Was ist dran am Gendern?

Meine Gedanken zu einem Streitthema

Was ist dran am Gendern?

Foto: pixabay.com / 3dman_eu

Das Thema „geschlechtergerechte Sprache“ wird seit einigen Jahren hitzig diskutiert und als Mittel zu mehr Gleichberechtigung dargestellt. Doch kann Gendern diesem Anspruch gerecht werden? Im Nachfolgenden möchte ich einen kleinen Einblick geben, warum ich persönlich skeptisch bin, ob solche Sprachregelungen notwendig und sinnvoll sind.

Gleichberechtigung und Freiheit

Klar ist: In einer modernen und liberalen Gesellschaft ist die Freiheit zur eigenen Entfaltung eine der wichtigsten Kenngrößen. Hindernisse, die jedem Menschen dabei im Weg stehen, sollten möglichst abgebaut werden. Das ist einer der zentralen Grundgedanken des Humanismus. Ich halte es deshalb für essentiell wichtig, für Gleichberechtigung und die größtmöglichen Chancen zur Entfaltung des eigenen Potentials für jeden zu sorgen.

Deshalb verstehe ich die guten Absichten hinter dem Versuch, Sprachregelungen zu schaffen, die alle Menschen mit einschließen, da von manchen ein Teil dieser Hindernisse eben auch in der Sprache verortet werden. In meinen Augen geht die Diskussion dieses Themas häufig aber an wichtigen Fakten und Hintergründen vorbei. Es wird von einer axiomatischen Ausgangsbasis aus diskutiert, deren „Wahrheiten” nicht mehr hinterfragt werden.

Das soll nicht heißen, dass nicht jeder für sich selber entscheiden sollte, wie er spricht, oder dass ich mich nicht bemühen würde, nach Möglichkeit und dort, wo es sinnvoll ist, geschlechtsneutral zu schreiben. Ich halte Sensibilisierung für die Wirkung von Sprache für wichtig, aber das erschöpft sich nicht bei dem Geschlechter / Gender Thema, sondern ist wesentlich umfangreicher. Es gibt einige Möglichkeiten, Sprache so zu nutzen, dass man das „Problem“ umgeht.

Verbindliche Sprachregelungen brauchen aber sehr starke Argumente, einen eindeutig belegten Nutzen und eine Grenze, die Sanktionsmöglichkeiten von Verstößen deutlich einschränkt und die nicht überschritten werden darf, ansonsten rückt man näher in Richtung autoritärer Regime.

Was ist Gendern?

Sprache ist aus Sicht der feministischen Linguistik ein Herrschaftsinstrument, mit dem das Patriarchat seinen Machtanspruch geltend macht und verfestigt und deshalb „sexistisch und androzentrisch” ist (Schoenthal, 1989, S.301). Die Lösung dafür: Sichtbarmachen durch Doppelnennung (Studentinnen und Studenten), Gendergap (Student_innen) und ähnliches oder die Neutralisierung durch vermeiden von geschlechtsbezogenen Begriffen (Studierende).

Das generische Maskulinum wird als eine ausschließende Form, bei der Frauen nicht inbegriffen sind, angesehen und direkt daraus resultierende Nachteile angenommen. Auf den linguistischen Aspekt, wie den Unterschied zwischen dem grammatischen Geschlecht (dem Genus) und dem biologischen (dem Sexus), will ich an dieser Stelle allerdings nicht weiter eingehen (siehe dazu Eisenberg (2017, 2018). Ich interessiere mich für die dahinter liegende These, Gendern führe zu Gleichstellung.

Gendern vs. Gender Equality Paradox

Hat Gendern tatsächlich handfeste Auswirkungen und hält eine „nicht geschlechtergerechte Sprache“ Frauen davon ab, sich nach ihrem eigenen Besten zu entfalten?

