Was verstehst man unter dem Begriff „Gott“?

Aus der Reihe „Es gibt keinen Gott, und ich bin sein Prophet“.

Was verstehst man unter dem Begriff „Gott“?

Foto: Pixabay.com / spirit111

Es gibt sehr verschiedene Definitionen von Gott, so viele, weil offenkundig niemand weiß, was das sein soll - ein Gott.

Vergleichen wir das kurz mit dem Begriff der Götter im Heidentum. Da gibt es, laut Cicero, genau drei verschiedene Definitionen von Göttern. Es ist mir nicht gelungen, in der Literatur über das Heidentum mehr als diese drei zu finden:

1. Götter sind personalisierte Naturkräfte. D. h., Es handelt sich um erlebbare in der Natur wirkende Kräfte, denen man persönliche Eigenschaften zuschreibt.

2. Götter sind menschliche Archetypen, d. h., idealisierte Menschen, die in Mythen beschrieben werden.

3. Götter sind moralische Leitbilder, die in Mythen beschrieben werden.

Nun kann es keinen Zweifel geben, dass es Naturkräfte gibt. Diese Kräfte sind für jeden von uns erlebbar, daher redet man beim Heidentum auch von einer Erlebnisreligion. Ob diese personale Eigenschaften haben, d. h., wiederum von einem personalen Wesen ausgelöst werden, war im Heidentum durchaus umstritten. Nimmt man die beiden letzten Definitionen, so war den Heiden durchaus klar, dass es sich um mythische Wesen handelte. Die Vorstellung, dass zweibeinige Wesen auf dem Olymp wandeln, die Götter sind, wurde von den gebildeten Heiden als Volksaberglauben bezeichnet. Wenn jemand den Olymp bestiegen hätte, um zu den Göttern zu gelangen, hätte er schon im Vorweg den Spott der Heiden auf sich gezogen.

Die Idee, dass es einen "realen" Gott gibt, der irgendwo existiert, entspricht also genau dem, was schon gebildete Heiden als Volksaberglauben bezeichnet haben. Während Monotheisten damit prahlen, dass der Glauben an den einen Gott einen religiösen Fortschritt darstellt, war es für die Heiden ein Rückfall in den primitiven Glauben der Urahnen.

Wir finden dasselbe in den Mysterienreligionen, in denen ein sterbender und wiederauferstehender Gott gefeiert wurde. Die Eingeweihten der Mysterien wussten genau, dass es sich um eine Metapher für die im Winter sterbende und im Frühjahr wiederauferstehende Natur handelte. Das einfache Volk hielt dies vielleicht für wahr im literalen Sinne, aber dabei handelt es sich schlicht um mangelnde Bildung. Die Heiden Pophyrios und Celsus kritisierten die Christen dafür, dass sie auch hier wiederum Volksaberglauben für wörtlich nahmen und den Sinn der Botschaft nicht verstanden hätten. Jesus war für sie ebenso eine mythische Gestalt wie Attis, Adonis, Remus, Dionysos oder einer der anderen Götter der Mysterien.

Soweit die historische Entwicklung.

In der Bibel war Gott zunächst nicht die allmächtige, allwissende Figur, die er dann später wurde. Gott muss im Garten Eden nach Adam suchen, der sich versteckt hat, er kann bestimmte Feinde nicht bekämpfen, weil ihre Streitwagen auch Eisen bestehen etc. Gott wurde im Laufe der Entwicklung immer mächtiger, bis man ihn allmächtig und allwissend machte. Gott wurde zudem immer abstrakter, bis er zu reinem Geist wurde, und man siedelte ihn nicht an einen bestimmten Ort an, sondern machte ihn allgegenwärtig, aber unsichtbar. Gott wurde immer ferner., und nur die Priester hatten Zugang zu ihm - anders als bei den heidnischen Göttern, die man erleben konnte. Gott wurde zu einem Monopol der Priester.

Dieses Monopol wurde inzwischen aufgehoben, heute hat jeder Monotheist eine eigene Vorstellung von Gott, und ich bin noch nie zwei Gläubigen begegnet, die Gott auf dieselbe Weise definiert haben. Das ist vermutlich sehr unwahrscheinlich. Als Atheist weiß man eigentlich nicht, woran man nicht glauben soll, wenn es um diesen Gott geht, da er in den verschiedensten Formen gedacht wird. Das reicht vom Absentismus - Gott ist so fern, dass man nicht behaupten kann, dass er existiert oder nicht - über den Deismus - Gott hat die Welt erschaffen, kümmert sich aber seither nicht mehr um diese - bis hin zu dem Gott, den man anbeten kann, den man bitten kann, und der einem konkrete Zeichen sendet, was schließlich in Pantheismus mündet - die Welt selbst ist Gott.

Der abstrakte, philosophische Gott ist allwissend, allmächtig, und der Inbegriff des Guten. Befragt man Menschen indirekt nach Gott, dann stellt sich heraus, dass er wiederum anders ist: So kann der Gott, an den die meisten Menschen glauben, nicht in die physische Welt eingreifen, sondern nur in die psychische.

Betrachtet man den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Gottesvorstellungen, so handelt es sich bei Gott um ein reines Geistwesen, das die Materie erschaffen haben soll. Das ist meine Definition:

Gott ist der Schöpfer aller Materie.

