Kreationistische Ideologie contra Evolution

Junge-Erde-Kreationisten verbreiten in Europa ihre Pseudowissenschaft. Der deutsche Evolutionsbiologe Prof. Ulrich Kutschera widerspricht ihren Behauptungen. Ein Interview von Nala Rogers (University of California, Santa Cruz, USA).

Kreationistische Ideologie contra Evolution

Im Jahr 2000 behauptete der Paläontologe Stephen Jay Gould (1941–2002), der Kreationismus sei weitgehend eine „lokale, indigene amerikanische Absonderlichkeit“. In letzter Zeit hat die Junge-Erde-Bewegung jedoch in ganz Europa an Einfluss gewonnen. Eine Gruppe europäischer Wissenschaftler beschäftigte sich mit dieser Entwicklung in dem Buch Creationism in Europe, das im vergangenen Jahr erschienen ist.

Das auf Deutschland bezogene Kapitel dieses Buches schrieb Ulrich Kutschera, Professor für Pflanzenphysiologie und Evolutionsbiologie an der Universität Kassel. Kutschera, der auch Gastwissenschaftler am Carnegie Institut der Stanford University ist, beschreibt darin, wie eine deutsche Gruppe namens „Studiengemeinschaft Wort und Wissen (W+W)“ ihre kreationistische Botschaft verbreitet.

Die Studiengemeinschaft W+W lehrt, der biblische Gott habe vor etwa 10.000 Jahren eine kleine Anzahl von „Grundtypen des Lebens“ erschaffen, und diese Typen hätten sich rasch in alle heutigen Spezies weiter entwickelt. Kutschera schildert, dass die Studiengemeinschaft elegant entworfene Bücher, Zeitschriften und Websites anfertigt. Ihre Flaggschiff-Publikation Evolution – ein kritisches Lehrbuch wurde ins Italienische, Portugiesische und in weitere Sprachen übersetzt, und Schüler in über hundert Bekenntnisschulen befassen sich heute mit diesem Text. Kutschera befürchtet, dass diese Zahl im Anstieg begriffen ist.

Noch immer akzeptieren die meisten Deutschen die Evolution. Die Hochglanzbroschüren der Studiengemeinschaft W+W und ihre wissenschaftlich klingende Sprache überzeugen aber immer mehr Menschen, unter anderem auch Lehrkräfte und Entscheidungsträger, wie Kutschera erklärt. Auf der Konferenz zum Thema Kreationismus in Europa, organisiert von der „American Association for the Advancement of Science“ (AAAS) in San Jose, Kalifornien (USA), war Kutschera, wie auch einige andere Co-Autoren des Buches Creationism in Europe, im Februar 2015 als Gastredner vertreten. Anschließend gab er Nala Rogers vom SciCom [Science Communication Program, University of California, Anm. d. Übers.] folgendes Interview.

N. Rogers: Was können Sie mir von der Studiengemeinschaft W+W berichten?

U. Kutschera: Die Studiengemeinschaft ist Teil der evangelikalen Bewegung in Deutschland. Sie wurde 1979 von Theologen und anderen Akademikern gegründet, jedoch ohne Beteiligung sachkundiger Biologen. Siegfried Scherer (einer der bekanntesten Mitglieder von W+W) ist davon überzeugt, dass nicht die Evolution, sondern der Kreationismus wahr ist, und dass der biblische Gott vor 10.000 Jahren alle Lebewesen erschaffen hat. Scherer hat eine einflussreiche, staatlich geförderte Stelle an einer wichtigen Universität, der Technischen Universität München, inne. Er hat mehrere Preise für seine wissenschaftliche Lehrtätigkeit erhalten und verbreitet unter dem Namen dieser Universität seine Version des „Intelligenten Design“ und Junge-Erde-Kreationismus. Meiner Ansicht nach ist das nicht akzeptabel.

Warum sollten Kreationisten wie Scherer denn nicht Biologieprofessoren sein?