Interessanterweise ist die Geschlechterquote in verschiedenen Berufsfeldern umso ungleicher, je egalitärer die Länder sind. Das gilt auch für andere Geschlechterunterschiede, wie zum Beispiel in den Persönlichkeitsmerkmalen, dem subjektiven Wohlbefinden oder dem Interesse in Wissenschaft und Technik und erstreckt sich sogar auf Bereiche wie Gewalt in Partnerschaften oder die Verteilung von Aufgabenbereichen im Haushalt. Das Phänomen nennt sich „Gender Equality Paradox“. Konkret heißt das beispielsweise, dass es in Jordanien mehr weibliche Ingenieure (40%), als in Schweden (34%) und den USA (19%) gibt und dass die häusliche Gewalt gegen Frauen in den skandinavischen Ländern disproportional hoch ist, obwohl sie zu den geschlechtergerechtesten Ländern der Welt gehören.

Der sozialkonstruktivistischen These nach, die dem Gendern zugrunde liegt (Sozialisation und Rollenbilder führen zu Frauen benachteiligenden Ergebnissen wie bspw. ungleicher Berufswahl), müsste es allerdings komplett andersherum sein. Auf die Validität der poststrukturalistischen und postmodernen Theoriebasis (Herrschaft durch Sprache, Patriarchat) will ich an dieser Stelle nicht eingehen, sie sind mehr als nur fraglich. Das Paradox zeigt nun aber, dass die Gleichstellung der Geschlechter eben nicht zum Bruch mit vermeintlichen Stereotypen und zur Nivellierung der Geschlechterunterschiede führt. Stattdessen resultiert eine umso größere Freiheit in der Selbstentfaltung der Geschlechter in einer stärkeren Segregation und Betonung der Unterschiede, da sich Menschen nun nach ihren tatsächlichen Neigungen entwickeln können.

Das liegt nicht an der „Gender Sozialisation“ durch Stereotype, wie manche behaupten, und etwaigen eingeführten Gender-Sprachregelungen oder neutraler Sprache, sondern an tatsächlichen Unterschieden zwischen den Geschlechtern. Einige dieser Unterschiede lassen sich bereits in frühestem Kindesalter von nur wenigen Monaten belegen. Im Übrigen ist die Akkuratheit von Stereotypen eines der validesten Ergebnisse der Sozialpsychologie. Das sind harte, nicht wegzudiskutierende Fakten, ganz im Gegensatz zu den vagen Vorstellungen kausaler Mechanismen der Gender-Theorien.

Auch Studien, die Assoziationen mit Berufen oder Vorbildern von Kindern mit oder ohne Gendern testen, sind keine Belege für den Zusammenhang „Sprache -> Berufswahl“. Das Einzige, was solche Experimente abbilden, ist die Erfahrung, bzw. die erlernte Verteilung von Rollenbildern. Der Schluss, ein abstraktes Rollenbild würde direkt oder zumindest moderiert ausschlaggebend für die Berufswahl sein, ist wissenschaftlich weder naheliegend, noch bestätigt. Solche Schlüsse auf der Makro-Ebene sind wissenschaftstheoretisch nicht mehr aktueller Stand. An ihre Stelle sind dreistufige kausale Mechanismen getreten. Geradezu intellektuell unredlich ist auch die häufige Verwendung des Impliziten Assoziationstests in dem Gender-Forschungsbereich (bspw. Carnes et al, 2012; AAUW, 2016; Wang-Jones et al. 2017). Dieser hat so gut wie keine interne Validität (bspw. Gawronski et al, 2017; Carlsson & Agerström, 2016) und wird den gängigen Standards der Psychologie nicht gerecht. Auch die externe Validität ist nicht hinreichend, die Testergebnisse ermöglichen deshalb keine prädiktive Aussagen über Verhalten (siehe auch Cameron et al, 2012; Greenwald et al, 2009; Oswald et al, 2013).

Um den angenommenen Zusammenhang Sprache -> Berufswahl tatsächlich zu belegen und den handlungsleitenden Mechanismus zu isolieren, müsste eine Panelstudie durchgeführt werden. Bei dieser müssten Kinder zuerst im Schulalter teilnehmen und dann ihr weiterer Lebensweg begleitet werden, bei dem Störvariablen herausgefiltert werden können, um zu zeigen, dass diese Rollenvorstellungen tatsächlich handlungsleitend waren - und das in signifikantem Maße. Keine Studie, die mir bekannt wäre, hat dies unternommen und somit den Zusammenhang tatsächlich sauber belegt. Was hingegen gemacht wird, ist, von einer Beobachtung in der Gegenwart auf die Zukunft zu schließen, ohne diesen Schluss mit Daten untermauern zu können.

Diesen Schluss unternimmt auch eine viel zitierte Studie an Kindern, in der eine Stärkung des Selbstvertrauens, typisch männliche Berufe ergreifen zu können, durch Gendern erfasst wurde. So trifft eine der Autorinnen, Bettina Hannover, die Aussage: „Mit der systematischen Verwendung solcher Sprachformen – zum Beispiel durch Lehrkräfte und Ausbildende – kann also ein Beitrag dazu geleistet werden, mehr junge Leute für eine Karriere in diesen Berufen zu motivieren.“ Die andere Seite ist aber auch, dass nach der „geschlechtergerechten“ Bezeichnung der Berufe, der Status und die Entlohnung dieser niedriger geschätzt wurden, was ebenso für weniger Motivation diese Berufe anzustreben, sorgt.

Die Aussage einer Stärkung des Selbstvertrauens durch Mitnennung beim Gendern verblasst jedoch etwas, schaut man sich die Ergebnisse einer interkulturellen Studie an, die unter anderem die Auswirkungen von Gleichstellung auf das Selbstwertgefühl von Frauen untersucht hat. Gerade einmal 18% der Varianz zwischen den Ländern in Bezug auf die Interaktion von Alter und Geschlecht konnte auf diese Einflussgröße zurückgeführt werden, wohingegen bis zu 46% auf sozioökonomische und bis zu 53% auf soziodemographische Faktoren entfielen. Wohlgemerkt: hierbei wurde Gleichstellung insgesamt und nicht nur der Effekt des Genderns erfasst.

Die Hypothese „Sprache -> Berufswahl” wird auch mit Blick auf die Geschlechterverteilung in verschiedenen Berufen im Vergleich zwischen Ländern mit unterschiedlichen Sprachformen zumindest abgeschwächt. In den USA gab es 2018 gerade einmal halb so viele Ärztinnen wie Ärzte. In Deutschland ist es seit 2016 anders herum, hier gibt es mehr Ärztinnen als Ärzte. Bereits 2007 gab es bei uns mehr weibliche Berufsanfänger in diesem Bereich. Im Jahr 2016 waren von allen Studienanfängern im BA Maschinenbau in Deutschland etwas über 10% Frauen, in den USA waren es 14%. Trotz der „genderungerechten“ deutschen Sprache mit ihrem generischen Maskulinum bleibt der erwartete große Unterschied also aus oder ist sogar erneut paradox.

Die Ungerechtigkeit der Biologie

Warum es mehr männliche als weibliche Bauarbeiter gibt? Eigentlich eine Offensichtlichkeit, aber hier einmal ein paar gut bestätigte, deutliche Geschlechtsunterschiede, die ausschlaggebende Gründe und stärkere erklärende Variablen sind - ich rede hier wohlgemerkt von signifikanten Unterschieden zwischen den Durchschnittswerten zweier Vergleichsgruppen, die nichts über Einzelfälle aussagen und diese auch nicht ausschließen: Männer sind eher risikoaffiner und nehmen deshalb häufiger gefährliche Jobs an, sie sind im Schnitt körperlich stärker und nehmen deshalb häufiger physisch stark anstrengende Jobs an. Im Gegenzug haben Frauen häufiger Interesse an Personen als an Sachgegenständen und wählen deshalb häufiger soziale Berufe und sie erzielen häufiger höhere Bildungsabschlüsse und bessere Noten.

Würde es nun etwas an diesen handfesten Unterschieden ändern, wenn wir statt „Bauarbeiter“ stets „BauarbeiterInnen” oder eine Variante mit Sternchen oder Gap nutzen würden? Manche behaupten das vehement. In diesem Kontext wird gerne erwähnt, dass der Frauenanteil in einem Bewerberpool steigt, wenn die Stellenausschreibung gegendert wurde. Interessant ist aber ebenso, dass keine Korrelation zwischen dem Frauenanteil im Unternehmen und einer geschlechtergerechten Sprache festgestellt werden konnte (Neumann, 2014). Der erwartete Effekt auf der Makro-Ebene bleibt hier also erneut aus.

Klar ist jedoch, dass hauptsächlich autoritäre Vorgaben oder wirtschaftliche Not Menschen dazu bringen, jegliche Berufe gleichermaßen anzunehmen. Es braucht starke Sanktionen oder hohe Anreize, um Geschlechterunterschiede zu verschieben oder einzuebnen. Fehlen diese, macht jeder in einer weitestgehend gleichberechtigten Gesellschaft das, was er oder sie gerne möchte und kann und die Unterschiede werden größer.

Diese Unterschiede beschränken sich nicht auf eine Berufsgruppe, sie sind universell. Sie müssen differenziert betrachtet und untersucht werden. Dass Männer und Frauen in allen Belangen gleich wären ist eine haltlose Wunschvorstellung. Die einfache These, alles was nicht gleichverteilt ist, wäre Sexismus und strukturelle Benachteiligung, ist deshalb ebenso naiv wie falsch. Ebenso ist es natürlich zu einfach zu sagen, dass inzwischen keinerlei Sexismus, geschlechterbasierte Diskriminierung und strukturelle Benachteiligung mehr existieren würde.

Selbstverständlich gibt es auch einschränkende und bedingende Faktoren, die gesellschaftlicher Natur sind - wie bspw. ein demotivierendes und klein-haltendes Elternhaus - und Menschen in ihrer freien Berufswahl und dem Erschließen ihrer Potentiale abhalten. Doch diese Probleme sind meist komplexer, als durch einfache Gender-Parolen wie ”Sprache schafft Realität” transportiert werden können. Ebenso kann man entgegnen „Realität schafft Sprache”.

Wenn nicht Gendern, was dann?

Um es kurz zusammenzufassen: Gendern löst keine tatsächlichen Probleme. Die zugrundeliegenden Theorien sind haltlose, dystopische Wunschvorstellungen, um einen ideologisch angetriebenen „Kampf der Geschlechter” zu stilisieren. Die Forschungsbereiche sehen sich als “feministische Wissenschaften” und sind Munitionslieferanten in diesem Kampf, statt objektive Prüfstellen. Die sozialkonstruktivistische These lässt sich empirisch nicht bestätigen. Statt sich an falschen theoretischen und vagen sprachlichen Konstrukten abzuarbeiten, sollten wir uns den Fakten zuwenden.

Ich halte es deshalb für ergiebiger, darauf hinzuarbeiten, dass real existente und gut identifizierte Hindernisse, die die freie Entfaltung von Menschen einschränken, beseitigt werden. Das heißt für mich als Mittel der Wahl bspw., jedem Menschen die bestmöglichen Bildungschancen zu gewähren, für finanzielle Absicherung zu sorgen, steuerliche Nachteile und Blockaden abzubauen, das Schul- und Bildungssystem zu modernisieren, die soziale Mobilität gezielt durch Förder- und Mentoring-Programme zu verbessern, bessere Kinderbetreuung und für alle verfügbare Kita-Plätze einzurichten, etc.

Das Stichwort ist hier „Chancengerechtigkeit”. Jeder sollte die möglichst gleichen guten Startchancen haben, sich seinen Fähigkeiten und Neigungen entsprechend zu seinem Besten zu entwickeln. Diese Chancengerechtigkeit haben wir noch nicht vollkommen verwirklicht, aber wir sind auf einem guten Weg.

Es gibt noch einiges zu tun, um zu einer vollends liberalen Gesellschaft zu werden, in der das Geschlecht keine Rolle mehr spielt und nur noch die eigenen Neigungen, Leistungen und Fähigkeiten zählen. Nebenschauplätze aufzumachen und vermeintliche Probleme zu dekonstruieren hilft uns dabei nicht. Lasst uns Missstände beheben - aber bitte faktenbasiert.

Über den Autor:

Robin Thiedmann ist seit Mai 2018 Bundesvorsitzender der Partei der Humanisten. Er studierte Politikwissenschaft und Publizistik in Mainz.

Über die Partei:

Die Partei der Humanisten sind eine im Oktober 2014 gegründete sozialliberale Partei. Ihre Kernthemen sind die die Freiheit des Individuums, die Trennung von Staat und Religion und Bildung und Wissenschaft. Sie tritt zur Landtagswahl in Hessen und Bayern an und wird bei der Europawahl 2019 bundesweit wählbar sein.

Literaturangaben:

Schoenthal, G. (1989). Personenbezeichnungen im Deutschen als Gegenstand feministischer Sprachkritik/German terms referring to people as the object of feminist language critique. Zeitschrift für germanistische Linguistik, 17, 296.

Neumann, Justine (2014): Geschlechtergerechte Sprache in der Wirtschaft. Wie etabliert ist das Thema in Kommunikationsabteilungen von Unternehmen in Deutschland? In: Der Sprachdienst 14 (1), 16–27.

Hier geht's zum Originalartikel...

Kommentare

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    Klaus Steiner

    Da Gott männlich ist, stellt sich folgende interessante Frage:
    Warum sind Frauen im Durchschnitt religiöser (Quelle: https://www.ksta.de/frauen-sind-religioeser-als-maenner-13479164), wenn sie sich doch mit einem weiblichen Gott (Ausnahme: Gottesmutter Maria bei den Katholiken) mehr identifizieren könnten, als mit einem männlichen?
    Der Mangel an Identifikationsmöglichkeiten für Frauen habe ihr Einfühlungsvermögen beeinflusst. Dies zeige sich darin, dass es Frauen leicht falle, sich mit anderen Frauen wie auch mit Männern zu identifizieren – nicht nur im Bereich der Religion. Bei einer Untersuchung zu einer Bibelstelle (Ester 1) beispielsweise hätten sich die Mädchen nicht nur mit den weiblichen Personen, sondern auch mit den männlichen identifizieren können. Die Jungen hätten sich dagegen nur mit männlichen Personen identifiziert und es abgelehnt, sich in die weibliche Perspektive hineinzuversetzen.
    (Quelle: http://www.katholisch.de/aktuelles/dossiers/frauen-und-kirche/weiblich-fromm-und-religios)

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      Norbert Schönecker

      Sehr geehrter Herr Steiner!

      "Da Gott männlich ist ..."
      - Das bestreite ich schon mal!
      (Anm.: Sie meinen ja offenbar Gottes Sexus, nicht seinen Genus. Rein grammatikalisch ist Gott in der deutschen Sprache männlich, das ist schon klar.)

      Der Gott der Bibel hat sowohl männliche als auch weibliche Eigenschaften. Er wird mehrmals mit einer Hausfrau und mit einer Mutter verglichen.

      Dafür, dass Gott im Christentum so gut wie immer männlich dargestellt wird, kenne ich folgende Gründe:
      ) das grammatikalische Geschlecht
      ) das Vater Unser
      ) die Herrschaftsattribute (Königinnen waren immer schon die Ausnahme)
      ) die im Alten Testament häufige Darstellung als Kriegsherr (Kriegsherrinnen waren noch mehr Ausnahme)
      ) Wahrscheinlich war Jahweh ursprünglich tatsächlich eine eindeutig männliche Gottheit
      Daraus ergaben sich die zahllosen Darstellungen Gottes als Mann mit langem Bart, was die vorhandenen Vorstellungen bis heute einzementiert.

      In der Theologie aber käme niemand zu der Behauptung, Gott wäre männlich. "Gottvater" beschreibt Eigenschaften, nicht ein Geschlecht. Gott hat aus menschlicher Sicht männliche und weibliche Eigenschaften. Aber er ist weder Mann noch Frau. Nur Menschen können Mann oder Frau sein. Gott aber ist Gott und kein Mensch.

      Falsch ist übrigens die unter Religionsgegnern weit verbreitete Behauptung, laut Genesis wäre nur Adam nach dem Bild Gottes geschaffen worden. Laut Gen 1, 27 sind Mann und Frau das Abbild Gottes. Für Christen ist das sehr passend: Denn während mit Gottvater die traditionell eher männlichen Rollenbilder verbunden werden, entspricht der Heilige Geist eher den traditionell weiblichen Rollenbildern.

      Danke für den interessanten Link!
      Danke auch für die Erwähnung Marias. Dass Maria in der Katholischen Kirche einen weiblichen Ausgleich zum männlichen Vaterbild darstellt und vielleicht deshalb die Marienverehrung gelegentlich einer (häretischen) Vergöttlichung nahekommt, hängt mit dem Thema sicher zusammen.

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      Klaus Steiner

      Hallo Herr Schönecker,

      Ulrich Kutschera schreibt in seinem Buch „Gender-Paradoxon“ folgendes:

      Es müssen drei Glaubensrichtungen unterschieden werden:
      - die Position der EKD
      - Ansichten evangelikaler Christen, die i. d. R. mit der EKD assoziiert sind
      - die Position katholischer Christen (vgl. S. 89)

      zur EKD:
      Seit einiger Zeit betreibt die EKD ein Institut zur Beforschung bzw. der geplanten Beseitigung von „Einschränkungen durch Geschlechterrollen und Geschlechteridentitäten“ im kirchlichen Leben. Diese 2014 eröffnete Institution trägt den offiziellen Namen „Studienzentrum für Genderfragen in Kirche und Theologie“ (Hannover). Dort wird, ganz im Sinne der Gender-Ideologie, auf Grundlage schwer nachvollziehbarer Bibel-Interpretationen die „Frau- gleich Mann-Weltanschauung“ propagiert, einschließlich einer Befürwortung von Eheschließung homoerotisch veranlagter Männer und Frauen („Homo-Ehen“). Anlässlich einer Tagung von der Evangelischen Akademie Tutzing vom 18. bis 20. September 2015 wurde in offiziellen Dokumenten immer wieder von der „Bewahrung der Schöpfung“ gesprochen - ein eindeutiges Zugeständnis an den Kreationismus (S. 90 f.). Gleichzeitig fordert die EKD-Schöpfungsgläubigen ihre Autoren für den Symposiums-Band in schriftlicher Form auf, den gesamten Text „nach dem Gender-Prinzip“ zu formulieren (geschlechtsneutrale Begriffe, Gott ist somit männlich und weiblich, bzw. ein Unisex-Wesen). Die EKD-Erfahrung hat mir eindrucksvoll gezeigt, dass kreationistisches Gedankengut und die Gender-Ideologie wesensverwandte Glaubenskonstrukte sind. Money (1985) hat den biblischen Schöpfer, aus Genesis-Texten abgeleitet, als einen „Mann-Frau-Gott“ (Hermaphrodit) interpretiert. Diese Exegese offenbart den religiösen Grundton der Moneyistischen Gender-Ideologie (S. 91).

      Dass die EKD zur Formulierung nach dem Gender-Prinzip auffordert, steht im Einklang zu Ihrem Zitat: „Gott hat aus menschlicher Sicht männliche und weibliche Eigenschaften.“ Wie soll nun Ihr erstgenanntes Zitat zu Ihrem unmittelbar folgendem Zitat: „Aber er ist weder Mann noch Frau.“ passen?
      Der von Ihnen unterstellte Unterschied zwischen dem, was Menschen über Gott denken, und dem, was Gott wirklich ist, ist für mich nicht vorhanden, da sich Gott nicht beweisen lässt. Sie unterstellen ein faktisches „Sein“, eine wirkliche Existenz, von der Sie nichts wissen können!

      Zu den evangelikalen Christen:
      Diese argumentieren genau umgekehrt. Diese bibeltreuen Jesus-Fanatiker lehnen aus religiösen Gründen den Genderismus strikt ab. Typische Argumente lauten etwa wie folgt: „Die Gender-Ideologie leugnet, dass Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat.“ Unter Nennung entsprechender Bibelstellen verweisen evangelikale Christen dann üblicherweise auf die „Gute Schöpfungsordnung Gottes“ bzw. das „Christliche Menschenbild“ (S. 91).

      Wo sind die Unterschiede?
      Während EKD-Vertreter die Gender-Dogmatik, einschließlich homoerotischer Lebneszeit-Verbindungen, biblisch bestätigt sehen, interpretieren Evangelikale dasselbe „Gotteswort“ anders herum - das erste Menschenpaar, Adam und Eva, wurde als Mann und Frau geschaffen, und daher sind die Geschlechter verschieden und können nicht als Unisex-Wesen betrachtet werden (S. 91).

      Zum Schluss zu der katholischen Kirche:
      Papst Franziskus hat die Gender-Ideologie in einer weit verbreiteten Schrift als „dämonisch“ und „familienfeindliche“ bezeichnet. Er interpretiert das Bibelwort ganz im Sinne evangelikaler Christen und fügt nur wenige weitere Sachargumente hinzu (z. B. den Hinweis auf den biblischen Schöpfungsbericht, wo geschrieben steht, Gott schuf den Menschen als Mann und Frau). Wir wollen in diesem Zusammenhang ein Jesus-Zitat einfügen: „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn; denn der Mann ist das Haupt der Frau wie Christus das Haupt der Gemeinde ist … Wie aber die Gemeinde sich aber Christus unterordnet, sollen sich die Frauen in allem den Männern unterordnen (Neues Testament, Epheserbrief 5, 22-24).“
      Diese Zeilen widerlegen die biblische „Mann-gleich-Frau-Ideologie“ der EKD-Vertreter in eindrucksvoller Weise (S. 92).

      Fazit:
      Zusammenfassend zeigt diese Analyse, dass die deutschen Christen, je nach subjektiver Auslegung der Bibeltexte, paradoxerweise die Gender-Ideologie befürworten oder ablehnen. Da in all den Fällen eine auf Offenbarung und Wunder basierende Sammlung archaischer Erzählungen zugrunde liegt, sind diese Zustimmungen bzw. Ablehnungen in keinem Fall wissenschaftlich begründet (S. 92).

      Ihr Zitat: „Nur Menschen können Mann oder Frau sein. Gott aber ist Gott und kein Mensch.“
      Aus katholischer Sicht dürfte das falsch sein. Dort ist Gott angeblich dreifaltig, besteht also aus Gott, dem Sohn und dem heiligen Geist. Der Sohn - Jesus - war ein Mensch und gleichzeitig war er Gott.

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        Matthias Rahrbach

        So weit ich weiß, bekommen Studenten Punktabzug in ihrer Abschlussarbeit, wenn sie diese in nichtgegenderter Sprache verfassen - bzw. kriegen die Arbeit eine ganze Note schlechter bewertet, wenn sie durchweg in nichtgegenderter Sprache verfasst ist.

        Und genau das ist Praxis an Hochschulen, also ausgerechnet da, wo Ideologien eigentlich hinterfragt werden sollten. Und genau an diesen Hochschulen haben mit den Vertretern des Genderismus Politaktivisten ihr Nest, die nicht nur Sprachregelungen in Top-Down-Stossrichtung durchsetzen. Sie fungieren auch in anderen Hinsichten als Gesinnungswächter. Besonders ihr Einfluss auf die Lehrerausbildung ist sehr bedenklich.

        Der Widerstand gegen diese Ideologie ist noch nicht groß genug. Welcher Sprachwissenschaftler äußert sich schon zu den eigenartigen Sprachregelungen, die die Gendersens durchsetzen wollen, weil sie offensichtlich die Absicht haben, über die Sprache möglichst auch die Gedanken ihrer Untertanen zu kontrollieren?

