Zehn häufige Gerüchte über Atheisten

1. Atheisten glauben, dass Alles von Nichts kam

Viele Theisten glauben, dass es einst Nichts gab, und dann Etwas – das Universum – von ihrem Gott erschaffen wurde. Daher fragen sie: „Aber wenn es keinen Gott gibt, wie sonst kann dann Etwas aus dem Nichts entstehen?“
 

Zehn häufige Gerüchte über Atheisten

Viele Tausend Jahre schon wurde diese Frage gestellt, doch nun bietet die Quantenphysik Atheisten wie etwa Lawrence Krauss eine Grundlage für die Annahme, dass das Universum in der Tat aus dem „Nichts“ entstand. Aber Krauss spricht nicht stellvertretend für alle Atheisten, und er spricht von einer gänzlichen anderen Art des „Nichts“, einer Art, in der virtuelle Teilchen aus entlehnter Vakuumenergie entstehen. Dies hat nicht einmal ansatzweise mit dem zu tun, was Theisten unter dem Begriff „Nichts“ verstehen.

Wenn Atheisten zum Universum befragt werden, endet ihre Antwort in etwa mit der Feststellung, dass „die Beweise nahelegen, dass das Universum vor ungefähr 13,77 Milliarden Jahren begonnen hat, sich auszudehnen.“ Bei Fragen, die darüber hinaus gehen, reicht mir ein „Ich weiß es nicht“. Ich muss es nicht wissen. Ich glaube weder, dass das Universum aus der Art von „Nichts“ entstanden ist, von der Theisten sprechen, noch aus dem „Nichts“, von dem Krauss spricht. Ich denke nicht, dass es momentan genug Beweise für Schlussfolgerungen gibt, und das ist mir Recht. Mir ist noch kein Atheist begegnet, der wie die Theisten glaubt, dass Alles aus dem „Nichts“ entstanden ist, und meiner Erfahrung nach sind nur wenige Atheisten Anhänger der Theorie, die Krauss entwickelt hat. Theisten glauben vielleicht, dass das Universum aus dem Nichts entstanden ist, aber dann liegt die Beweislast, dass es jemals „Nichts“ gegeben hat, und dass „Etwas“ das Mitwirken von Göttern benötigt, bei ihnen.

 

2. Atheisten haben keine Moral

Menschen sind Gemeinschaftswesen, und als solche haben wir Moral. Manche Theisten sagen, Atheisten haben keinen Grund, moralisch zu sein, da wir an keinen Gott glauben, der uns Anweisungen geben oder bestrafen könnte. Diese Behauptung scheint mir unaufrichtig zu sein, wenn man bedenkt, dass sich die meisten Theisten, die dies behaupten, nicht über Nacht zu unmoralischen Abartigen wandeln würden, falls ihnen plötzlich ihr Glaube an Gott abhandenkäme.
Studien haben gezeigt, dass unsere Moralvorstellungen ein Produkt multipler Faktoren sind. Das Milgram-Experiment zeigt, dass Autorität eine große Rolle spielt. Das Stanford-Prison-Experiment zeigte das Gleiche und offenbarte auch die Rolle der sozialen Hierarchie. Der „Gute-Puppe/Böse-Puppe“-Test bei Babys (http://www.cbsnews.com/videos/born-good-babies-help-unlock-the-origins-of-morality-50135408/) legt nahe, dass uns allen ein grundlegender Sinn für Fairness, Gerechtigkeit und leider auch Bigotterie geboren ist. Die menschliche Moralität kann nicht mit Religion oder dem Fehlen von Religion erklärt werden; dafür ist sie zu komplex.

Auf der ganzen Welt leben Millionen von Atheisten jeden ihr Leben moralisch. Und manche nicht. Ebenso wie manche Gläubigen. Es gibt atheistische Wohltätigkeitsorganisationen, und es gibt atheistische Kriminelle. Es gibt religiöse Wohltätigkeitsorganisationen und religiöse Hassgruppen. Sowohl religiöse Menschen als auch Atheisten können sich moralisch und unmoralisch verhalten, entweder aufgrund ihrer religiösen Einstellungen oder auch gänzlich unabhängig von ihnen. Das Eine führt nicht notwendigerweise zum Anderen. Studien haben uns gezeigt, dass die Grundlagen der menschlichen Moral vorhanden sind, noch bevor wir mit Religion konfrontiert werden.