Ich möchte das Ihnen einmal so erklären: Vor zehn Jahren gab ich der christlichen Zeitung Chrismon in Deutschland ein Interview, der Journalist war Theologe. Ich versuchte ihn davon zu überzeugen, dass es nicht in Ordnung ist, wenn ein Professor, der mit öffentlichen Geldern dafür bezahlt wird, Biologie zu unterrichten, über seine Institution auch Kreationismus verbreitet. Der Journalist verstand meine Haltung nicht. Dann fragte ich ihn: „Was würden Sie mit einem Theologen machen, der von der Kirche bezahlt wird, und der sagt, es gibt keinen Gott?“ Er sagte: „Wir würden ihn entlassen.“ Und ich sagte: „Jetzt verstehen Sie mich.“

Was genau meinen Sie, wenn Sie den Begriff „Kreationismus“ verwenden?

Ich habe eine präzise Definition. Kreationismus ist das Bestreben, alle Lebensformen, die heute existieren, auf Basis der biblischen Schöpfungsgeschichte zu interpretieren. Vor ein paar Wochen erst erklärte mir Reinhard Junker (einer der Autoren von Evolution – ein kritisches Lehrbuch), dass für ihn die Bibel als Wort Gottes wahr ist und im Prinzip wie ein Biologielehrbuch zu lesen sei.

In Creationism in Europe schreiben Sie und die anderen Beitragenden, dass Europa früher relativ unbehelligt vom Kreationismus war. Wie unterscheidet sich das, was Sie heute in Deutschland beobachten, von dem, was die Menschen glaubten, bevor Darwin 1859 sein Buch Die Entstehung der Arten veröffentlicht hat?

Im Unterschied zum Kreationismus des 19. Jahrhunderts verbreitet die Studiengemeinschaft W+W keine primitive, auf der Bibel beruhende „biologische Predigt“. Die Studiengemeinschaft versucht, die Öffentlichkeit – und insbesondere Schulkinder – davon zu überzeugen, dass die Makroevolution (Bauplan-Transformationen im Verlauf der Jahrmillionen) nicht bewiesen ist. Sie definiert sich als wissenschaftliche Organisation und bedient sich der Sprache der Evolutionsbiologie, um für eine pseudowissenschaftliche Weltsicht zu werben.

Die W+W-Strategen gehen sogar so weit zu behaupten, der biblische Schöpfer habe „polyvalente Stammformen“ geschaffen – eine alternative Bezeichnung für die sogenannten „Grundtypen“. Für Lehrer oder Schüler klingt das nach Wissenschaft. Einem Nicht-Spezialisten ist es fast nicht möglich zu erkennen, dass dies reiner Unsinn ist, und das ärgert mich.

Sie sind beruflich erfolgreich als internationaler Wissenschaftler und Biologieprofessor, und veröffentlichen trotzdem Artikel und Bücher gegen den Kreationismus. Sie betreiben sogar einen YouTube-Kanal. Warum wenden Sie Zeit für diese Dinge auf?

Ich sehe das als eine Art Hobby. Es ist Teil meiner Agenda, die sich dem Verständnis der Öffentlichkeit für die Wissenschaft widmet (Public Understanding of Science). Ich muss jedoch gestehen, dass ich mich manchmal bei der Beschäftigung mit den Argumenten der Studiengemeinschaft W+W dazu inspirieren lasse, noch präziser über die Evolution zu unterrichten und zu schreiben, da manche der Argumente (des Kreationismus) nicht dumm sind. Ihre Anti-Evo-Thesen sind mitunter recht durchdacht. Dadurch schärft man seinen Intellekt und kann die Evolution besser verteidigen – nicht als Theorie, sondern als naturgegebene Tatsache.

Andere Biologen sagen, die Evolution sei eine wissenschaftliche Theorie, aber Wissenschaftler verwenden das Wort „Theorie“ anders als die Öffentlichkeit. Für Biologen ist eine „Theorie“ eine Reihe prüfbarer Hypothesen, die von umfangreichen Belegen gestützt werden.

