Evolutionstheorie 2026: Ist Darwin überholt?

Dem Freiburger Zoologen Günther Osche (1926–2009) zum 100. Geburtstag

Evolutionstheorie 2026: Ist Darwin überholt?

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Seit der Publikation von Charles Darwins „Artenbuch“ (1859) ist „Evolution“ das Generalthema der Biologie. Aus Darwins Thesensystem mit der „natürlichen Selektion“ als zentraler „Triebkraft des Artenwandels“ wurde über Weismanns „Neodarwinismus“ die „Erweiterte Synthetische Theorie der biologischen Evolution“ entwickelt. Diese Expanded Synthesis wird auch mit dem Theoriensystem Evolutionsbiologie gleichgesetzt. Evolutionsforschung beginnt mit Freilandstudien variabler Populationen lebender Organismen – im Idealfall der Entdeckung/Beschreibung neuer Arten. Unser aktuelles Bild von den Antriebskräften der Evolution (Symbiogenese/Sex – gerichtete natürliche Selektion – dynamische Erde) geht weit über „Darwin“ hinaus; es basiert auf (nicht überholten) Erkenntnissen dieses Biologen, der vor 150 Jahren entdeckte, dass Inzucht zu geschwächten Nachkommen führt. Darwins „Inbreeding Depression“ ist noch 2026 Gegenstand evolutionsbiologischer Forschungen.

Die Frage nach dem Ursprung und der Stammesentwicklung der Lebewesen ist ein zentrales Thema der Biologie [1]. Es wundert daher kaum, dass seit der Veröffentlichung von Darwins Hauptwerk On the Origin of Species (London 1859, 6. Auflage 1872) der britische Naturforscher, der im Volksmund polemisch als „Affentheoretiker“ bezeichnet wird, im Zentrum kontroverser Debatten steht (Abbildung 1). In der BiuZAusgabe 4/2025 sind in der Rubrik „Treffpunkt Forschung“ zwei Artikel erschienen, die Charles Darwin (1809–1882) einerseits als originellen ArtenEntdecker [2], andererseits aber als tendenziell veralteten „Evolutionstheoretiker“ kennzeichnen [3]. In der gehaltvollen Buchkritik von T. Syed [3] mit dem Titel „Neueste Synthese zur Evolution“ wird unter anderem die Frage angesprochen, ob Darwin „überholt“ sei, womit wir beim Thema dieses „Opinion-Artikels“ sind.

Große Biologen starteten als „Käfersammler“

Der vor einhundert Jahren geborene Freiburger Zoologe und Evolutionsforscher Günther Osche (1926–2009) hat in seinen Vorlesungen und dem Standardwerk Evolution: Grundlagen – Erkenntnisse – Entwicklungen der Abstammungslehre (1972, 10. Au?age 1979, Abbildung 2) nicht nur die Verdienste von Darwin und Alfred Russel Wallace (1823–1913) dargelegt; auch die von Osches Freiburger „Amtsvorvorgänger“ August Weismann (1834–1914) entwickelte „Neo-Darwinsche Theorie“ wird kurz umrissen [4]. Während der 1930er und 1940er Jahre haben bedeutende Biologen wie Theodosius Dobzhansky (1900–1975), Ernst Mayr (1904–2005) und andere diesen „Neodarwinismus“ zur so genannten Synthetischen Theorie der biologischen Evolution ausgebaut und damit die Disziplin Evolutionsbiologie etabliert [1]. Als einer der letzten noch aktiv in der Evolutionsforschung tätigen „Osche-Schüler“ möchte ich diesen Beitrag meinem akademischen „Evobio-Lehrer“ widmen (Nachruf siehe [5]). Ähnlich wie Darwin, Wallace, Weismann, Dobzhansky und Mayr hatte auch Günther Osche seine Laufbahn als Biologe mit speziellen Studien auf Artniveau begonnen (Fachgebiet: parasitische Nematoden, Artbeschreibung: Matthesonema tylosum n. g. n. sp. Osche 1955), bevor er sich später zu einem bedeutenden „Evolutionstheoretiker“ weiterentwickelte. Aus derartigen Lebensläufen ergab sich der populäre Irrtum, Biologen wären ja im Wesentlichen „nur Käfersammler“ – ein Credo, das ich nachfolgend widerlegen werde.

