Ambivalentes Verhältnis zum Patriarchat

Die „feministische Theologin“

Ambivalentes Verhältnis zum Patriarchat

Foto: Pixabay.com / Websi

Doris Strahm, eine feministische Theologin aus der Schweiz, ist letzte Woche (19. November, Anm. d. Red.) mit fünf weiteren prominenten linken Frauen medienwirksam aus der katholischen Kirche ausgetreten. In Deutschland und in Österreich dürfte man sie vermutlich außer in Fachkreisen kaum kennen, was für die weitere Lektüre dieses Blogs keine Rolle spielt, zumal ähnliche Kuriositäten, die ich heute ansprechen möchte, sich auch in unseren beiden Nachbarländern abspielen dürften und wohl auch anderswo in der westlich geprägten Welt. Doris Strahm ist jedenfalls schweizweit bekannt unter dem Stichwort „interreligiöser Dialog“, hat diverse Bücher und Aufsätze hauptsächlich in diesem Themenbereich geschrieben, hatte mehrere Lehraufträge und ist die Mitbegründerin des „interreligiösen Think-Tanks“ „IG feministische Theologinnen“. In ihrer gemeinsamen Medienmitteilung, in welcher sie insbesondere die rigide Abtreibungspolitik der katholischen Kirche kritisierten und sich dabei auf die jüngste Äußerung von Papst Franziskus bezogen, wonach Abtreibung Auftragsmord sei, schrieben die sechs Frauen:

(…) Die Frauenfeindlichkeit hat in der römisch-katholischen Klerikerkirche seit Jahrhunderten System. Zölibatäre Kirchenmänner bestimmen über den Körper und die Sexualität der Frau, vertreten eine rigide und menschenfeindliche Sexualmoral (…)“.

 Weiter schrieben sie:

(…) Einem solchen System wollen wir als Feministinnen nicht länger angehören: Unsere Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel. Und wie sich zeigt, ist auch unter Papst Franziskus nicht zu erwarten, dass sich dieses patriarchale System vielleicht doch noch ändern könnte. (…)“

Und sie schlossen mit den Worten:

(…) Doch den römisch-katholischen Machtapparat mit seiner patriarchalen Theologie wollen wir mit unserer Mitgliedschaft nicht länger unterstützen. Wir gehen.“

Gegenstand meines heutigen Blogs ist nicht der Kirchenaustritt dieser Frauen, sondern die islamapologetische Haltung Doris Strahms sowie eine Aussage aus einem Aufsatz, die mir ganz besonders auffiel. Nachdem Doris Strahm wegen des Patriarchats der katholischen Kirche, dessen Existenz ich selbstverständlich niemals bestreiten würde, ausgetreten war, wollte ich natürlich ihre Auffassungen über den Islam erfahren. Da sie sich als eine „feministische Theologin“ bezeichnet und sie und ihre Mitstreiterinnen politisch links stehen, hatte ich natürlich eine ganz konkrete und teilweise auch von Vorurteilen geprägte Erwartung, die allerdings nicht wirklich zu meiner großen Überraschung in jeder Hinsicht erfüllt wurde: Doris Strahm hat meines Erachtens eine überaus verharmlosende und in jeder Hinsicht wohlwollende Haltung gegenüber dem Islam. Dass das Patriarchat im Islam ein Wesensmerkmal ist und jenes der von ihr vielgescholtenen katholischen Kirche geradezu harmlos erscheinen lässt, würde sie in ihrer ganz grundsätzlich islamapologetischen Haltung so nicht stehen lassen.

Nur so nebenbei: Das Patriarchat im Islam ist so weitreichend und kulturprägend, so dass sogar säkulare Muslime und selbst Atheisten aus dem entsprechenden Kulturkreis davon beeinflusst sind.

