Der Treuebruch der Linken

Ein Gespräch mit der ex-Muslima Sarah Haider

Der Treuebruch der Linken

Sarah Haider

Was widerfährt im Amerika des 21. Jahrhunderts einer jungen Frau, die erwacht ist und von einer glaubensbasierten Ideologie Abschied genommen hat, die folgendes vertritt:

Frauen sind Menschen zweiter Klasse. Sie haben sich ihren Ehemännern unterzuordnen, auch gewalttätigen Ehemännern. Sie werden zugunsten ihres Partners teilweise enterbt. Steinigung von Ehebrechern (und speziell Ehebrecherinnen angesichts der frauenfeindlichen Launen der Beweis-Bewertung im Zusammenhang mit jener Ideologie). Gefangene Frauen werden zu Sex-Sklavinnen gemacht. Beschwerliche Kleidervorschriften. Weibliche Genitalverstümmelung wird gutgeheißen.

Erntet sie Beifall dafür, für ihre Rechte als Frau einzustehen? Tragen Progressive Lobreden vor, die ihre Tapferkeit besingen und ihre Weitsicht preisen? Wird sie mit Hilfsangeboten überschwemmt?

Fühlt sie, vielleicht zum ersten Male im Leben, dass die Vereinigten Staaten von Amerika sie vorbehaltlos als eine der Ihren willkommen heißen, jenes einzige Land der Welt, das zumindest gemäß seinen Gründungsdokumenten auf Redefreiheit, Unabhängigkeit und dem Streben nach Glück aufbaut?

Nicht unbedingt. Ist die Ideologie der Islam (und das ist sie) und die Frau eine ex-Muslima (auch das ist sie), muss sie sich stählen angesichts Morddrohungen, eines Hagels von Beschimpfungen von ihren einstigen Glaubensgenossen und hinterlistigen Verrats von jenen, die sich progressiv geben. Sie muss sich wappnen, um in unserem derzeitigen politischen Sumpf Versuche abzuwehren, sie mit ihren unbequemen Ansichten zum Schweigen zu bringen. Unerhörter noch – wenn die Frau versucht, anderen zu helfen, die um die herrliche säkulare Freiheit ringen, die sie selbst für sich erlangt hat, wächst sie zu einer Gefahr für das ganze Gebäude aus Heuchelei, Feigheit und unbelegtem Geschwätz, das eine Perspektive der Linken auf den Islam als „Religion des Friedens“ bildet, die nur von ein paar „verwirrten Bösewichten“ verzerrt wird. Kurz, im heutigen Amerika wird solch eine tapfere Frau keinen Zufluchtsort finden, sondern bildlich gesprochen vielmehr Horden mit Mistgabeln gegenüberstehen, begierig, sie aufzuspießen für das Verlassen ihrer Religion und die Verleumdung ihresgleichen. Mit Donald Trumps Aufstieg zur Präsidentschaft wird ihre Lage prekärer denn je.

Eine solche Frau ist Sarah Haider, geboren in Pakistan, vor Vollendung des achten Lebensjahres in die USA ausgewandert, Mitbegründerin und Direktorin der Beratungsstelle EXMNA, „Ex-Muslims of North America“. EXMNA, so die Website, „tritt ein für die Akzeptanz religiöser Meinungsverschiedenheiten, fördert säkulare Werte und strebt an, Diskriminierung von Menschen zu mindern, die den Islam verlassen“. Die Organisation stellt ihren Mitgliedern eine Auswahl von Leistungen (zeitweise Zuflucht, Beratung) zur Verfügung, in achtzehn über den Kontinent verteilten Ortsverbänden, und bietet ein Podium, von dem aus ex-Muslime in YouTube-Videos ihre persönlichen Geschichten von glaubensfreier Aufklärung erzählen können.

