Zur Leitkulturdebatte

Vor bald zwanzig Jahren versuchte Bassam Tibi mit dem von ihm erfundenen und geprägten Begriff einer europäischen Leitkultur eine gesellschaftliche Debatte auszulösen.

Zur Leitkulturdebatte

Foto: Markus Spiske

Es ging ihm dabei um einen Wertekonsens, der sich an der demokratischen, laizistischen und zivilisatorischen Identität Europas orientierte. Er schrieb: „Die Werte für die erwünschte Leitkultur müssen der kulturellen Moderne entspringen und sie heissen: Demokratie, Laizismus, Aufklärung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft.“ Damit versuchte er insbesondere eine Diskussion über die Rahmenbedingungen von Migration und Integration herbeizuführen. Über seine Thesen, aber vor allem auch über den Begriff der Leitkultur wurde seither viel debattiert und teilweise auch gestritten. Obwohl ich persönlich hinter den Werten stehe, die Bassam Tibi nennt und das Ausmass meiner eigenen Assimilation in meine Einwanderungsgesellschaft, namentlich in die schweizerische, diejenige von ihm in die deutsche wohl bei weitem übertrifft, habe ich Vorbehalte gegenüber seinen Ansichten und auch gegenüber diesem Begriff, worauf ich nachfolgend eingehen möchte.

Der Grund, weshalb ich den Begriff der Leitkultur eher ablehne, ist in erheblichem Maße auf mein Bekenntnis zu einem multikulturellen Europa und auf meine eigene multikulturelle Persönlichkeit zurückzuführen. Das sollte jetzt aber bitte bloß nicht falsch verstanden werden, nachdem Begriffe, die den Präfix “Multikulti” enthalten, mittlerweile von vielen als etwas sehr Negatives verstanden werden. Eine multikulturelle Identität zu haben, ist aus meiner Sicht jedoch nichts Schlechtes.

Die Tatsache etwa, dass ich eine äußerst ablehnende Haltung gegenüber der Scharia habe und mich deshalb sogar veranlasst sehe, einen Blog mit dem Namen „Freiheit oder Scharia“ zu betreiben, hat sehr viel mit meiner eigenen multikulturellen Identität zu tun. Wenn dem nicht so wäre, würde es diesen Blog ganz sicher nicht geben und keiner meiner bisherigen Artikel wäre jemals geschrieben worden. Im Übrigen denke ich auch, dass die Tatsache, dass ein syrischer Migrant wie Bassam Tibi, der sich in Deutschland zu einem Intellektuellen entwickeln sollte, niemals auf den Begriff der Leitkultur und auf seine Thesen gekommen wäre, wenn er selbst keine multikulturelle Identität besitzen würde. Darauf werde ich noch zurückkommen. Ich möchte den Lesern zunächst einige Aspekte meiner eigenen multikulturellen Identität offenbaren, damit klar wird, was ich damit meine.

Ich wurde in die Türkei der frühen Siebzigerjahre hineingeboren. Beide meiner Eltern sind Akademiker, meine Mutter Rechtsanwältin und mein Vater Betriebswirt. Sie waren ihr ganzes Leben lang säkular eingestellt und hatten mindestens zu meinen Lebzeiten praktisch nie etwas mit Religion zu tun. Jedenfalls habe ich meine Eltern nie beobachten können, wie sie eine religiöse Handlung vollzogen. Sie hatten schon immer ganz andere Interessen. Sie beschäftigten sich viel lieber mit Literatur (sowohl türkische als auch westliche), Theater, Musik, Ballett, Kino, Malerei, Archäologie, Geschichte und Reisen, um nur einige ihrer Interessen zu nennen. Zweifelsohne haben diese Eigenschaften meiner Eltern mich sehr geprägt. Unter Anderem haben sie mir auch ein gepflegtes Türkisch beigebracht, eine Sprache, die ich hörbar besser beherrsche als die meisten türkischen Einwanderer in Europa. Gebildete Türken würden jedenfalls bereits nach einigen wenigen Sekunden bemerken, dass ich ein schöneres und gepflegteres Türkisch spreche als beispielsweise der Vollprolet Erdoğan. Daran ändert auch meine Assimilation in die schweizerische Gesellschaft nichts.

