Das Marienevangelium!

„Lebens- und Glaubenshilfen“ in den „Sonntagsgedanken“ als wöchentliche Indoktrination. Eine Satire.

Das Marienevangelium!

Foto: pixabay.com / Pexels

In einem westfälischen Provinzblatt in der „Wallfahrtsstadt Werl“ erscheinen Woche für Woche sogenannte „Sonntagsgedanken“, in denen ausschließlich Vertreter der Kath. und Ev. Werler Kirchengemeinden seit Jahrzehnten zum Wochenende Texte veröffentlichen dürfen. Andere Religionsgemeinschaften oder religionsfreie Autoren sind nach Auskunft der Redaktion ausdrücklich von der Teilnahme an der Rubrik „Sonntagsgedanken“ ausgeschlossen. Kritik an den Inhalten wird grundsätzlich nicht veröffentlicht.

Die Autoren der Texte sind durch die Redaktion ausdrücklich berufen und fühlen sich offensichtlich befugt und kompetent, den Lesern ihre „Lebens- und Glaubenshilfen“ aufdrängen zu dürfen. Die wöchentliche Indoktrination!

Welche „Qualität“ solche „Sonntagsgedanken“ auszeichnet und welcher Geist dahintersteckt, mag man beispielhaft für viele solcher „sonntäglicher Gedanken“ aus dem Beitrag eines Anstaltsgeistlichen aus der Werler JVA entnehmen.

Dass der Verfasser in seinem erfundenen Brief, „Jesu an seine Mutter“, die Gedanken ermordeter Widerstandskämpfer gegen die Nazis benutzt und mit Heilssprüchen aus der Bibel vermischt und daraus einen absurden Zusammenhang konstruiert und dann damit eine „gesegnete Passions- und Osterzeit“ wünscht, dürfte besonders perfide sein.

In seinen „Sonntagsgedanken“, versetzt sich der Gefängnispfarrer in die Lage des durch Pilatus festgenommenen Jesus, der seiner Mutter aus dem Verliese des Pilatus schreibt. Jesus schildert seiner Mutter sein Schicksal, das er und sie vorausgesehen hätten. Er hält seiner Mutter vor, dass sie sich gesträubt habe, diesen Weg zu gehen, den er meinte gehen zu müssen. In der Einsamkeit der Zelle fühle er sich verlassen und der Versuchung ausgesetzt, doch ein König zu werden, wie ihn sich Pontius Pilatus vorstelle, ein König der Völker!

Pilatus halte ihn für einen Narren, weil er von der Tiefe „unseres Glaubens und dem Gott, der für sein Volk leidet“, nichts begriffen habe.

Auf welchen gemeinsamen Glauben sich Jesus mit dieser an seine Mutter gerichteten Offenbarung als Gott, der für sein Volk leidet, bezieht, wird aus den „Sonntagsgedanken“ nicht klar.

Weiterhin lässt der Verfasser Jesus sagen: „Was mir wirklich Kummer bereitet, ist die Ungewissheit, ob du heute meinen Weg verstehst.“

In der weiteren Folge seines fiktiven Briefes bedient sich der Verfasser angeblich der Gedanken von Widerstandskämpfern, die in ihrem Schmerz und in der Aussichtslosigkeit ihrer Lage, den Tod vor Augen haben und sich von ihren Mitmenschen verabschieden.

In diesem Zusammenhang lässt er dann Jesus sagen, dass er sich im Tod den unzähligen Menschen, die sterben werden und gestorben sind, nahe fühle. Der Verfasser unterlässt es, in seinen „Sonntagsgedanken“ den von den Nazis ermordeten Widerstandkämpfer, deren Gedanken er aufgenommen haben will, zu Wort kommen zu lassen – Quellenangabe: Fehlanzeige!

Nach diesen grotesken Zusammenhängen darf dann offenbar der Bezug zur Bibel nicht mehr zu kurz kommen, und mit dem Gleichnis vom Samenkorn, das hundertfältig Frucht bringt, lässt der Verfasser in seinen „Sonntagsgedanken“ Jesus mit der Botschaft an seine Mutter sagen, dass er alles Leben einhauchen möchte, das in ihm sei, damit so wenig wie möglich davon verloren ginge. Man möge das Leben lieben, es doppelt stark und für ihn mit lieben. Man möge das Leben in beide Hände nehmen und zu Ende leben. Damit wird denn letztlich im Jesusbrief nicht mehr so klar, an wen er seine Botschaft richtet. Allerdings meint er dann wohl wieder seine Mutter, die er, wie er dann schreibt, mit jeder Faser seines Herzens umarme und den Brief mit „Dein Sohn“ beendet.