Haider, leise, artikuliert und aufrichtig, passt kaum ins Bild einer unheimlichen, subversiven „eingeborenen Informantin“, eines „House Negro“, wie man einst die besser gestellten Sklaven bezeichnete, die freiwillig bei ihrem „Besitzer“ blieben; als vergleichbarer „House Arab“ wird sie von manchen Linken diffamiert. Sie schmiedet keine Ränke, um „Islamophobie“ zu schüren und amerikanischen Muslimen das Leben zu vermiesen. Haider entfernte sich mit fünfzehn Jahren vom Islam; sie zog 2015 landesweit Aufmerksamkeit auf sich mit ihrem Vortrag „Islam und die Notwendigkeit liberaler Kritik“ bei einer Konferenz einer amerikanischen Humanisten-Vereinigung in Denver. Seitdem begrüßt der freimütig atheistische Neurowissenschaftler Sam Harris, Betreiber des „Waking Up"-Podcasts, sie als Heldin; seitdem erschien sie unter anderem in Dave Rubins beliebter YouTube Talkshow „The Rubin Report“.

Kürzlich sprach ich über Skype mit Haider. Sie berichtete, dass es für ex-Muslime seit ihrem Auftritt in Denver nur schlimmer geworden ist und dass sie und ihre Mit-Abtrünnigen ein Niveau der Bedrohung erfahren, das jeden Aspekt des Lebens beeinflusst. (Apostasie wird dem Islam gemäß mit dem Tode bestraft; insbesondere weibliche Apostaten sind gefährdet, selbst in den USA.) Je mehr allgemeine Bekanntheit sie genießt, umso größer die mögliche Gefahr, mit der sie leben muss.

„Die Angst, ungeschützt zu sein, hat mein Leben und wie ich Kontakte knüpfe verändert. Während ich bekannter werde, fühle ich mich zunehmend isoliert.“

Das Schlimmste – das Land, in dem sie bedrängt wird, sind die USA.

„Ex-Muslime im Westen sollten die Freiheit genießen, sie selbst sein und ihre Religion verlassen zu können. Zumindest sollten wir nicht in Angst vor unseren Familien und Freunden leben müssen. Wenn Muslime meinen, sie würden hier [in den USA] schlecht behandelt, können sie in Länder mit muslimischen Mehrheiten gehen. Aber wohin gehe ich, am sichersten Ort, an dem ich sein kann und doch in Angst, meinen Wohnort preiszugeben? Für mich ist tragisch, dass wir eine Organisation wie die unsere überhaupt brauchen.“

Muslime mögen sich berechtigterweise sorgen, dass ihre Veranstaltungen zur Zielscheibe werden könnten, aber sie selbst kann „noch nicht mal einen Ort für unsere Konferenzen finden.“ Aus Angst vor Angriffen hat EXMNA kein offizielles Büro, das man aufsuchen könnte.

Die Mainstream-Medien, sagt sie, werden offenbar ihrer Verantwortung nicht gerecht. Zum Beweis führt sie ein Beispiel an, den Vorfall im Juni 2105, als EXMNA bei der örtlichen „Wegman's"-Bäckerei eine Torte bestellte, geschmückt mit „Froher dritter Jahrestag, Ex-Muslime!“ Die Leitung der Bäckerei verweigerte den Auftrag, besorgt, dass solch „aufrührerische“ Worte die muslimischen Angestellten beleidigen könnten. Schließlich mischte sich die Freidenker-Organisation „Freedom From Religion Foundation“ ein – Unternehmen dürfen nicht abhängig vom Glauben des Kunden (oder dessen Abwesenheit) Leistungen verweigern – Und „Wegman's“ gab nach. Presse und Blogosphäre am rechten Flügel veröffentlichten die Angelegenheit, aber wenige andere Nachrichtenagenturen kümmerten sich darum. Es versteht sich von selbst, dass ähnliche Vorfälle noch vor nicht langer Zeit große öffentliche Sympathie hervorriefen, als die Opfer Homosexuelle waren.