In meiner frühen Entwicklung spielte nebst meiner Eltern auch eine andere Person eine wichtige Rolle, eine Person, die schon damals längst verstorben war: Atatürk. An ihn sind einige meiner frühesten Kindheitserinnerungen geknüpft und natürlich durchlief auch ich eine Indoktrination in der Grundschule, die ich in der Türkei während drei Jahren besuchte, bevor ich in die Schweiz einwanderte. Es wäre jetzt ganz falsch, wenn der Leser nun annehmen würde, ich sei ein Kemalist und dass ich den Idealen und Zielen des Kemalismus blind folgen würde, dies mit dem dazugehörenden Personenkult.  Das trifft sicher nicht zu. Ich denke, dass ich mich mittlerweile von der kemalistischen Indoktrination, die ich als Kind erlebt habe, weitestgehend emanzipiert und befreit habe, wobei gewisse Aspekte meiner Persönlichkeit, die auf Atatürk zurückzuführen sind, dennoch geblieben sind, die ich allerdings ganz bewusst und gewollt an mich herangelassen habe und mich heute noch danach richte. Dabei stehen meine zutiefst empfundene Abscheu gegenüber Rückständigkeit und Aberglauben und meine Liebe zum Fortschritt, zu den Wissenschaften und zur Kunst im Vordergrund, sowie mein Wunsch nach Emanzipation und Erhöhung der gesellschaftlichen Rolle der Frau. Meine teilweise von gewissen Leuten als zu extrem empfundene Haltung gegenüber der Scharia geht sehr wesentlich auf diese Prägung zurück. Ich möchte dies noch deutlicher ausdrücken: Ich war schon als Kind ein Schariagegner, lange bevor es in Europa so etwas wie „Islamkritik“ gab. Ich bin der Enkel einer Frau, die in den Dreissigerjahren als junges Mädchen in einem Theaterstück vor Atatürk auftrat und dabei einen Tschador entzweiriss, um ihm und den anderen Zuschauern ein wunderschönes westliches Kleid zu zeigen, das sie darunter trug! Damit auch hier keine Missverständnisse entstehen: Das westliche Kleid meiner Grossmutter mag mit dem Leitkulturbegriff von Bassam Tibi durchaus zu vereinbaren sein. Die in diesem Theaterstück gezeigte Intoleranz gegenüber der Scharia hingegen wohl eher nicht. Diese intolerante – von mir freilich gutgeheißene – Haltung gegenüber der Scharia ist nicht europäischen, sondern kleinasiatischen Ursprungs und hat sehr wesentlich mit der Persönlichkeit Atatürks etwas zu tun, die meine Familie und mich ganz erheblich geprägt hat. Ich bin nicht erst in der Schweiz zu einem Schariagegner geworden. Ich war es bereits als Kind, bevor ich in die Schweiz einwanderte. Damals wie heute hatte ich nie Verständnis für die tolerante Haltung meines Einwanderungslandes gegenüber dieser zivilisationsfeindlichen Ideologie. Wer glaubt, dies sei mir erst in Europa eingeimpft worden, irrt sich ganz gewaltig.

Weitere Aspekte, die meine Persönlichkeit geprägt haben, gehen freilich auf mein Einwanderungsland, namentlich auf die Schweiz, zurück. Dazu gehört etwa mein Bekenntnis zur Demokratie schweizerischer Prägung, zum schweizerischen Rechtsstaat und zur Tatsache, dass die Schweiz sich als Willensnation definiert. Ich habe an unterschiedlichsten Orten dieses wunderschönen Landes gelebt und dabei unterschiedlichste Subkulturen kennengelernt, die meine Persönlichkeit geprägt haben. Dazu gehören die Zentralschweizer, bei denen ich nach meiner Einwanderung in die Schweiz aufwuchs, das Bündnerland, wo ich das Gymnasium besuchte, Genf und Basel, wo ich studierte und Zürich, wo ich seit längerer Zeit lebe. Meine Verbundenheit gegenüber der Schweiz ist sehr tief und ich würde mich selbst als einen Schweizer Patrioten bezeichnen.

