„Humanismus“ ist nur ein Wort

Michael Schmidt-Salomon hat die Bücher von Yuval Noah Harari scharf kritisiert

„Humanismus“ ist nur ein Wort

Im Kern der Kritik steht dessen Charakterisierung des Nationalsozialismus als „evolutionärer Humanismus“. Damit provoziert Harari nicht nur den Widerspruch von Humanisten allgemein, sondern insbesondere den der Giordano Bruno Stiftung, die den „evolutionären Humanismus“ in einer völlig anderen Bedeutung zu ihrer Marke entwickelt hat. Allerdings scheint es hier vor allem um einen Streit um Worte und Etiketten zu gehen.

In etlichen Kommentaren dazu hieß es sinngemäß: Gut zu wissen, dann muss ich diesen Harari ja nicht mehr selbst lesen. Wahrscheinlich würde ich mich nur provoziert fühlen und aufregen. Dazu gebe ich zu bedenken, dass es lohnend sein kann, Bücher zu lesen, die dazu provozieren, die eigene Position zu überdenken. Yuval Noah Harari hat zwei bemerkenswert geistreiche, überaus lesenswerte Bücher geschrieben. Sapiens, deutsch Eine kurze Geschichte der Menschheit, erzählt diese Geschichte in groben Zügen, Homo Deus spinnt sie spekulativ zu einer prognostischen Geschichte der Zukunft weiter.

Die Begriffe „Religion“ und „Humanismus“ verwendet er auf idiosynkratische Weise. „Religion“ ist in seiner Lesart jeder Ideenkomplex, der eine Gesellschaft dadurch ordnet und ihr Richtung und Orientierung gibt, dass die meisten Mitglieder dieser Gesellschaft daran glauben. Ob darin ein oder mehrere Götter vorkommen, ist nebensächlich. Religion wird damit also zu einem wertfreien Begriff. Harari wählt bewusst den Begriff „Religion“ statt den der „Ideologie“, um deutlich zu machen, dass es sich nicht um einen wesentlichen Unterschied handelt, ob die herrschenden Werte generierenden Narrative von Göttern handeln oder nicht.

Mit dem Begriff „Humanismus“ verhält es sich ähnlich. Der Humanismus ist für Harari die herrschende Religion der Moderne. Das meint er ziemlich wörtlich: eine Religion, die ihre Wertvorstellungen nicht mehr aus und auf Gott, sondern aus dem und auf den Menschen bezieht. Bemerkenswert daran ist, dass für Harari die Geschichte der theistischen Religion als bestimmende Kraft abgeschlossen ist. Es führt kein Weg zurück zur Herrschaft der Religion.

„Mehr als ein Jahrhundert, nachdem Nietzsche verkündet hat, Gott sei tot, scheint der Allerhöchste ein Comeback zu erleben. Doch das ist ein Trugbild. Gott ist tot – es dauert nur eine Weile, den Leichnam loszuwerden.“ (Homo Deus, S. 364)

Das ist ein Schlüsselsatz für das Verständnis von Hararis Position. Wie nebenbei erklärt er hier seine überraschende Position, dass die großen nicht-humanistischen Weltreligionen keine aktive Rolle mehr spielen, nur noch eine reaktive. Die humanistisch-wissenschaftliche Kultur des Westens hat die Welt erobert, weil sie frühzeitig all ihre Ressourcen in den Dienst des Menschen gestellt hat, nicht mehr in den Dienst der Götter. Alle anderen Kulturen, die das nicht getan haben, spielen in Zukunft keine Rolle mehr, und wenn, dann höchstens als Problem. Der Islam ist für Harari nicht etwa eine Religion von gestern, sondern von vorgestern:

„Der radikale Islam stellt keine ernsthafte Bedrohung für das liberale Paket dar, denn bei aller religiösen Inbrunst begreifen seine Anhänger die Welt des 21. Jahrhunderts nicht wirklich.“ (Homo Deus, S. 364)

„Der Islam ist noch nicht einmal mit der industriellen Revolution zurande gekommen – kein Wunder, dass er wenig Relevantes über Gentechnik und künstliche Intelligenz zu sagen hat.“ (Homo Deus, S. 371)

Hier wird wieder deutlich, dass Harari aus höherer Warte auf die Welt schaut, aus der die Probleme der Tagespolitik kaum zu erkennen sind. Natürlich stellt der Islam aktuell eines der größten Probleme dar, aber intellektuell, perspektivisch, hat er nichts zu bieten. Es ist nicht etwa so, dass wir im Westen vor den großen, revolutionären islamischen Ideen Angst haben müssten, dass eine kommende Welle islamischer Innovationskraft droht, uns zu überrollen. Nein, es sind von uns entwickelte Innovationen – etwa in Landwirtschaft oder Medizin – die es islamischen Gesellschaften überhaupt erst ermöglichen, zu wachsen und zu gedeihen; und von uns entwickelte Massenvernichtungswaffen – mit denen sie uns bedrohen.