Haider ist immer noch empört. „Ich lese, dass einer Frau der Hidschāb heruntergerissen wurde oder sich eine Stewardess weigert, einer Muslima eine ungeöffnete Coladose zu geben; das sind landesweite Nachrichten. Aber niemand befasst sich mit dem, was wir durchmachen, mit unserer Verfolgung. Natürlich wissen wir, dass es Intoleranz gegenüber Muslimen gibt, darüber wird berichtet. Aber auch unser Kampf sollte Thema sein; es ist erschreckend, dass unser Leid keine Diskussion wert ist. Tatsächlich werden wir oft als die Schikaneure dargestellt.“

Zwar berichten die rechtsstehenden Medien ab und zu über EXMNA, doch das führt nur dazu, dass die Organisation fälschlicherweise mit der Rechten assoziiert wird.

Die Zurückweisung durch die Linke schmerzt umso mehr, als Frauen die Bedrohtesten unter den ehemaligen Muslimen sind. Weibliche Apostaten, sagt sie, begegnen Ausgrenzung, Schlägen, Drangsalierungen und Drohungen seitens ihrer Familien und Gemeinschaften, erleiden erzwungene Rückreisen in ihre Heimatländer, um sie vom westlichen Einfluss loszureißen und werden zwangsverheiratet.

Die eigenen Familien stellen oft die größte Gefahr dar. Bei EXMNA, berichtet Haider, „erzählten uns Frauen grauenvolle Geschichten. Sie wurden von ihren Familien eingesperrt, tagelang geschlagen, versuchten mühevoll zu entkommen. Im Großen und Ganzen treffen sie auf körperlichen wie seelischen Missbrauch und auf Beschimpfungen. Wenige ex-Muslime können offen mit ihrem Abschied vom Islam umgehen, denn sie werden von ihren Familien, Gemeinschaften oder Arbeitgebern bedroht.“

Das Schicksal derer, die sich öffentlich äußerten, einschließlich der bekannten in Somalia geborenen Intellektuellen Ayaan Hirsi Ali, dient allen als Warnung. Hirsi Ali braucht Leibwächter, seit sie vor mehr als zehn Jahren begann, ihre ehemalige Religion anzuprangern.

Ayaan Hirsi Ali

„Sehen Sie sich an, wie Ayaan leben muss“ sagt Haider. „Sie muss sich verstecken! Wir fragen uns, ob ich eine kugelsichere Weste tragen sollte. Wie viele Muslime müssen hier so leben?“

Haider bereist die Vereinigten Staaten für EXMNA, gegründet 2013 zusammen mit Muhammad Syed, dem Präsidenten der Organisation. Sie zählt nun etwa tausend Mitglieder und sollte eigentlich größer sein, aber ein langwieriges Verfahren zur Sicherheitsüberprüfung neuer Mitglieder verlangsamt das Wachstum; es ist nötig, um die Sicherheit der Teilnehmer zu gewährleisten.

Was, wie sie sagt, keine leichte Aufgabe ist. Bei der zweiten öffentlichen Versammlung mischten sich die beiden Wachen (offenbar afghanischer Abstammung) in den Sitzungsablauf ein, um „den Islam zu verteidigen“ und redeten später vernehmbar über „die Notwendigkeit, etwas gegen diese Gruppe zu unternehmen“.

„Und das waren die Leute, die uns hätten schützen sollen!“ ruft sie aus.

Politiker zeigen einige Sympathie für EXMNA, aber nur außerdienstlich; Tausende freundlicher Emails, die sie von echten Liberalen bekommt, lassen sie sich etwas weniger allein fühlen. Das Stigma „Islamkritik gleich Rassismus“ behält aber nach wie vor die Oberhand; nicht viele sind bereit, ihren Ruf zu riskieren und offen ihre Unterstützung zum Ausdruck zu bringen. Auch ehemalige Muslime sind zurückhaltend, weil sie Rückwirkungen aus ihrer Gemeinschaft befürchten. Und wer will schon riskieren, zur Zielscheibe islamistischer Attentäter zu werden mit ihrem wachsenden Register der Gräueltaten, der Morde an freidenkerischen Bloggern, Jurastudenten und spottenden Cartoonisten?