Unter Berücksichtigung der von Ernst Haeckel (1834–1919) ausgearbeiteten „Biogenetischen Grundregel“ formulierte Osche in seinem Standard-Kurzlehrbuch (Abbildung 2) eine auf Darwin (und Wallace) basierende Erweiterte Synthetische Theorie, welche die Evolutionäre Entwicklungsbiologie (Evo-Devo) einschließt [4]. Diese Expanded Synthesis wurde seither immer wieder um neue Disziplinen (z.B. Molekulare Phylogenetik, d.h. Stammbaumrekonstruktion auf Grundlage von DNASequenzen, siehe auch Marginalie) ergänzt und ist in einem aktuellen Lehrbuch sowie der Fachliteratur ausführlich dargestellt [1, 6].

Gibt es die eine Evolutionstheorie?

Dies führt uns zur Frage, wie die Evolution, d.h. das Andersartig-werden der zu Fortpfanzungsgemeinschaften zusammengeschlossenen Organismen im Verlauf der Generationenabfolgen unter sich wandelnder Umwelt untersucht werden kann. Das Wortungetüm „Erweiterte Synthetische Theorie der biologischen Evolution“ wird heute üblicherweise als „Theoriensystem Evolutionsbiologie“ bezeichnet. Gibt es 2026 noch eine einheitliche Evolutionstheorie? Das ist nicht der Fall!

Es gibt keine alle Teilaspekte der Arten-Transformationen umfassende „Evolutionstheorie“, welche die Artbildungsprozesse bei Bakterien, Tieren und Pflanzen über ein logisch-geschlossenes Thesensystem erklären kann. Ebenso wenig existiert eine „Physiologie bzw. Biochemie-Theorie“. Wie z.B. die Pflanzenphysiologie [7] ist auch die Evolutionsbiologie [1] eine klar definierte, interdisziplinäre Wissenschaftsdisziplin, die auf zahlreichen methodisch-theoretischen „Säulen“ ruht: Sie reicht von der zellbiologischen Theorie der primären Endosymbiose (Ursprung kernhaltiger Zellen, d.h. Eucyten) über die Theorie der gerichteten natürlichen Selektion mit der Folge der Adaptation (Anpassung) der evolvierenden Population an die jeweiligen Umweltverhältnisse bis zur geologischen Theorie der dynamischen Erde (Plattentektonik). Wir können auch sagen: Evolutionsbiologie ist eine sich stetig weiterentwickelnde interdisziplinäre Agenda zum Erkenntnisgewinn über das „Geworden-sein und stetige Werden“ der zu variablen Populationen zusammengeschlossenen Organismen in einer sich stetig ändernden Umwelt (dynamische Erde mit Vulkanismus usw.).

Warum liest man dann aber noch immer das Wort-Paar „Die Evolutionstheorie“? – auch in der Überschrift dieses Beitrages? Das hat historische Gründe. Mit den Freilandstudien und theoretischen Schlussfolgerungen von Charles Darwin kam die Frage auf, ob die Evolution ein realhistorischer Prozess (Tatsache) oder „nur“ eine theoretische Gedankenkonstruktion sei. Wallace und Weismann waren die Ersten, die es wagten, die (atheistische) Darwinsche „Abstammung mit Abänderung“ als Faktum (Tatsache) zu kennzeichnen. Darwin dachte ebenso; er drückte sich aber vorsichtig-diplomatisch aus. Heute existieren sogar Bücher mit Titeln wie Tatsache Evolution, womit die Faktizität des stetigen Artenwandels allgemeinverständlich vermittelt werden soll [8]. Unser derzeitiges „Bild“ vom Verlauf und den Antriebskräften der organismischen Evolution lässt sich wie folgt grob umreißen.

