Der seltsame Tod Europas: Immigration, Identität, Islam

In seinem neuen Buch „The Strange Death of Europe: Immigration, Identity, Islam“ (Bloomsbury, 2017) lässt Douglas Murray Faktoren ahnen, die zum Niedergang Europas beitragen werden.

Der seltsame Tod Europas: Immigration, Identität, Islam

Eine Übersetzung des Originalartikels „The Strange Death of Europe: Immigration, Identity, Islam“ von Conatus News.

Darunter die Beschränkung der Redefreiheit, westliche Schuld und Masseneinwanderung.1992 schrieb Francis Fukuyama das wohl bahnbrechendste Buch der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. In „Das Ende der Geschichte“ („The End of History and the Last Man) legte Fukuyama seine These dar, die westliche freiheitliche Demokratie habe sich zum einzigen politischen Modell entwickelt, das die moralische und praktische Widerstandskraft aufbringt, um als die endgültige Regierungsform zu überdauern. [1] Seine Vorhersage, die liberale Demokratie in Europa repräsentiere das Endstadium der menschlichen ideologischen Evolution, erfuhr seither ein Bombardement der Kritik von Seiten jener, die geltend machen, er gewichte die ethno-religiösen Rivalen der Demokratie nicht genügend. Religiöser Fundamentalismus und speziell radikaler Islam, so die Kritiker, stellten ein mächtiges Bollwerk des Widerstands gegen die Ausbreitung der Demokratie dar und eine wirksame Gegenkraft.

Wenn es je Gründe für Zweifel an Fukuyamas Optimismus über das Überdauern der westlichen Zivilisation gab, dann erläutert Douglas Murrays schmerzlich prophetisches Buch, warum dafür jetzt die Zeit ist. Sein „The Strange Death of Europe: Immigration, Identity, Islam“ ist wahrscheinlich das wichtigste Buch, das im 21. Jahrhundert bisher geschrieben wurde. Er ist nicht der erste, der den Untergang Europas vorhersagt, aber seine Causa ist zeitlich passender und überzeugender unterfüttert als alle vorherigen Verkündigungen.

Europas Krankheit: Die Diagnose

Die Ursache der verhängnisvollen Krankheit Europas wird nicht simplifizierend einem einzigen Faktor zugeschrieben, sondern dem Zusammenwirken mehrerer. Der erste ist das beispiellose Ausmaß der Masseneinwanderung nach Europa. Der zweite die intolerante religiöse Ideologie, mitgebracht von einer überproportional großen Anzahl Einwanderer. Der dritte und zeitgleiche ist eine Krise des Vertrauens der Europäer in die Rechtmäßigkeit ihrer eigenen Überzeugungen und Traditionen. Schuldgefühle und Selbstzweifel lassen sie davor zurückscheuen, in einer Auseinandersetzung ihre eigene Sache zu vertreten. Schließlich, verwandt mit dem letzten Faktor, die Vergiftung des Diskurses. Am Gipfelpunkt der Migrationskrise, an dem Gedanken, Worte und Debatte einen Zenith des vielfältigen Austausches über die zukünftigen Implikationen der Einwanderung erreicht haben sollten, wird die Sprache eingeengt und die Sprecher unberechtigterweise mit Schmutz beworfen.

Die deutsche Bundeskanzlerin setzte den Facebook-Chef Mark Zuckerberg unter Druck, in sozialen Medien Kritik an ihrer Migrationspolitik einzudämmen, der „Guardian“ schaltete bei dem Thema seine Kommentarspalten ab, und jeder, der versuchte, europäische Werte ins Spiel zu bringen, wurde unmissverständlich als „rechts“ abgestempelt. Murray legt dar, wie der Trend von Millionen Menschen hin zu einer „schuldigen“, existentiell erschöpften, sterbenden Kultur, die ihre eigene Ethik und ihre Grundsätze aus dem Blick verloren hat – Europa – zu einem selbst verhängten Todesurteil führt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Facebook-Chef Mark Zuckerberg 2015 im Gespräch in New York