Ich frage Haider, wie sie es empfindet, wenn jene vorgeblich Linken sie angreifen als eine, die Rassismus befördert oder „dem Trump-Narrativ hilft“.

„Als Verrat“ antwortet sie. „Ich bin davon immer noch erschüttert und entsetzt. Es ist schwer, weiterzumachen. Der Treuebruch der Linken hat uns wirklich verletzt, denn im Grunde sollten diese Leute auf unserer Seite sein, Schulter an Schulter mit uns stehen in unseren Anstrengungen, den Islam zu reformieren und Menschen- und Frauenrechte in die islamischen Länder zu bringen. Aber sie verriegeln die Tür, sagen, wir seien `islamophob´, wir stachelten Hass auf Muslime an oder trügen zu einer ihnen feindseligen Atmosphäre bei. Sie sagen sogar, wir wirkten am westlichen Imperialismus mit. Das ist Unsinn, fürchterlich für uns.“

Tatsächlich „spendieren“ ihr einige Linke unfassbare Vorträge, warum eigentlich der westliche Imperialismus an den Grausamkeiten schuld sei, die im Namen des Islam begangen werden, obwohl der Glaube mitsamt Gewalt, Frauenfeindlichkeit und Kriegstreiberei fast tausend Jahre vor dem Beginn der imperialistischen Ära entstand. „Das ist entmenschlichend“ sagt Haider. „Als ob östlichen Völkern die Rolle des Akteurs verwehrt bliebe und sie nur passiver Spielball sein könnten. Aber ich kann Ihnen von islamischer Grausamkeit erzählen, und wie sie Frauen und Homosexuelle behandelten, lange bevor der Western überhaupt auf der Bildfläche erschien. Jenen Linken scheint es, als hätte die Geschichte in den kolonisierten Ländern erst begonnen, als der Westen auftauchte.“

Die Diskussionen in der Folgezeit nach den sexuellen Nötigungen der Kölner Silvesternacht 2015 gaben ihr Gelegenheit, die Heuchelei der Linken beim Thema „Islam“ zu erleben. Ältere Feministinnen prangerten die Taten an: „`Es gibt keine Entschuldigung. Diese Angriffe wurzeln im religiösen Patriarchat, wir dürfen sie nicht dulden.´ Ihrer Vorstellung nach darf keine Kultur Frauenrechte verdrängen. Jüngere Feministen hingegen betrachten die Dinge aus einer seltsam narzisstischen Perspektive“; sie glauben, es sei „Intoleranz, Probleme in bestimmten Kulturen auch nur zuzugeben, außer natürlich, wenn es um die westliche Kultur geht; da lässt sich zugeben, was immer man will. Welche Hürde, die Probleme zu benennen, könnte effektiver sein? In was für einer Welt lebe ich, wenn ich nicht einmal anerkennen kann, dass es ein Problem gibt und dass dieses Problem in islamischen Ländern auf einem viel extremeren Niveau existiert als irgendwo im Westen, nur weil die Feststellung an sich schon als Rassismus und Engstirnigkeit betrachtet wird?“

Haider ist eine Liberale im klassischen Sinne des Wortes. „Die politische Rechte ist nicht unser Freund; wir haben keine Verbündeten auf der rechten Seite“ sagt sie, denn EXMNA ist eine atheistische Organisation. [A. d. Ü.: In USA ist „rechts“ wesentlich christlicher konnotiert als in Europa.] „Muslime, die zum Christentum konvertieren, können von Christen ermutigt werden. Aber diejenigen unter uns, die zu Atheisten werden, können sich an niemanden wenden.“

Ich frage, warum so viele Linke die ex-Muslime ablehnen, die doch natürliche Verbündete sein sollten.