Das ist absolut richtig. Aber ein durchschnittlicher Mensch wird sagen: „In Ordnung, die Evolution ist eine wissenschaftliche Theorie. Die Studiengemeinschaft behauptet, dass das Konzept der ‚Grundtypen des Lebens‘ auch eine brauchbare wissenschaftliche Theorie darstellt.“ Ein Laie ohne wissenschaftliches Hintergrundwissen ist verwirrt. Wer hat Recht? Der die Evolution bejahende Atheist oder der die Evolution ablehnende, gläubige Theist?

Aus diesem Grund argumentiere ich genau umgekehrt. Ich würde zu einem Kreationisten niemals sagen, dass die Evolution eine Theorie ist; manche Strategen argumentieren, das „Intelligente Design“ sei ebenfalls eine Theorie. Die Evolution ist eine Tatsache. Nur jene Individuen innerhalb variabler Populationen, die Nachkommen hinterlassen, werden in der nächsten Generation vertreten sein. Daher gibt es eine unermesslich lange Abstammungslinie der Lebewesen, mit Modifikationen, bis hin zu den ersten Organismen der Erde. Unser Planet hat sich im Verlauf der vergangenen 4,6 Milliarden Jahre seiner Geschichte kontinuierlich verändert (Erdplatten-Dynamik), und Organismen mussten sich anpassen oder sind ausgestorben.

Sie bezeichnen Ihre Tätigkeit gegen den Kreationismus als Hobby. Warum ist sie dann überhaupt wichtig?

Ich möchte Ihnen erklären, warum Kreationismus in Deutschland ein Problem ist. Ein Schüler, etwa im Alter von 14 Jahren, soll für die Schule etwas zum Thema Makroevolution, rudimentäre Organe oder zu einem anderen Thema der Evolutionsbiologie schreiben. Der durchschnittliche Schüler verwendet dann das Internet (kalifornische Suchmaschine Google), und beim ersten Suchergebnis stößt er auf Argumente gegen Makroevolution. Und dieser Schüler findet dann die bunt-ansprechend gestaltete Website der Studiengemeinschaft W+W, weil diese vier Vollzeit-„Prediger“ beschäftigt, die das Internet mit ihrer biblischen Pseudo-Biologie infiltrieren. Sogar Studenten in meinen Evolutionsbiologie-Kursen an der Universität Kassel verweisen manchmal auf im Internet entdeckte Informationen, die aus Propagandamaterial der Studiengemeinschaft bestehen.

Im Wesentlichen kann man sagen, dass sich in Deutschland das Thema Evolution in der Hand einer kleinen, aber einflussreichen religiösen Sekte befindet – diese hat das nötige Geld und Personal. Die Studiengemeinschaft W+W veröffentlicht Zeitschriften, die wie echte wissenschaftliche Journale aussehen. Aber sie sind voll von kreationistischem Unsinn, wie etwa den Glauben an eine junge Erde.

Sollten Schüler nicht Zugang zu allen Argumenten haben, um ihre eigenen Entscheidungen treffen zu können?

Zweifellos hat die Studiengemeinschaft W+W das Recht, ihre Propaganda zu verbreiten. Das ist die Redefreiheit, bzw. die Freiheit zur unzensierten Meinungsäußerung. Das Problem ist, dass es in Deutschland nur wenige Evolutionsbiologen gibt, und die meisten von ihnen sind auf enge Gebiete spezialisiert. Sie ignorieren die Studiengemeinschaft oder behaupten feige, das Thema Kreationismus ginge sie nichts an.