Der Gefängnispfarrer wünscht dann noch eine gesegnete Passions- und Osterzeit!

Auf diese finstere Geschichte ernsthaft zu reagieren, fällt schwer, insbesondere, wenn in diese „Sonntagsgedanken“ Zusammenhänge angeblicher Gedanken ermordeter Widerstandskämpfer gegen die Nazis eingeflossen sein sollten.

Sollte Jesus allerdings je die Frage an seine Mutter gerichtet haben, ob seine Mutter den Weg, den er gegangen sei, verstanden habe, kann man die Frage nur satirisch mit einem Brief seiner Mutter an ihn beantworten.

Das Marienevangelium

Meine Schuld?

Mein lieber Sohn!

Ein Bote des Pilatus hat mir Deinen Brief überbracht.

Bevor Du nun den Weg gehst, den Du für Dich als vorgesehen siehst und Du in wenigen Stunden schmachvoll zum Gespött der Menschen, wie unzählige vor Dir, mit Verbrechern am Kreuz aufgehängt und qualvoll sterben wirst, will ich Dir ein Geheimnis verraten.

Mein allerliebstes Herzjesulein, Du weißt, so habe ich Dich immer genannt, als Du noch klein warst und in Josefs Zimmermannwerkstatt mit Deinen Brüdern und Schwestern gespielt hast. „Dein Vater“, Josef, war ein Zimmermann, der sein Handwerk verstand, der aber in Nazareth wegen seiner Einfalt immer etwas belächelt wurde. Als ich mit Dir schwanger war und Josef wusste, dass Du nicht sein Kind sein konntest, habe ich die Geschichte mit dem Erzengel Gabriel – Du weißt schon – erfunden, weil ich Josef nicht verlieren und öffentlich nicht ausgestoßen sein wollte. Du hast immer fest an diese Geschichte geglaubt. Ob Josef die Geschichte geglaubt hat, weiß ich nicht. Er wollte mich wohl auch nicht verlieren und hat Dich wie einen Sohn behandelt.

Ich will nicht auf die Gerüchte eingehen, die sich unsere Nachbarn in Nazareth erzählten, als ich mit Josef und Dir aus Betlehem kam, wo ich Dich heimlich in einem Stall geboren hatte. Ich hätte mich mit einem römischen Soldaten eingelassen, war nur eines der Gerüchte. Für Josef war es sehr schwer, das alles zu ertragen, so dass wir uns entschlossen, für einige Zeit nach Ägypten zu gehen.

Du hast mir geglaubt. Du fühltest Dich, und dafür trage ich die Schuld, von Kind an als von Gott gezeugt und glaubtest an die Mission, dass Du die Auferstehung und das Leben seiest und jeder, der Dir folgen würde, ewiges Leben erlangen könne. Du warst so überzeugt, dass Du nicht einmal bemerktest, wie selbstherrlich, überheblich und arrogant Dein Auftreten war, so dass Deine Brüder und Schwestern Dich für verrückt erklärten und ihr ein schlechtes Verhältnis zueinander hattet. Mit Deinem Spruch, „Wer seinen Bruder einen Narr nennt, ist des höllischen Feuers schuldig“, wolltest Du Dich für die Schmach, Narr genannt zu werden, wohl an Deinen Geschwistern rächen. In Josefs Werkstatt hat man Dich dann auch nicht mehr gesehen.

