Aber ist es wahr?

Ein Hoch auf die Realität

Aber ist es wahr?

Foto: Pixabay.com / geralt

Tom Hollands Buch Dominion (deutsch: Herrschaft) wird derzeit von den Verfechtern einer „christlichen Revivals” hochgelobt. Sein Verleger beschreibt ihn als Historiker. Dieser Historiker berichtet (Seite 145), dass der Erzengel Michael im Jahr 492 n. Chr. auf dem Berg Gargano in Italien landete und sich selbst zu dessen Beschützer erklärte. „Bald darauf folgten weitere Wunder. Über Nacht erschien in der Höhle, die der verirrte Stier entdeckt hatte, eine ganze Kirche und dann der mysteriöse Abdruck der Füße des Erzengels im Marmor.” Ein Stier, so wurde uns zu Beginn des Kapitels erzählt, war vom Besitzer der Höhle mit vergifteten Pfeilen beschossen worden, aber die Pfeile drehten sich mitten im Flug um und trafen stattdessen den Besitzer der Höhle. Auf der nächsten Seite berichtet der Historiker, dass im Jahr 589 eine Schlange von der Größe eines Baumstamms am Ufer des Tiber angespült wurde.

Dieses gut geschriebene Buch ist vollgepackt mit ähnlichen Berichten über Ereignisse, von denen der Autor genau weiß, dass sie nie stattgefunden haben. Vermutlich verlässt er sich darauf, dass seine Leser verstehen, dass sie nie stattgefunden haben. Niemand, der ein Buch lesen kann, ist so dumm zu glauben, dass eine ganze Kirche plötzlich über Nacht aus dem Nichts entstehen könnte. Aber Holland berichtet auch von anderen Ereignissen, die sich möglicherweise zugetragen haben oder auch nicht. In solchen Fällen verlassen wir, die wir keine Historiker sind, uns auf den Historiker, der uns leitet. Wie können wir aber wissen, ob wir seinen Aussagen über Ereignisse, die sich möglicherweise zugetragen haben, Glauben schenken können, wenn er Ereignisse, die sich mit Sicherheit nicht zugetragen haben, als Tatsachen darstellt?

Beispielsweise erzählt er ohne Vorbehalt die biblische Geschichte von den Plagen, die über die Ägypter hereinbrachen, als der Pharao sich weigerte, „mein Volk ziehen zu lassen”. Auch hier weiß er ganz genau, dass diese wundersamen Plagen nie stattgefunden haben. Die erstgeborenen Kinder und Tiere der Ägypter sind sicherlich nicht über Nacht umgekommen. Das Rote Meer teilte sich nicht, um den flüchtenden Israeliten zu helfen, und schloss sich dann wieder, um ägyptischen Soldaten, die sie verfolgen, einzuschließen. Es hätte aber leicht eine Heuschreckenplage geben können. Gab es sie tatsächlich? Es ist durchaus möglich, dass Juden in Ägypten als Sklaven gehalten und von einem Mann namens Moses aus der Gefangenschaft geführt wurden. Das ist nicht offensichtlich lächerlich, wie die Geschichte von den Pfeilen, die als Bumerang zurückflogen, damit der angehende Stiermörder seine wohlverdiente Strafe bekommt. Es gibt keine Beweise dafür, dass Moses jemals existiert hat, ebenso wenig wie für die Gefangenschaft in Ägypten. Beides ist aber möglich, und wenn Holland ein guter Historiker ist, werden seine Ansichten zu dieser Frage interessant und einer Berücksichtigung wert sein. Mein Punkt ist, dass dieser Historiker durch seine Gewohnheit, Legenden mutwillig mit Fakten zu vermischen, jegliche Glaubwürdigkeit verliert. Und Fakten, für die es Beweise gibt (wie die babylonische Gefangenschaft), mit möglichen Fakten vermischt, die wahr sein könnten oder auch nicht. Wie können wir, die wir keine Historiker sind, einem Historiker vertrauen, der auf diese Weise falschen Alarm schlägt? Und das tut er nicht nur in diesem einen Kapitel, sondern immer und immer wieder.

