Die Entstehung des Lebens

Wie erklärten es Atheisten vor Lamarck und Darwin?

Die Entstehung des Lebens

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Wir haben auch heute keine Erklärung für die Entstehung des Lebens (Abiogenese). Das Darwin-Wallace-Prinzip erklärt, was passiert, wenn es bereits Leben gibt. Über die Entstehung des Lebens macht es keine Aussage, das ist nicht Teil der Theorie. Leben wird von Darwin vorausgesetzt, nicht erklärt. Die Evolutionstheorie beschäftigt sich nur mit der Wandlung des Lebens, warum es verschiedene Formen annimmt.

Wir haben inzwischen diverse Theorien, wie das Leben entstanden ist. Aber keine davon wird allgemein anerkannt, alle sind hochspekulativ. Dasselbe gilt auch für die Entstehung des Universums. Wenn es um die Entstehung des Universums oder des Lebens geht, ist alles, was wir wissen, dies: Wir wissen es nicht. Man kann als Atheist entweder anerkennen, dass wir es nicht wissen, oder irgendeiner Spekulation den Vorzug geben, bis diese widerlegt wurde.

Um nicht an Gott zu glauben, oder zu zweifeln, dass es einen Gott gibt, muss man sich nicht alles erklären können. Der Lückenbüßergott, den man in alle Erklärungslücken jeder Art wie einen Joker einsetzen kann, ist selbst vielen Gläubigen suspekt. Denn mit jeder geschlossenen Erklärungslücke schrumpft der Einflussbereich dieses Gottes, und der jeweilige wissenschaftliche Erkenntnisstand bildet die Grenze für Gott. Gott, sozusagen, fristet sein Dasein in dem Bereich des Unerklärlichen, und dieser Bereich schrumpft, so dass Gott kleiner und kleiner und machtloser und machtloser wird mit jeder Forschung, die eine Erklärung findet.

Zudem bemerken Menschen wenigstens ab und zu, dass jeder Schluss von „wir wissen es nicht“ auf „wir haben eine Erklärung“ sich des Denkfehlers eines Arguments von Ignoranz (Argument vom Unwissen aus) bedient. Man kann nicht von dem, was man nicht weiß, darauf schließen, wie es wirklich ist. Dass es immer noch Gläubige gibt — vor allem in den radikalen Flügeln des Glaubens — die meinen, das tun zu können, beweist nur, dass sie schwach in Logik sind.

Atheisten vor Darwin konnten also genau das tun, was heutige Atheisten auch machen: Sagen, dass wir es nicht wissen, und/oder irgendeiner Spekulation den Vorzug geben, in der Gott nicht die Lücke in den Erklärungen füllt. Es gibt eben immer auch Erklärungen, oder Spekulationen über Erklärungen, in denen kein Gott vorkommt. In der Wissenschaft ist das sogar ein Prinzip, das sich „methodischer Atheismus“ nennt (man sucht nach Erklärungen, als ob es keinen Gott gäbe). Diesem Prinzip folgen selbst die gläubigen Wissenschaftler der Sternwarte des Vatikans, aus guten Gründen. Sie verteidigen dieses Prinzip sogar gegen innerreligiöse Kritik. Man könnte sonst als Wissenschaftler auf die Idee kommen, die Wissenschaft ganz und gar einzustellen, weil man ja für alles Unerklärliche die Universalerklärung „Gott war es“ anführen kann. Wenn man das wirklich glaubt, wozu dann noch forschen? Wozu all' die Mühe, der Riesenaufwand, die immense Arbeit, das viele Geld, dass man in Forschungen steckt?

Beten gegen Corona

Man stelle sich vor, alle Menschen wären sich einig gewesen, dass Corona von Gott als Strafe kommt, und dass dagegen nur beten hilft. Dann hätten wir heute keinen Impfstoff. Das gilt für so ziemlich jede wissenschaftliche Erkenntnis. Wer meint, dass Gott als Erklärung für alles dient, ist einfach nur ein Feind aller Wissenschaft. Aber selbst die ärgsten Feinde der Wissenschaft bedienen sich wissenschaftlicher Erkenntnis, die unter der Voraussetzung entstand, dass man forscht, als ob es keinen Gott gäbe. Lediglich die Amish und ähnliche Gruppen könnte man davon ausnehmen, weil sie so leben wie in vorwissenschaftlichen Zeiten. Die sind wenigstens konsequent, und dafür muss man sie mehr bewundern als die Gläubigen, die aus religiösen Gründen die Wissenschaft attackieren und sich dabei jeder nützlichen wissenschaftlichen Erkenntnis bedienen, die falsch wäre und unnütz, wenn sie recht hätten. Mit dieser kognitiven Dissonanz müssen sie leben, und sie werden schnell unangenehm, wenn man sie darauf aufmerksam macht.

