Einige gewinnst du, einige verlierst du

Offener Brief von Richard Dawkins nach der Ausladung von KPFA

Einige gewinnst du, einige verlierst du

Vor kurzem wählte die Royal Society „Das egoistische Gen“ zum einflussreichsten wissenschaftlichen Buch, nun wurde Richard Dawkins von einer Veranstaltung ausgeladen. Am 9. August 2017 sollte Richard Dawkins auf einer Veranstaltung des Radiosenders KPFA (Berkeley, Kalifornien)  über sein neues Buch „Science in the Soul“ (deutsche Ausgabe im Frühjahr 2018) sprechen. Am 20. Juli informierte KPFA alle Ticketkäufer, dass die Veranstaltung storniert wurde, ohne jedoch zuvor mit Richard Dawkins gesprochen zu haben.

Benachrichtigung für Richard Dawkins: Science in the Soul: Selected Writings of a Passionate Rationalist

Liebe Richard Dawkins Veranstaltung Ticketkäufer. Wir bedauern, sie darüber informieren zu müssen, dass unsere Veranstaltung mit Richard Dawkins storniert wurde. Wir hatten diese Veranstaltung, die vollständig auf seinem neuen Buch über Wissenschaft basiert, gebucht, wobei wir nicht wussten, dass er in seinen Tweets und Kommentaren über den Islam viele Menschen beleidigt und verletzt hat. KPFA billigt keine verletzenden Worte. Während KPFA ausdrücklich ernsthafte Redefreiheit unterstützt, unterstützen wir keine beleidigenden Worte. Wir entschuldigen uns dafür, uns nicht umfassender über Dawkins Ansichten informiert zu haben. Wir entschuldigen uns ebenfalls bei denen, für die diese Stornierung Unbequemlichkeiten verursacht. Ihre Ticketkäufe werden automatisch von Brown Paper Tickets zurückerstattet.

Mit freundlichen Grüßen
KPFA Radio 94.1 FM

Inzwischen gibt es zahlreiche Kommentare u. a. von Michael Shermer, Steven Pinker, dem CFI, Lawrence Krauss, Daniel Dennett, Hemant Metha und Jerry Coyne, die diese Entscheidung kritisieren. Die Stellungnahme von KPFA, die nun nach einigen Tagen des Schweigens vorliegt, wirft Dawkins u. a. vor, den Islam als „übelste Religion der Welt“ bezeichnet zu haben. Dies ist zwar richtig, jedoch aus dem Kontext gerissen, wie Hemant Metha hier klar aufzeigt. Zudem ist die Begründung, man hätte nichts über Dawkins´ Islamkritik gewusst, absurd, auch, weil er schon früher bei KPFA zu Gast war. Er ist als Kritiker aller Religionen bekannt, aber offenbar soll der Islam nach der Ansicht von KPFA davon ausgenommen werden. Dawkins hat immer wieder betont, dass sich seine Islamkritik nicht gegen Muslime richtet, die nach seiner Auffassung die hauptsächlichen Opfer des Islam sind, im Besonderen Frauen. Hier wird wieder einmal Islamkritik und Muslimfeindlichkeit in einen Topf geworfen. Wer den Islam kritisiert muss demnach automatisch feindlich gegenüber Muslimen eingestellt sein. Neben dem Todschlagargument „Islamophobie“, ein weit verbreitetes Narrativ, um Kritiker mundtot zu machen. Zudem sind Muslime nicht wie kleine Kinder, die keine Kritik vertragen können. Dies ist herablassend, der sanfte Rassismus der gesenkten Erwartungshaltung.

Vor der Stellungnahme hatte Richard Dawkins KPFA geschrieben und um eine Erklärung gebeten. Nachdem keine Reaktion erfolgte, veröffentlichte er am 21. Juli diesen offenen Brief:

Liebe KPFA,

als ich für zwei Jahre in Berkeley lebte, habe ich eure Station geliebt, kurz nachdem dieser geliebte Ort zu der ikonenhaften Heimat der freien Rede wurde. Ich habe KPFA in diesen Jahren fast jeden Tag gehört und regelmäßig etwas zu euren Spendenaktionen beigesteuert, dankbar für eure objektive Berichterstattung und menschlichen Kommentare, während ich an den People´s Park und Vietnamkrieg Demonstrationen teilnahm. Ich habe daher mit persönlichen Bedauern an diesem Morgen eure wahrhaft erstaunliche „Rechtfertigung“, mir die Bühne zu entziehen erhalten.

Soweit ich mich erinnern kann, wart ihr ungewöhnlich gewissenhaft beim Faktencheck. Ich bewunderte im Besonderen eure Gepflogenheit immer die Quelle zu zitieren. Es ist auffällig, dass ihr keine Quelle zitiert habt, als ihr mich „beleidigender Worte“ bezichtigt habt. Warum habt ihr eure Fakten nicht geprüft oder zumindest die übliche Höflichkeit gehabt, mich darauf aufmerksam zu machen, bevor ihr meine Veranstaltung ohne viel Federlesens storniert habt? Wenn ihr mich konsultiert oder auch nur einen rudimentären Faktencheck vorgenommen hättet, dann wärt ihr zu der Schlussfolgerung gelangt, dass ich nie beleidigende Worte gegen den Islam benutzt habe. Ich habe den IslamISMUS „abscheulich“ genannt, aber sicher versteht ihr von allen Menschen am besten, dass Islamismus nicht gleich Islam ist. Ich habe die lächerlichen pseudowissenschaftlichen Behauptungen von Islamapologeten („die Sonne geht im Sumpf unter“ etc.) und den Widerstand der islamischen Gelehrten gegen die Evolution und andere wissenschaftliche Wahrheiten kritisiert. Ich habe die schreckliche Frauenfeindlichkeit und Homophobie des Islam kritisiert, ich habe das Ermorden von Apostaten für ein Verbrechen, welches nur aus ihrem Unglauben besteht, kritisiert. Weit davon entfernt Muslime anzugreifen, verstehe ich, wie ihr vielleicht nicht, dass die Muslime selbst die hauptsächlichen Opfer der unterdrückenden Grausamkeiten des Islamismus sind, insbesondere muslimische Frauen.

Ich bin als häufiger Kritiker des Christentums bekannt und mir wurde dafür noch nie die Bühne entzogen. Warum gebt ihr dem Islam einen Freibrief? Warum ist es gut, das Christentum zu kritisieren, aber nicht den Islam?

Ihr sagt, ich verwende „beleidigende Worte“ über den Islam. Ich würde ernsthaft gerne - ich meine es so - Beispiele von meinen „beleidigenden Worten“ hören, welche ihr im Sinn hattet. Wenn ihr keine finden könnt, nehme ich an, dass ihr eine öffentliche Entschuldigung publizieren werdet, welche ich natürlich, im Geiste der Dankbarkeit für das, was KPFA einst war, akzeptieren werde. Und wieder werden könnte.

Hochachtungsvoll,
Richard Dawkins

Übersetzung: Jörg Elbe

Hier geht's zum Originalartikel...

Kommentare

  1. userpic
    Markus C. Schulte von Drach

    In dem Satz am Ende "Ich würde ernsthaft - ich meine es so - Beispiele von meinen „beleidigenden Worten“ hören, welche ihr im Sinn hattet." fehlt das erst Sinn gebende Wort "gerne":
    "Ich würde ernsthaft gerne - ich meine es so - Beispiele von meinen "beleidigenden Worten" hören, die ihr im Sinn hattet."

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    1. userpic
      Jörg Elbe

      Danke für den Hinweis.

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