Die Bevölkerungs-Statistik zeigt, dass sich die muslimische Einwohnerzahl in England und Wales zwischen 2001 und 2011 nahezu verdoppelt hat, wobei illegale Einwanderung von mindestens einer Million die Zahlen noch über die geschätzten 2,7 Millionen erhöht. Die öffentliche Aufregung nach Enoch Powells berühmt-berüchtigter „Rivers of Blood“-Rede von 1968 erlaubte seither britischen Politikern, auf Rechtfertigung ihrer Einwanderungspolitik zu verzichten, selbst wenn sie bei einer Mehrheit der Wähler zutiefst unpopulär war und wenn die Einwände und Umstände ganz andere waren als jene von Powells Rede.

Immigration: Ein „Werkzeug“ der kulturellen Transformation?

Während Tony Blairs Regierung wurde die britische Einwanderungspolitik radikal gelockert, im Wesentlichen unter der Führung seiner Ministerin für Asyl und Immigration, Barbara Roche. Sie betrieb die Verwandlung der Einwanderung in ein Werkzeug für den Erwerb kulturellen „Kapitals“. Selbst als die Massenmigration die höchsten Schätzungen weit übertraf, erforderte Roches oft wiederholtes Ziel der „Transformation Großbritanniens“ offenbar, alle bestehenden oder zukünftigen Beschränkungen der Einwanderung als „rassistisch“ zu verwerfen, denn jeder Versuch einer Debatte über die Immigrationspolitik würde eine „toxische“ Atmosphäre erzeugen.

Eine Theorie lautet, dass die Migranten von der Blair-Regierung als eine Art Rammbock benutzt wurden, in einem bewussten Manöver, die Kultur zu ändern. Im Lichte von Tony Blairs jüngerer Karriere scheint sie weniger weit hergeholt zu sein. Er ist Vorsitzender seiner eigenen „Tony Blair Faith Foundation“ [2] (inzwischen das „Tony Blair Institute for Global Change“). „Wo immer es Konflikte mit religiösen Dimensionen gibt, ist sicherzustellen, dass einflussreiche Menschen sie verstehen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Für Glaubensführer stellen wir Möglichkeiten zur Verfügung, mit politisch und gesellschaftlich führenden Personen zusammenzuarbeiten.“ [3] Das ist eines der ausgewiesenen Ziele dieser Organisation. Eine der Schriften der Stiftung, „Essentials of Dialogue“ [4], weist den Leser unter der Überschrift „Respekt“ an, dass Dialog uns in die Lage versetzt, über Kultur und Identität zu reden, aber...

„... wir empfehlen, dass er immer einen Schwerpunkt auf den Glauben setzt, denn er kann in unserer Welt eine sehr positive Rolle spielen, wenngleich von ihm fast immer in negativer Weise gesprochen wird. Dialog betont Gleichartigkeit und Unterschied; Aspekte zu finden, unter denen wir anderen gleichen, ist oft einfach, aber die Perspektiven zu entdecken, gemäß denen wir uns unterscheiden, gibt uns viel mehr Gelegenheit zu lernen. Vielfalt ist etwas, das wir feiern.“ [Hervorhebung der Rezensentin]

Unter der Blair-Regierung wurden die gesellschaftlichen Kosten der Massenmigration von Abteilungen „analysiert“, die mit Einwanderungsbefürwortern besetzt waren; schönrednerische Maskerade, als Forschung ausgegeben. Eine Art, den Einfluss der Einwanderung als wirtschaftlichen Gewinn umzudeuten war, kürzlich Zugewanderte aus dem europäischen Wirtschaftsraum (EU plus Norwegen, Island und Liechtenstein) als die „durchschnittlichen“ Migranten zu präsentieren. In der Presse lag die Betonung stets auf den etwa 22 Milliarden Pfund, die „jüngste Einwanderer“ zwischen 2001 und 2011 der britischen Wirtschaft gebracht hatten, während in Wahrheit Migranten von außerhalb der Eurozone 95 Milliarden Pfund mehr der Staatskasse entnommen als an Steuern eingezahlt hatten. Der Abschlussbericht korrigierte die Zahlen später und schätzte die Kosten der Einwanderung auf 114 bis 159 Milliarden, aber in die Nachrichten schaffte er es nicht.