„Sie stellen uns als Gruppe von Verrätern voller Selbsthass dar“ antwortet sie. „Sie glauben, Religion sei Muslimen innewohnend, also denken sie, dass eine Beleidigung der Religion einer Verhöhnung ihrer Hautfarbe gleichkommt. Sie rassifizieren Religion und subsumieren die Menschen darunter. Dieser Gedankengang wird sich gerade an den Muslimen rächen, weil er zu folgender Ansicht verleitet: `Die Religion hat Probleme, die nicht in die Moderne passen, also müssen diese Muslime weg.´ Und sie meinen, Frauenrechte und bürgerliche Freiheiten gehörten stets zur westlichen Gesellschaft; sie ordnen Frauenrechte den kulturellen Rechten unter. Letztendlich sagen sie, dass nichtwestliche Frauen keinen Bedarf für Menschenwürde haben. Das ist der eigentliche Rassismus.“

Haider postuliert einen hintergründigen, wenn auch leicht erkennbaren Beweggrund. Die linke Seite des Spektrums „ignoriert eine Vielzahl von Menschen- und speziell Frauenrechtsverletzungen, nur um sich mit einer politisch bequemeren Gruppe zu verbünden, den Muslimen.“

Es ergibt Sinn: Hinter den amerikanischen Muslimen steht eine Anzahl kapitalkräftiger Organisationen (mit CAIR, „Council on American-Islamic Relations“, als prominentestem Vertreter), die kritische Äußerungen zum Islam als „islamophob“ verunglimpfen und Heerscharen von Anwälten beschäftigen, Muslime vor Gericht zu vertreten. Tatsächlich hat, was einer Kampagne für muslimische Sonderrechte gleichkommt, auch ohne Gerichtsprozesse schon Erfolge gezeitigt; das ist all denen besorgniserregend, die den Säkularismus wertschätzen.

Trumps Aufstieg zur Präsidentschaft hat die Notlage der ex-Muslime nur weiter kompliziert. Haider bemerkt, „dass die Linke es als einen Akt des Widerstandes gegen Trump betrachtet, hinter den Muslimen zu stehen.“ Im Gegenzug werden die Gegner des Islam als Trump-Unterstützer wahrgenommen. „Nach Trumps Sieg hoffte ich, die Linke würde ein wenig Innenschau betreiben“ darüber, wie ihre Verweigerung einer aufrichtigen Debatte die Bewegung beschädigt hat. (Wie ich kürzlich in Quillette bemerkte, hat Hillary Clintons Versäumnis bei der Präsidentschaftskampagne, offen über Islam und Terrorismus zu reden, sehr wahrscheinlich Trump ins Weiße Haus befördert.)

Das ist himmelschreiend!

Aber wenn es überhaupt eine Reaktion gab, so haben sie sich nur weiter verschanzt. Und so erleben wir die Inszenierung Linda Sarsours als „Kämpferin für Frauenrechte“. (Was für Vernunft und Reformpolitik eine Beleidigung ist, mag Bernie Sanders auch anderer Meinung sein. Sarsour nennt sich „Aktivistin für Rassengerechtigkeit und bürgerliche Rechte“, unterstützt aber die Gesetze der Scharia, erklärt sich als „nicht Charlie“ nach der Metzelei an den Pariser Zeichnern durch Islamisten 2015 und schreibt 2011 auf Twitter, sie wünschte, sie könnte Ayaan Hirsi Ali die Vagina entreißen.) Sarsour eine Verteidigerin von Frauenrechten zu nennen „ist auf den ersten Blick absurd“ sagt Haider, „aber es wird mehr und mehr zur Regel. Sie nennen uns Rassisten, weil wir eine Religion kritisieren, haben aber keine Ahnung, was es eigentlich bedeutet, liberal zu sein.“

Haider kommt zum Schluss, dass „die Linke, wenn sie sich auf diese Angelegenheit nicht einlässt“, wenn sie nicht beginnt, aufrichtig über den Islam und seine Mängel zu reden, „das Thema den Rechten überlässt, sodass die Leute sich Trump zuwenden, um sie vor Terror zu schützen und vor Sitten, die Jahrhunderte in die Vergangenheit gehören. Das ist himmelschreiend! Natürlich ist Trump nicht die Lösung. Aber ihr Linken habt die Leute in eine Lage manövriert, in der sie keine andere Wahl haben. Es wird nur schlimmer werden, wenn die Linke sich weiterhin weigert, sich mit diesen Konzepten zu befassen.“