Im Grunde gibt es zwei Parallelwelten. Auf der einen Seite existieren die Propagandisten der Studiengemeinschaft W+W, und auf der anderen die Biologen an den Universitäten, die zu ganz spezifischen Themen publizieren. Leider bringt kaum jemand sachliche Einwände gegen den Unsinn der Studiengemeinschaft vor. Aber es ist mein Hobby, dieses zu tun, und das macht mir viel Freude. Diese Aktivitäten haben meine Karriere als internationaler Wissenschaftler sogar gefördert (z. B. zwei Einladungen als Invited Speaker auf die AAAS 2007 und 2015-Annual Meetings in San Francisco bzw. San Jose mit Vorträgen zum Thema Kreationismus in Deutschland) – ich bin den Schöpfungsgläubigen dafür dankbar.

Ich verstehe Ihre Einwände gegen den Kreationismus im naturwissenschaftlichen Unterricht. Was ist aber mit den Menschen, die an die biblische Schöpfung glauben und nicht versuchen, sich in den Biologieunterricht einzumischen?

Die katholische und die evangelische Kirche, die zwei großen Konfessionen in Deutschland, behaupten, dass sie „alle Tatsachen, die Biologen in ihren Zeitschriften publiziert haben, akzeptieren, jedoch daran glauben, dass ihr biblischer Gott im Hintergrund aktiv ist.“ Das ist das Konzept der theistischen Evolution, sinngemäß zusammengefasst: „Wir akzeptieren die Evolution, aber Gott ist für das Resultat verantwortlich.“ Wenn man jedoch mit herkömmlichen Theologen über die theistische Evolution diskutiert, findet man schnell heraus, dass ihr Theos sehr schwach ist. Er ist ein hoch verdünnter Gott, ohne große Wirkung. Kreationistische Evangelikale wie Reinhard Junker sagen hingegen: „Mein Gott ist der Gestalter. Er erschuf uns, und überall in der Natur sehe ich sein Design.“ Das ist eine klare Aussage, unvereinbar mit der Tatsache der Makroevolution.

Sie sind also einverstanden mit dem Konzept eines „Gottes im Hintergrund“?

Nein, absolut nicht. Meiner Ansicht nach ist das Konzept einer theistischen Evolution sogar noch schizophrener als die ehrliche Interpretation der Bibel, wie sie die Studiengemeinschaft W+W vornimmt. Ihre Ideologen sagen einfach: „Die Bibel hat Recht und Makroevolution hat nicht stattgefunden.“ Die theistische Evolution, für die der Papst und mit ihm die katholische Kirche eintritt, ist, wie ich meine, eine Mischung aus Wissenschaft und irrationalem religiösen Glauben. Warum ließ es der „Gott im Hintergrund“ zu, dass 99 Prozent aller angeblich von ihm erschaffenen Tier- und Pflanzenarten wieder ausgestorben sind? Wo sind die erschaffenen Dinosaurier heute, und warum sind wir Menschen die destruktivsten Säugetiere auf Erden?

Ich finde, dass die naturalistische Evolution die einzig vernünftige Weltsicht ist und die Menschheit nur überleben kann, wenn mehr Wissenschaftler aus ihren Laboren heraustreten und die Öffentlichkeit und Politiker davon überzeugen. Nur wenn sich die Wissenschaft durchsetzt, können wir den Klimawandel umkehren und die wachsende Menschheit ernähren, etwa mithilfe gentechnisch verbesserter Pflanzen. Religiöse Überzeugungen sollten in den Kirchen bleiben, und sich nicht in wissenschaftliches Denken einmischen.

Wie unterscheiden sich die USA von Deutschland in Bezug auf kreationistische Bewegungen?

In Deutschland gibt es Ethik- oder Religionsunterricht. Hier in den USA darf aufgrund der amerikanischen Verfassung Religion in öffentlichen Schulen nicht unterrichtet werden. Wenn man Religionsunterricht in Schulen nicht erlaubt, bleiben diese irrationalen Überzeugungen eine unkontrollierte Privatangelegenheit. In den USA versuchen Kreationisten, ihre religiösen Dogmen in den Biologieunterricht einzuschleusen, weil es ihnen nicht gestattet ist, im Fach Ethik Religion zu unterrichten. Es wäre besser für die USA, christlichen Religionsunterricht in öffentlichen Schulen zuzulassen, wie es auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern der Fall ist.