Mit 12 bist Du in den Tempel gegangen und hast die Hohen Priester mit altklugen Sprüchen und mit Deiner Eloquenz in Erstaunen versetzt. Ja, reden konntest Du, auch wenn es meistens Selbstverständlichkeiten oder zusammenhanglose Sprüche waren, die aus Deinem Munde kamen. Du hast Dich in der Wüste herumgetrieben und den vielen Predigern gelauscht, die unser Volk von den Römern befreien und ein neues Königreich erschaffen wollten. Dann trafst Du auf den Johannes, der unser Volk zur Umkehr und zur Buße aufrief und am Jordan taufte. Du warst ebenso wie das einfache Volk, das dem Johannes lauschte, von seinen Reden und seinem wilden Auftreten fasziniert. Er ernährte sich von Insekten und wildem Honig. Das fandest Du toll. Du ließest Dich von ihm taufen, tauftest daselbst mit ihm und das Volk lauschte Deinen Worten. Als Johannes merkte, dass Deine Ausstrahlung auf die Menschen die seine weit übertraf, machte er Dich zu seinem Nachfolger. Das asketische Leben des Johannes und sein Predigerplatz am Jordan waren allerdings ebenso wenig Deine Sache wie die Zimmermannswerkstatt in Nazareth.

Dass man sich mit dem einfachen Volk, das sich immer bei den Predigern versammelte und Geld und Gaben brachte, ein gutes Leben machen konnte, ließ in Dir den Plan reifen, nicht an einer Stelle zu predigen, sondern umherzuziehen. Dazu brauchtest Du natürlich Mitstreiter als Personal. Also machtest Du Dich zu den Fischern am See Genezareth auf, von denen Du wusstest, dass sie sich mit dem Fischen ein hartes Brot verdienen mussten. Gleich bei Simon und seinem Bruder Andreas, die am See ihre Netze auswarfen, hattest Du mit dem Versprechen auf ein sorgenfreies Leben ohne Arbeit Erfolg. Sie ließen nicht nur ihre Netze am See, sondern auch ihre Familien Zuhause zurück und folgten Dir. Schnell hatten sich auch 10 weitere gefunden und die wichtigsten Aufgaben waren vergeben. Judas, den Du in Iscariot aufgelesen hattest, sammelte für Dich das Geld ein und führte die Kasse. Eine Sünderin, die Du vor einer Steinigung gerettet hattest, salbte Dir die Füße und schloss sich Dir an.

So ging die Wanderschaft in Galiläa los. Du lebtest mit Deinen Aposteln und einer immer größer werdenden Schaar von Jüngern ein schönes Leben. Predigen, Einladungen und Feste feiern. So ging das! Das ging schließlich so weit, dass es Gerüchte gab, Du seiest ein Weintrinker. Besonders nachdem Du auf dem Berg Tabor, da zog es Dich immer zum Predigen hin, bis in die Nacht mit Simon, Jakobus und Johannes getrunken hattest. Ihr trankt solange bis Simon Dich in Gegenwart unserer Propheten Moses und Elija als Lichtgestalt sah und Simon die weintrunkene Idee hatte, Hütten auf dem Berg zu bauen.

Es ist bitter, Dich jetzt in dem Verließ des Pilatus zu wissen, wo Du doch die Öffentlichkeit und das süße Leben mit Deinen Freunden genossen hast. Weißt Du noch, als wir auf einer Hochzeit in Kana waren? Ich habe vergessen, wer dort geheiratet hat. Wir waren auf so vielen Festen, dass man den Überblick verliert. Als der Wein ausgegangen war und ich wusste, dass Du mit Deinen Jüngern immer genügend Wein auf Eurer Wanderschaft mitführtest, bat ich Dich, für Nachschub zu sorgen. Wie brüsk hast Du mich zurückgewiesen, aber dann doch von Eurem Wein nachgeschenkt. Als schließlich alle voll des süßen Weins waren, wurde erzählt, Du hättest aus Wasser Wein gemacht, weil Dein Wein aus den zur Reinigung aufgestellten Wasserkrügen nachgeschenkt wurde.

Am Ende wurden von Eurer Wanderschaft die unglaublichsten Geschichten in ganz Galiläa verbreitet und gelangten schließlich bis nach Jerusalem. Die Römer waren an Prediger gewöhnt und hielten sie für ungefährliche Spinner. Du erinnerst Dich an das Leben des Brian, den man auch in Jerusalem verehrte? Viele aus unserem Volk, die den Predigern zuhörten, hofften, dass unter ihnen der Erlöser von der römischen Besatzung, gar ein neuer König Israels, sein könnte. Darum haben Deine Predigten von einem Königreich Hoffnungen geweckt und, entschuldige, wenn ich Dir das so schreibe, Dir und Deinen Jüngern Spenden beschert, die Euch ein schönes, sorgenfreies Leben ohne mühselige Arbeit verschafften. Wie ein König wurdest Du in Jerusalem empfangen.

Du sahst Dich auf dem Höhepunkt Deiner Beliebtheit als Prediger, ja bereits als Gott oder zumindest von Gott gesandt. Meine Schuld! Warum habe ich Dich nur in dem Glauben gelassen, dass ich Dich unbefleckt, nach der Botschaft des Erzengels Gabriel, empfangen hätte? Die Antwort muss mein Geheimnis bleiben. Wenn Du mir schreibst, dass Pilatus nicht von der Tiefe des Glaubens wissen könne, dass Gott für sein Volk leidet, fühle ich mich schuldig, Dich mit meiner Lüge alleingelassen zu haben. Verzeih mir!

Als Du dann nach Jerusalem kamst, ging Dein erster Weg in den Tempel, dem Haus Deines Vaters, wie Du glaubtest. Als vom Lande kommend, waren Dir die Rituale und Regularien der Tempelordnung unter einer römischen Herrschaft unbekannt. Du wusstest nicht, wie die Opfergaben für die kleinen Leute beschafft werden mussten. Du wusstest nichts von der Tempelwährung, die es erforderlich machte, Geld zum Kauf für die Opfergaben zu wechseln. Das hat Dich verwirrt und aufgeregt. In Deiner Wut hast Du im Tempel randaliert. Den Römern konnte das egal sein, aber die frommen Juden empörten sich. Es gab Aufruhr, den die Römer nicht dulden konnten. Warum hast Du an dieser Stelle nicht den Mut gehabt, Dich den Römern und den Hohen Priestern zu stellen. Vielleicht wäre die Geschichte ganz anders verlaufen?

Als ich von dem Tempelaufruhr erfuhr, war ich allerdings doch froh, dass Du mit Deinen Leuten geflüchtet bist und Dich versteckt gehalten hast. Ein letztes Mal hast Du mit Deinem Gefolge zu Abend gegessen und Wein getrunken. Dann hast Du, die Aussichtslosigkeit Deiner Lage erkennend, Judas zu Verhandlungen mit den Hohen Priestern fortgeschickt und ihm gesagt, wo Du zu finden seist. Im Garten von Getsemani, Simon war wieder mal nach dem Weingenuss eingeschlafen, wurdest Du verhaftet.

Mein lieber Joshua, Du schreibst mir aus dem Gefängnis, ich hätte es gewusst, dass Du eines Tages im Gefängnis landen würdest und ich mich bis zum letzten Moment gesträubt hätte, den Weg nach Jerusalem zu gehen. Jetzt, nachdem ich Dir mein Geheimnis verraten habe, weißt Du auch warum. Du bist nicht der König für den Du Dich hältst und schon gar nicht der König von dem Pilatus spricht. Es macht mich traurig, wenn Du schreibst, dass Pilatus Dich für einen Narren hält. Er kann nicht wissen, wie tief ein Glaube sein kann, den eine Mutter ins Herz ihres Kindes gelegt hat.

Meine Schuld!

Ich weiß nicht, was nun mit Deinen Begleitern geschieht. Die, die mit Dir umhergezogen sind, haben Dich verleugnet und verlassen. Judas aus Iscariot, Dein treuster Diener, der den König in Dir sah, hat alles Geld in den Tempel geworfen und sich erhängt. Lediglich Deine treue Magdalena trauert.

In großer Schuld bitte ich Dich in Schmerzen um Verzeihung.

Deine Mutter

PS: Etwas beunruhigt mich. Dein Bruder Jakobus berichtet mir, dass sich ein im Sold der Hohen Priester stehender griechischer Jude namens Saulus brennend für Deine Wandergeschichten und die Vorteile des Lebens eines Predigers interessiere. Aus einem Versprechen mit dem Weiterleben nach dem Tode, ließen sich Paläste bauen. Dazu müsste man Dich nur von den Toten auferstehen lassen. Er wolle sich die Sache überlegen! Ich verstehe nicht, was er plant.

Kommentare

  1. userpic
    ChrisV

    "Das Marienevangelium" - einfach genial. :)
    Meinen Dank an die Autoren dieses Textes.

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    1. userpic
      MartinZ

      Dem schließe ich mich an! :)

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