Sex und selektionsgetriebene Evolution auf dynamischer Erde

Das aktuelle Wissen vom Verlauf und den „Motoren“ der Evolution kann folgendermaßen vereinfacht zusammengefasst werden [1, 6]:

1. Der Ursprung der ältesten, ca. 3.500 Millionen Jahre alten marinen Ur-Mikroben ist derzeit nur modellhaft beschreibbar (chemische Evolution: Heiße Kalkschlot-Metabolismus-First-Hypothese).

2. Die wesentlichen Aussagen von Darwin zur biologischen Evolution konnten – mit Ausnahme seines Glaubens an eine „Vererbung erworbener Eigenschaften als Ursache der Variabilität“ – zum Großteil bestätigt und erheblich erweitert werden.

3. Bei ca. 99 Prozent aller eukaryotischen Organismen ist die zweigeschlechtliche (sexuelle) Reproduktion der primäre Fortpfanzungsmodus – von Amöben bis zum Menschen. Die Zweigeschlechtlichkeit ist in Form „männlicher bzw. weiblicher“ Fossilien „steinhart“ in aufsteigenden geologischen Sedimentformationen belegt – von mehrzelligen Algen über Dinosaurier bis zu afrikanischen Vor-Menschen (Sahelanthropus, Abbildung 1).

4. Infolge der primären Endosymbiose (Symbiogenese) vor ca. 1.200 Mio. Jahren ist bei eukaryotischen Einzellern die Sexualität entstanden (siehe hierzu den Kasten „ROS-Sex-Hypothese“).

5. Sex erzeugt vielfältige Nachkommen (Variabilität), aber gleichzeitig – infolge der mutagenen Wirkung der meiotischen Rekombination – Erbkrankheiten. Dieses „Meiose-Sex-Dilemma“ hat weitreichende Konsequenzen – es erklärt, warum bei nichtverwandten Eltern neben gesundem Nachwuchs manchmal Kinder mit schweren Geburtsfehlern zur Welt kommen.

6. Der rascheste Artbildungsprozess im Tierreich ist bei der Deutschen Küchenschabe (Blattella germanica) belegt: Turbo-Evolution der vor nur ca. 2.100 Jahren nach geographischer Isolation (über Soldaten-Brotkörbe) von einer asiatischen Schwesterspezies entstandenen „Jesus-Kakerlake“.

7. Die drei Schlüsselprozesse „Symbiogenese/Sex – gerichtete natürliche Selektion – dynamische Erde via Erdplatten-Tektonik“ waren die wesentlichen Antriebskräfte der Mikro- und Makroevolution im Verlauf der Jahrmillionen.

8. Die evolutionäre Verhaltensforschung hat bei Schimpansen und Ur-Menschen, die in sozial organisierten, kooperierenden Gruppen leben, das „Kriegstreiberprinzip us-versus-them“, d.h. „wir Guten gegen die (bösen) anderen Außengruppen“, bestätigt. Erkenntnisse der Evolutionsbiologie können somit zur Friedensaufklärung- und erziehung dienen (Prinzip der „Evo-Pädagogik“). Diese Aussagen sind in einem aktuellen Lehrbuch und in der Fachliteratur beschrieben [1, 6]; sie belegen, dass unser Bild von der organismischen Evolution stetig erweitert wird, im Sinne einer Expanding Synthesis [3].

Evolutionsforschung beginnt mit Freilandstudien auf Artniveau

Wäre die Evolution „nur eine Theorie“, wie es bibeltreue Christen (z. B. die Kreationisten von „Wort & Wissen“) glauben, so könnten wir sie nicht mit empirischen Methoden erforschen. Doch wie kann Evolutionsforschung in diesem „Treffpunkt-Forschung“ Beitrag umrissen werden?