Was würden Sie jemandem antworten, der behauptet, dass wir die Idee der Studiengemeinschaft W+W von den „Grundtypen des Lebens“ und rascher Mikroevolution als eine Art Kompromiss akzeptieren sollten, um Wissenschaft und Religion zu vereinen?

Tatsache ist, dass es sich nicht um Wissenschaft handelt, sondern um biblische Dogmen. Es gibt keine empirischen Beweise für die Erschaffung von „Grundtypen des Lebens“. Und es existieren ebenso wenig Belege für die von W+W geglaubte Hochgeschwindigkeits-Mikroevolution (angebliche Entstehung aller Lebensformen innerhalb von ca. 10.000 Jahren aus den „intelligent geplanten Grundtypen“). Die europaweite Verbreitung dieser wissenschaftsfeindlichen „Theo-Biologie“ muss verhindert werden, denn Wissenschaft und Glaube sollte man nicht verwechseln bzw. vermischen.

Übersetzung: Daniela Bartl


Informationen zum Thema „Beweise für Makroevolution und detaillierte Widerlegung der kreationistischen Argumente“ sind in dem folgenden Lehrbuch nachlesbar:

U. Kutschera (2015) Evolutionsbiologie. Ursprung und Stammesentwicklung der Organismen. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart.
Kutschera: Evolutionsbiologie

Weiterführende Informationen über die Evolutionsbiologie in Deutschland finden sie hier:

Arbeitskreis Evolutionsbiologie

Weitere Bücher von Prof. Kutschera:

Kutschera Bücher

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Kommentare

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    Ums Kumar

    test

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    1. userpic
      Bernd Kammermeier

      Die hervorragend überarbeitete Neuauflage von Kutscheras "Evolutionsbiologie" könnte eine erhellendes Standardwerk für gläubige Menschen werden. Natürlich findet man darin keine salbungsvollen Sprüche, die dem Leben Sinn stiften. Man muss Spaß an wissenschaftlichem Arbeiten haben und Freude an wahrer Erkenntnis. Das ist teilweise kompliziert, auch wenn es Kutschera gelingt, den Leser an der Hand zu nehmen, um ihn systematisch durch das Labyrinth der Evolution zu leiten. Man sollte sich gefangen nehmen lassen davon, wie ich mich als 11-Jähriger in die würdige Ausstellung des Senckenberg-Museums verliebte.

      Dieses Faszinosum übertrifft die albernen "Schöpfungsmythen" der Bronze- und Eisenzeit um ein Vielfaches. Doch in zwei Punkten habe ich eine andere Meinung, als Prof. Kutschera:

      >Religiöse Überzeugungen sollten in den Kirchen bleiben, und sich nicht in wissenschaftliches Denken einmischen.

      Religiöse Überzeugungen können m.M.n. eben nicht exklusiv in Kirchen bleiben, da dies unweigerlich zu einer fast schizophrenen Kollision im Alltag führen würde. Denn Gläubige leben nicht nur in der Kirche, sondern sind auch Staatsbürger mit Wahlrecht. D.h. sie entscheiden mit ihrer Stimme über die Zusammensetzung von Parlamenten, die über viele Fragen, die auch Ethik berühren, entscheiden. Was ist mit Präimplantationsdiagnostik? Was mit Sterbehilfe? Was mit Entscheidungen im Bereich Genfood, sexuelle Vielfalt, Tierrechten, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Rassismus etc.?