 

3. Atheisten haben keinen „Sinn des Lebens“

Selbst wenn die Menschheit die nächsten 5 Milliarden Jahre auf diesem Planeten überleben sollte, wird sich die Sonne zu einem Roten Riesen aufblähen und die Erde kochen und wahrscheinlich auch verschlingen, bevor sie explodiert und sich im ganzen Kosmos verteilt. Das Universum wird sich weiterhin mit zunehmender Geschwindigkeit ausdehnen, und letzten Endes wird die Gravitation zu schwach sein und das Entstehen neuer Sterne oder Planeten unmöglich werden. Das Universum wird dahin schwinden und sterben.

Beim Gedanken daran meinen manche Theisten, dass ohne einen Glauben an ein Leben nach dem Tod nichts in diesem Leben wirklich von Bedeutung wäre. Der Glaube an ein Leben nach dem Tod kann einen Einfluss auf den Sinn des Lebens eines Menschen haben, aber der Sinn des Lebens benötigt nicht notwendigerweise den Glauben an ein Leben nach dem Tod. Manche Theisten sprechen von Nietzsches Nihilismus, als ob Nietzsche das Maß aller Dinge in der existentialistischen Philosophie wäre. Aber Menschen umschreiben ihre eigene Bedeutung generell durch die Augenblicke, die wir genießen, und durch die Ziele, die wir uns setzen. Am besten drückte dies wahrscheinlich Albert Camus in „Der Mythos des Sisyphos“ aus.

Ich genieße jeden Augenblick, den ich mit meiner Tochter verbringe, und eines meiner Ziele ist es, ein guter Vater zu sein. Ich schätze die Kunst, und eines meiner Ziele ist, mehr darüber zu lesen, zu hören und zu sehen. Ich trinke gerne eine große Tasse heißen Kaffee, während ich das schwache Glühen des Morgens kurz vor Sonnenaufgang betrachte. Ich liebe eine gemütliche Kanufahrt an einem sonnigen Tag und das weiche Knirschen frisch gefallenen Schnees unter meinen Füßen. Ich freue mich über meine Freunde und über meine Familie. Atheismus gibt dem Leben einen Sinn, denn als Atheist verstehe ich, dass dies das einzige Leben ist, das ich habe.

 

4. „Es gibt keine Atheisten im Schützengraben“

Doch, die gibt es. Sie haben sogar eine eigene Website (http://militaryatheists.org/atheists-in-foxholes/). Trotzdem hält sich bei manchen hartnäckig diese Überzeugung, dass Atheismus generell unaufrichtig ist und dass jeder in einer Notsituation nach Gott ruft. Diese Behauptung zeigt die Widersprüche in der Erkenntnistheorie zwischen dem Theisten, dessen Überzeugungen teilweise auf Angst und Verlangen basieren, und denen unter uns, deren Überzeugungen sich auf Fakten und Beweisen stützen.

Theisten unterstellen damit auch, dass der Ruf „Oh, Gott“ zeigt, dass man wörtlich versucht, mit „Gott“ zu reden. Ich habe schon etliche Freunde und Familienmitglieder in allen möglichen Situationen „Oh, Gott“ sagen gehört, und nur selten versuchten sie damit, ein Gespräch mit dem Allmächtigen zu führen. Sogar wenn ein Theist in einem Schützengraben „Oh, Gott“ sagt, erwartet er sich höchstwahrscheinlich keine göttliche Intervention. Die Phrase wird generell auf dieselbe Art verwendet wie „Oh, Scheiße“, wobei es dies generell keine Anspielung auf tatsächliche Scheiße ist. Trotz alldem gibt es Millionen von Menschen, die in lebensgefährlichen Situationen nicht nach Gott, Fäkalien oder sonstigem gerufen haben.

