsforschung. Biologische Untersuchungen wurden in meinem sibirischen Forschungsinstitut vorsätzlich, oft mit dem Argument der Undurchführbarkeit, verweigert, in Wahrheit, weil der Zeitaufwand zu groß wäre. Schließlich sollen pro Jahr akkordweise Publikationen veröffentlicht werden, ansonsten wäre man schließlich kein „Leading-Scientist“ mehr. Meine Nachfragen zur Arbeitsweise wurden oft erstaunlich beantwortet. Warum man die lebend zur Verfügung stehende Art nicht gleich auch in Kultur bringe, oder wenigstens zur Lebendbeobachtung erhalte, wollte ich wissen. Die Antwort: „Womit soll ich die Milben denn füttern?“. Auf meinen Hinweis, dass man auch mithilfe des normalen Lichtmikroskops hochqualitative Videos lebender Tiere aufzeichnen kann, wurde schroff entgegnet: „mit dem Lichtmikroskop? Das geht nicht!“.

Ich habe während meines Aufenthaltes in Russland „nur“ drei Publikationen veröffentlicht, mich an einer weiteren zudem maßgeblich beteiligt, dann aber aufgrund der schlechten Qualität des Endwerkes meine Benennung als Coautor explizit untersagt. Im Gegensatz zu den russischen Kollegen habe ich alle Milbenarten, an denen ich forschte, immer auch gezüchtet und biologisch untersucht, und hierzu jeweils gigabyte-weise Videomaterial erstellt. Aus russischer Sicht eine lachhafte Zeitverschwendung, die man sich im Nachhinein aber durchaus zunutze gemacht hat. So wurden meine Beobachtungen zum Verhalten der Deutonymphen der von mir beschriebenen Art Bonomoia sibirica in einem russischen Stipendien-Zwischenbericht frech und schamlos als Ergebnisse russischer Forschungsarbeit ausgegeben, ohne Nennung meiner Urheberschaft. Dass es sich um Beobachtungen handelt, die im Rahmen meiner Artbeschreibung publiziert wurden, in der ich alleiniger Autor war, schien hierbei unerheblich zu sein.

Nicht eben mal schnell und am Fließband

Die Biodiversitätsforschung kann nicht eben mal schnell und am Fließband durch weitgehend unkundige Forscher erledigt werden, die nie eine hochqualifizierende Ausbildung in den Bereichen Artbegriff und Ökologie erfahren haben. Ich appelliere an die deutsche Regierung, zu erkennen, dass hierzulande im Gegensatz zur unbekümmerten Arbeitsweise anderswo– noch – qualifizierte Wissenschaftler vorhanden sind. Diese gilt es nicht auszuhungern und dadurch auszumerzen, sondern zu fördern. Denn was gibt es Wichtigeres als ein Verständnis unserer Umwelt, um diese durch sinnvolle Maßnahmen erhalten zu können. Diese Menschen können hierzu wichtige Beiträge liefern! Es ist kurzsichtig, stattdessen ausschließlich in die Entwicklung moderner Technologien zu investieren. Kürzlich lese ich, dass man sich derzeit lieber Fragen widmet wie: Wie können wir uns die Goldvorkommen der Weltmeere nutzbar machen, Stichwort Tiefseeuntertagebau. Gier anstelle wissenschaftlicher Verantwortung!

Einflussreiche US-Forscher denken allerdings weitaus pragmatischer als ich. Warum neben Russland nicht auch Drittweltländer in die Biodiversitätsforschung einbeziehen? So wurde ich vor etwa einem halben Jahr durch einen jungen iranischen Forscher angeschrieben, der seine Kontaktaufnahme mit der Empfehlung eines einflussreichen US-amerikanischen Kollegen begründete. Ich sollte ihn ehrenamtlich dabei unterstützen, eine Publikation in einem internationalen Peer-Review-Journal unterzubringen. Im Grunde nicht die schlechteste Idee, wenn man berücksichtigt, dass man hierdurch Zugriff auf Artenmaterial erhält, das aus Krisenregionen stammt, in die westliche Forscher nur ungern einen Fuß setzen würden. Der Kollege hat dann auch gleich mit Milben aufwarten können, die in Kriegsgebieten des Irak gesammelt wurden. Da will man dann auch großzügig sein und fragt lieber nicht nach, warum nur ein Entwicklungsstadium zur Verfügung steht und warum nicht der Versuch unternommen wurde, die Art lebend in Kultur zu bringen. Tatsächlich habe ich mich über mehrere Monate hinweg ehrenamtlich auf den jungen Forscher aus dem Iran eingelassen, um dann aber festzustellen, dass dort scheinbar alle mir wichtigen akademischen Grundvoraussetzungen fehlten. Eine mit aller Kraft gerade so durchgeboxte internationale Publikation hätte folgende Konsequenzen gehabt: Für mich keine, ihm hingegen wäre dafür vermutlich umgehend eine Professur verliehen worden. Ich habe meine Kooperationsbereitschaft daher inzwischen eingestellt.

Stefan Wirth ist ein deutscher Zoologe, Evolutionsbiologe und Milbenspezialist.

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