Die Gott-lose Evolution und ihre Antriebskräfte

Interview mit dem Evolutionsbiologen Prof. Dr. Ulrich Kutschera, Universität Kassel / Stanford (USA). Prof. Kutschera ist seit Mai 2015 ehrenamtlich als wissenschaftlicher Berater für die Richard Dawkins Foundation tätig.

Die Gott-lose Evolution und ihre Antriebskräfte

RDF - Ramona Wagner: Im Juni 2001 ist die Erstauflage Ihres Lehrbuchs Evolutionsbiologie mit dem Untertitel „Eine allgemeine Einführung“ im Parey-Buchverlag erschienen, jetzt wird die 4. Auflage 2015 bei UTB ausgeliefert: Was hat sich geändert?

U. Kutschera: Die vor 14 Jahren erschienene Version war ein Kurz-Lehrbuch, das auf meinen damaligen Vorlesungen basierte und vom Parey-Verlag/Blackwell-Oxford publiziert wurde. Unser Wissen hat deutlich zugenommen, so dass dann, nachdem die 3. Auflage 2008 (Ulmer/UTB) ins Russische und Portugiesische übersetzt worden ist, eine erheblich erweiterte Neufassung 2015 notwendig war. Sämtliche Kapitel wurden ergänzt, teilweise ganz neu geschrieben. Daher hat dieses aktualisierte Buch auch einen Untertitel bekommen: „Ursprung und Stammesentwicklung der Organismen“, unter Berücksichtigung geologischer Prozesse (dynamische Erde), mit der Beschreibung zahlreicher fossiler wie rezenter Zwischenformen (z. B. der Schlammspringer auf dem Buchcover).

Das Werk ist dem renommierten Evolutionsforscher Ernst Mayr, der vor zehn Jahren verstorben ist, gewidmet. Welche Bedeutung haben seine Erkenntnisse noch heute?

Zunächst sei erwähnt, dass Ernst Mayr 2001 einen Kommentar für die 2. Auflage verfasst hatte, die 2015 wieder abgedruckt ist. Als wichtigster Begründer der Synthetischen Theorie und Urvater des Biospezies-Konzeptes hat sich Mayr einen unsterblichen Namen in der Biologiegeschichte erworben. So ist z. B. seine Zurückweisung der „Hopeful Monster-Theorie“, wie in der Neuauflage dargestellt, heute so aktuell wie damals: Es gibt, entgegen der Behauptung mancher Kollegen, keine Befunde, die bei Tieren und Pflanzen eine sprunghafte Artenentstehung belegen würden, mit Ausnahme der Zell-Makroevolution (Symbiogenese).

Können Sie einige Highlights Ihrer Evolutionsbiologie 2015 kurz zusammenfassen?

Folgende Inhalte sind neu: Abbildung/Beschreibung des aktuellen „Unterwasservulkan-Modells“ der chemischen Evolution, Darlegung der 2014 formulierten „Zwei-Primäre-Domänen-Theorie“ der Entstehung aller komplexer Organismen, sowie die oben erwähnte „Monster-Hypothese“ der Zell-Evolution (Ursprung des Meeresplanktons). Die Symbiogenese, natürliche Selektion und dynamische Erde werden als entscheidende Antriebskräfte der organismischen Evolution herausgestellt und anschaulich präsentiert. Weiterhin habe ich eine neue Doppel-Definition des Begriffs „Makroevolution“ geliefert, die evolutionäre Entwicklungsbiologie (EvoDevo-Forschung) ausführlich behandelt, die Abstammung der Wirbeltiere von Axolotl-ähnlichen Urlurchen dargelegt und die evolutionäre Psychologie aufgenommen. Kollegen aus dem Beirat der Giordano Bruno-Stiftung (gbs), wie z. B. Volker Sommer, Collin Goldner, Rüdiger Vaas, Ekkehard Voland und Michael Schmidt-Salomon sind zitiert, und wichtige Thesen dieser Denker werden vorgestellt. Man könnte sagen, die Neuauflage ist ein gbs-Evo-Buch.

Im UTB-Werbetext sind Mediziner, Psychologen und Theologen als Lesergruppen genannt. Warum werden diese fachfremden Wissenschaftler von Ihrem Text angesprochen?

Der Mensch, als Biospezies Homo sapiens, zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch, angefangen mit der Abbildung 1.1, bis zur letzten der 214 Grafiken, wo rezente Menschenhorden das Skelett eines ausgestorbenen Riesendinosaurier bestaunen. Sowohl Mediziner, als auch Psychologen und Theologen befassen sich mit Aspekten des Mensch-Seins, und die Humanevolution in all ihren Facetten wird in verschiedenen Kapiteln dargestellt, wobei das Superorganismus-Konzept (unsere Bakterienflora) einbezogen ist.

Auffallend ist, dass UTB die Stichworte Atheismus, Kreationismus und evolutionäre Ethik auflistet. Warum sind diese Themen in einem Fachbuch zur Evolution der Organismen so wichtig?