 

5. Atheisten hassen Gott einfach

Ungefähr ebenso sehr, wie wir Einhörner hassen. Theisten stellen diese Behauptung oft auf, wenn Atheisten ihre moralische Meinung zu angeblichen Taten ihrer Gottheit abgeben. „Wie können Sie eine Meinung zu etwas haben, an das Sie nicht glauben?“ Auf dieselbe Art, wie wir eine Meinung zu Darth Vader, Willy Wonka oder die Böse Hexe des Westens haben – entsprechend ihrer Rolle in der jeweiligen Geschichte. Es tut nichts zur Sache, ob die Geschichte von einem Sith handelt, der alle Jedi-Kinder tötet oder einem Gott, der alle Erstgeborenen eines Landes tötet.

Um den eigenen Standpunkt verständlich zu machen, reicht es üblicherweise, einfach die Frage umzudrehen. „Hassen“ Christan Allah? „Hassen“ Muslime Jesus? „Hassen“ Juden das Fliegende Spaghettimonster? Ein nicht vorhandener Glaube an eine spezielle Religion basiert nicht auf einer negativen Meinung zu der Gottheit oder dem Messias dieser Religion. Er ergibt sich vielmehr einfach daraus, dass man nicht davon überzeugt ist, weil keine ausreichenden Beweise geboten werden. Ich persönlich finde, dass Buddha und Lao-tse großartige Dinge gesagt haben, bin jedoch weder Buddhist noch Taoist.

 

6. Atheisten wollen sich Gott einfach nicht unterwerfen

Nun, zuerst bräuchte es einmal einen Grund zur Annahme, dass es überhaupt etwas gibt, dem man sich unterwerfen könnte. Ein mangelnder Glaube an eine Gottheit bedeutet nicht, dass man sich dem nicht unterwerfen möchte, woran man gar nicht glaubt. Wie bereits unter Punkt 5 geschehen, kann man auch hier den eigenen Standpunkt recht simpel verständlich machen, indem man die Frage im Gegenzug dem Theisten stellt. Mangelt es der Christin an Glauben an Allah einfach deshalb, weil sie keinen Hidschab tragen möchte? Fehlt den Nicht-Katholiken der Glaube an den Katholizismus einfach deswegen, weil sie sich nicht dem Papst unterwerfen möchten? Mangelt es den Muslimen an Glauben daran, dass Jesus die „Verkörperung“ von Gott war, einfach deshalb, weil sie weiterhin Kinderhochzeiten mit den Handlungen ihres sogenannten Propheten rechtfertigen möchten?

 

7. Atheisten sind wütend

Es gab einmal eine Zeit, in der es tabu war, die Religion zu hinterfragen. Manche würden gerne daran festhalten, um ihrer Religion eine genauere Überprüfung zu ersparen. Diese Tage sind vorbei, doch das bedeutet nicht, dass die Skepsis, die man der Religion entgegenbringt, den Skeptiker wütend macht.

Konfrontativ zu sein bedeutet nicht, wütend zu sein. Wenn Ihnen jemand erzählt, dass Elvis dabei gesehen wurde, wie er im Supermarkt T-Shirts kauft, würde diese Behauptung analysiert, überprüft, als falsch entlarvt und in den meisten Fällen gänzlich verlacht werden. Ich sehe keinen Grund, warum das bei religiösen Behauptungen anders sein sollte.

 

8. Atheisten sind für die schlimmsten Gräueltaten der Geschichte verantwortlich

Stalin, Pol Pot und Mao waren Atheisten, also muss der Atheismus für die Massenexekutionen unter deren Herrschaft verantwortlich sein – so wird zumindest oft behauptet. Dieses Statement ist üblicherweise die Retourkutsche, wenn man dem Christentum die Schuld an den Kreuzzügen gibt oder dem Islam am Terrorismus. Es steht fest, dass es im Laufe der Geschichte Christen, Atheisten, Muslime und Anhänger vieler anderer Glaubensrichtungen gab, die die unterschiedlichsten Gräueltaten verübten. Es wurden jedoch auch die gütigsten Taten in der Menschheitsgeschichte von allen möglichen Gläubigen und Ungläubigen vollbracht.

