Die Embryologie im Koran

Wissen aus dem siebten Jahrhundert?

Die Embryologie im Koran

Foto: Pixabay.com / Afshad

Es soll hier um die sog. „Embryologie“ im Koran gehen, von der Islam-Apologeten behaupten, sie enthalte Wissen, über das ein Mensch im siebten Jahrhundert unmöglich verfügt haben könne. Dieses Wissen weise zwingend auf eine göttliche Offenbarung hin. Ich bezweifle das.

Vielleicht sollten wir zuerst klären, was mit der „Embryologie“ im Koran gemeint ist.

Der Koran enthält in Sure 23 eine Aufzählung angeblicher Entwicklungsstadien des Menschen im Mutterleib. Da steht:

(1) Wir haben doch den Menschen ursprünglich aus einer Portion Lehm geschaffen. Alsdann setzten Wir ihn als Samentropfen an eine sichere Ruhestätte. Dann bildeten Wir den Tropfen zu einem Blutklumpen; dann bildeten Wir den Blutklumpen zu einem Fleischklumpen; dann bildeten Wir aus dem Fleischklumpen Knochen; dann bekleideten Wir die Knochen mit Fleisch; dann entwickelten Wir es zu einer anderen Schöpfung. So sei denn Allah gepriesen, der beste Schöpfer. (Quran 23,12)

(2) Gott erschuf euch aus Staub, als Er Adam erschuf, dann aus einem Samentropfen, dann machte Er euch zu Paaren (Mann und Frau). (Quran 35,11)

(3) Meint der Mensch etwa, er würde sich selber überlassen sein? War er nicht ein Erguß verspritzten Spermas? Dann wurde er ein Blutklumpen; dann bildete und vervollkommnete Er ihn. Alsdann schuf Er aus ihm ein Paar, den Mann und die Frau. (Quran 75,36)

(4) Wir erschufen den Menschen aus einem Samentropfen mit vielfältigen Elementen (Quran 76,2)

Und noch ein etwas eigenartiger Vers:

(5) Darum soll der Mensch denn bedenken, woraus er erschaffen ist! Erschaffen wurde er aus einer herausschießenden Flüssigkeit die zwischen den Lenden und den Rippen hervorkommt. (Quran 86,5)

Das sind m.W. alle Verse im Koran, welche mit der Entstehung des Menschen im Mutterleib zu tun haben. Hinweise auf übermenschliches Wissen kann ich hier nicht erkennen.

1. Wurde die Embryologie im Qur'an wissenschaftlich beschrieben?

1.1. Die 4 Phasen

Ich meine, die Entstehung des Embryos ist im Koran falsch beschrieben. Der Koran beschreibt die Entstehung des Menschen in vier Stadien:

1) Samenphase, 2) Blutgebilde, 3) erster Körper aus Fleisch und Knochen, 4) Körper mit differenzierten Organen und Gliedern.

(Das hat der griechische Arzt und Anatom Galenos von Pergamon 500 Jahre vorher genau so beschrieben, dazu mehr im zweiten Teil!)

Die Schilderung beginnt mit:

1. Phase

wir setzten ihn als Samentropfen an eine sichere Ruhestätte“ (die Gebärmutter)

Das ist biologisch inkorrekt. Der Samentropfen wird nicht zum Menschen, noch wird der Samentropfen an eine „sichere Ruhestätte“, die Gebärmutter gesetzt.

Sondern: In der Samenflüssigkeit schwimmen einige Millionen Spermien. Ein einzelnes Spermium dringt in die Eizelle ein, lässt dabei alle Zellbestandteile zurück außer dem haploiden Chromosomensatz, der im Spermienkopf zusammengedrängt liegt. Die Befruchtung findet in der Regel im Eileiter statt. Dort beginnt die Zygote mit der Zellteilung nach 24 Stunden. Am fünften Tag hat sich die Zygote zur Blastozyste (jetzt etwa 32 oder 64 Zellen) entwickelt. Am sechsten Tag nistet sich die Blastozyste in der Gebärmutter ein. Nicht der Samentropfen (Quran 23,14) sondern ein 32-Zell-Embryo im Blastozystenstadium implantiert sich in der Gebärmutter.