Seit der Antike gab es für die Entstehung des Lebens Annahmen, die ganz ohne Gott auskamen. So viele, dass man sich davon jederzeit eine aussuchen konnte, ohne dass man dazu Gott irgendwie durch die Hintertür einführen müsste. Oder man sagte sich, dass man es nicht weiß, sogar im starken Sinne: Ich weiß es nicht und alle anderen wissen es auch nicht.

Für Atheisten stellt das also kein Problem dar, weder heute noch gestern. Für viele Gläubige stellt auch das Darwin-Wallace-Prinzip kein Problem dar. Es sind nur die radikalen Flügel des Christentums, die damit ein Problem haben, und eigentlich teilweise aus den falschen Gründen.

Was die Gläubigen der eher radikalen Ecken nicht vertragen, ist die Tatsache, dass eines der schönsten Argumente für Gott, das Design-Argument der natürlichen Theologie, damit völlig wertlos wurde. Darwin hat der natürlichen Theologie den Garaus gemacht. Argumentativ hatte schon vor Darwin der Philosoph David Hume in „Hume, David. 1981. Dialoge über natürliche Religion“, die natürliche Theologie schwer in Bedrängnis gebracht, ganz ohne Darwin. Interessant ist, dass Hume in dem Buch der Idee der Evolutionstheorie nahekommt, sie dann aber wieder verwirft, was seinen Argumenten keinen Abbruch tut.

Viele der Gläubigen des radikalen Flügels sind auf eine nicht sonderlich intelligente Strategie der Kreationisten hereingefallen, die besagt: Wenn wir Darwin widerlegen, dann können wir die natürliche Theologie restaurieren, und dann haben die Menschen keine alternativen Theorien zu Gott mehr. Das ist ein unglaublicher Unfug, denn auch ganz ohne Darwin wird es immer alternative Erklärungen geben, die ganz ohne den christlichen Gott auskommen. Abgesehen davon, dass man sich der Realität und den Tatsachen stellt und sich eingesteht: Ich weiß es nicht.

Intellektuelle Bescheidenheit wäre manchmal angebracht. Was im Mittelalter die Pest für die Gesellschaft war, ist heute die Pest des: „Ich muss dazu eine Meinung haben, auch wenn ich keine Ahnung habe, und zu sagen 'Ich weiß es nicht' kommt auf keinen Fall in Frage“. Das ist eine menschliche Schwäche.

Ich weiß, dass Dawkins vertreten hat, dass man eigentlich erst seit Darwin Atheist sein kann. Da widerspreche ich ihm, und David Hume beweist es.

Kommentare

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    Ralf Fischer

    Zitat: "... beweist nur, dass sie schwach in Logik sind.

    Atheisten vor Darwin konnten also genau das tun, was heutige Atheisten auch machen: Sagen, dass wir es nicht wissen, und/oder irgendeiner Spekulation den Vorzug geben, ..."
    ( fett von mir)

    Leider beweist der Autor mit der Formulierung und/oder, dass er auch schwach in Logik ist. Warum? Was soll den nun gelten?

    1. Möglichkeit: UND
    D.h. "Sagen, dass wir es nicht wissen, und irgendeiner Spekulation den Vorzug geben."
    Diese Aussage ist nur wahr, wenn beide Teilaussagen wahr sind. Die anschließende ODER-Aussage ist damit sinnlos und sollte deshalb entfallen.

    2. Möglichkeit: ODER
    D.h. "Sagen, dass wir es nicht wissen, oder irgendeiner Spekulation den Vorzug geben."
    Diese Aussage ist bereits wahr, wenn eine Teilaussage wahr ist. Der Wahrheitswert der zweiten Teilaussage ist unerheblich - er kann auch wahr sein. Somit kann (sollte) das UND entfallen, weil es bereits im ODER enthalten ist.

    Deshalb nennt man das "normale" ODER auch das INKLUSIV-ODER, weil es das UND einschließt im Gegensatz zum EXKLUSIV-ODER, das als ENTWEDER ... ODER formuliert wird.

    Diese Logikschwäche findet man in der letzten Zeit immer häufiger und leider macht auch der Duden diesen Quatsch inzwischen mit.

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      Hard Frost

      Nein, das ist sehr wohl logisch. Es handelt sich ja nicht um zwei getrennte Aussagen, deren Wahrheitsgehalte jeweils unabhängig zu überprüfen wären, sondern um das sprachliche Konstrukt einer Implikation.

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        Ralf Fischer

        Vielleicht habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt. Mir ist die Konjunktion UND und die Disjunktion ODER bekannt. Ich sehe das Problem in der Konstruktion mit UND/ODER, die ich leider nicht verstehe. Wann soll UND gelten? Wann soll ODER gelten? Welche Funktion hat der Querstrich /?