Frauendiskriminierende Inhalte der Scharia werden in den Texten, die ich von Doris Strahm las, jedenfalls nirgends kritisch thematisiert und selbstverständlich würde sie im islamischen Kopftuch anders als ich kein Durchsetzungsinstrument der Scharia erkennen, welches die archaische Sexualmoral des Islam gewährleisten will. Dass es in dieser Sexualmoral unter anderem darum geht, Frauen und Männer, die nicht verheiratet oder miteinander verwandt sind, gesellschaftlich möglichst zu trennen, weil das Gegenteil davon als Unsitte und Unmoral wahrgenommen wird, vermag sie nicht zu erkennen, ebenso wenig die Tatsache, dass Frauen von dieser Sexualmoral und mit dem damit einhergehenden Patriarchat in diskriminierender Weise wesentlich stärker betroffen sind als Männer. Was sie aber vor allem nicht begriffen hat, ist die Tatsache, dass die katholische Kirche nicht wirklich über den Körper und Sexualität der Frau bestimmt, wie die sechs Frauen dies in ihrer Medienmitteilung schrieben, nur schon deshalb nicht, weil ihr die Mittel des Zwangs fehlen. Anders sieht dies in den islamischen Gesellschaften und Parallelgesellschaften im Westen aus, wo entsprechende Pflichten aus der Welt der islamischen Sexualmoral entweder durch den islamisch geprägten Staat oder durch die Gläubigen selbst durchgesetzt werden. Etwaige Einwände oder Kritik gegen diese Dinge werden von ihr pauschal als „neokolonialer Duktus westlicher Feministinnen“ bezeichnet, so Strahm in einer kopftuchapologetischen Vorlesung aus dem Jahr 2007 im Rahmen ihres Lehrauftrags für „Feministische Gender Studies“ an der Universität Luzern mit dem vielsagenden Titel „Schleiersichten – Feministische Debatten um das Kopftuch, Geschlechterkonzepte und Religion“.

Aufhören, das Patriarchat im Islam schön zu reden

Ich will mich nicht länger mit dem Islam-Appeasement von Doris Strahm in ihren Texten befassen, das freilich in einem offenkundigen Widerspruch zu ihrer Kritik gegenüber der katholischen Kirche steht. Wer das Patriarchat der katholischen Kirche, die katholische Sexualmoral und die Vereinnahmung des weiblichen Körpers meines Erachtens völlig zu Recht kritisiert, sollte meines Erachtens auch einen kritischeren Blick gegenüber dem Islam haben und damit aufhören, das Patriarchat im Islam schön zu reden.

Wie bereits erwähnt, soll das eigentliche Hauptthema meines heutigen Blogs eine einzelne aber vielsagende Aussage von Doris Strahm sein, die ich nachfolgend zitieren möchte. Ich las sie mehrmals und ließ sie so richtig auf der Zunge zergehen und empfehle meinen Leserinnen und Lesern das Gleiche zu tun, um zu erkennen, mit welcher Gedankenwelt wir es hier zu tun haben, die an unseren Universitäten weitervermittelt wird. In ihrem islamapologetischen Aufsatz „Damit es anders wird zwischen uns“ aus dem Jahr 2014 schreibt Doris Strahm:

(…) Ein Schlüsselwort in den interreligiösen Dialogen von Frauen ist daher Veränderung: Veränderung der patriarchalen religiösen Traditionen und Strukturen. Frauen eignen sich die Definitionsmacht an, lesen die Heiligen Schriften mit ihren Augen und suchen nach den befreienden Elementen in ihren religiösen Traditionen, um die patriarchalen Strukturen zu transformieren. (…)“

Als ich diese Sätze las, musste ich natürlich zunächst schmunzeln, weil diese im Zusammenhang mit ihrem Kirchenaustritt nichts anderes bedeuteten, als dass Doris Strahm selbst bei diesem Vorhaben kolossal gescheitert war. Ihre Aneignung der „Definitionsmacht“ hatte ihr jedenfalls nichts gebracht, sofern so etwas in ernstzunehmender Art und Weise überhaupt jemals stattfand, auch nicht das Lesen der „Heiligen Schriften“ mit Frauenaugen. Und vor allem war es ihr mit solchen Aktionen offensichtlich nicht gelungen, die „patriarchalen Strukturen“ der katholischen Kirche zu „transformieren“.