Stalin, Pol Pot und Mao exekutierten Menschen nicht im Namen des Atheismus, sondern einfach deswegen, weil sie sich ihnen nicht unterwarfen, als ob sie selbst Götter seien. Es gibt eine lange Liste atheistischer Politiker, die nie Gräueltaten verübten (http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_atheists_in_politics_and_law). Die Behauptung, Atheismus würde zu katastrophalen Gräueln führen, wie etwa jene zu den Anfangszeiten der Sowjetunion, stellt eine vorschnelle Verallgemeinerung dar, die all die guten Taten von anständigen atheistischen Politikern im Laufe der Geschichte ignoriert.

 

9. Atheisten sind „wissenschaftsgläubig“

Es muss schwierig sein, an einem Glauben festzuhalten, der nicht durch Beweise gerechtfertigt werden kann. Daher kommen manche Theisten zum Schluss, dass alle Atheisten „wissenschaftsgläubig“ sind. Diese Bezeichnung soll als Beleidigung für Skeptiker dienen, die es wagen, nach Beweisen zu fragen, wenn sie mit außergewöhnlichen Behauptungen konfrontiert werden.

Wissenschaftsgläubigkeit ist eine Philosophie, die meint, dass die Wissenschaft die endgültige Wahrheit darstellt, und dass nur die Wissenschaft zur Wahrheit führt. Aber die Wissenschaft dem Aberglauben vorzuziehen bedeutet nicht, dass die Wissenschaft immer Recht hat. Wissenschaftler sind Menschen und können wie jeder andere Fehler machen. Die Methodik der Wissenschaft funktioniert allerdings tatsächlich. Das heißt nicht, dass die Wissenschaft der einzige Weg zur Wahrheit ist. Es bedeutet nur, dass sie eine effektive Methode ist, um Kenntnis über natürliche Wahrheiten zu erlangen.
Viele Atheisten stehen der Wissenschaft und der Religion gleichermaßen skeptisch gegenüber. Meine erste Aufgabe in meinem Statistikkurs am College bestand darin, drei Beispiele für in den Medien missbräuchlich verwendete Daten zu finden. Bereits mehr als ein Jahrzehnt lang wird diese Aufgabe in jedem Kurs gestellt, und noch nie reichten zwei Studenten dieselben drei Beispiele ein. Ich habe auch Philosophie, inklusive Wissenschaftstheorie, studiert, und weiß daher, dass die Wissenschaft sich irren kann. Ich habe noch nie einen  Atheisten getroffen, der der Meinung ist, dass Wissenschaftler unfehlbar sind.

 

10.  Alle Atheisten denken rational und logisch

Dies ist etwas, das ich meistens von Atheisten zu hören bekomme. Manche Atheisten betrachten sich als rationaler als Theisten und stellen die Frage, warum wir uns überhaupt als Atheisten bezeichnen – und nicht etwa als Rationalisten oder dergleichen.

Aber nicht alle Atheisten sind rational. Atheismus bezeichnet nur den fehlenden Glauben an Gottheiten. Es gibt Atheisten, die an Homöopathie, Außerirdische, Verschwörungstheorien zum 11. September und noch viel mehr gänzlich irrationale Dinge glauben, für die es nicht die geringste logische Begründung gibt. Beim rationalen Nicht-Glauben an Gottheiten angelangt zu sein bedeutet nicht, dass man auch sonst alles rational sieht.


Lee Myers, Blogger auf www.atheistrepublic.com
Übersetzung von: Daniela Bartl, Joseph Wolsing

 

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Kommentare

  1. userpic
    Kevin Zwick


    "Es gibt Atheisten, die an Homöopathie, Außerirdische, Verschwörungstheorien zum 11. September und noch viel mehr gänzlich irrationale Dinge glauben, ..."

    Warum bitte ist es "gänzlich irrational" an Außerirdische zu "glauben"?

    Ist es nicht viel mehr logisch daran zu "glauben"?

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    1. userpic
      Samuel

      Ganz meine Meinung. Ich denke aber hier wurde Außerirdische im Sinne von Marsmenschen verwendet.

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