Allergische Haltung gegenüber allen totalitären Systemen

Zu erwähnen ist noch, dass mich zwei meiner Gymnasiallehrer sehr wesentlich beeinflusst haben. Einer war mein Französischlehrer, über den ich schon einmal geschrieben habe. Der andere war mein Geschichtslehrer, ein ungarischer Antikommunist und Liberaler, der nach dem gescheiterten ungarischen Volksaufstand von 1956 in den Westen geflohen war. Meine allergische Haltung gegenüber allen totalitären Systemen – unter Anderem auch gegen den Kommunismus – und meine Motivation für mein späteres Studium der Politologie in Genf, das ich zugunsten eines Jurastudiums in Basel später abbrechen sollte, gehen auf seine Prägung zurück, wohl auch die politische Partei, die ich meistens wähle: Die schweizerische FDP. Andererseits haben viele anderen Dinge meine Persönlichkeit geformt, die überaus multikulturell sind. Die Tatsache etwa, dass mein Vater zwei amerikanische Gymnasien in der Türkei besuchte und daher schon immer eine Nähe zur amerikanischen Kultur hatte, ist auch bei mir nicht spurlos vorbeigegangen. Diese Faszination meines Vaters gegenüber der amerikanischen Kultur hat mich bereits als Kind erheblich beeinflusst. Nicht zuletzt deswegen kenne ich mich in der amerikanischen Literatur, Kunst, Film und vor allem Musik so gut aus. Besonders zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, dass ich ein ausgesprochener Experte der amerikanischen Jazzmusik der Zwanzigerjahre bin. In der Schweiz dürften nur wenige Personen leben, die in diesem Themenbereich derart vertiefte Kenntnisse haben.

Zusammengefasst bedeutet dies, dass Assimilation und eine multikulturelle Identität sich nicht ausschließen müssen. Auch bedeutet Assimilation nicht – mindestens so wie ich diesen Begriff verstehe – eine vollständige Aufgabe der Herkunftskultur. Wer mich respektive meine Texte kennt, wird dies unschwer selbst feststellen können. Ich bin kein Mensch, der seine türkische Identität vollständig aufgegeben hat oder diese gar leugnet, obwohl ich durch und durch assimiliert bin. Wenn ich die Musik von Üstad Münir Nurettin Selçuk höre, oder Gedichte von Orhan Veli und Nâzım Hikmet lese, werden auch bei mir Emotionen freigesetzt und natürlich liebe auch ich wie die meisten Türken ein Nachtessen am Bosporus mit Fisch und Rakı zur passenden türkischen Musik. Solche Dinge stehen für mich in keinem Widerspruch zu meiner Begeisterung für den Schweizer Schwingsport, den mir mein erster bester Freund in der Schweiz, Thomas, eingeimpft hat und zu meiner Entzückung, wenn ich bei geeigneter Atmosphäre Alphornbläsern zuhöre.

So betrachtet stellt der Assimiliationsbegriff, wie ich ihn verwende, eine Verschmelzung mit einer multikulturellen Gesellschaft (in meinem Fall in eine multikulturelle schweizerische) dar. Die Prozesse, die dabei stattfinden, bestehen aus meiner Sicht nicht bloß aus einem Nehmen sondern auch aus einem Geben. So wie ich von den Schweizern die direkte Demokratie, das Skifahren, das korrekte Anrühren eines Käsefondues und die Begeisterung für den Schwingsport rezipiert habe, gebe ich ihnen etwas zurück, etwa in der Form dieses Blogs, der von Dingen handelt, die ihnen fremd sind, über die sie aber mehr erfahren möchten oder indem ich sie beispielsweise mit Çiğ Köfte bekoche, mit Rakı abfülle und dazu Musik von Selim Sesler spiele.