Da es im Aufsatz, aus dem die vorzitierte Textstelle stammt, nicht um die Kirche sondern vielmehr um den Islam geht, ist es nur fair, sich die Frage zu stellen, ob ein solches Vorhaben in der Welt des Islam gelingen könnte. Genau darin besteht ja die Forderung der „feministischen Theologin“. Das bedeutet also, dass sie von muslimischen Theologinnen erwartet, dass sie den Koran (und wohl auch die Hadithe) mit Frauenaugen lesen, nach befreienden Elementen suchen und damit den Islam von dessen patriarchalen Strukturen transformieren.

Die Leserinnen und Leser sollten nicht so pessimistisch sein! Die Antwort auf die Frage, ob so etwas möglich ist, ist ein klares Ja! Selbstverständlich ist so etwas möglich, dies allerdings in erster Linie an Universitäten in westlich geprägten Ländern, wo man dank den akademischen Freiheiten die Verquickung des Gender-Feminismus mit den Islamwissenschaften an Lehrveranstaltungen hautnah miterleben kann. Dort sind der Fantasie natürlich keine Grenzen gesetzt und man kann die ideologisch motivierte „Wissenschaft“ betreiben, die eigentlich keine ist, in der jede Kritik gegenüber dem Islam als „postkolonialer Rassismus“ bezeichnet wird, vermutlich begangen von weißen privilegierten heterosexuellen Cismännern, die über 50 sind.

In muslimisch geprägten Ländern hingegen müssten muslimische Frauen zuerst einmal überhaupt das Glück haben, in den Genuss eines Theologiestudiums zu kommen. Das ist nicht in jedem Land möglich. Wenn eine solche Theologin, der dies gelingt, danach eine feministische Lesart des Koran entwickeln und diese sogar an der Universität lehren würde, um den Islam von dessen patriarchalen Strukturen zu transformieren, würde sie allerdings ernsthafte Probleme bekommen, die man durchaus als lebensbedrohlich bezeichnen kann.

Die zweite Frage, die man sich auch stellen sollte: Gesetzt der Fall, dass die muslimische feministische Theologin mit der selbstgegebenen Mission, die patriarchalen Strukturen der islamischen Gesellschaft, in der sie lebt, und die islamische Theologie zu transformieren, nicht gelyncht wird: Glaubt Doris Strahm wirklich, dass islamische Gesellschaften dazu bereit sind, eine allfällige feministische Lesart der heiligen Schriften des Islam durch solche Gelehrte anzunehmen und ein eigenes und modernes Lebenskonzept daraus zu machen, so dass tatsächlich eine gesellschaftliche Transformation erfolgt? Wo soll das stattfinden? In den Scharia-Parallelgesellschaften in Europa? Oder gar in den muslimisch geprägten Ländern selbst?

Wer solche Dinge wirklich in Betracht zieht – und dies scheint bei Doris Strahm der Fall zu sein – ist hauptsächlich ideologisch motiviert und verfolgt geradezu utopische Ziele, die mit der Realität nichts zu tun haben. Vielleicht sollte sich Doris Strahm die nachfolgenden Fragen stellen und versuchen, diese ehrlich zu beantworten. Sie sind eine Art „Reality Check“ für „feministische Theologinnen“ mit einem ambivalenten Verhältnis zum Patriarchat.

Ist das, was ich als Doris Strahm tue und in der Vergangenheit tat, auch in einem islamischen Kontext möglich?

Gibt es feministische Theologinnen in muslimisch geprägten Ländern, die eine feministische Lesart der Heiligen Schriften (Koran, Hadithe und Sira) propagieren, um ihre patriarchalen Gesellschaften und Strukturen zu transformieren?

Wie viele feministische Theologinnen in muslimisch geprägten Ländern mit Lehraufträgen an der Universität, die so etwas tun, engagieren sich im Bereich des „interreligiösen Dialogs“, bei welchem sie als Angehörige der Mehrheitsreligion Islam auf Geistliche und andere Vertreter anderer Religionen zugehen, sich genuin für die anderen interessieren und andere Religionen als eine Bereicherung wahrnehmen?

Und vor allem: Wie viele feministische Theologinnen in islamisch geprägten Ländern haben – nachdem sie erkannt haben, dass sie die patriarchalen Strukturen ihrer Glaubensgemeinschaft nicht aufweichen können – sich vom Islam abgewandt und diese Handlung überlebt?“

Hier geht's zum Originalartikel...

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