Beginnen wir mit Charles Darwin (Abbildung 1), der bereits auf seiner Beagle-Weltreise tropische Landplanarien erforschte und 1844 mit einer Artbeschreibung hervortrat [2]. Kurz darauf zog sich Darwin in sein privates Forscherleben zurück: Acht Jahre lang – von 1846 bis 1854 – beschäftigte er sich primär mit der Biologie und Systematik der Rankenfußkrebse (Cirripedia). Diese Barnacle-Years führten nicht nur zur Beschreibung neuer Arten, sondern zu Darwins zweibändigem Werk A Monograph on the Subclass Cirripedia, with Figures of all the Species (Vol. 1: 1851, Vol. 2: 1854). Mit diesem speziellen Werk [8] belegte Darwin gegenüber der Scientifc Community, dass er ein auf Speziesniveau qualifizierter Naturforscher (Geologe, Biologe) war. Kurz bevor die Erstauflage seines „Artenbuches“ publiziert wurde (Nov. 1859), erhielt Darwin die prestigereiche Wollaston Medal der Geological Society of London. Damit lag ein „Qualitätssiegel“ vor: Der Artenspezialist (und Geologe) Darwin konnte nun zum Speziestheoretiker, d.h. zum Generalisten der Biologie, emporsteigen. Alfred Russel Wallace war ebenso zunächst Artenspezialist (Tiersammler- und systematiker), bevor er – unabhängig von Darwin – das theoretische Konzept der Artentransformation durch Variation und nachfolgende natürliche Selektion formulierte.

Wir können somit vom „Darwin-Wallace-Prinzip der Evolutionsforschung“ sprechen, denn: Wer Arten untersucht, dabei neue Spezies entdeckt und diese beschreibt (Konzept der AlphaTaxonomie), stößt unweigerlich auf die Frage nach der Herkunft (Ursprung, d. h. Origin) dieser Lebensformen. Auch die oben genannten Biologen Weismann, Haeckel, Dobzhansky und Mayr begannen als „Wasserfoh, Radiolarien, Käfer bzw. Vogel-Sammler/Systematiker“, um dann, basierend auf diesen (und anderen) Originalbeobachtungen, ihre theoretischen Konzepte zum Verlauf und den Mechanismen der biologischen Evolution zu erarbeiten.

Mit dieser These möchte ich nicht bestreiten, dass es auch innovative „abgehobene“ Biologen gab, die – ohne auf Artniveau geforscht zu haben – wertvolle Beiträge zu unserem „evolutionistischen Weltbild“ beigetragen haben. Hervorheben möchte ich den vor acht Jahren verstorbenen Wiener Zoologen, Evolutionstheoretiker und Freidenker Franz M. Wuketits (1955–2018), mit dem ich – bis zu seinem tragischen Krebstod – beruflich wie freundschaftlich verbunden war. Sein Buch Darwins Kosmos [9] ist, wie fast alle seine anderen sachlich korrekten Werke, ein bleibender „Edelstein“ in der wachsenden populären „Evo-Literatur“.

Der Nutzen ergebnisoffener Evolutionsforschung

Ähnlich wie Genomforscher und Archäogenetiker [10] werden auch Evolutionsbiologen immer wieder gefragt, welchen Nutzen denn ihre „DANN-Sequenz bzw. Käfer-Sammelleidenschaft“ für die Gesellschaft hat. Diese Frage möchte ich (auto biographisch) mit Verweis auf Günther Osche beantworten. Als Student an der Universität Freiburg i. Br. (Biologie, Chemie, Nebenfach: Musikwissenschaft) hatte ich das Privileg, von 1979 bis 1981 von Herrn Professor Osche persönlich betreut zu werden (Institut für Biologie I, Zoologie, WeismannHaus). Ich beobachtete 1978 per Zufall in meinen privaten Aquarienkulturen zwittriger Schlundegel (Gattung Erpobdella) das Phänomen der „innerartlichen Kokonzerstörung“. Zunächst berichtete ich darüber dem Verhaltensforscher Professor Bernhard Hassenstein (1922–2016), der mir 1980 eine Veröffentlichung im Fachmagazin Mikrokosmos ermöglichte und mich an seinen Kollegen Osche – eine Tür weiter – verwies.