„Von wem also werden die großen Veränderungen im 21. Jahrhundert ausgehen: vom Islamischen Staat oder von Google? Sicher, der Islamische Staat weiß, wie man Videos auf YouTube hochlädt, aber wie viele neue Start-ups sind, abgesehen von der Folterindustrie, in jüngster Zeit in Syrien oder dem Irak entstanden?“ (Homo Deus, S. 373)

Aber zurück zum Humanismus. Bei Harari sind Religion und Humanismus keine Antagonismen, sondern „Humanismus“ ist ein Unterbegriff von „Religion“. Es ist klar, dass ein solcher Humanismusbegriff eine andere Bedeutung hat als der, den wir in der täglichen Politik und Kirchenkritik verwenden. Als Religion generiert der Humanismus Werte als Handlungsrichtlinien, der Begriff „Humanismus“ selber ist aber wertfrei. Anders als viele Humanisten den Humanismus verstehen, steht er bei Harari nicht für „das Gute, Schöne und Wahre“ oder für den „Fortschritt“. Welche Ordnung innerhalb des Humanismus angestrebt wird, welche Werte angenommen werden und welche Orientierung der Gesellschaft vorgegeben wird, bleibt zunächst offen. Genau wie jede andere Religion muss dieser Humanismus interpretiert werden, und Harari unterscheidet drei große unterschiedliche Interpretationen, die das 20 Jahrhundert bestimmt haben, der „liberale“, „sozialistische“ und „evolutionäre Humanismus“.

Der liberale Humanismus betont die Freiheit des Individuums. Der sozialistische Humanismus betont die Gleichheit aller Menschen, mit dem Fokus auf dem Kollektiv. Der evolutionäre Humanismus hingegen lehnt die Idee einer gegebenen, statischen Menschheit ab. Sein „Humanismus“ ist nicht universell, sondern partiell. Aber nichtsdestotrotz leiten sich all seine Werte von seiner Vorstellung vom Menschen ab: Die Menschheit entwickelt sich. Es gibt verschiedene Menschenrassen, die verschiedene Stadien der Entwicklung erreicht haben. Die am weitesten entwickelten Rassen müssen geschützt werden vor der Verunreinigung, der Kompromittierung durch die niederen Rassen. Ziel dieses evolutionären Humanismus nach Harari ist die Förderung und Weiterentwicklung des Menschen zum „Übermenschen“, was unweigerlich zur Versklavung und Vernichtung von „Untermenschen“ führen wird.

Auf diese Ideen hatten die Nazis nicht etwa ein Patent. Der „Sozialdarwinismus“ mag eine Fehlinterpretation Darwins gewesen sein, aber sie war weit verbreitet. Sie entstand zunächst nicht im Hinblick auf Rassen, sondern um die englische Oberschicht darin zu bestärken, das Elend der armen Unterschicht als natürlich zu akzeptieren. Eugenik war in den USA und Europa vollkommen salonfähig und akzeptiert und wurde erst durch die Verbrechen der Nazis diskreditiert. In Schweden wurden entsprechende Gesetze erst in den 1970er Jahren abgeschafft. Rassismus galt vielen als akademisch untermauerte Selbstverständlichkeit. Der Antisemitismus hat eine lange, mörderische Geschichte und ist keinesfalls mit den Nazis untergegangen. Aus Sicht der Nazis waren es gerade Liberalismus und Sozialismus, die durch ihre Akzeptanz der minderwertigen Rassen, durch ihre Hilfe für Schwache und Kranke – und vor allem Erbkranke – die Menschheit in ihrer Entwicklung zum Übermenschen schwächten, aus Sicht der Nazis waren also Liberalismus und Sozialismus „anti-humanistisch“.