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        Hard Frost

        Sie setzen jetzt an einen Text so an, als wäre er ein mathematischer Ausdruck. Aber dort gibt es kein UND/ODER, sondern, wie Sie richtig sagen, nur das Inklusiv-ODER.
        Aber sprachlich ist das schlecht von dem Exklusiv-ODER aka XOR zu unterscheiden, weil das mindestens vor die erste Möglichkeit zu stellende Wort "entweder" oft einfach weggelassen wird, zB weil es sich implizit aus dem Inhalt ergibt (Bsp: "Du kannst links oder rechts abbiegen"),
        Der Atheist kann also folgendes tun
        (1: sagen, dass er es nicht weiss; 2: einer Spekulation, die .. etcpp)
        1
        2
        1+2 (und das wäre die Implikation, also "unter der Voraussetzung, dass er sagte, dass er nicht weiss, einer Spekulation etc...")

        Und da das alles rein sprachlich nicht bis ins Hinterletzte durchgeregelt ist, kann man da stundenlang dran herumpuzzeln - Viel mehr kann man da nicht draus ziehen.

        Aber im Grunde war das ja nicht ihr Argument, sondern es war ein "Tu quoque". Sehen wir uns aber mal das ursprüngliche Argument an, so sieht man, dass die Schlußfolgerung "Ich weiss es nicht, ergo Gott" angegriffen wurde, indem sie als "argumentum ad ignorantiam" entlarvt wurde, also als logischer Fehlschluss. Sie können aber nicht diese Entlarvung als "logisch schwach" kennzeichnen, indem sie eine andere Aussage als logischen Fehler (selbst falls er gerechtfertigt sein sollte) entlarven. Beide sind unabhängig voneinander.

        Ich gebe Ihnen insofern recht, dass die Ansage "Theisten wären generell schwach in Logik" wohl eher wenig Bestand hat; auf der anderen Seite ist der ganze Text wohl eher als "zweckdienlich polemisch" zu bewerten. Ich zb wehre mich gegen die Vereinnahmung ("Wir Atheisten.."), zur Gruppe der "Atheisten" zu gehören, nur weil ich selbst zufällig Atheist bin.

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        Manfred Lohnbauer

        Auch wenn wir die Details nicht kennen, ist die spontane Entstehung von Leben ein zwingender und logischer Vorgang, der sich überall abspielt, wenn die Bedingungen günstig sind: 1. Der Zusammenschluss von Subelementarteilchen und Elementarteilchen zu Wasserstoffatomen (Subatomare Evolution). 2. Die Entstehung von komplizierteren Atomen aus Wasserstoff (atomare Evolution in Sternen). 3. Der Zusammenschluss von Atomen zu Atomverbänden (Metalle, Ionen, Salze, Gesteine, Moleküle, chemische Evolution in Planeten). 4. Der Zusammenschluss von komplexen Molekülen (Aminosäuren, Fette, Kohlenhydrate, DNS, RNS) zu lebenden Verbänden (Zellen). Der Zusammenschluss von Zellen zu Organen, der Zusammenschluss von Organen zu Organismen (biologische Evolution). 5. Der Zusammenschluss von Organismen zu Staaten (soziale Evolution). Das Entstehen von komplexen Gehirnen mit Intelligenz und Bewusstsein (psychische Evolution). Das Prinzip ist: Vom Einfachen zum Komplexen. Die Wechselwirkungen sind nicht zufällig. Die untergeordneten Verbände schliessen sich zu übergeordneten zusammen aufgrund ihrer Form und ihrer physikalischen und chemischen Eigenschaften. Und es geht weiter: Von der Intelligenz zur künstlichen Intelligenz. Es entsteht virtuelles Leben und virtuelle Welten.

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          Meinrad Locher

          Was mich immer wieder fasziniert, ist die Feinabstimmung der quantenphysikalischen Energien und Messgrössen, um eben genau unser grundsätzlich lebensfreundliches Universum entstehen und bestehen zu lassen. Dazu gesellt sich die penible Kombination exakter Bedingungen und Vorgänge zur Konfiguration eines Planeten als Träger sich selber bewussten Lebens.

          Dabei von "Zufall" zu sprechen, ist m.E. ontologisch und verstandesmässig die Kapitulation vor der Unkenntnis der auslösenden Ursache und daher bestenfalls agnostisch, aber letztlich nicht atheistisch.
          (Wikipedia: _"Von Zufall spricht man, wenn für ein einzelnes Ereignis oder das Zusammentreffen mehrerer Ereignisse keine kausale Erklärung gefunden werden kann.")

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