Der Zoologe war hellauf begeistert, ich solle ihm regelmäßig über meine Studien berichten, er werde eine Publikation in den Zoologischen Jahrbüchern Systematik befürworten, welche dann 1983 erfolgte. Professor Osche empfahl mir 1981, meine Promotionsarbeit doch lieber auf dem Gebiet der modernen, biochemisch ausgerichteten Pflanzenphysiologie anzufertigen, da es damals für den Nachwuchs der „Evo-Ökos“ kaum Arbeitsmöglichkeiten gab. Diesen „väterlichen“ Rat habe ich befolgt und bin noch heute dafür dankbar.

Eine 1983 von mir in Freiburg entdeckte, unbekannte Süßwasseregelart konnte ich 1985 mit Osches Hilfe im Zool. Jb. Syst. beschreiben. Diese unter dem finalen Namen Helobdella europaea Kutschera 1987 bekannte Spezies hat sich als invasive Art erwiesen, die sich – vermutlich aus Südamerika über Wasser-Pflanzen eingeschleppt – weltweit verbreitet und andere Arten verdrängt (Abbildung 3). Auch drei weitere Helobdella-Arten, die ich in den USA entdeckt und beschrieben habe, erwiesen sich zum Teil – genau wie die tropische Landplanarie Obama nungara [2] – als „Bio-Invasoren“ [11]. Diese Beispiele zeigen, dass evolutionsbiologische Grundlagenforschung für den Artenschutz unabdingbar ist. Weiterhin soll erwähnt werden, dass nur durch „Alpha-Taxonomen“ eine korrekte Speziesidentifkation erfolgen kann.

Ohne klassische Biologie keine korrekte Molekulare Phylogenie

Da wir „Alpha-Taxos“ eine „bedrohte Spezies“ sind (kaum Stellen bzw. Fördermittel für „nichtmolekulare“ Biologie), sind auch viele Gensequenzen in der US-amerikanischen GenBank fehlerhaft. So konnte z.B. nach 38 Jahren Forschungsarbeit die „prominente“ kalifornische San-Francisco-Egelart Helobdella triserialis als Verwechselung mit einer südamerikanischen Spezies entschlüsselt werden. Dieser Modellorganismus der „Evo-Devo“ – (Anneliden)Forschung trägt seit kurzem den korrekten Namen Helobdella farmeri Kutschera 2023“. Die „evolutionäre Stammbaumforschung“, auch „Molekulare Phylogenetik“ genannt, basiert somit komplett auf dem Spezialwissen der „klassisch-altmodischen“ Alpha-Taxonomen, was kaum bekannt ist und daher hier klar und deutlich ausgesprochen werden soll. Die 2025 angestoßene Forschungsinitiative Unknown Germany wird nur unter Mitwirkung der „letzten Alt-Biologen“ mit faunistisch-floristischem Spezialwissen zum Erfolg führen [12].

Das EvoJahr 2026: Ist Darwin überholt?

Charles Darwin hat in seinem „Artenbuch“ On the Origin of Species kurz erwähnt, dass die Paarung verwandter Lebewesen nachteilige Folgen für den Nachwuchs haben kann. Diese These der Inbreeding Depression, d. h. „Nachkommen-Schädigung durch Inzucht“, wurde in seinem vor 150 Jahren publizierten Werk The Effects of Cross and SelfFertilization in the Vegetable Kingdom (London 1876, [8]) durch zahlreiche Kreuzungsstudien bei verschiedenen Pflanzenarten experimentell untermauert. Fazit: Verwandten-Sex bzw. Selbstbefruchtung bei Zwittern (z.B. Egel, Regenwürmer, Blütenpfanzen) wird in der Regel vermieden und führt zu weniger „fitten“ Nachkommen. Diese klassische Darwinsche These lebt bis heute fort und ist Gegenstand zahlreicher Studien. Warum können sich dennoch drei von vier, zum Teil invasiven zwittrigen Egelarten über Generationen hinweg via selfing sexuell fortpfanzen, ohne erkennbare Inzuchtschäden? Warum pflanzt sich der „Grüne Modellorganismus“ Ackerschmalwand, Arabidopsis thaliana, offensichtlich gesund und munter über Selbstbestäubung fort [7, 11, 13]?

