Der konzeptionelle Penis

Soziologiezeitschrift stolpert über „konzeptionellen Penis“ und die Probleme des Peer Reviews

Der konzeptionelle Penis

Peer Review, falls es jemand nicht weiß, ist ein Begutachtungsverfahren, das die Qualität von Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften sicherstellen soll. Eingereichte Texte werden – manchmal anonym, manchmal auch nicht – meist zwei Wissenschaftlern des entsprechenden Faches vorgelegt, die grünes Licht für die Veröffentlichung geben, sie ablehnen oder Nachbesserungen fordern.

Das klingt in der Theorie vernünftig. Was passiert aber, wenn die Gutachter mit hoher Wahrscheinlichkeit derselben geschlossenen Ideologie anhängen wie die Autoren eingereichter Arbeiten? Logisch: Dann ist das, was ursprünglich mal als Qualitätskontrolle gedacht war, bestenfalls noch eine Konformitätskontrolle. Ein institutionalisierter Confirmation Bias.

Und da ideologische Standpunkte von einem hohen Maß an Regelmäßigkeit und Stereotypie gekennzeichnet sind, lassen sich die auf ihnen beruhenden Argumentationen ganz gut vorhersehen und nachahmen.

Den Philosophen Peter Boghossian und James Lindsay ist es so gelungen, unter Pseudonymen einen bewusst schwachsinnigen Artikel über den „konzeptionellen Penis als soziales Konstrukt“ („The conceptual penis as a social construct“) in der soziologischen Zeitschrift Cogent Social Sciences zu veröffentlichen. Und ja, das Papier hat dabei auch eine Peer Review durchlaufen.

Ich versuche mich mal an einer Übersetzung der Zusammenfassung, die dem Artikel vorangestellt ist und so in der Zeitschrift erschien:

Anatomische Penisse mögen existieren, aber da auch prä-operative Transgender-Frauen über anatomische Penisse verfügen, ist der Penis gegenüber der Männlichkeit ein inkohärentes Konstrukt. Wir argumentieren, dass der konzeptionelle Penis nicht als anatomisches Organ, sondern besser als soziales Konstrukt zu verstehen ist, das sich isomorph zur performativen toxischen Männlichkeit verhält. Durch eine detaillierte poststrukturalistische diskursive Kritik und das Beispiel des Klimawandels stellt diese Arbeit das vorherrschende und schädliche soziale Klischee in Frage, dass Penisse sich am besten als männliche Sexualorgane verstehen lassen, und weist ihm eine passendere Rolle als eine Art maskuliner Performanz zu.

Hier kann man das ganze Werk lesen (PDF). Die Offenlegung durch die Autoren bringt genauer auf den Punkt, was hier passiert ist:

„Die androzentrische wissenschaftliche und metawissenschaftliche Evidenz für den Penis als männliches reproduktives Organ gilt als überwältigend und im Wesentlichen unstrittig.“

So fingen wir an. Mit diesem grotesken Satz eröffneten wir unseren „Artikel“, bestehend aus 3.000 Wörtern puren Unsinns, der sich als akademische Forschungsarbeit ausgibt. Dann hat eine akademische Zeitschrift der Sozialwissenschaften mit Peer Review ihn akzeptiert und veröffentlicht.

Der Artikel hätte niemals veröffentlicht werden dürfen. Betitelt „Der konzeptionelle Penis als soziales Konstrukt“ behauptet er: „'Penis' vis-à-vis 'Männlichkeit' ist ein inkohärentes Konstrukt. Wir legen dar, dass der konzeptionelle Penis eher als gender-performatives, hochgradig fluides Konstrukt zu verstehen ist, denn als anatomisches Organ.“ Wie um David Hume zu bestätigen, für den eine tiefe Kluft zwischen dem existiert, was ist und dem, was sein sollte, wurde unser nie zu publizierendes Paper publiziert, in der Open-Access-Zeitschrift (mit Peer Review) „Cogent Social Sciences“. (Falls das PDF dort entfernt wird – wir haben es archiviert.)

Unter den Pseudonymen „Jamie Lindsay“ und „Peter Boyle“, im Auftrag der fiktiven „Southeast Independent Social Research Group“, schrieben wir ein absurdes Paper, verfasst frei nach dem Vorbild der poststrukturalistischen diskursiven Gender-Theorie. Mit Absicht irrwitzig behauptet der Artikel im Wesentlichen, dass Penisse nicht als männliche Genitalien betrachtet werden sollten, sondern als schädliche soziale Konstruktionen. Wir haben nicht versucht, herauszufinden, was „poststrukturalistische diskursive Gender-Theorie“ eigentlich bedeutet. Wir vermuteten, den Beitrag in einem respektablen Journal unterbringen zu können, wenn wir lediglich unsere moralischen Implikationen herausstellten, dass Männlichkeit an sich schlecht ist und der Penis irgendwie die Wurzel des Übels.