Multikulturalismus: Einige Trugschlüsse

Weiter gibt Murray Aufschluss über ein Bündel von Fehlschlüssen, die die multikulturalistische Agenda unterfüttern. Zunächst über den Mythos, europäische Gesellschaften seien irgendwie fade oder langweilig und bräuchten Masseneinwanderung aus anderen Kulturen zu ihrer Aufbesserung. Der normative Subtext des unilateralen Multikulturalismus ist die Prämisse, andere Kulturen bräuchten keine Migration von außerhalb, um besser zu werden; nur unsere.

Der nächste Fehlschluss ist, dass dem Spießbürgertum nicht dadurch abgeholfen wird, durch die Welt zu reisen, sondern indem der Rest der Welt zu uns kommt. Des Weiteren suggeriert die Idee, der Wert einer anderen Kultur steige durch die Anzahl ihrer Mitglieder, dass Quantität wichtiger als Qualität ist, fünfzehn Tandoori-Imbissbuden in einer britischen Küstenstadt also besser seien als drei. Schließlich, wenn „Vielfalt“ an sich gut ist, mag man sich fragen, warum die derzeitigen Einwanderer nach Europa aus so wenigen Ländern kommen.

Welche Art Integration?

Neben der „Vielfalts“-Agenda der Regierung tauchte eine radikal neue Vorstellung von „Integration“ auf, die voraussetzt, dass uns keine universellen Werte verbinden können. Stattdessen ist Integration gemäß der internationalen politischen Linie ein wechselseitiger Prozess, bei dem vom aufnehmenden Land erwartet wird, sich an die Gesellschaft der Migranten anzupassen. Das schließt eine graduelle Schwächung liberaler Werte ein. Eine Gallup-Umfrage im Jahr 2009 erbrachte, dass genau null von fünfhundert befragten Muslimen Homosexualität für moralisch akzeptabel halten. Gleichermaßen wurde die Labour-Abgeordnete Ann Cryer so bösartig als „islamophob“ und „Rassistin“ abgestempelt, nachdem sie die Vergewaltigung minderjähriger Mädchen in ihrem eigenen Wahlbezirk angesprochen hatte, dass sie Polizeischutz brauchte.

Positives Plaudern über Migration ist leicht. Es kostet den Sprecher nichts und impliziert Aufgeschlossenheit und Toleranz. Es ist „angesagt“. Über die Kehrseite zu reden hat den gegenteiligen Effekt, es insinuiert Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus und ist geradezu ein Gedankenverbrechen. Wenn Migranten Straftaten begehen, selbst dann, wenn die Opfer zu anderen Minderheiten gehören, füllen die Medien ihre Berichte mit Euphemismen. Gleichzeitig ist die einzige Kultur, die nicht positiv hervorgehoben werden kann, auch die einzige, die Vielfalt überhaupt willkommen hieß – unsere eigene. Britische Intellektuelle reden in einer Weise über Großbritannien, die jeden anderen Teil der Welt betreffend vollkommen inakzeptabel wäre, wie zum Beispiel, dass Großbritannien eigentlich sowieso keine tiefere Kultur habe. Die Volkszählung 2011 ergab, dass es vielen britischen Gemeinden an „Vielfalt“ mangelte – nicht, weil Immigranten fehlten, sondern weil es nicht genügend weiße britische Einwohner gab, um sie wahrhaft „vielfältig“ zu machen.