In der Antike war das unbekannt. Aus einer vagen Idee der Embryonalentwicklung, die sich aus oberflächlichen Beobachtungen speist (aus Sperma wird irgendwie ein Embryo, der sitzt in der Gebärmutter) haben die Autoren eine grobe Erklärung gezimmert. Mit einigen Fehlern, wie die moderne Erforschung der Embryologie gezeigt hat.

Hinweise auf übermenschliches, prophetisches Wissen kann ich hier nicht erkennen.

2. Phase

Dann bildeten Wir den Samentropfen zu einem Blutklumpen“

Das ist keine korrekte Beschreibung der Vorgänge der Embryonalentwicklung.

Nicht der Samentropfen wird in die Gebärmutter implantiert, sondern die Blastozyste am sechsten Tag der Embryonalentwicklung. Ein Blutklumpen kommt in der gesamten Embryonalentwicklung nicht vor. Die Blastozyste hat zunächst keine Blutgefäße. Erst in der dritten Woche der Embryonalentwicklung gewinnt der Embryo (genauer: der Trophoblast, der Vorgänger der Plazenta) Anschluss an die mütterlichen Blutgefäße.

Die Bezeichnung „Blutklumpen“ oder „Blutphase“ (bei Hippokrates und Galen) lässt sich aus der damaligen, makroskopischen Sicht verstehen. Der durchscheinende Embryo wird allmählich durchblutet. Die „Haut“ (das Ektoderm) erscheint noch transparent. Damit leuchtet der Embryo blutrot. Er sieht aus wie ein Blutklumpen. An frühschwangeren Schlachttieren und an Fehlgeburten ist das sehr gut erkennbar. Ein grober Beschreibungsversuch des Embryos: „sieht wie ein Blutklumpen aus".

Diese groben und oberflächlichen Eindrücke entsprechen exakt dem menschlichen Wissensstand der griechischen Antike, wie sie in den Schriften Aristoteles und Galens überliefert wurden - oder auch im frühmittelalterlichen Arabien problemlos mit eigenen Augen erkennbar waren.

Hinweise auf übermenschliches Wissen kann ich nicht erkennen.

3. Phase

dann bildeten Wir aus dem Fleischklumpen Knochen; dann bekleideten Wir die Knochen mit Fleisch“

Eine sehr eigenartige Vorstellung, die mit der tatsächlichen Embryonalentwicklung nichts zu tun hat.

Die Autoren waren offenbar der Meinung, der Embryo bestehe eine zeitlang aus Knochen, die dann mit „Fleisch“ überzogen werden. Im Koran-Kommentar Tanwir al-Miqbas min Tafsir Ibn ‘Abbas ist das ausbuchstabiert: „dann formten wir den kleinen Klumpen zu Knochen ohne Fleisch, dann kleideten wir die Knochen mit Fleisch.“

Das widerspricht den biologischen Tatsachen. Knochen und Muskeln entstehen etwa zur gleichen Zeit, etwa ab der sechsten Schwangerschaftswoche. Die erste Struktur mit nachweisbarem Knochengewebe ist das Schlüsselbein, dann die Wirbel. Histologische Schnitte zeigen eher das Gegenteil: In dieser Zeit lassen sich bereits Muskeln nachweisen - aber noch keine einzige Knochenzelle.

Nachvollziehbar: In der Antike und im Frühmittelalter gab es keine Möglichkeit solche Fragen korrekt zu beantworten.