Das ist der einzige Punkt, bei dem Monotheisten aller Art zustimmen, abgesehen von den Pantheisten. Die meisten Monotheisten scheuen sich davor, Gott zu definieren. Denn es hat sich ein Dogma entwickelt: Gott soll man weder beweisen noch widerlegen können. Das ist eine Konsequenz aus dem kontinuierlichen Scheitern der Gottesbeweise und macht Gott zu einer reinen Ideologie: Die Existenz Gottes wurde und wird systematisch gegen Kritik immunisiert. Gott wird so konstruiert, dass man ihn nicht kritisieren kann. Dieser Gott kann nicht widerlegt werden, was zwei Konsequenzen hat: Seine Nichtexistenz kann nicht bewiesen werden - was fälschlicherweise oft damit begründet wird, dass man Nichtexistenz nicht beweisen könne, was logischer Unfug ist. Die zweite Folge: Der Begriff Gottes wird so inhaltlich leer, er passt so gut zu jeder wie zu keiner Welt, er ist alles und nichts. Gott greift in die Welt ein, aber niemals so, dass auch ein Skeptiker zu überzeugen wäre. Es erhört Gebete, aber er unterlässt es, wenn man das prüft. Gott entzieht sich aktiv jeder Prüfbarkeit, daher muss man an ihn glauben: Man muss von seiner Existenz überzeugt sein, ohne dass man Beweise dafür haben kann (und dagegen schon überhaupt nicht).

Das macht Gott zu einer dogmatisch-ideologischen Überzeugung, statt von Gott sollte man besser von der Gottesideologie reden. Weil er in Gedanken so erschaffen wurde, dass man ihn nicht beweisen kann. Nun kann man nicht wissen, ob etwas beweisbar ist oder nicht, wenn man es so anlegt, dass man dogmatisch alle Beweise ausschließt. Trotzdem beharrt man darauf, dass es eindeutige Zeichen für die Existenz Gottes gibt, aber man widerspricht dem gleich: So soll Gott der Urheber aller Naturgesetze sein, die Ordnung der Welt, in der alles mit rechten Dingen zugeht, beweist Gott, der nicht beweisbar ist. Aber auch das exakte Gegenteil, die Wunder, verstanden als willkürliche Aufhebung der Naturgesetze, sollen Gott beweisen. Alles und sein Gegenteil beweist Gott, aber alles und sein Gegenteil kann gleichzeitig nicht dazu verwendet werden, Gott zu widerlegen. Man zählt die Treffer und ignoriert die Fehlschläge - das ist die Grundlage allen Aberglaubens.

Auch wenn die Theologen vorgeben, sich vom Lückenbüßergott verabschiedet zu haben, wird Gott immer noch als Erklärung eingesetzt für Dinge, die wir nicht verstanden haben: Man kann sich ein Wunder nicht erklären, also setzt man Gott als Universalerklärung ein. Man kann sich die Herkunft der Welt nicht erklären, also hat Gott die Welt erschaffen. Man kann sich das Bewusstsein oder die Qualia nicht erklären, also ist Gott die Erklärung. Aber wenn man sich etwas nicht erklären kann, kann man es sich nicht erklären, und Gott dafür einzusetzen ist nichts weiter als eine Pseudoerklärung. Wenn Gott nicht beweisbar ist, kann nichts davon als ein Bewies für Gott betrachtet werden, trotzdem tut man es. Wenn Gott nicht bewiesen werden kann, kann es keine Indizien für seine Existenz geben, trotzdem macht man vage Indizien zu einem Beweis seiner Existenz. Das ist logisch so inkonsistent, dass es alleine als Beweis der Nichtexistenz dienen kann, Gott ist so offensichtlich ausgedacht und erfunden, er hat die Realität erschaffen, aber nichts an ihm hat etwas mit der Realität zu tun - die Konsequenz der Immunisierung: Eine Erklärung, die alle Tatsachen gleichzeitig erklären kann, kann in Wahrheit nichts erklären. Eine Erklärung, die alles und sein Gegenteil "erklären" kann, ist eine Pseudoerklärung.

Zum Aberglauben wird es, wenn man beispielsweise das Verschwinden einer Krebserkrankung als einen Beweis des für den nichtbeweisbaren Gott nimmt, aber die Tatsache, dass dies Gläubige und Ungläubige, betende und nichtbetende Menschen genau nach deren Verteilung betrifft, das kann nicht als Beweis der Nichtexistenz genommen werden. Man zählt die Treffer und ignoriert die Fehlschläge - der Beweis dafür, dass es sich um reinen Aberglauben handelt. Die Tatsache, dass man Gott so sorgfältig gegen Kritik immunisieren muss, ist zugleich ein Beweis dafür, dass es sich um ein rein ideologisches Konstrukt handelt. Alle Gegenargumente zu Gott werden zudem ignoriert, man beschäftigt sich nicht damit.

Denn auch zu der Definition Gott ist der Schöpfer aller Materie gibt es ein Gegenargument: Einführung in den Atheismus

Ich habe es bisher nur erlebt, dass Atheisten sich mit dem Argument auseinandersetzen, aber noch nie hat ein Theist es auch nur ansatzweise versucht. Man ignoriert es, wenn, dann versucht man es ad hominem zu erledigen. Man greift lieber meine Persona an als das Argument, man verschanzt sich hinter der dogmatischen Kritikimmunisierung, bei der man scheinbare und falsche Beweise für Gott bevorzugt, aber logisch korrekte Beweise ignoriert.

Als Atheist braucht man nicht mehr an Beweisen, um Gott als abergläubisches ideologisches dogmatisches Gedankenkonstrukt zu entlarven. Ich denke, am besten trifft es die Definition der Heiden:

Alle Götter, also auch der Gott des Monotheismus, inklusive Jesus, sind ausgedachte moralische Leitbilder, die in Mythen beschrieben werden. Der Monotheismus dient nur dem Zweck, die Moral zu monopolisieren, sie zu einer Sache der Priester zu machen, womit man Laien von der moralischen Gestaltung der Gesellschaft ausschließt.

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