In dieser schweizerischen respektive europäischen multikulturellen Gesellschaft haben meines Erachtens viele Kulturen einen Platz und die allermeisten Inputs sind auch willkommen. Dazu gehören beispielsweise schwedische Midsommar-Feste mit Aquavit, brasilianische Feierlichkeiten mit Samba und Caipirinha, Streetfood-Festivals mit asiatischem Essen, türkische Folkloregruppen, Konzerte mit traditioneller persischer Musik und italienisches Essen. Was aus meiner Sicht keinen Platz in einer westlich zivilisierten Gesellschaft hat, ist die Scharia, die umfassende Rechts- und Gesellschaftsordnung des Islam, der jeden Bereich des menschlichen Lebens durchreguliert und einen eigentlichen gesellschaftlichen Austausch nicht zulässt, weil es sich dabei um ein in sich geschlossenes System handelt, das dazu konzipiert ist, um eine Assimilation – dies im Sinne, wie ich den Begriff verstehe – zu verhindern. Die Scharia trennt die Frauen von den Männern und sie trennt vor allem die Gläubigen von den sog. Ungläubigen. Unter solchen Gegebenheiten sind die Scharia und die multikulturellen, pluralistischen und offenen Gesellschaften, in denen wir leben, Konzepte, die sich geradezu diametral widersprechen. Deshalb vertrete ich auch die Ansicht, dass sie anders als andere fremdländische kulturelle Inputs, die unsere Gesellschaften durchaus vertragen und sogar bereichern, keinen Platz in unseren freien Gesellschaften hat und deswegen auch nicht toleriert werden sollte.

Ich hatte weiter oben erwähnt, dass Bassam Tibi ohne seine eigene multikulturelle Persönlichkeit kaum auf den Begriff der Leitkultur und auf seine Thesen gekommen wäre. Ich möchte zum Schluss noch auf diese Aussage eingehen.

Bassam Tibi stammt genauso wie ich aus einem Land mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit. In einem solchen Land ist es naheliegend, dass die Scharia auch in gesellschaftlicher Hinsicht eine Rolle spielt. Da es sich dabei um eine überaus starke totalitäre Ideologie handelt, die sich auf Gott höchstpersönlich beruft, bedarf es aus seiner Sicht (und aus meiner) einer starken Gegenideologie, welche über den Regeln der Scharia steht und diese zurückdrängt. Diese Ideologie bezeichnet er sodann als Leitkultur.

Ich möchte damit keine Worte in den Mund des grossen Bassam Tibi legen, den ich durchaus bewundere, aber ich denke, dass es ihm vor allem darum geht. Dieses Konzept ist mir in einer etwas anderen Form nicht unbekannt. Wenn man nämlich vom Kemalismus den nationalistischen sowie den planwirtschaftsgläubigen Teilbereich entfernt, ist man durchaus in der Nähe einer ganz ähnlichen Leitkultur. Ich möchte nun nicht, dass diese Aussage missverstanden wird. Ich behaupte nicht, dass Bassam Tibis Leitkultur mit dem Kemalismus gleichzusetzen ist. Vielmehr wird durch seine Forderung nach einer Leitkultur das Bedürfnis nach einer Ersatzideologie in der islamischen Welt und für viele Muslime deutlich, welche die Scharia auf reine spirituelle Bedürfnisse zurückdrängt und sie vom gesellschaftlichen Einfluss vollständig ausschliesst. Demokratie, Laizismus, Aufklärung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft europäischer Prägung haben nämlich mit der Scharia überhaupt nichts zu tun.

Zusammengefasst bedeutet dies, dass in der Leitkulturdebatte das nicht ausgesprochen wird, worum es hier wirklich geht:

Wir sind hier in Europa und leben in offenen und multikulturellen Gesellschaften. Die Scharia, eine totalitäre Ideologie, die dieser Gesellschaftsordnung und dem damit verbundenen friedlichen Zusammenleben unterschiedlichster Subkulturen diametral widerspricht, hat hier keinen Platz. Wer nach der Scharia leben möchte, ist aufgefordert, in eines der Länder auszuwandern, wo die Scharia gilt.

(Meine Grossmutter in den Dreissigerjahren, die wenige Jahre zuvor vor Atatürk aufgetreten und dabei einen Tschador entzweigerissen hat, um vor ihm in einem ähnlich schönen Kleid wie diesem in Erscheinung zu treten)

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