4. Phase

In Bearbeitung

1.2. Von Blutegeln

Anderswo wird von Muslimen behauptet, dass der Koran die Blutegelgestalt des Embryos vorausgesagt hätte. Dies hätte damals kein Mensch wissen können, Behauptung siehe hier: „Dr. Keith Moore wusste nicht, ob ein Embryo in seinen Anfangsstadium wie ein Blutegel erscheint. Um dies zu überprüfen, studierte er das Anfangsstadium des Embryos unter einem sehr starken Mikroskop und verglich seine Beobachtungen mit dem Diagramm eines Blutegels. Er war erstaunt über die verblüffende Ähnlichkeit der beiden!“

Auf dem Foto kann man mal versuchen, Blutegel und Embryo zu unterscheiden. Was ist abgebildet? (Ich habe es nicht eindeutig sagen können.)

Das obige Bild wurde ohne Mikroskop o.ä. aufgenommen. Mit bloßem Auge ist hier zu sehen: Der Embryo ist ein kurzes, dickes Würmchen, das an der Gebärmutterwand anhaftet und Blut daraus „saugt". Wenn man genau hinguckt, ist es mit Blut gefüllt. In der Antike und ganz ohne wissenschaftliche Bildung hätte ich sowas einen „Blutegel“ genannt. Denn ein Embryo sieht auch noch später, wenn es mit bloßen Auge erkennbar ist (etwa frühe Fehlgeburten) noch wie ein Blutegel aus. Auch hier also kein Hinweis auf übermenschliches Wissen (sofern mit „Alaqa“ überhaupt Blutegel gemeint war. Normalerweise wird es ja mit „Blutklumpen“ übersetzt.).

1.3. Was der Koran auslässt

Interessanter ist vielleicht, was der Koran (sofern man ihn als naturwissenschaftliches Werk auffassen will) in seiner Schilderung der Embryonalentwicklung auslässt. Beinahe alles Relevante.

Die Eizelle. Die Frau ist nicht nur eine „sichere Ruhestätte“ (23,13), ein „Acker“, ein „Boden für eure Saat“ (Quran 2,224), ein Backofen, in dem der männliche Samen ausgebrütet wird, sondern beteiligt sich gleichberechtigt an der Zeugung. Jedes Elternteil steuert einen halben Chromosomensatz bei.

Die Verschmelzung mütterlicher Eizelle und väterlicher Samenzelle im Eileiter. Erste Zellteilung nach 24 Stunden. Stadium der Blastozyste am fünften Tag. Einnistung in der Gebärmutter am sechsten Tag. Amnionhöhle entsteht am 8. Tag.

Die Keimscheibe faltet sich mittig am 20. Tag zur Neuralrinne, daraus entstehen später Gehirn, Rückenmark und umgebende Strukturen. Wie wäre es hier mit einem göttlichen Ratschlag an dieser Stelle? „Schwangere, esst ordentlich grünes Blattgemüse, Nüsse und Hülsenfrüchte. Die enthaltene Folsäure verhindert den (damals oft tödlichen) „offenen Rücken“, also Defekte beim Neuralrohrverschluss.“

Überraschend wäre auch eine Beschreibung der separaten Herz-Gefäßschläuche, die in der dritten Woche verschmelzen. Am 22. Tag beginnt das Herz zu schlagen. Wie entstehen Zwillinge? Wie entstehen eineiige Zwillinge? Nicht mal so was Banales wie: „Hebammen, wascht Euch die Hände - am besten mit Alkohol“ ist in dieser göttlichen Offenbarung an die Menschheit enthalten.

Nachvollziehbar: Ein Buch aus dem siebten Jahrhundert weiß davon nichts. Es beschränkt sich auf grobes Halbwissen, das mit damaligen Erkenntnismitteln, mit dem bloßen Auge, an Fehlgeburten und schwangeren Schlachttieren erkennbar war.

2. Hat der Prophet der Muslime von den Griechen abgeschrieben?

Kommen wir zum zweiten Punkt - der Überlieferungsgeschichte dieser „embryologischen“ Verse.

Der Koran beschreibt – wie dargelegt wurde - vier Stadien: 1) Samen, 2) Blutgebilde, 3) erster Körper aus Fleisch und Knochen, 4) Körper mit differenzierten Organen und Gliedern. Das hat der griechische Arzt und Anatom Galenos von Pergamon 500 Jahre vorher genau so(sic!) beschrieben.