Diese vernichtende Beschreibung unserer Parodie untertreibt noch um Größenordnungen, wie ungeeignet der Artikel für eine akademische Publikation ist. Wir haben uns nicht um Folgerichtigkeit bemüht; stattdessen stopften wir den Text voll mit Jargon (wie „diskursiv“ oder „Isomorphismus“), Unsinn (die Behauptung, hypermaskuline Männer befänden sich gleichzeitig innerhalb und außerhalb gewisser Diskurse), Reizwort-Phrasen ("Prä-post-patriarchale Gesellschaft“), schlüpfrigen Bezügen auf Slang-Ausdrücke für den Penis, herabwürdigender Wortwahl über Männer (freiwillig kinderlose Männer sind „unfähig, eine Partnerin zu zwingen“) und Anspielungen auf Vergewaltigung (wir behaupteten, dass „Manspreading“, das breitbeinige Sitzen, eine „Vergewaltigung des benachbarten Raumes“ ist). Wir lasen den fertigen Artikel sorgfältig, um sicherzustellen, dass er keinerlei sinnvolle Aussagen enthält, und nachdem keiner von uns herausfinden konnte, wovon er eigentlich handelt, waren wir zufrieden.

Betrachten wir einige Beispiele. Hier ein Absatz aus der Zusammenfassung, die von beiden Gutachtern sehr geschätzt wurde:

„Wir folgern, dass Penisse eher nicht als männliches Genital oder Reproduktionsorgan betrachtet werden sollten, sondern vielmehr als gelebtes soziales Konstrukt, das sowohl schädlich als auch problematisch für die Gesellschaft und zukünftige Generationen ist. Der konzeptionelle Penis stellt signifikante Probleme für Gender-Identität und reproduktive Identität innerhalb sozialer und familiärer Dynamiken dar, wirkt ausschließend für entrechtete, auf Gender- und reproduktiver Identität basierende Gemeinschaften, ist ein beständiger Quell des Missbrauchs von Frauen und anderen Gender-marginalisierten Gruppen und Individuen, ist die universelle performative Ursache von Vergewaltigung und konzeptionelle treibende Kraft hinter großen Teilen des Klimawandels.“

Richtig gelesen – wir argumentieren, dass der Klimawandel „konzeptionell“ durch Penisse verursacht wird.

(…)

Wir wollten unsere Hypothese prüfen, dass die Chancen auf Publikation in einer akademischen Zeitschrift der Gender Studies vor allem davon abhängen, ob man dem Moralgebäude der akademischen Linken und insbesondere der moralischen Orthodoxie der Gender Studies schmeichelt. Das heißt, wir wollten zeigen, dass ein Bedürfnis nach Bestätigung einer bestimmten moralischen Sicht der Welt schwerer wiegt als die kritische Prüfung, die für legitime Forschung notwendig ist. Insbesondere hatten wir den Verdacht, dass die Gender Studies als akademische Disziplin von einem annähernd religiösen Glauben gelähmt sind, dass Männlichkeit die Wurzel allen Übels sei. Die Beweislage scheint das zu bestätigen.

Wer das nun als Ausnahme und Betriebsunfall abtun will, dem empfehle ich „Real Peer Review“ auf Twitter. (Man muss dazu kein Twitterprofil haben.) Ein paar anonyme akademische Dissidenten verweisen dort regelmäßig auf echte postmodernistische Artikel, die mindestens so absurd sind wie dieser Fake. Das ist keine Übertreibung.

Wie der Name schon sagt, natürlich alles mit Peer Review.

Aber von „Genderwahn“ redet nur Pegida, nicht wahr, in Wirklichkeit ist das alles gut und richtig.

Nein, ist es nicht. Guckt euch das an und habt den Mut, euch eures eigenen Verstandes zu bedienen. Das wäre mehr als genug.

Dr. Sebastian B. Wessels betreibt den Blog Red Pill Berlin.

Hier geht's zum Originalartikel...

Kommentare

  1. userpic
    ChrisV

    Oha, der Artikel und seine Wirkung werden durchaus unterschiedlich betrachtet und deswegen kontrovers diskutiert, u.a. auch auf sciencblogs:
    http://scienceblogs.de/bloodnacid/2017/05/26/der-penis-als-konzept-zwei-herren-spielen-der-genderforschung-einen-streich/
    http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2017/05/25/sokal-reloaded-nett-aber-sonst/

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