Diese Probleme sind Gegenstand aktueller „Darwinscher Forschungen“ – auch in meinem Labor. Sie führen zur finalen Frage, ob denn Darwin heute überholt ist. Der britische Geologe und Biologe hat 16 wissenschaftliche Bücher publiziert, drei zur Evolution, die anderen 13 zu Themen wie: Korallenriffe, Biologie von Regenwürmern und Rankenfußkrebsen (mit Systematik), Emotionen bei Mensch und Schimpanse, Blütenbiologie, Pfanzenphysiologie (Schwerpunkt Bewegungsvorgänge), Selbst und Fremdbefruchtung bei Nutzgewächsen mit Bezug zur „Verwandtenheirat“ beim Menschen. Darwin war mit seiner Cousine vermählt und wusste, dass es diesbezüglich „erbbiologische“ Probleme gibt; dies war vermutlich ein Grund für sein enormes Interesse an der „Inzucht-Frage“ (siehe [15]).

Als Pflanzenphysiologe hat Darwin mit dem deutschen Begründer dieser Disziplin, Julius Sachs (1832– 1897), Briefe ausgetauscht. Die in Fachbüchern niedergeschriebenen Entdeckungen von Sachs zur Photosynthese, der Wachstums und Entwicklungsphysiologie usw. [7] sind ebenso wenig „überholt“ wie Darwins Erkenntnisse zu den oben genannten Gebieten [1, 8]. Beide Giganten der Biologie irrten sich stellenweise – aber mehr als Dreiviertel ihrer Erkenntnisse haben sich bewahrheitet. Diese Fakten sind noch heute Bestandteil unseres „atheistisch-naturwissenschaftlichen“ Weltbildes, welches z.B. auch das „Kriegstreiber-Prinzip: Wir-gegen-die-Anderen“ sowie das Inzucht-Problem evolutionsbiologisch erklären kann [1, 6, 14, 15].

Fünfundfünfzig Jahre BiuZ – ein Fazit

In der ersten Ausgabe der BiuZ im Jahr 1971 hat Günther Osche einen Aufsatz mit dem Titel Die Motoren der Evolution publiziert [13]. Seine dort dargelegten Thesen, z. B. zur christlichen Schöpfungslehre, der Bedeutung der Selektionstheorie, der Adaptation usw. sind noch heute, d. h. 55 Jahre später, zu 95 Prozent gültig und korrekt [16, 17]. Anders gesagt: Der reale Erkenntnisfortschritt zu den großen Fragen der Biologie ist eine Schnecke. Die von Osches Freiburger Kollegen, dem Zellbiologen Peter Sitte (1929– 2015), gegründete BiuZ ist ein stetig evolvierendes Magazin bzw. Bioarchiv zur Dokumentation unseres expandierenden „Lebenswissens“. Die BiuZ ist das „Top-Life-Science-Journal“ im deutschsprachigen Raum, welches im „Zeitschriften-Daseinswettbewerb“ bestehen und aufblühen konnte, weil exzellente Herausgeber, Redakteure und Autoren ihre Zeit und Expertise eingebracht haben [18].

Dieser Artikel ist zuerst in Biologie in unserer Zeit (BiuZ) erschienen. BiuZ wurde 1971 im Wissenschaftsverlag VCH gegründet und erschien bis 2020 im Verlag WILEY-VCH. Das Editorial Board setzt sich aus renommierten Biowissenschaftlern zusammen.

Seit 2021 ist sie die Verbandszeitschrift des Verbandes Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland - VBIO e.V.  Der VBIO ist die gemeinsame Stimme der Biowissenschaften in Deutschland.  Hier sind über 5.300 individuelle Mitglieder, 25 institutionelle (weitere 25.000 Mitglieder repräsentierende) Fachgesellschaften sowie 80 kooperierende Mitglieder (Fakultäten, Institutionen, Verbände und Firmen) zusammengeschlossen.

Nähere Informationen unter http://www.vbio.de.

Literatur

[1] U. Kutschera (2025). Evolutionsbiologie. Vom Ursprung der Sexualität zum modernen Menschen. 5. Auflage. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart.

[2] U. