Was sind übliche Fehlinterpretationen des Atheismus?

Aus der Reihe „Es gibt keinen Gott, und ich bin sein Prophet“.

Was sind übliche Fehlinterpretationen des Atheismus?

Foto: Pixabay.com / suketdedhia

Von der Wortherkunft lautet A-Theismus wörtlich: Nicht-Theismus oder Verneinung des Theismus. Viele übersetzen es auch als „ohne Gott“ oder „ohne Gotteslehre“. Es handelt sich also um den logischen Gegensatz zum Theismus, und nahezu alle atheistische Literatur, die ich gelesen habe (mehr als 500 Bücher) stimmt darin und der daraus abgeleiteten Definition überein.

Grundprinzip des Theismus im Sinne des Monotheismus ist der religiöse Glauben an Gott. Man redet nicht von Wissen, sondern von Glauben, und das hat gute Gründe. So gut wie nie wird vom „Wissen von und über Gott“ gesprochen, und Theisten räumen mehrheitlich sogar ein, dass es „Wissen über Gott“ nicht geben kann.

Kurzer Einschub: Beim Monotheismus reden wir von einer Glaubensreligion. Als die Begriffe Theismus und Atheismus geprägt wurden, gab es in Griechenland noch keine Glaubensreligion. Die Mainstream-Religion war das Heidentum, der Polytheismus. Im Polytheismus glaubt man jedoch nicht an Götter - Götter sind Teil der Natur und gehören zur Erfahrung. Der Gott Poseidon ist keine abstrakte geistige Entität, sondern ein Symbol für die Launenhaftigkeit und Macht des Meeres. Die Kraft des Meeres und seine Launenhaftigkeit sind keine Frage des Glaubens, sondern eine Erfahrungstatsache. Niemand bei Verstand würde das bestreiten, sofern er Erfahrung mit dem Meer hat. Poseidon ist eine Personifizierung einer Naturkraft, oder ein menschlicher Archetyp, oder ein in Mythen beschriebenes moralisches Leitbild. Das sind die drei Definitionen für Götter. Da diese grundsätzlich anders sind als im Monotheismus können wir den griechischen Begriff Atheismus nicht nehmen und ihn 1:1 übertragen. Es führt also in die Irre, wenn wir die reine Etymologie nehmen. Denn in der Frühzeit des Christentums wurden die Christen von den Heiden des Atheismus bezichtigt, der Bestreitung der Götter des (heidnischen) Mainstreams.

Minois führt in seiner „Geschichte des Atheismus“ aus, dass im Christentum als Atheist jemand galt, der sein Leben nicht nach Gott ausrichtet. Zwar bekannte sich damals kaum jemand zum Atheismus, weil das gravierende negative gesellschaftliche Konsequenzen gehabt hätte, aber ein durchgehendes Thema der Predigten der damaligen Zeit war die Verurteilung des Atheismus. Dabei unterschied man zwischen „praktischem Atheismus“, d. h., man war so sehr mit weltlichen Dingen beschäftigt, dass es für Gott einfach keinen Platz im Leben gab, und „philosophischem Atheismus“, bei der die Existenz Gottes geleugnet oder bestritten oder nicht vorbehaltlos akzeptiert wurde.

Im Christentum war es die überwiegende Zeit klar, dass ein Atheist jemand ist, der so lebt, „als ob es Gott nicht gäbe“. In der Wissenschaft bezeichnet man das als „methodischen Atheismus“, d. h., man betreibt Forschung, „als ob es Gott nicht gäbe“. Dabei wird nicht die Existenz Gottes bestritten, sondern man basiert seine Erklärungen nicht auf Gott. Selbst die Wissenschaftler der vatikanischen Sternwarte verteidigen diese Haltung - auch sie betreiben Wissenschaft atheistisch oder „wie Atheisten“, obwohl es sich um gläubige Priester (meist Jesuiten) handelt.

In nahezu allen Büchern über Atheismus von Atheisten wird Atheismus daher wie folgt definiert: Atheismus wird durch die Frage „Glauben sie an Gott?“ definiert. Lautet die Antwort „JA“, sind Sie Theist, lautet die Antwort „NEIN“, sind Sie ein Atheist. Falls Sie es nicht wissen, sind Sie konfus, falls Sie der Frage ausweichen, vermutlich ein Agnostiker.

