Worin unterscheiden sie sich?
Auch wenn das Wort „Glaube“ verwendet wird, meint beides etwas radikal unterschiedliches.
Glauben ist ein vieldeutiger Begriff, je nach Kontext kann er bedeuten: vermuten, denken, meinen, hoffen, wünschen, vertrauen, annehmen und einiges mehr.
Im religiösen Kontext wiederum bedeutet glauben etwas völlig anderes: Eine feste Überzeugung, gegründet auf das Vertrauen in Personen, gespeist durch Hoffen und Wünschen, für die man keine Beweise hat. Schlimmer noch, meist glaubt man an etwas, was explizit gegen Kritik immunisiert wurde, was also nicht widerlegt werden kann.
Wissenschaft basiert aber auf dem Prinzip der Falsifikation: Jede Annahme muss so formuliert sein, dass man logisch mögliche beobachtbare Fakten angeben kann, die diese Annahme widerlegen.
Daher sind Glaube an Gott und Glaube an Wissenschaft nicht einmal logische Gegensätze, sie spielen nicht einmal in derselben Liga. Während die Wissenschaft versucht, sich der Wahrheit in kleinen Schritten anzunähern, denken die Gläubigen, sie hätten schon „die Wahrheit“, die sie annehmen, bevor sie wissen können, was wahr ist. Nicht nur das, jeder Versuch, sich der Wahrheit anzunähern, wird aktiv blockiert und ausgeschlossen. Das mag nicht für alle Glaubenssätze in gleichem Maße gelten, aber sicher für die Aussage „Gott existiert“.
In dem Sinne, in dem religiöse Menschen an Gott glauben, muss man nicht an Wissenschaft glauben und sollte es auch nicht, weil man dann den Boden jeglicher Wissenschaft verlässt. Religiöser Glauben hat in der Wissenschaft nichts zu suchen und sollte unter allen Umständen vermieden werden. Auch wenn theologische Sprachspiele dazu benutzt werden, den Gläubigen einzureden, Glaube an Gott und Glaube an Wissenschaft habe dieselbe Bedeutung, weil dasselbe Wort verwendet wird.
Das alles hat mit einem Thema zu tun, über das seit Jahrtausenden gestritten wird: Epistemologie.
Siehe auch: Epistemologie (oder auch: Erkenntnistheorie).
Wie kommen wir zu Wissen? Woher wollen wir wissen, was wahr ist? Wie können wir Wahrheit und Falschheit unterscheiden? Bis heute ist das Gebiet umstritten. Es gab Auseinandersetzungen zwischen Materialisten und Idealisten, Rationalisten und Empiristen und das in allen Schattierungen und Kombinationen. Einen Überblick über die Historie alleine würde schon den Rahmen hier auf Quora bei weitem sprengen, geschweige denn eine Aufzählung der Argumente pro und Kontra der diversen Positionen, das erfordert ein Buch von tausend Seiten. Es gibt quasi keinen Weg, den man nicht versucht hätte, keine Idee, die nicht auch heute noch vertreten wird.
Die Wissenschaft hat ihren eigenen Weg gesucht und gefunden. Dieser beruht auf einer meist völlig verkannten oder ignorierten Tatsache: Wir verfügen über kein Wahrheitskriterium. In der Theologie, der Grundlage des Glaubens, wird das ignoriert, man hat nach einem Ersatz gesucht, und meint, ihn gefunden zu haben: Offenbarung und reiner Rationalismus, der auf Intuition basiert. Nichts davon taugt als Kriterium für Wahrheit. In der Physik gilt Intuition als ein sicherer Weg, sich über die Beschaffenheit der Welt zu irren. Wenn in der Physik etwas intuitiv plausibel erscheint, ist es mit sehr großer Sicherheit falsch. Reiner Rationalismus, die Idee, dass man sich im Kopf ausdenken kann, wie die Welt funktioniert, ist komplett widerlegt und logisch unhaltbar. Die Annahme einer Offenbarung basiert auf einem schweren logischen Widerspruch, ist daher mit Sicherheit falsch - mehr Sicherheit kann man nicht haben.
Trotzdem wird immer noch darüber gestritten, ob das was, was unlogisch ist, auf logischen Widersprüchen basiert, nicht dennoch wahr sein könnte. Eine Idee, die in der Mathematik und Wissenschaft als erledigt betrachtet wird, aber immer noch die Theologie und Teile der Philosophie durchseucht. Im Alltag spielen subjektive Wahrheiten noch eine Rolle, was in sich widersprüchlich ist: Wenn es sich um Wahrheit handelt, ist es objektiv, so ist Wahrheit definiert.