Das Werk Galens, das als Referenzwerk der antiken Medizin bis in die Neuzeit galt, war im Mittelmeerraum und im Nahen Osten durch Übersetzungen ins Syrische bekannt. Sie wurden in der medizinischen Universität in Jundishapur gelehrt. Einer ihrer Absolventen war al Harith ibn Kalada. Dieser war ein Gefährte Mohammeds. Es ist also kein Zufall, dass die von Galen und Mohammed jeweils beschriebenen Sequenzen praktisch vollkommen übereinstimmen. Die beeindruckendste Gemeinsamkeit: sie haben beide praktisch überhaupt nichts mit den wirklich relevanten Abläufen in der Embryonalentwicklung zu tun.

Die historisch-kritische Koranforschung (Projekt Corpus Coranicum der Berlin Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften) nennt Galens Text als Ursprung für die Koranverse über Embryologie.

2.1. Ein Ausflug in die Embryologie

Ich denke, nichts heilt effektiver von der Idee „göttlich offenbarter Embryologie“, als eine Beschäftigung mit tatsächlichen Abläufen in der Embryonalentwicklung. Die relevanten Informationen zur Embryonalentwicklung haben überhaupt nichts mit dem zu tun, was bei Galen und im Koran steht.

Ein kurzer Einblick:

http://www.embryology.ch/genericpages/moduleembryode.html

„der Qur'an hat alle wichtigsten Abläufe stehen.“

Sorry, aber sowas kann man nur glauben, wenn man nichts von Embryologie weiß. Die wirklich relevanten Informationen sind nicht solche Allerweltsbeobachtungen von Samen und Blutklumpen und Gebärmutter, sondern Chromosomen, Gametogenese, meiotische Teilungen, Implantation, Gastrulation, Primitivstreifen, Somitenbildung, Neurulation, Entwicklung des intraembryonalen Mesoderms, Chorionbildung, Abfaltung, Keimblätter, Kiemenbogenderivate, Organogenese usw.

Die Worte „Samenphase“ oder „Blutklumpen“ oder „Fleischklumpen“ kommen in einer Embryologie-Vorlesung überhaupt nicht vor. Galen und der Koran reden vollkommen an den relevanten Informationen vorbei.

Die Sequenzen bei Galen und im Koran stimmen beinahe vollkommen überein. Es ist offensichtlich, dass hier ein Wissenstransfer stattgefunden hat. Und wie gesagt: relevanter ist, was alles fehlt: Alles von Wichtigkeit. Alles, was unterhalb der makroskopischen Sichtbarkeit liegt.

Allein eine so banale Feststellung wie: Eine Frau produziert eine Eizelle pro Zyklus - und der Mann 60 Millionen Samenzellen pro Ejakulat - wäre eine überraschende und neue und relevante Information gewesen, die über den Wissensstand der Spätantike hinausgeht. Sowas suchen wir bei Galen und im Koran vergeblich.

Macht Dich das nicht ein bisschen nachdenklich? In einer „göttlichen Offenbarung“ finden wir nichts anderes als das Vorwissen der alten Griechen?

3. Fazit

Ich komme zum Schluss. Ich persönlich halte es für ein vergebliches Unternehmen, naturwissenschaftliche Erkenntnisse aus dem Koran herauslesen zu wollen. Das funktioniert immer nur als nachträgliche Behauptung. Sobald Naturwissenschaftler irgendein Phänomen erklärt haben, machen sich Apologeten auf die Suche nach geeigneten Koranversen, die sich in den Dienst einer Prophetie-Behauptung pressen lassen. Und wenn eine naturwissenschaftliche Erkenntnis eine Sure widerlegt, deuten sie diese einfach um, notfalls auch im Sinne einer neuen wissenschaftlichen Erkenntnis.

Man sollte die Methode dieser Koranexegeten beim Namen nennen: Beliebigkeit.

Und Beliebigkeit ist bekanntlich das genaue Gegenteil von Vernunft.