Ich kenne nur sehr wenige Ausnahmen von dieser Definition, sofern philosophische Atheisten es für sich definieren. Deswegen wird von fast allen Atheisten auch zwischen „hartem, positiven, gnostischen“ Atheismus und „weichem, negativen, agnostischen“ Atheismus unterschieden. Ersteres beinhaltet zusätzlich das Bestreiten der Existenz Gottes, letzteres ist der Mainstream des Atheismus. Das stimmt auch mit der Mehrheit der Definition aller Atheisten, die ich kenne, überein.

Es gibt auch weiterhin den „praktischen Atheismus“, den übrigens Christen auch ab und zu anderen Christen vorwerfen: Sie leben, als ob es keinen Gott gäbe.

Ich weiß dies, weil ich zu der kleinen Minderheit der positiven, nonkognitiven Atheisten gehöre. M. E. nach sind ca. 90% der Atheisten agnostische Atheisten. Leider gibt es dazu kaum genaue Zahlen. Theisten möchten gerne alle Atheisten zu positiven Atheisten machen, damit wären sie auf einen Schlag und per Definition an die 90% aller Atheisten los. Das ist die Motivation der Gleichsetzung von positivem Atheismus mit Atheismus an sich.

Die Definition hängt zudem stark von der Definition von Gott ab. Gegenüber einem Pantheisten ist die Definition von Atheismus ziemlich sinnlos - als ob ich nicht glauben würde, dass die Welt wirklich existiert.

Nahezu alle, die sich als Agnostiker bezeichnen, sind in der Tat „praktische Atheisten“. Plus, fast alle von ihnen sind negative Atheisten. Im Atheismus geht es nicht um Wissen, sondern um Glauben, darin stimmen nahezu alle Atheisten überein.

Kommentare

  1. userpic
    Hören Sie auf zu lachen...das ist kein Spass !


    Volker D. : Im Atheismus geht es nicht um Wissen, sondern um Glauben, darin stimmen nahezu alle Atheisten überein.

    Max: Es hat mit glauben irgendeiner Art nichts zu tun.

    Ich: Irgendwann mussten ja die ganzen Widersprüche des Atheismus sogar seinen Anhängern auffallen. *

    Max: Welche Widersprüche denn? *



    (https://de.richarddawkins.net/articles/der-zusammenbruch-der-neuen-atheisten#comment_a34ea6)

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    1. userpic
      Hard Frost

      über diesen Satz bin ich auch gestolpert. Aber genau betrachtet, ist der ganze Artikel auch irgendwie konfus.

      Aber daraus läßt sich ja kein Widerspruch konstruieren, nur weil der eine behauptet, Atheismus hätte was mit Glauben zu tun, der andere dagegen, Atheismus hätte nichts mit Glauben zu tun. Dazu ist zumindest die erste Aussage viel zu unscharf.

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      1. userpic
        Vorausgesetzt Ihr steht nicht in Verbindung...

        Das D. seine Aussage anders gemeint hat, als es hier steht, kannst Du nicht wissen - aber glauben würde gehen.

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          Hard Frost

          Das ist einfach albern, alles in eine allzu simple Sophisterei zu verschieben. Natürlich glaube ich als Atheist Dinge. zB, daß die Brötchen beim Bäcker wirklich essbar sind, oder daß der Bus pünktlich ist, etc pp. Aber von so einer Trivialität auch dann gleich glauben zu können, daß da irgendein Gott existiert? Was ist das für ein Quatsch? Und ich finde, es spricht eher dafür, daß kein Gott existiert, wenn da jemand, der Gott für real hält, mit so einem Unsinn um die Ecke biegt, als hätte er nichts Besseres zu bieten.

      2. userpic
        Dieter Machmeier

        Die Frage, "Glauben sie an Gott", ist problematisch. Hier kann man gegenfragen, was denn ein "Gott" sei. Sobald jemand darauf eingeht und anfängt "Gott" zu definieren, kann man wiederum fragen, woher man das wissen will/kann (Ignostizismus). Ein Ignostiker weiß nicht, was ein "Gott" ist und kann daher auch keine Aussagen darüber treffen.

        Problematisch ist ebenfalls der Begriff des "Glaubens" in dieser Frage. Warum sollte ich an irgendetwas glauben (wollen/sollen)? Offensichtlich wird das Problem, wenn man in der Frage "Gott" mit z.B. "Außerirdischen" ersetzt:
        "Glauben sie an Außerirdische?" Diese Frage scheint keinen Sinn zu ergeben. Richtiger formuliert müsste sie lauten: "Halten sie es für möglich, dass es Außerirdische gibt?" Oder: "Gibt es Gründe für die Ánnahme der Existenz von außerirdischem Leben?" Auf die so gestellte Frage könnte man antworten, dass es eine unfassbare Anzahl von erdähnlichen Planeten gibt; und weil wir wissen, dass es Leben auf der Erde gibt, sollte es wahrscheinlich sein, dass es auch auf anderen Planeten Leben gibt. Wir wissen aber noch nicht so recht, wie das Leben auf der Erde entstanden ist, also können wir auch nicht wirklich ausschließen, dass die Entstehung von Leben auf der Erde ein unfassbar unwahrscheinlicher Zufall war, der vielleicht nur ein einziges Mal im ganzen Universum passiert ist. Wir können aber auch nicht wissen, ob nicht auch auf Planeten, die gar nicht erdähnlich sind, sowas wie Leben entstehen kann.
        Warum sollte also jemand an Außerirdische glauben, obwohl er nicht wissen kann, ob es sie gibt? Gerade weil er nicht wissen kann, ob es Außerirdische gibt, kann er an sie glauben oder nicht an sie glauben. Dann stellt sich aber die Frage nach der Motivation an den Glauben an Außerirdische. Mit ihm könnte die Hoffnung verbunden sein, dass die Außerirdischen eines Tages die Erde besuchen könnten, um all unsere Probleme zu lösen. Die Außerirdischen könnten "gut" sein und viel mehr wissen als wir (was Vorraussetzung ist, um uns besuchen zu können). Außer Frage steht jedenfalls, dass wir hier auf der Erde eine ganze Reihe an Problemen haben. Sollen wir jetzt auf die Hilfe von Außerirdischen hoffen, oder lieber versuchen die Probleme selbst anzupacken? Vielleicht können die Außerirdischen ja unsere Gedanken lesen, sodass es sich lohnt zu ihnen zu beten.

        Mir persönlich scheint der Glaube an Außerirdische als unendlichfach rationaler als der Glaube an einen "Gott". Trotzdem lehne ich ihn ab.

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          Klarsicht(ig)

          Das „Gottes-Spiel“ ! -:)

          Irgendwann hat der Mensch ein Spiel erfunden, was er „Gott" nannte. Die Pointe der Spielregeln dieses Spiels besteht darin, möglichst viele Mitspieler zu finden, deren Aufgabe es ist, sich einzubilden, dass der Gegenstand des Spiels wirklich irgendwo in irgendeinem Zustand existiert. Das Spiel wurde so beliebt (gemacht), dass sich viele Menschen einfanden und immer wieder einfinden, um es zu spielen. Es kam dazu, dass zunehmend der Lebensvollzug vieler Menschen von dem Spiel beherrscht wurde/wird, sodass man bei manchen Spielern den Eindruck haben konnte/kann, dass das Spiel sie süchtig gemacht hat(te), es zu spielen. Die Spieler dieses Spiels bezeichnet man als Theisten.

          Nun gab/gibt es natürlich immer Menschen, die ein Spiel – aus welchen Gründen auch immer – „ums Verrecken" einfach nicht mitspielen wollen. Solche „Spielverderber" mussten ja irgendeinen Namen bekommen. Da die Spieler des Spiels „Gott“ sich Theisten nannten bzw. so genannt we(u)rden, we(u)rden die Menschen, die man für das Spiel nicht gewinnen bzw. begeistern konnte/kann A-Theisten genannt. Somit ist klar – ein A-Theist ist/war lediglich jemand, der das Spiel „Gott" nicht gewillt ist/war mitzuspielen, nicht mehr und nicht weniger.

          In erster Linie ist ein A-Theist natürlich ein Mensch, genau wie ein Theist auch einer ist. Und als solcher kann er subjektiv meinen, z. B. auch ein Freidenker, Humanist, Demokrat usw. zu sein. Ob er aber objektiv immer ein solcher ist, steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt.

          Und jetzt nochmals der Hinweis auf den Inhalt folgender Links.

          Warum ich nicht mal Atheist sein will:
          https://evidentist.wordpress.com/2013/08/12/warum-ich-nicht-mal-atheist-sein-will/#more-8860

          Atheismus logisch erklärt:
          https://www.youtube.com/watch?v=Ck798BDMoTE

          Atheismus ist keine Religion:
          https://www.youtube.com/watch?v=MaliA2wlmQU&t=83s

          07. 02. 2020, 15,00 Uhr.

          Gruß von
          Klarsicht(ig)

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