Erbsünde und vererbte Schuld

Kolonialismus, Sklaverei, Holocaust – Europäer wie Amerikaner sind angeklagt, dieser Erbsünden schuldig zu sein, sie in der Welt verbreitet zu haben, und die Schuldgefühle schwären in westlichen Seelen. Als Resultat, so Murray, wurden die Menschen der westlichen Welt durch einen neuen Orientalismus vergiftet. Sie allein müssen hinnehmen, für die Taten ihrer Vorfahren ewig verantwortlich zu sein. Vergessen wir, dass es am Anfang der Sklavenkette in Uganda ebenso viele Beteiligte gab wie an ihrem Ende in Amerika. Amerika hatte schwarze Staatssekretäre, schwarze Richter am Obersten Gerichtshof, einen schwarzen Präsidenten, aber kein noch so großer Fortschritt genügt, die Schuld vergangener Generationen abzubüßen.

Das soll nicht nahelegen, dass angesichts vergangenen Unrechts kein Bedauern angebracht wäre, aber der historische Schandfleck der Mitschuld wurde wie eine Erbsünde von Generation zu Generation weitergegeben. Menschen ihre Abstammung vorzuwerfen, ist moralisch verwerflich, wenn es etwa auf Juden für ihre Komplizenschaft bei Jesu Kreuzigung zielt, aber westliche Nachkommen zerfleischen sich fortwährend selbst für das Verhalten ihrer Vorfahren. Keine Regierung oder sonstige Autorität hat je vorgeschlagen, irgendjemand anders aus anderen Teilen der Welt solle verantwortlich gemacht werden für die vererbbaren Verbrechen seiner Ahnen. Von Europäern wird erwartet, jeden nach seinen besten Augenblicken und Leistungen zu beurteilen, wie ersichtlich aus den ständigen Verweisen auf Andalusien oder die islamischen Neuplatoniker. Nur die Länder Europas und ihre Abkömmlinge werden im Licht ihrer niedrigsten Momente und übelsten Verbrechen beurteilt, weshalb die Inquisition und die Kreuzzüge in jeder Debatte über religiösen Extremismus zu Gemeinplätzen wurden.

Viele pro-europäische Kommentatoren führen Grenzen als die primäre oder einzige Ursache von Kriegen an, aber daraus, dass durch Grenzen manchmal Konflikte entstehen, folgt nicht, dass es ohne Grenzen keine Konflikte gäbe, wie Murray hervorhebt. Vor den Kriegen der europäischen Nationalstaaten wurde der Kontinent durch Religionskriege verwüstet.

Europäische Kultur im Niedergang

Murray diagnostiziert den europäischen Niedergang teilweise als das Ergebnis zweier seismischer Erschütterungen des neunzehnten Jahrhunderts. Erstes die Bibelkritik, die durch die deutschen Universitäten fegte, zweitens Charles Darwins „Über die Entstehung der Arten“. Wenn die europäische Aufklärung die westlichen religiösen Wurzeln ersetzt sah durch Vertrauen in den Menschen und seine Vernunft, so versagte dieses neue Fundament ebenfalls, als es dazu führte, dass die kultivierteste gestalterische Zivilisation der Welt die barbarischsten Dinge tat. Nach dem zweiten Weltkrieg hielten manche Europäer noch am Kommunismus fest, jedoch brach dieser Halt ebenfalls weg nach der Invasion Ungarns 1956 und der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 durch die Sowjetunion.

Murray macht geltend, dass die erste Dekade des gegenwärtigen Jahrhunderts Experimente eines „muskulösen Liberalismus“ erlebte, der weltweit den Versuch einer gewaltsamen Verteidigung freiheitlicher Rechte unternahm, namentlich im Irak, in Afghanistan und Libyen. Was er nicht erwähnt: Die weitaus größte Mehrheit der Linken und Liberalen billigte weder diese westlichen Interventionen, noch hielt sie sie für verträglich mit freiheitlichen Idealen und Menschenrechten. Selbst als die Rechtfertigungen der amerikanischen Neokonservativen für militärische Interventionen in liberale Rhetorik gegossen wurden, bezweifelten die meisten linken Intellektuellen, dass die Staatsziele in irgendeiner „edlen“ Weise über wirtschaftlichen Profit hinausgingen. Vor den Methoden, mit denen diese ökonomischen Ziele erreicht werden sollten, zuckten Linksliberale zurück und betrachteten sie als Hohn auf freiheitliche Werte.

