Führt sie ihn zur Suche nach Wahrheit, oder zur bewussten Abwehr?
Wahrheit wird im Alltag, in der Wissenschaft und der Philosophie definiert als die Übereinstimmung einer Aussage mit den Tatsachen. Dies nennt man die Korrespondenztheorie der Wahrheit.
Wenn man nach Wahrheit sucht, sollte man sich folgender Dinge bewusst sein:
Epistemologisch (von der Erkenntnis her) gibt es kein anerkanntes Kriterium für Wahrheit. Was wir haben, ist aber ein Kriterium für Falschheit. D. h., wir können nicht mit Sicherheit sagen, was wahr ist, aber mit größerer Sicherheit, was falsch ist -- ohne je die 100%-Marke zu erreichen. Jedes Wissen ist daher mit Unsicherheit behaftet. Aus dieser Unsicherheit gibt es keinen logisch plausiblen Ausweg.
Das war den meisten Menschen nie genug. Wir suchen nach Wahrheit, würden aber gerne die Unsicherheit umgehen. Die Frage ist: Was ist einem wichtiger, Wahrheit oder Sicherheit? Man kann nicht beides haben.
Es gibt keine Wahrheit ohne Falschheit. Das ist der entscheidende Punkt auf der Suche nach Wahrheit. Eine jede faktische Behauptung, eine Aussage, von der man annimmt, sie sei wahr, hat daher eine Reihe von wichtigen Eigenschaften:
- Fakten der Welt sind beobachtbar, direkt oder indirekt.
- Kein Faktum kann von rein subjektiven Aussagen abhängen, sondern alle Fakten (und damit die Wahrheit) sind daher unabhängig von dem, was wir glauben.
- Es gibt weder eine logische, kausale noch statistische Verbindung zwischen den Aussagen „Die Behauptung X ist wahr“ und „Ich glaube, die Behauptung X ist wahr“.
-Für jede wahre Behauptung X gilt, dass es nicht reicht, Fakten anzuführen, die sie bestätigen, sondern man muss vielmehr ausschließen, dass es Fakten gibt, die der Aussage logisch widersprechen. Das ist mit letzter Sicherheit nicht möglich, denn dazu müsste man alle Fakten kennen.
- Eine Behauptung, bei der man systematisch alle Fakten ausschließt, die der Aussage logisch widersprechen könnten, kann daher nicht wahr sein. Sie ist vielmehr bedeutungslos (oder sinnfrei).
Die entscheidende Frage ist daher nicht, welche Fakten eine Behauptung stützen, sondern die Frage:
Wenn die Behauptung falsch ist, durch welche empirisch beobachtbaren Fakten könnte ich das herausfinden?
Kann man diese Frage nicht beantworten, enthält die Behauptung keinen Sinn. Sie ist viel schlimmer als „bloß falsch“, sie ist kritikimmun und daher sinnfrei. Jede falsche Behauptung, sogar jede Lüge, ist wertvoller als eine Aussage, die gegen Kritik immunisiert wurde. Nur über die Kritik von Aussagen können wir ausschließen, eine falsche Behauptung zu glauben.
Die Suche nach der Wahrheit führt daher über die Kritik, den Zweifel, die Suche nach widersprechenden Fakten. Alle anderen Wege führen buchstäblich zu nichts, zu leeren Behauptungen, die sinnvoll klingen können, aber keinerlei Sinn enthalten.
Betrachten wir die Frage nach Gott unter diesen Gesichtspunkten, fällt Folgendes auf:
Die Frage, welche empirischen Fakten, die für uns beobachtbar oder indirekt messbar sind, die Behauptung widerlegen würden, dass es einen Gott gibt, wird nirgendwo beantwortet. Sie wird nicht einmal gestellt, sondern eine solche Frage stößt auf eine starke Abwehr.
Das erinnert an das berühmte Gleichnis von Carl Sagan:
Sagan, C.: Der Drache in meiner Garage oder die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven. (Droemer Knaur, München, 2000).
A: Ich habe einen Drachen in meiner Garage!
B: Oh, prima, öffne Deine Garage, den Drachen würde ich gerne sehen!
A: Ja, aber der Drache ist unsichtbar.
B: Gut, dann lass uns Farbe versprühen, das würde den Drachen sichtbar machen.
A: Die Farbe wird nicht am Drachen haften.
B: Dann verstreuen wir Mehl, so könnte man seine Fußspuren sehen.