Die rationale Theologie beruht auf reinem Rationalismus, eine längst widerlegte Idee, aber immer noch die Basis des Glaubens. Auch Unvernunft spielt immer noch eine Rolle, Synonyme: Irrationalität oder Beliebigkeit.
Wissenschaft im Kern besteht aus der Idee, dass man über das Verhalten der Natur darauf schließen kann, wie sie funktioniert. Dazu sieht man, wie weit man kommen kann, ohne die Idee eines eingreifenden übernatürlichen Gottes zu verwenden. Man kann ja mit Gott bekanntlich alles erklären: Warum ist der Himmel blau? Gott hat das so eingerichtet. Woher kommen Blitze? Von Gott. Gott ist eine Universalerklärung, mit der man alles erklären kann, und damit letztlich nichts. Wie weit kommt man, wenn man auf solche Pseudoerklärungen verzichtet? Das bezeichnet man als methodischen Atheismus, die Basis aller Naturwissenschaften: Kann man erklären, warum der Himmel blau ist, ohne das Gott zuzuschreiben? Das heißt nicht, dass man die Existenz Gottes ausschließt, sondern nur, dass man so weit darauf verzichtet, wie es nur irgend möglich ist.
In der Theologie, vor allem der Apologetik, wird immer noch darauf herumgeritten: Die Wissenschaft kann das Phänomen X nicht erklären, also muss man Gott annehmen. Beispiele für X wären: die Herkunft des Universums, die Entstehung des ersten Lebens, die Werte für die Naturkonstanten, u. v. a. m. Aber diese Erklärungslücken, in die man nach Belieben einen Gott oder Götter einsetzen kann, sind bisher immer geschlossen worden, ohne dass man auf Gott zurückgreift. Für die Zukunft kann man weder darauf schließen, dass dies so bleibt, noch, dass sich daran etwas ändern wird. Jede mögliche Aussage der Art „Wir werden niemals wissen, wie das funktioniert“ ist logisch gesehen falsch (in sich logisch widersprüchlich). Denn dazu müsste man alles wissen, was man nicht weiß. Wir können aber nicht wissen, was wir alles nicht wissen, das ist logisch unmöglich.
Erklärungslücken
Rein aufgrund begrenzter Ressourcen für die Wissenschaft haben wir immer Erklärungslücken, die davon abhängig sind, was uns interessiert und wofür wir Geld und andere Mittel erübrigen können. Wenn Gott in jede dieser zufälligen Erklärungslücken passt, dann ist das schon eine seltsame Annahme. Vor allem, weil es in der Vergangenheit nie notwendig war, wissenschaftliche Theorien, die sich als falsch herausstellten, durch irgendwelche theologischen Annahmen zu ersetzen. Es ist nicht sonderlich plausibel, anzunehmen, dass sich daran etwas ändern wird.
Der wirklich dramatische Unterschied zwischen dem „Glauben an Gott“ und der Wissenschaft besteht aus folgendem:
Während die Annahme, es gäbe einen Gott, sorgfältig gegen Kritik immunisiert wird, gilt diese Art der Kritikimmunität in der Wissenschaft als eine schlimmere „Sünde“ gegen die Wahrheit als falsche Theorien oder sogar Lügen. Selbst eine völlig falsche Annahme ist einer kritikimmunen Behauptung immer noch um Größenordnungen überlegen.
Auch hier versucht die Theologie, die Linien zu verwischen. Denn es wird gesagt, dass der Glaube auf der Akzeptanz von Behauptungen basiert, für die es keine Beweise gibt. Aber auch die Wissenschaft basiert auf Behauptungen, die noch nicht bewiesen sind. Also gibt es einen Gleichstand zwischen Theologie und Wissenschaft, denn beide basieren in der Grundlage auf unbewiesenen Behauptungen.
Das ist Quatsch der aller übelsten Sorte, nur nicht leicht zu durchschauen:
Während die Theologie auf Behauptungen basiert, deren Wahrheit angenommen wird, bevor man wissen kann, was wahr ist, weil man das Gegenteil nicht beweisen kann, weil sie unwiderlegbar ist, gilt diese Unwiderlegbarkeit in der Wissenschaft als Kardinalfehler. Für jede wissenschaftliche Aussage gilt, dass man logisch mögliche beobachtbare Tatsachen angeben können muss, die diese Aussage widerlegen. Das ergibt sich aus dem Falsifikationsprinzip, der Basis aller Wissenschaft.