Wichtiger jedoch als die Schwächung des christlichen Erbes ist gemäß Murray, dass europäische Philosophen ihre Rolle als „Störenfriede“ aufgaben, die schwierige Fragen stellen und Antworten auf drängende soziale Probleme suchen. Dekaden von Dekonstruktion und Selbstzweifel haben eine einst machtvolle und gesellschaftlich relevante Disziplin in eine Industrie verwandelt, die ihre Ausübenden dafür belohnt, so erfolgreich wie möglich nichts zu sagen. Die Philosophen wurden von Konzepten verzaubert, mit denen man Fragen vermeidet. Keine Verallgemeinerung darf versucht werden, kein Spezifikum benannt, damit man nur nicht in das Land der Ideen zurückstolpert. Alle gesellschaftlich relevanten Wörter müssen sofort zergliedert, markiert und angefochten werden. Das Ziel dieses Spiels, so Murray, ist neben der Ausgrenzung von Ideen, Philosophie und Sprache die Anscheinswahrung akademischer Untersuchung, während gleichzeitig eine fruchtbare Diskussion unmöglich gemacht wird. Dieses Einsperren und Überwachen nützlicher Ideen besteht fort, zur großen Befriedigung der akademischen Mitspieler und zur Frustration oder Gleichgültigkeit aller anderen.

Stimmung im Wandel

Nach jeder terroristischen Attacke auf europäischem Boden, sei es mit Gewehr, Messer, Bombe, Säure oder Auto, schwenkt die öffentliche Aufmerksamkeit abrupt weg von den Opfern und hin zum Verhältnis zwischen der winzigen Anzahl Extremisten, die solche Anschläge begehen, und dem Rest der muslimischen Bevölkerung. Die wahren Opfer seien nicht die Toten, sondern Muslime, die nun als des Extremismus verdächtig angeschwärzt würden, obwohl sie normale, friedliche Mitbürger seien. Murray nun kontrastiert die obsessiv-paternalistische Sorge der Medien um unschuldige Muslime mit Umfragen über ihre gesellschaftlichen Einstellungen. Die Daten zeigen, dass Migrantengemeinden von außerhalb Europa Haltungen zum sozialen Liberalismus haben, die Europäer in Schrecken versetzen würden, kämen sie aus ihren eigenen Reihen. Eine britische Umfrage im Jahre 2006 nach Veröffentlichung der dänischen Mohammed-Karikaturen zeigte: 78 Prozent der britischen Muslime meinen, die Verbreitung der Zeichnungen sollte strafrechtlich verfolgt werden. 68 Prozent stimmten der Aussage zu, jeder, der den Islam beleidigt, solle rechtlich belangt werden. Nahezu ein Fünftel der britischen Muslime respektierte Osama bin Laden. Neun Jahre später, nach dem Charlie-Hebdo-Massaker, gaben 27 Prozent an, sie hätten einiges Verständnis für die Angreifer, und beinahe ein Viertel (24 Prozent) sagte, Gewalt gegen Menschen, die Mohammed-Bilder zeigen, könne gerechtfertigt werden. Die BBC präsentierte diese Statistiken als gute Nachricht unter der Überschrift, die meisten britischen Muslime seien gegen Vergeltungen als Reaktion auf die Cartoons.

Blutbefleckter Boden in den Charlie-Hebdo-Büros

Die Stimmung in Europa wandelt sich, sagt Murray. Während der Islam in der Gesellschaft an Gewicht gewinnt und die öffentliche Ablehnung ihm gegenüber zunimmt, vermeidet die politische Klasse die Thematisierung des Islam und greift stattdessen gegenüber seinen Opponenten durch. In der medialen Berichterstattung über „rechte“ Gruppen fehlt die Tatsache, dass in Deutschland wie in Großbritannien viele Mitglieder dieser Bewegungen sich als Antifaschisten verstehen und ethnischen und sexuellen Minderheiten angehören. Was den westeuropäischen Antifaschismus angeht, so Murray, übertrifft die Nachfrage nach Faschisten bei weitem das Angebot. Es ist politisch nützlich, Menschen als Faschisten zu bezeichnen, die keine sind; dasselbe trifft auf die Benennung als „Rassist“ zu. Ungerechtfertigte Zuschreibung dieses Attributs des „Bösen“ kostet den Ankläger nicht den geringsten sozialen oder politischen Preis, befleckt aber den Ruf des Beschuldigten, selbst wenn sie völlig falsch ist.

Die Linke wurde blind gegenüber den Widersprüchen, während sie sich in Nischendiskussionen um Feminismus und LGBT-Rechte verwickelte und weiterhin für den Import von Millionen von Menschen argumentierte, die gegen die Prämissen beider Bewegungen sind. Plötzlich fanden sich jene, die an die selbstverständlichen Rechte von Frauen und Homosexuellen glaubten, in der Mitte einer Mehrheit von Menschen, die solche Rechte für grundlegend falsch halten.

Murrays konservative Empfindlichkeiten zeigen sich gegen Ende des Buches. Wenn nichtreligiöse Menschen es nicht schaffen, mit den christlichen Quellen zu arbeiten, denen ihre Zivilisation entstammt, dann ist schwer zu erkennen, wie sich Europas Zuversicht jemals zurückbringen lässt, sagt er. Er beklagt die Verderbtheit des letzten europäischen nichtreligiösen Traumes, des Liberalismus, unterscheidet aber nicht zwischen Europas Moderne und dem postmodernen Nihilismus, der sie ersetzte. Die Postmoderne sieht er offenbar als Fortführung von Liberalismus und Aufklärung, als ob sie eins wären. Hier stockt sein Buch, denke ich, trotz seiner angemessenen Herausarbeitung des Niedergangs westlicher Philosophie vom kritischen Denken in die Unterwelt der „kritischen Theorie“. Die Wahl ist nicht notwendigerweise eine zwischen Christentum und liberalem Humanismus, wie er nahelegt. Die Wahl besteht zwischen den verwöhnten Erben des liberalen Humanismus, die zu beschäftigt sind mit Shoppen und putzigen Selfies, um sich zu fragen, was „westliche Werte“ sind, und tatsächlichen Verteidigern des liberalen Humanismus.

Dystopische kulturelle Malaise

Murray sieht Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ (2015) als prophetische gesellschaftliche Diagnose des nihilistischen Zustands heutiger westlicher Konsumkultur. Houellebecqs dystopische Dichtung schildert eine Klasse von Politikern, derart beflissen, vor allem anderen als „anti-rassistisch“ gesehen zu werden, dass sie schließlich die schlimmste und am schnellsten wachsende rassistische Bewegung ihrer Ära zuerst hofieren und ihr dann ihr Land übergeben. Die realistischste Eingebung in Houellebecqs Roman liegt in der politischen Analyse, wie diese kulturelle Übergabe an ein intolerantes autoritäres Regime geschehen könnte: Der einzige Weg, den berüchtigten Front National an der Macht zu hindern ist, sich hinter der Islamistenpartei zu vereinen. Das ist vereinbar mit Murrays Beobachtung in seinem letzten Kapitel, dass die progressiven Muslime Europas, die für liberale Werte und Redefreiheit einstanden – Seyran Ates, Hamed Abdel-Samad, Maajid Nawaz, Kamel Daoud – Morddrohungen erhalten und von ultrakonservativen Muslimen (Salafi-Wahhabiten) gegeißelt werden, wie auch von „höflichen“ Europäern. Salafisten, die diese progressiven Muslime verfolgen und religiöse Extremisten, die ihnen mit Mord drohen, brauchen währenddessen keinen Polizeischutz und sonnen sich in öffentlicher Billigung für ihre „Vielfalt“.

Douglas Murrays Buch führte mich zurück zu Hannah Arendts Analysen der Ereignisse ihres europäischen Milieus Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Was sie schrieb, dient uns als Warnung vor gegenwärtigem europäischem und israelischem Nationalismus, gibt aber auch Anlass zum Nachdenken über das mythologische Hausieren mit der allgegenwärtigen „Islamophobie“ und über die engstirnige Dämonisierung aller Kritiker der autoritären religiösen Rechten als eindeutige „Rassisten“. Arendt vertritt, dass die schlimmsten Verbrechen der Geschichte im Namen irgendeiner Art von Notwendigkeit begangen wurden. „Das Böse ist nicht nur gewissenhaft“, beobachtete sie, „sondern auch sentimental“. Auf einzigartige Weise erkannte sie, dass das Böse unangekündigt in die Welt kommt. Es reitet nicht auf den Wolken, mit Feuer und Schwefel, es trägt nicht Perücke und oranges Makeup, es speit nicht unverschämte Schmähungen in Richtung alles Guten. Unsere höllischsten Phantasien kriechen in die Realität, sie bringen nicht die Sensationslust an einem herabstürzenden Himmel, sondern die Banalität des „gesunden Menschenverstandes“ und der offenkundigen Notwendigkeit, „seine Pflicht zu tun“.

Was die linke Klasse offenbar nicht in Betracht ziehen kann, ist die Möglichkeit, dass „Islamophobie“ nicht eine Fäule ist, die den Humus unserer liberalen Wurzeln verrotten lässt, sondern ein zweckmäßiges Instrument der Täuschung – das Mittel, unsere Abscheu zu beleben und dann in Richtung scheinbar „notwendiger“ Alternativen zu wenden.

Für Arendt hat totalitäre Ideologie genau deshalb Erfolg, weil sie den Denkprozess zerstört. Glücklicherweise gibt es ein paar unter uns lebende Autoren, die uns einladen, die Art gewissenhafter kritischer Analyse zu üben, die komplexe Situationen erfordern. Douglas Murray ist einer.

Der Artikel erschien zuerst auf Conatus News, einer überparteilichen Online News- und Meinungsplattform, die von Graswurzel Aktivisten gestartet wurde, um progressiven Stimmen eine Bühne für Themen aus der Tagespolitik, Wissenschaft, Politik und philosophischer und religiöser Bildung zu geben.

Übersetzung: Harald Grundner und Jörg Elbe

Terri (PhD) ist eine Autorin, Bloggerin, und hat mehr als zehn Jahre Philosophie und Filmstudien im zweiten Bildungsweg und der Erwachsenenbildung gelehrt.

Twitter: https://twitter.com/TMMurray2015

Fußnoten:

[1] Fukuyama, Francis (1989), „Das Ende der Geschichte“

[2] „Charity Commission for England and Wales“, Nummer 1123243. Die „Tony Blair Faith Foundation US“ wurde von der Bundessteuerbehörde der Vereinigten Staaten als öffentlich geförderte Organisation anerkannt, die steuerabzugsfähige Beiträge von amerikanischen Spendern erhalten darf. Als unabhängige US-Organisation teilt sie die Ziele der in London ansässigen Tony Blair Faith Foundation und gewährt ihr Unterstützung.

[3] Verwendet am 25. Mai 2017 unter http://tonyblairfaithfoundation.org/foundation 

[4] „Essentials of Dialogue: Guidance and Activities for Teaching and Practicing Dialogue With Young People“, Arbeitsblatt 3.2, S. 40, Copyright Januar 2016. Verwendet am 8. August 2017 unter http://tonyblairfaithfoundation.org/sites/default/files/Essentials-of-Dialogue_0.pdf

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