Bibel und Homosexualität

Stimmt es, dass Homosexuelle aufgrund negativer Kommentare in der Bibel Verachtung verdienen?

Bibel und Homosexualität

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Das ist eine der vielen Fragen, die Christen zu einem „exegetischen Eiertanz“ führen, der sehenswert ist. Tanz die Bibel!

- Wir müssten zwei Dinge betrachten, wenn wir der Bibel als antikes Dokument gerecht werden wollen:

- Autorenintention: Was wollte der Autor der entsprechenden Bibelpassage den Lesern seiner Zeit mitteilen?

Rezeptionsgeschichte: Wie wurde das tatsächlich von den Leuten damals interpretiert, und wie hat sich das gewandelt?

Dass es nur um „Tempelprostitution“ ging, das steht in den einschlägigen Texten nicht. Das ist reine Fantasie, die sich auf nichts stützen kann. Wäre dies die Intention der Autoren gewesen, dann hätten sie diese Einschränkung erwähnt. Auch die Rezeptionsgeschichte verrät uns, dass über anderthalb Jahrtausende die Menschen nicht auf die Idee gekommen sind, dass nur diese gemeint sei.

Besonders witzig ist, wenn Theologen versuchen, einem einzureden, dass es nur darum ging, Verhältnisse mit Abhängigen zu kritisieren. Denn in der Bibel wird es als selbstverständlich hingestellt, dass eine weibliche Sklavin uneingeschränkt zur Verfügung ihres Herrn dient, auch in sexueller Hinsicht. Das Gleiche gilt für die Frauen, die als „Kriegsbeute“ in die Hände der Gläubigen fallen. Da darf dann auch ein Vater seine Tochter an Männer zu deren sexuellem Vergnügen ausliefern. Es gibt viele Beispiele, die zeigen, dass Abhängigkeitsverhältnisse fast uneingeschränkte Rechte verleihen. Kinder darf und sollte man töten, wenn sie ungehorsam sind oder fremden Göttern dienen, man darf sie verheiraten und in die Sklaverei verkaufen. Eine Kritik an der Ausnutzung von menschlichen Abhängigkeitsverhältnissen findet man nirgendwo in der Bibel, dass also ausgerechnet die Autoren an dieser Stelle eine Ausnahme machen, ist so unplausibel wie nur irgendwas.

Das ganze Alte (AT) und auch das Neue Testament (NT) etabliert ein Abhängigkeitsverhältnis von Gott zum Menschen, und dass dies Gott das Recht gibt, alles mit den Menschen zu tun, was er will - es ist immer moralisch gerechtfertigt. Wenn man einen roten Faden in der Bibel sucht, dann wird man hier fündig.

Nein, Homosexualität von Männern wird in der Bibel generell, AT wie NT, als verächtliche, gar todeswürdige Praxis, angesehen und verurteilt. Nebenbei: Die Homosexualität von Frauen wird nicht erwähnt, sie kommt in der Bibel nicht vor, hier gibt es keine Regeln. Das liegt auch daran, dass Frauen generell von den Männern abhängig sind und keine eigenständigen sexuellen Rechte haben, allenfalls Pflichten. Hier wird also ein ausbeuterisches Verhältnis von Männern und Frauen etabliert und als rechtens angesehen.

Entsprechend uminterpretieren

Nun hat sich die Moral in dieser Hinsicht gewandelt. Gut so! Um immer noch behaupten zu können, dass unsere Moral oder unsere Werte biblischen Ursprungs sind, muss man diese entsprechend uminterpretieren, damit es in die heutige Zeit passt - und damit man weiterhin die Oberhoheit über die Moral beanspruchen kann. Da muss man dann die „schwarze Moral“ der Bibel weißwaschen. Dazu braucht man den „exegetischen Freibrief“, der es erlaubt, in einen Text hineinzulesen, was da nicht steht, und was deswegen lange Zeit auch anders verstanden wurde.

Ist ja auch lustig, dass man den vorigen Generationen - auf deren Tradition man seinen Glauben aufbaut - unterstellt, dass sie jahrhundertelang die Bibel falsch verstanden hätten. Wenn dem so wäre, wäre auch jeder darauf basierende Glauben falsch - aber so weit will man dann doch nicht denken, und so logisch schon überhaupt nicht.

Es ist die überholte, bronzezeitliche Moral, die verachtenswert ist, inklusive der Versuche, sie weichzuspülen und reinzuwaschen. Warum kann man sie nicht als das sehen, was sie ist? Als eine längst überholte Moral aus alten Tagen? Warum sieht man nicht, dass sich menschliche Moral im Laufe der Zeit wandelt, und dass dies öfters sogar zum Besseren ist? Warum sollen wir immer noch glauben, dass unsere Moral auf der der Bibel aufbaut? Das tut sie so sehr wie unsere Gesellschaft auf den Werten der Nazizeit basiert, nämlich in bewusster Abwendung davon, in der Erkenntnis, dass es keiner Gesellschaft guttut, auf solchen Werten aufzubauen. Moral hat auch etwas mit Erfahrung zu tun, was bedeutet, man kann auch dazulernen im Laufe der Geschichte. Außer, man braucht dazu ein antikes Buch, dass man dann nach Belieben uminterpretiert. Denn dann hechelt man der aktuellen Moral immer hinterher und erkennt indirekt auch die Oberhoheit der gewandelten, neuen Moral an: Indem man verzweifelt und an dünnen Haaren herbeigezogen seine alten Texte per Interpretation anpasst. Dann sind aber sowohl die alten Texte als auch ihre neue Interpretation vollkommen überflüssig, und man kann sich diese mentale Gymnastik vollständig sparen.

Früher wurde Homosexualität deswegen geächtet, weil man glaubte, sie sei „ansteckend“ und könnte damit die allgemeine Fruchtbarkeit des Volkes senken. Man wusste eben nicht, dass es keine „Verführung zur Homosexualität“ gibt, weil es sich um eine genetische Veranlagung handelt. Verführung impliziert Schuld, das ist der alte Erkenntnisstand, Veranlagung impliziert keine Schuld. Das ist ein Fall, wo wir dazugelernt haben (zugegeben: nicht alle Menschen) und unsere Moral angepasst haben. Die Bibel als moralische Grundlage zu nehmen heißt eigentlich nur, sich zu weigern, dazuzulernen. Deswegen sind Christen tendenziell auch moralisch konservativer.

Ein Konservativer ist ein Mensch, der die radikalen Ansichten von vorgestern in die Angelegenheiten von Heute einführen möchte.

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