      Viele dieser Fragen haben unmittelbar mit dem Weltbild der entscheidenden Politiker und deren Mandat direkt mit dem Weltbild der Wähler zu tun. Und hier sehen wir die Kollision von Evolution vs. Kreationismus/Schöpfungslehre. Die Gültigkeit der Schöpfungslehre ist die Voraussetzung für die Annahme, dass es einen kreativen Gott gibt, der das Universum geschöpft hat. Denn alle herrschaftlichen Ableitungen, die "Gottes" Charakter und Wirken ausmachen, basieren darauf, das wir von ihm hergestellte Kreaturen sind, deshalb sein Eigentum sind, so, wie ein Hirte seine Schafherde besitzt. Er kann diese scheren, schlachten, züchten und verkaufen, wie es ihm beliebt. Und genauso dies verlangt "Gott" von seinen Geschöpfen: Er nutzt sie aus, verlangt Opfer (bis zur aktiven Tötung durch ihn selbst), schreibt ihnen vor "seid fruchtbar und mehret euch" und verwirft sie, wenn sie ihm nicht mehr gefallen, schickt sie sogar in die Sklaverei.

      Wäre die Schöpfungslehre Unsinn (was die Evolutionsbiologie zwingend aussagt), dann hätte ein "Gott", selbst wenn er existiert, nicht das geringste Recht, derartige Eigentumsverfügungen über seine "Schafe" zu verhängen. Das göttliche Recht wäre Null und nichtig. Dies zum Ende gedacht würde alle religiösen Riten ad absurdum führen, weil in diesem Fall "Gott" nichts als ein Hochstapler wäre.

      Also: Selbst wenn man Gläubigen kirchenintern ihren Glauben an Gott lassen will (womit ich grundsätzlich einverstanden bin), kann dieser "Gott" nichts mit der Entstehung der Erde, des Tier- und Pflanzenreiches (inklusive der Trockennasenaffenart namens Mensch) zu tun gehabt haben. Es verbliebe in den Kirchenschiffen der Glaube an eine übernatürliche und wirkungslose Macht, deren Anbetung letztlich sinnlos und deren Anspruch auf "Gottesdienst" anmaßend ist. Ob sich Gläubige damit zufriedengäben, wage ich zu bezweifeln.

      Das führt mich zum zweiten Punkt, den ich etwas anderes beleuchtet sehen möchte, als Prof. Kutschera:

      >Es wäre besser für die USA, christlichen Religionsunterricht in öffentlichen Schulen zuzulassen, wie es auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern der Fall ist.

      Religionsunterricht - ob privat oder an öffentlichen Schulen - ist Bekenntnisunterricht, also Missionierung oder religiös bei der Stange halten. Ich persönlich bin strikt gegen jeden derartigen Religionsunterricht (auch wegen der Kosten von ca. 1,6 Mrd. Euro/Jahr für den allgemeinen Steuerzahler). Womit ich keine Probleme hätte, wäre Informationsvermittlung ÜBER Religionen im Rahmen des Geschichtsunterrichtes, also wie sie entstanden sind, was sie bewirkt haben, wie sie sich entwickelt haben. Z.B. Animismus, Schamanismus, Polytheismus, Idolatrie, Monolatrie, Monotheismus ... Denn Religion ist ein kulturgeschichtliches Phänomen, das nie isoliert von der menschlichen Gesamtentwicklung gesehen werden darf. Erst so wird man erkennen, dass Religion zu den Kinderkrankheiten der Zivilisierung gehört, deren Überwindung wir gerade erleben. Je erwachsener eine Gesellschaft ist, desto unreligiöser ist sie.

      Ein durch Theologen durchgeführter Religionsunterricht wird immer einen sehr engen Fokus auf die eigene Religion haben (allein die Trennung in evangelischen und katholischen Reli-Unterricht erscheint absurd, denn man könnte natürlich auch einfach christliche Religion lehren) und die Frage, ob diese Lehrer den Glauben an sich infrage stellen würden oder z.B. auf deren Kriminalgeschichte hinweisen, stellt sich berechtigt. Privater Bekenntnis-Unterricht mag sicher schwerwiegendere Indoktrination zur Folge haben (siehe Koranschulen), aber wenn in öffentlichen Schulen (ob in staatlicher oder kirchlicher Trägerschaft) als Korrektiv - für alle Schüler verbindlich und gemeinsam - eine historische Aufklärung über Religionsgeschichte stattfindet, könnte das zunächst hitzige Debatten und dann vielleicht (hoffentlich) ein Nachdenken bei den Schülern auslösen.