Während also die Theologie in Behauptungen schwelgt, die unwiderlegbar sind, gilt in der Wissenschaft Unwiderlegbarkeit als schwerer Fehler, ein schlimmerer Fehler als eine falsche Annahme. Denn die Wissenschaft ist irrtumskorrigierend, sie kann von völlig falschen Annahmen ausgehen, diese aber herausfinden, widerlegen, und somit korrigierend. Die Theologie ist irrtumsbewahrend, sie kann auch auf falschen Annahmen basieren (was man kategorisch ausschließt, ohne dafür auch nur irgendeinen plausiblen Grund angeben zu können), aber sie macht es unmöglich, die Fehler zu finden.
In der Wissenschaft nähert man sich der Wahrheit, indem man die Irrtümer aussortiert, mit denen man angefangen hat. In der Theologie versperrt man mit allen möglichen logischen Tricks jeden Versuch, Irrtümer herauszufinden und zu beseitigen. Früher ging die Immunisierung gegen Kritik so weit, dass man die Leute, die etwas als Irrtum bezeichneten, als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannte. In der Wissenschaft wird es belohnt, wenn man einen Irrtum aufdeckt, das ist das genaue Gegenteil. So hat man früher angenommen, dass Magengeschwüre auf Stress beruhen. Bis dann zwei Mediziner herausfanden, dass dies nicht stimmt, sondern dass diese auf einer bakteriellen Infektion beruhen, und sie konnten es beweisen. Die Belohnung dafür war ein Nobelpreis, die höchste wissenschaftliche Auszeichnung. Ein Theologe, der behauptet, eine Glaubensaussage sei falsch, kann damit ganz schnell seine akademische Karriere für immer beenden. Das Finden von Irrtümern wird bestraft, in der Wissenschaft wird es belohnt. Das ist ein gravierender Unterschied.
Im Islam kann man noch heute dafür ermordet werden, wenn man sich hinstellt und eine Glaubensaussage als falsch bezeichnet. Wie will man da Irrtümer finden, wenn man sein Leben riskiert? Bei uns bedeutet es „nur“ das Ende der akademischen Karriere, sofern es zentrale Glaubenssätze angreift.
Der Glauben an Gott ist die am stärksten gegen Widerlegung immunisierte Behauptung, die man sich vorstellen kann. In der Wissenschaft gilt der Glauben an kritikimmunen Aussagen hingegen als der schwerste Fehler, den man begehen kann. In dieser Hinsicht sind Glauben und Wissenschaft starke Gegensätze.
Denn eine kritikimmune Behauptung ist schlimmer als eine bloß falsche Behauptung, sogar schlimmer als eine Lüge:
Es ist, wie Harry Frankfurt es formuliert hat: „Jemand, der lügt, und jemand, der die Wahrheit sagt, spielen sozusagen auf gegnerischen Seiten im selben Spiel. Beide reagieren auf die Fakten, wie sie sie verstehen, doch die Reaktion des einen wird von der Autorität der Wahrheit geleitet, während die Reaktion des anderen sich dieser Autorität widersetzt und sich weigert, ihren Anforderungen nachzukommen. Der Bullshitter ignoriert diese Anforderungen gänzlich. Er lehnt die Autorität der Wahrheit nicht ab, wie es der Lügner tut, und widersetzt sich ihr auch nicht. Er schenkt ihr überhaupt keine Beachtung. Aus diesem Grund ist Bullshit ein größerer Feind der Wahrheit als Lügen.“
Mit Bullshit bezeichnet der Philosoph Harry Frankfurt eine Behauptung, die gegen Kritik immunisiert wurde. Die Theologie redet gerne von Wahrheit, öfters als es die Wissenschaftler tun, aber sie ignoriert sie und benutzt sie als schmückendes Label, mit dem man sich auszeichnen kann, aber man muss gleichzeitig jeden Versuch vermeiden, sie zu finden. Gläubige und Theologen sind die stursten Rechthaber, die es gibt, während sich die Wissenschaft permanent wandelt und Fortschritte macht. In der Theologie gibt es seit über zweitausend Jahren keine Fortschritte darin, Gott zu beweisen, stattdessen tut man alles, um ihn unwiderlegbar zu machen. Gibt es einen größeren Gegensatz?
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