Jordan Peterson, ein noch bekannterer Wahrsager der sogenannten christlichen Wiederbelebung, ignoriert Fakten nicht nur, er verachtet sie offen. Berauscht von Symbolik scheint es ihm aufrichtig egal zu sein, ob etwas faktisch wahr ist oder nicht. In einem gefilmten Gespräch fragte ich ihn unverblümt: „Hatte ein Mann Geschlechtsverkehr mit Maria und zeugte Jesus? Das ist eine sachliche Frage.“ Nach einer langen Pause, in der Peterson sich weigerte zu antworten, fügte ich hinzu: „Das ist keine Wertfrage.“ Der Moderator, Alex O'Connor, ein äußerst intelligenter junger Mann, der in Oxford Theologie studiert hat, mischte sich ein: „Sie müssen verstehen, was Sie hier gefragt werden.“ Und er fuhr fort, Peterson mit Fragen zu löchern und versuchte mit allen Mitteln, ihn dazu zu bringen, die einfache sachliche Frage zu beantworten. Hatte Jesus einen menschlichen Vater oder nicht? Immer wieder machte Peterson deutlich, dass er nicht das geringste Interesse daran hat, ob solche Aussagen faktisch wahr sind oder nicht. Nun, ich nehme an, das ist sein gutes Recht, genauso wie es mein gutes Recht ist, Rote Beete zu hassen. Einige von uns halten aber faktische Fragen für wichtig. Um es milde auszudrücken: Wissenschaftler tun dies, Anwälte tun dies, Polizisten tun dies, Journalisten tun dies, Historiker tun dies (zumindest sollte es deren verdammte Pflicht sein, es wichtig zu nehmen) und ich vermute stark, dass Sie dies auch tun.

Anfang dieses Jahres gab eine liebe Freundin, Ayaan Hirsi Ali, ihren Übertritt vom Atheismus zum Christentum bekannt. Wir führten daraufhin eine öffentliche Diskussion in New York, in der ihre Aufrichtigkeit wie ein Leuchtfeuer strahlte. Sie glaubte, dass das Christentum sie vor einer schweren Depression bewahrt habe. Ich konnte das nachempfinden, und das Publikum offensichtlich auch. Aber ich stellte ihr dennoch meine eine grundlegende Frage. „IST ES WAHR?“ Nicht: „Ist es wahr, dass es dich vor Depressionen bewahrt hat?“ In ihrem Fall stimmt es sicherlich. Nicht: „Tut das Christentum Gutes in der Welt?“ Vielleicht tut es das. Nicht: „Wäre es gut, wenn die meisten Menschen Christen wären?“ Vielleicht wäre es das. Die beiden letzten Fragen sind Wertfragen, keine Sachfragen.

Ich meinte nichts davon. Ich meinte: „Glaubst du, dass die Wahrheitsansprüche des Christentums gültig sind? Ist es faktisch wahr, dass das Universum von einer übernatürlichen Intelligenz, Gott, erschaffen wurde? Ist es wahr, dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde? Ist es wahr, dass er von den Toten auferstanden ist? Ist es wahr, dass Menschen eine Seele haben, die den körperlichen Tod überleben kann?“ Auf jede dieser Fragen gibt es drei respektable Antworten. „Ja (ich denke, die Beweise sprechen für eine positive Antwort).“ „Nein (ich denke, die Beweise sprechen für eine negative Antwort).“ „Ich weiß es nicht (nicht genügend Beweise).“ Ayaans Antwort lautete: „Ich entscheide mich dafür, zu glauben.“ Ich glaube nicht, dass man sich dafür entscheiden kann, zu glauben. Was denken Sie?

Meine Absicht hinter diesem kurzen Essay ist, ein Eigenlob auf die Fakten zu singen. Realität. Ist es wahr? Ist es wirklich passiert? Ich verunglimpfe nicht Mythen, Legenden, Gleichnisse, Metaphern, Symbole, Allegorien, Fiktion, menschlichen Trost. All das hat seinen Wert. Ich bitte lediglich darum, dass wir klar zwischen diesen guten Dingen und der faktischen Wahrheit unterscheiden. Ein Hoch auf die Realität.

Übersetzung: Jörg Elbe

Richard Dawkins auf Substack: The Poetry of Reality

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Kommentare

  1. userpic
    Ludwig W.

    ist es wirklich wahr, dass Richard Dawkins etwas zu sagen hat?

    (ich will mit dieser Frage nicht den Mythos Richard Dawkins verunglimpfen, ich bitte lediglich darum, dass wir klar zwischen einem Wissenschaftler und einem Image unterscheiden)

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