Interessanterweise trifft die Empörung über Hararis Definitionen nur den „evolutionären Humanismus“. Die Menschenverachtung der Nazis könne nie und nimmer „Humanismus“ genannt werden, denn die Nazis haben Menschen millionenfach ermordet. Obwohl allerdings die Bemühungen des „sozialistischen Humanismus“ in dieser Hinsicht vielfach „erfolgreicher“ waren, wird der Begriff „sozialistischer Humanismus“ nicht in gleicher Weise moniert. Ja, es sei empörend, Stalin einen Humanisten zu nennen, so Schmidt-Salomon, aber all die wohlmeinenden sozialistischen Philosophen und Dichter gehen unbeanstandet als „sozialistische Humanisten“ durch. Aber sowohl Stalin als auch Mao führten ihre Politik und ihre Verbrechen auf einer Woge der Begeisterung und Unterstützung von sozialistischen Philosophen und Dichtern aus, die, genau wie viele Unterstützer der Nazis, im Nachhinein von nichts gewusst haben wollen. Die Idee des Sozialismus genießt trotz der Geschichte des Sozialismus verblüffenderweise immer noch hohe Wertschätzung. Der Begriff eines „sozialistischen Humanismus“ klingt für viele sicher auch deshalb nicht abwegig, weil der Sozialismus bei aller Menschenverachtung zumindest eine als notwendig erachtete Bedingung erfüllt: er ist universalistisch. Angesichts der Geschichte könnte man allerdings auch sagen, dass er alle Menschen gleichermaßen verachtet.

Schmidt-Salomon schreibt, dass „‚Rassisten‘ per definitionem niemals ‚Humanisten‘ sein [können], da sie die fundamentale Basis jedes ernstgemeinten Humanismus, nämlich die Idee der einen Menschheit, in der jedes einzelne Individuum zählt, missachten!“ Das Interessante an diesem Satz ist, dass er im Grunde eine religiöse Überzeugung ausdrückt. Nach Harari geht der liberale Humanismus mit seiner Überzeugung vom Wert jedes Individuums, den es irgendwie in sich trägt, auf die christliche Überzeugung der Seele zurück. Anders als das Christentum allerdings ist der Humanismus bereit, diese These wissenschaftlich überprüfen zu lassen. Und da sieht es leider nicht gut aus für den Wesenskern des Individuums. Die Implikationen dieser Erkenntnisse sind das große Thema in Homo Deus. Was wird passieren mit Menschenwürde und Menschenrechten, mit der „Idee der einen Menschheit, in der jedes einzelne Individuum zählt“, wenn die Eigenschaften, die wir als ihre Grundlage annehmen, sich als Trugbild herausstellen?

Welcher Humanismus?

Auch ohne Hararis eigenwillige Definitionen ist „Humanismus“ ein schillernder, auch unter Humanisten politisch umkämpfter Begriff. Denn es gibt viele verschiedene Ansichten darüber, was „Humanismus“ eigentlich bedeuten soll.

Für die einen ist Humanismus ein Gegenbegriff zu theistischen Religionen und steht damit auch, wie „Atheismus“ und „Säkularismus“, für die Gegnerschaft zu diesen Religionen. Laut Harari kämpfen diese Humanisten einen längst gewonnenen Kampf. Darüber hinaus lassen sie sich ihre Positionen aber auch von ihrem Gegner diktieren. Da Christen und andere Religiöse vehement gegen Abtreibung kämpfen, sind für viele solcher Humanisten bereits gezeugte, aber noch nicht geborene Menschen aus dem Kreis der „einzelnen Individuen, die zählen“ ausgeschlossen. Da „Heiligkeit“ ein religiöser Begriff ist, käme solchen Humanisten nicht in den Sinn, das menschliche Leben „heilig“ zu nennen, aber irgendwie müssen sie es doch als besonderen Wert auszeichnen, denn warum sonst sollten sie sich selbst Humanisten nennen?

Andere wiederum leugnen genau diese scheinbare conditio sine qua non des Humanismus, bezeichnen sich aber dennoch als „Humanisten“. Für sie ist der Humanismus eine ethische Haltung, die weit über den Menschen hinausweist. Für solche „Humanisten“ ist jeder, der Menschen anderen Spezies gegenüber bevorzugt, ein „Speziesist“, insofern er die Nutzung und Ausbeutung von Tieren für die Menschen zulässt. Diese antispeziesistischen Humanisten möchten den Kreis der „einzelnen Individuen, die zählen“ auch auf die Tiere erweitern. Eine solche Erweiterung ist aber nicht möglich, ohne den Menschen in seiner Stellung herabzusetzen.