Die Hippokratischen / Galenschen Phasen der Embryonalentwicklung werden im Koran noch an anderer Stelle erwähnt: „Er hat euch doch in verschiedenen Entwicklungsphasen erschaffen.“ (71:14)

Moderne Islam-Apologeten versuchen, diesen Vers in den Dienst einer anderen naturwissenschaftlichen Entdeckung zu pressen: der Evolution. Mit den „verschiedenen Entwicklungsphasen“ seien jetzt die evolutionären Phasen in der Entstehung des Menschen gemeint gewesen.

Ein gutes Beispiel dafür, wie die „wissenschaftlichen Wunder“ in den Koran kommen: Durch nachträgliche Interpretations-Akrobatik im Sinn aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse. Das demonstriert Beliebigkeit und ein nur lockeres Verhältnis zur Wahrheit.

Das ist ja klar: Wer fest entschlossen ist, Prophetie zu erkennen - und wer bereit, beinahe jedes Wort durch ein entlegenes Synonym zu ersetzen, der findet auch noch embryologische Prophetie im Dr. Oetker-Backbuch.

Moderne Exegeten raten davon ab. Muhammad Assad (Message of the Quran): „Es ist nicht sinnvoll, die Gültigkeit des Korans von wissenschaftlichen Erkenntnissen abhängig machen zu wollen, die den Koran heute eindrucksvoll bestätigen mögen, morgen aber ebenso gut widerlegt werden können.“

Eine kluge Aussage (auch wenn er im nächsten Satz über die Prophetie des Urknalls im Koran staunt.)

Die Übernahme halbwahrer Embryologie der Griechen zeigt deutlich, dass der Koran ein menschliches Buch mit einem menschlichen Entstehungshintergrund ist.

Bei aller Bedeutung, die der Koran für Gläubige hat, würde ich für einen ehrlichen Umgang mit seiner Entstehungsgeschichte plädieren. Projekte wie das „Corpus Coranicum“ von Angelika Neuwirth und ihrem Team leisten hier wichtige Arbeit.

Hier geht's zum Originalartikel...

Kommentare

  1. userpic
    Bernd Kammermeier

    Das Problem ist ja nicht, dass in alten Texten (egal ob klerikal oder profan) nur veraltetes Wissen stehen kann. Und das tut es zur Genüge. Problematisch wird es, wenn Gläubige heute diese fehlerhaften Texte für bare Münze nehmen und für wahr im Sinne der Wissenschaft halten. Erst dadurch diskreditieren Gläubige ihre "heiligen" Bücher und verwandeln nicht Wasser in Wein, sondern die verzeihlichen Fehler der Vergangenheit in blühenden Unsinn.

    Ich habe mal eine ähnliche Analyse zum Problem der Wasserscheide im Koran vorgenommen (Auszug aus "Der allmächtige Vulkan"):

    "Muslime behaupten bis heute, Salz- und Süßwasser seien nicht mischbar. Die entsprechenden Verse lauten: »Es ist Er, der die zwei Wasser freigelassen hat, eines trinkbar und süß, das andere bitter und salzig; Doch hat Er eine Schranke zwischen sie gesetzt, Und eine Trennung, die zu überschreiten verboten ist.« (Sure 25:53) und »Er hat die zwei sich treffenden Meere freigelassen. Zwischen ihnen ist eine Schranke, die sie nicht überschreiten.« (Sure 55:19-20) Bibelkundige wissen, wie dies gemeint ist: Gott hat laut Genesis tatsächlich eine Schranke zwischen Salzwasser (= Meerwasser) und Süßwasser (= Regen-, Flusswasser) gesetzt. Die Schranke ist nichts anderes als die kuppelförmige Scheidewand zwischen Erde und göttlichem Himmel, deren Überschreiten für Sterbliche verboten ist – und nicht etwa die Halokline, eine als physikalischer Effekt vorhandene Übergangszone zwischen Salz- und Süßwasser. »Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser.« (1.Mose 1,6) Gott schied also Wasser des Himmels vom Wasser darunter. Da Meerwasser salzig und Regenwasser hingegen süß schmeckt, musste das Himmelswasser salzlos, das irdische jedoch salzig sein.