        Der Widerstand der biologischen Fachbereiche ist milde ausgedrückt auch nicht groß genug, obwohl die Genderideologie DIE biologiefeindliche Ideologie unserer Zeit ist.

        Wer hat denn außer Prof. Ulrich Kutschera und Prof. Axel Meyer, die beide sehr empfehlenswerte Bücher darüber geschrieben haben, etwas dagegen unternommen? Gut, Prof. Klein aus der Biologiedidaktik hat sich auch gegen die Genderideologie ausgesprochen.

        Aber ansonsten kenne ich keinen Biologieprofessor, der dagegen auch nur öffentlich was gesagt hat. Ich frage mich: Warum machen die nichts dagegen? Bzw. warum sagen sie nichts? Letzteres würde doch schon viel bewirken.

        Gerade bei den Professoren der Biologiedidaktik frage ich mich, warum die nicht geschlossen dagegen was unternehmen. Die trauen sich doch auch dazu, andere biologiefeindliche Ideologien zu thematisieren. Und es gehört doch auch zu den Aufgaben der Biologiedidaktik, die Biologie an Schulen ideologiefrei zu halten - finde ich jedenfalls, dass Didaktiker gerade dafür da sind.

        Warum sagt der VBio nichts dazu? Oder hat er es inszwischen? Ich war gerade dort auf der Homepage und habe "Genderismus" und "Genderideologie" in die Suchfunktion eingegeben. Da kommt nichts. Der VBio hat damals auch Herrn Sarrazin öffentlich kritisiert. Warum sagt er nicht einmal was zur Genderideologie? Eine herrschende Ideologie ist doch viel wichtiger als ein einzelner Buchautor.

        Wo bleiben die Biologielehrer der Schulen? Wo bleiben die Schulen selbst? Sind es nicht Bildungseinrichtungen, die was gegen Ideologien unternehmen müssten? Ich würde sogar sagen: Die machen weitgehend bei der Genderei mit, genau wie einige biologiedidaktische Institute sicherlich auch.

        Wo stecken die vielen anderen Diplom-Biologen? Muss ich hier alles alleine machen? Ich hab was gegen die Genderideologie und die Auswüchse des Feminismus unternommen, mehr dazu bei Bedarf hier

        http://www.verlag-natur-und-gesellschaft.de

        Es gibt doch heute so viele Menschen, die eine Biowissenschaft studiert haben, da kann es doch nicht angehen, dass sich so ein Blödsinn wie der Genderismus ausgerechnet im Bildungssystem durchsetzt?

        Oder führt die immer größere Anzahl an Akademikern und in dem Fall Biowissenschaftlern im Volk etwa gar nicht dazu, dass Ideologien auf dem Rückzug sind?



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          lanzu

          "So weit ich weiß, bekommen Studenten Punktabzug in ihrer Abschlussarbeit, wenn sie diese in nichtgegenderter Sprache verfassen - bzw. kriegen die Arbeit eine ganze Note schlechter bewertet, wenn sie durchweg in nichtgegenderter Sprache verfasst ist."

          Es gibt an Hochschulen keine solche allgemeine Anweisung zur Grundlage der Bewertung. Es mag Fälle geben in denen die Dozenten das so handhaben, aber das ist keine allgemeine Regel. Zumindest hat mich noch niemand darauf hingewiesen, dass ich das so bewerten solle.
          Woher kommt denn ihre Information?

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          Matthias Rahrbach

          Ich habe das mehrfach auf verschiedenen Webseiten der feminismuskritischen Szene gelesen. Und ich habe es geglaubt, weil all die anderen grotesken Meldungen ja auch stimmen, also weil es z.B. wirklich Vorträge zur "gesellschaftlichen Konstruktion von biologischem Geschlecht" gibt.

          Ob es nun stimmt, weiß ich nicht. Und vor allem, was daran stimmt.

          Auch wenn es keine allgemeine diesbezügiche Anweisung gibt, kann es sein, dass manch ein Dozent das so handhabt. Studenten dürfen dann wie üblich nicht selbst entscheiden, ob sie das mitmachen.

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