A: Der Drache schwebt über dem Boden, man würde keine Fußspuren sehen.
B: Dann nehmen wir eine Wärmekamera, so könnte man ein Wärmeabbild des Drachen sehen.
A: Geht nicht, der Drache strahlt keine Wärme aus.
B: Dann nehmen wir eben Radar oder Ultraschall.
A: Der Drache reflektiert weder Radar noch Ultraschall.
Usw. usf.
Für jede Maßnahme, wie man den Drachen aufspüren und nachweisen könnte, wird eine neue Ausrede erfunden, warum diese Maßnahme zu keinem Erfolg führt. Wenn es den Drachen gibt – wie könnte man ihn nachweisen? Noch wichtiger: Wenn kein Drache in der Garage existiert, wie könnte man das herausfinden?
Wenn wir dasselbe mit Gott versuchen, dann wird jedes Mal ad hoc eine neue Ausrede erfunden, warum man keine Fakten finden wird, mit denen man die Falschheit der Behauptung nachweisen könnte. Alle Fakten, die auf Gott hinweisen könnten, werden systematisch abgewehrt, ebenso alle Fakten, die dagegensprechen können. Damit wird die Aussage „Gott existiert“ systematisch jeder Beurteilung entzogen. Damit ist die Behauptung nicht einmal falsch, sie ist vielmehr sinnleer.
Jeder Weg, die Wahrheit zu finden, wird blockiert, indem man weitere Behauptungen erfindet, die es systematisch unmöglich machen, die Wahrheit herauszufinden. Wer das tut, kann an der Wahrheit keinerlei Interesse haben, man will nicht wissen, ob Gott existiert. Man will vielmehr eine scheinbare Sicherheit konstruieren, die Behauptung ist gegen Kritik immunisiert.
Die Wahrheit wird einer scheinbaren Sicherheit geopfert. Die Konsequenz, nämlich dass es sich um reinen Unsinn handelt, wird ignoriert.
Eine Suche nach der Wahrheit kann das nicht sein. Eine jede Behauptung, etwas sei wahr, trägt das Risiko in sich, dass man das Gegenteil nachweist. Gläubige scheuen dieses Risiko, und daran kann auch keines der Argumente für Gott etwas ändern.
Auch wenn man akzeptieren würde, dass die Existenz von etwas ein Indiz für Gott sei, führt dies einen nicht zu einem Gott, den Menschen verehren. Wenn alle Fakten für etwas sprechen, aber keine Fakten dagegen, handelt es sich um eine sinnfreie Behauptung. Daran führt kein Weg vorbei.
Der Gott der Religionen kümmert sich um Menschen und greift in diese Welt ein. Gäbe es eine solche Macht, könnte man sie anhand der Wirkung nachweisen. Aber genau das wird systematisch ausgeschlossen. Gott ist daher das Produkt von Wunschdenken, anders kann man es nicht erklären, dass Menschen an ihn glauben.
Niemand würde an Gott glauben, wenn Gott nicht die Superfee wäre, die den Menschen angeblich die Erfüllung ihrer sehnsüchtigsten Wünsche erfüllt. Wir haben Angst vor dem Sterben und wünschen uns ewiges Leben in Wohlstand und ohne Leid. Wir wünschen uns eine gerechte Welt, in der das Gute belohnt und das Böse bestraft wird. Außerdem möchten wir gerne unsere toten Verwandten und Freunde wiedersehen. Was, abgesehen davon, dass wir uns das wünschen, spricht für diese Art eines Gottes? Nichts. Alles davon steht im Widerspruch zu den bekannten Fakten. Die Welt ist nicht gerecht, wir sterben eines Tages, und ob das Leben danach weitergeht, wissen wir auch nicht.
Kritische Rationalität verhält sich zum Wunschdenken wie ein Kartenhaus gegenüber einem starken Sturm. Jedes rationale Denken wird von unseren emotional gesteuerten Wünschen hinweggefegt. Das ist die Tragik des menschlichen Denkens, bei dem emotional induzierte Intuition über rationale Skrupel triumphiert.
Kein Gläubiger sucht die Wahrheit über Gott. Man stellt seine Wünsche über jeden Zweifel. Zweifel werden abgewehrt, man geht ihnen nicht nach. Die Anzahl der Ausreden, die man erfindet, warum man die Wahrheit über Gott nicht herausfinden kann, ist enorm.
Gott ist daher das, worüber hinaus man sich nichts mehr Sinnloses vorstellen kann.
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