    Der Prophet Elia soll laut Bibel diese Scheidewand sogar beeinflusst haben. So im Buch Sirach geschildert: »Auf Gottes Wort hin verschloss er den Himmel ... « (Sir 48,3). Bei Lukas lesen wir: »Es waren viele Witwen in Israel zur Zeit des Elia, als der Himmel verschlossen war drei Jahre und sechs Monate ... « (Lk 4,25). Das monotheistische Weltbild ging also eindeutig von einer festen verschließbaren Wand als Himmel aus, die durch Gebete beeinflusst werden konnte. Dabei hatte der griechische Philosoph und kritische Rationalist Xenophanes bereits im 6. Jh. v. u. Z. – also zur Zeit der Entstehung des AT – die Idee eines Wasserkreislaufs, der Meere und Wolken einbezog, entwickelt (meteorogener Wasserkreislauf).

    Spätestens der heute präzise bekannte Aufbau der Atmosphäre und des erdnahen Weltraums hätte also zur Korrektur der im Koran fehlinterpretierten Bibelverse führen müssen. Doch islamische Wissenschaftler sahen sich nur zu deren Uminterpretation aufgerufen. Ich zitiere aus dem 8. Kapitel Ozeanologie in Koran und moderne Wissenschaft (2013) des indischen Salafisten und Bachelor of Medicine and Surgery, Dr. Zakir Naik: »In dem arabischen Text [die oben zitierten Verse] meint das Wort barzakh eine Barriere oder Trennung. Diese Barriere ist keine physische Trennung. [...] Frühere Kommentatoren des Koran konnten die scheinbar unvereinbaren Bedeutungen der zwei Meere, die sich treffen und vermischen, zwischen denen jedoch auch gleichzeitig eine Barriere ist, die sie nicht überschreiten, nicht erklären. Moderne Wissenschaft hat entdeckt, dass an Stellen, wo sich zwei Meere treffen, sich eine Barriere befindet. Diese Barriere teilt die zwei Meere, sodass jedes Meer seine eigene Temperatur, Salzgehalt und Dichte besitzt.

    Ozeanelogen sind nun in einer besseren Position, den Vers zu erklären. Es gibt eine unsichtbare Wasserbarriere zwischen zwei Meeren, durch die Wasser von der einen See zur anderen gelangt. Wenn das Wasser des einen Meeres jedoch in das andere eintritt, verliert es seine unterscheidende Charakteristik und homogenisiert mit dem anderen Wasser. Die Barriere dient sozusagen als eine homogenisierende Durchgangszone für die zwei Wasser.«

    Naik sucht nach wissenschaftlicher Bestätigung koranischer Aussagen, die auf einem Missverständnis der Genesis durch die Koran-Autoren basieren, wobei die Genesis bereits auf Unkenntnis der physikalischen Ursache fußt. Sein resultierender Zirkelschluss beendet das Kapitel über Ozeanologie: »Prof. Durga Rao schloss: Vor 1400 Jahren konnte kein Mensch dieses Phänomen in solchen Details beschreiben. Also muss die Information von einer überirdischen Quelle gekommen sein.«

    Hier sieht man deutlich, wie Meme (regenreiche Zeit im Neolithikum) zum babylonischen Bild der Erde (Kuppel hält Urflut zurück, Gott kann es regnen lassen) führen, dann zu koranischen Versen (Salz- und Süßwasser darf sich nicht mischen) und schließlich zu einer Verzweiflungsinterpretation (es gibt physikalische Effekte, die Salz- und Süßwasser trennen). Dieser offenkundige Irrtum wäre bei richtigem Verständnis der Genesis nie passiert. Dabei steht sogar im Koran: »Allah ist’s, der die Himmel und die Erde schuf, und er sendet vom Himmel Wasser hernieder...« (Sure 13:33) Solche Beispiele gibt es zu Hauf. Der Koran taugt also nicht, um neue Informationen über Gott zu finden."

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