Haider hegt besonderen Zorn auf jene, die sie beschuldigen, Intoleranz gegenüber Muslimen zu befeuern. „Sie (die Linken) behaupten, was wir sagen sei rassistisch und würde eben jene Intoleranz vermehren“ – eine logisch unhaltbare Position, da der Islam selbstverständlich nicht Rasse ist, sondern Religion und da, wie Haider uns erinnert, „Religionen lediglich Ideen sind, die [A. d. Ü.: im Unterschied zu Menschen] keine Rechte genießen.“ Sie zögert. „Das ist hanebüchen und kränkend. Ich spüre angesichts dessen tiefe Betroffenheit und fühle mich verraten.“

Haider verurteilt jegliche Form des blinden Eifers gegen Muslime – verständlich, da ehemalige Anhänger des Islam, sie selbst eingeschlossen, sich immer noch als Muslime behandelt fühlen, sei es nur ihrer Namen oder Hautfarbe wegen. Wie auch immer – jene, die wahrhaft an Redefreiheit glauben, vertrauen auch auf die unabdingbare Konsequenz, nämlich Religionsfreiheit. „Wir wissen, was religiöse Intoleranz gegenüber Muslimen ist, weil wir sie selbst erfahren haben. Niemand unter uns will zu dieser Intoleranz beitragen, niemand will die Lage von Familien, Freunden oder sonstigen Leuten, die Ziel sein könnten, verschlimmern.“

Da Trumps Sieg die Bedrängnis ehemaliger Muslime nur verschlimmert hat, ohne Unterstützer auf der rechten und verlassen von der linken Seite, frage ich Haider, wie ihre Pläne aussehen.

„Wir können nichts tun als weitermachen, sonst wird sich nichts ändern. Wenn wir diesen Bedrohungen und Ängsten Raum geben, uns zum Schweigen zu bringen, wird sich nichts tun. „Sie“, sagt sie, die ehemaligen Muslime, „sind verzweifelt.“

Daher treibt Haider an, baut EXMNA aus, denn die Organisation wird mehr und mehr gebraucht. Die an einer Mitgliedschaft Interessierten nehmen sechs Stunden Fahrt auf sich, nur für ein einziges Treffen. EXMNAs Bekanntheit hat Gewicht; Atheismus ist auf dem Vormarsch. Konfessionslose stellen derzeit 16 Prozent der Weltbevölkerung, ein Viertel aller Amerikaner und 36 Prozent der „Millenials“, der Generation der Jahrtausendwende. Religiöser Glaube ist in neun der entwickeltsten Länder der Welt zum Aussterben verurteilt. Daher mag es nicht überraschen, dass der Atheismus selbst in der arabischen Welt nie dagewesene Fortschritte macht. Die Zukunft gehört dem Unglauben und den Ungläubigen.

Zeit der Ernüchterung für die Engherzigen; Zeit für einen ehrlichen Blick auf den Islam, für freimütige Rede über ihn; Zeit, Haider und ihre freidenkenden Gefährten als geschätzte Verbündete anzunehmen, denn sie haben eine rückschrittliche, frauenfeindliche Ideologie gegen eine rationale, evidenzbasierte, säkulare Weltsicht eingetauscht, oftmals unter großen eigenen Risiken. Sie sind Menschen mit dem Mut, ihre Überzeugungen zu leben. Sie stehen tapfer ein für die Werte von Wahrheit und Aufklärung in der dunkelsten Zeit der jüngsten Dekaden; sie sind Helden.

Übersetzung: Harald Grundner und Jörg Elbe

Jeffrey Tayler ist ein freier Redakteur des „The Atlantic“. Er ist Autor von sieben Büchern inklusive „Angry Wind”, „River of No Reprieve” and „Murderers in Mausoleums”.

Auf Twitter folgen: @JeffreyTayler1

Dieser Artikel ist ursprünglich zuerst auf Quillette erschienen.

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