Neben einer umfassenden Darstellung der Stammesentwicklung von Bakterien, Algen, Pflanzen, Tieren und Menschen sowie der Antriebskräfte des Artenwandels habe ich auch weltanschauliche Aspekte eingearbeitet. Die Kapitel zum Thema Kreationismus wurden erweitert und durch noch schlagkräftigere Argumente verbessert, der Atheismus als Grundlage wissenschaftlicher Denk- und Arbeitsweise dargelegt und die evolutionäre Ethik thematisiert. Auch die Bemühungen von Volker Sommer und der gbs, Menschenrechte für Schimpansen zu etablieren, sind erörtert, wobei auch der evolutionäre Humanismus angesprochen wird.

Der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins hat entscheidende Ideen und Anregungen in die Evolutionsbiologie der letzten Jahrzehnte eingebracht. In wieweit sind die Dawkin’schen Konzepte in Ihrer Neuauflage berücksichtigt worden?

Richard Dawkins hat über seine exzellenten Bücher, Vorträge, Interviews usw. entscheidend zur Popularisierung der auf Darwins Theorien basierenden Evolutionswissenschaften beigetragen. Im Lehrbuch bin ich wiederholt auf seine Thesen eingegangen, und konnte nachweisen, dass das Konzept des „egoistischen Gens“ bereits in den Schriften von August Weismann (1834–1914), dem Urvater der Neodarwin’schen Theorie, niedergelegt ist. Dieser Befund schmälert in keinster Weise die enormen Verdienste von Dawkins, der, als Schlüsselfigur der modernen Evo-Bewegung, grundlegende Aufklärungsarbeit leistet.

Sie sind auch an der Stanford University, Kalifornien, tätig und dadurch regelmäßig in den USA. Sehen Sie einen Unterschied zwischen den deutschen und  amerikanischen Bekenntnisschulen?

Wie unsere Web-Seite (www.evolutionsbiologen.de) zeigt, kooperieren wir seit Jahren mit dem US-National Center for Science Education in Oakland, Kalifornien. Das NCSE ist im stetigen Streit mit amerikanischen Kreationisten, die an christlichen Bekenntnisschulen versuchen, ihre biblischen Dogmen im Biounterricht zu verankern. Hier in Deutschland verläuft diese Indoktrination Heranwachsender mit der Billigung unserer Ministerien: Meine Bemühungen, dieses Problem öffentlichkeitswirksam anzugehen, haben bisher nur geringe Wirkung gezeigt. Wir sollten über die Richard Dawkins-Foundation einen neuen Versuch starten, denn der Namensgeber dieser Stiftung hat in England diesbezüglich Erfolge erzielt, von denen wir hier nur träumen können (Stornierung staatlicher Mittel bei kreationistischer Indoktrination an britischen Privatschulen).

Sie sind im Beirat der Giordano Bruno Stiftung (gbs), der Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung. Für  wie  wichtig halten Sie das geplante Projekt „EvoKids“ – Evolutionslehre für den Sachunterricht an Grundschulen?

Auf der EvoKids-Gründungsveranstaltung in Gießen habe ich einen Vortrag gehalten und im Detail dargelegt, wie bedeutsam diese Aktion ist. Leider werden in Deutschland unsere Schulkinder zunächst christlich-religiös geprägt, über das Einimpfen biblischer Wundergeschichten im staatlichen Religionsunterricht. Viel später kommen sie dann erst mit der Tatsache der Evolution, von den Lehrern in der Regel als „Darwin’sche Theorie“ vermittelt, in Kontakt. Das muss sich ändern.

Den Grundschulpädagogen sollen auf einer Webseite Arbeitsmaterialien zur Verfügung gestellt werden, sind auch von Ihrer Seite Aktivitäten geplant?

Didaktisch aufbereitetes Material ist für die EvoKids-Kampagne wichtig, aber solide, auf dem aktuellen Wissensstand basierende Sachinformationen für Lehrende stehen an erster Stelle. Mit der Neuauflage meines Lehrbuchs 2015, sowie dem ergänzenden Online-Zusatzmaterial (YouTube-Kanal www.youtube.com/user/evolutionsbiologenDE) hoffe ich, auch Grundschulpädagogen eine fundierte Basis für ihre Evo-Unterrichtungen geliefert zu haben: Man kann nur das kompetent vermitteln, was man inhaltlich verstanden hat; das Faktenwissen ist die Grundlage aller erfolgreicher Lehrtätigkeit.

Warum ist das Thema Evolution für unser Weltverständnis so bedeutsam?

Im letzten Kapitel meines Lehrbuchs Evolutionsbiologie 2015 bin ich auf diese Frage im Detail eingegangen. Nur durch eine „Gott-lose“ evolutionäre Weltsicht, mit Blick in die Vergangenheit und die Zukunft, können die Menschheitsprobleme, wie z. B. Umweltzerstörung, Nahrungsknappheit, Verhinderung von Kriegen usw. gelöst werden. Beten zum biblischen Designer-Gott kann möglicherweise religiösen Menschen subjektiv Erleichterung verschaffen, aber unsere anstehenden Probleme müssen logisch-rational und auf aktuellem Wissen basierend gelöst werden – Evolution ist das Generalthema aller Naturwissenschaften, und das ist eine Kern-These meines „Schlammspringer-Lehrbuchs“ 2015.

Prof. Dr. Kutschera ich bedanke mich für das Interview.

Weitere Informationen:
Info-Seiten zu den Büchern von U. Kutschera.

www.evolutionslehrbuch.com

http://www.utb-shop.de/autoren-1/kutschera-ulrich/evolutionsbiologie-2.html

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