      Ansonsten bin ich mit den Aufsagen Prof. Kutscheras voll und ganz einverstanden und ich kann seine Bücher wirklich nur wärmstens empfehlen. Wer wissen will, woher wir wirklich stammen, ist bei ihm gut aufgehoben.

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      1. userpic
        jaybus56

        Ich stimme Hrn. Prof. Kutschera in fast allen Punkten zu. Allerdings würde ich der Aussage
        > Es wäre besser für die USA, christlichen Religionsunterricht in öffentlichen Schulen zuzulassen, wie es auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern der Fall ist.

        scharf widersprechen und das aus zwei Gründen.

        Erstens wäre eine Öffnung der öffentlichen Schulen ausschließlich für christlichen Religionsunterricht wegen der Bevorzugung einer bestimmten Religiotie nicht mit staatlicher Neutralität gegenüber allen Religiotien vereinbar. Zweitens würde man der religiotischen Spaltung der Schülerschaft Vorschub leisten, wenn man (wegen erstens notwendig) vielfachen Religionsunterricht zuließe.

        Wenn man sich deutsche Schulhöfe anschaut (persönlich kenne ich es nur aus unserer Gegend, höre aber, anderenorts soll es vergleichbar sein), sieht man Gruppenbildungen weit überwiegend entlang religiotischer Grenzen. Dass diese Grenzen auch oft/weitgehend ethnischen entsprechen, ist kein Gegenargument. Denn Konvertiten wechseln nach der Konversion auch zumeist ihre soziale Gruppe (bis hin zur Abkehr von Eltern und Geschwistern). Die (von den Eltern oktroyierte oder später selbst gewählte) Religiotie ist sehr oft stärker bindend als die Ethnie oder Familie. Wenn man diese religiotische Trennung in z. B. den USA in die Schulen holte, würde man diese durch Spaltung der Gemeinschaft für den nach Religionsgruppen getrennten Unterricht verstärken.

        Allerdings sollte IMO das Thema Religion nicht völlig aus dem Unterricht verbannt werden. Das Thema muss m. E. in Form religionsgeschichtlichen Unterrichts behandelt werden, der Aufstieg und Niedergang der vielfältig erdachten Religionen aufzeigt und die verbindenden Elemente betont. Man muss nicht einmal explizit atheistisch argumentieren. Aber ein solcher Unterricht muss vermitteln, dass der behauptete ethische Ausschließlichkeitsanspruch weder gegenüber anderen Religionen noch gegenüber humanistisch-atheistischen begründet ist.

        Wie genau ein solcher Lehrplan aussehen könnte, wie man Religionsgeschichte und Ethik in einem oder zwei einander ergänzenden Unterrichten vermittelt, ist kein einfaches Thema. Aber darüber sollten wir uns Gedanken machen und auf einen solchen Religions-/Ethikunterricht sollten wir hinarbeiten. Wir sollten den USA nicht empfehlen, unseren aus der Schulunterrichtsgeschichte fortgeführten Fehler getrennten Religionsunterrichts nachzumachen!

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          N. Liebisch

          Ein sehr guter Artikel. Aber bei allem Respekt muss ich jaybus56 beifpflichten. Die Aussage das die USA lieber Religionsunterricht in den Schulen zulassen sollte, ist absoluter Unsinn und gefährlich.

          In den USA gibt es, im Gegensatz zu Deutschland, eine wirkliche Trennung von Staat und Kirche. Das ist eine riesige Errungenschaft an der sich Deutschland und Europa ein Beispiel nehmen müssen. Religionsunterricht in der Schule is Missionierung, und keine Bildung, und hat daher dort nichts zu suchen. Ein "Ethikuntterricht", wie auch immer der aussehen soll, wäre zu vertreten, aber sollte keiner bestimmten Religion angehören.

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            Bernd Kammermeier

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              Brokrr

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