Und für ökologisch motivierte „Humanisten“ gibt es – bei aller Liebe zum Menschen – viel zu viele davon auf der Welt, daher würden sie eine Verringerung der Bevölkerung dringend befürworten. Allerdings sollte dieser Stellenabbau der menschlichen Belegschaft möglichst „sozialverträglich“ geschehen, durch Empfängnisverhütung und – soweit möglich – freiwillige Sterilisierungen, nicht durch Krieg und Massenmord. Das ist das „Humanistische“ am Ökologismus. Gegen ein wenig Zwang allerdings haben Öko-Humanisten letztlich doch wenig einzuwenden. Die totalitäre chinesische Ein-Kind-Politik mit ihren Massensterilisierungen und erzwungenen Abtreibungen wurde von vielen grünen Humanisten als richtiger Schritt in die richtige Richtung gesehen. Auch gegen den Klimawandel wird inzwischen empfohlen, „ein Kind weniger“ zu zeugen. Empörung von humanistischer Seite habe ich dazu nicht vernommen.

Zu erwähnen wären dann natürlich noch die Transhumanisten, die auch wieder die Evolution des Menschen vorantreiben möchten, gern auch integriert mit künstlicher Intelligenz und künstlichen Organen. Transhumanisten sind auch in diesem Sinne „evolutionäre Humanisten“, dass sie den Menschen verbessern, ihm auf die nächste Entwicklungsstufe verhelfen wollen, was zur Folge hätte, dass der heutige Mensch diesen neuen Menschen in jeder Hinsicht unterlegen wäre. Wie soll die neue Version des Menschen mit dieser von Harari sogenannten „Klasse der Nutzlosen“ umgehen? Sozialverträglich abbauen?

Wir sehen also, dass auch ohne die blasphemischen Definitionen Hararis der Humanismus selbst dem Menschen auf vielfache Weise gefährlich werden kann. Real existierende Humanisten können von der Erweiterung der Perspektive, die Harari bietet, nur profitieren. Seine provokanten Definitionen weisen auf die allzu leicht vergessene Tatsache hin, dass Wörter, Bezeichnungen, Etiketten weder gut noch schlecht sind. „Humanismus“ ist nur ein Wort. Genauer, nur eine Zeichenkette. Wer sich „Christ“, „Sozialist“, „Nationalsozialist“, „Humanist“ oder auch „evolutionärer Humanist“ nennt oder so genannt wird, ist nicht bereits deswegen gut oder schlecht. Entscheidend sind die tatsächlichen Werte, an denen er sich orientiert und nach denen er handelt. Humanisten können sich von Harari zwar narzisstisch gekränkt fühlen, sie sollten sich aber vielmehr dazu provozieren lassen, intensiver über ihr Selbstverständnis nachzudenken.

Harald Stückers Blog.

Kommentare

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    Ulrike Dahmen

    Sehr geehrter Herr Stücker, natürlich ist Humanismus nur ein Wort; nichtsdedstoweniger (nichtsdestotrotz ist zum Beispiel ein auch von Ihnen verwendetes Unwort) kommunizieren wir mit der Sprache, die natürlich über die Verwendung einzelner Worte hinausgeht. Sie sollte auch in Ihrer Schönheit geachtet werden: Schon allein deshalb fühle ich mich keiner Ideologie mit dem Suffix -ismus zugehörig. Ich gehöre auch keiner Religionsgemeinschaft an und versuche rationalen Argumenten, meiner eigenen und der Erfahrung anderer gerecht zu werden. Das Buch "Homo deus" finde ich erstaunlich arrogant und besserwisserisch abgefasst. Die Humanisten sind in Ihrer Argumentation oft erstaunlich naiv und holzschnittartig; das kritisieren Sie zu recht. -
    Ihre m.E. scholastische Argumentation kann aber bestensfalls dazu dienen, etwas genauer hinzugucken und plakativen Äußerungen zu komplexen Fragen zu misstrauen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Ulrike Dahmen

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      Harald Stücker

      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Ja, es stimmt, Hararis Bücher können durchaus arrogant und besserwisserisch wirken, nichtsdestotrotz sind sie meiner Meinung nach sehr geistreich und lesenswert. Sollte meine Argumentation dazu dienen, "etwas genauer hinzugucken und plakativen Äußerungen zu komplexen Fragen zu misstrauen", hätte sie ihren Zweck erfüllt. Und dann nähme ich auch den Vorwurf, sie sei "scholastisch", gern hin.

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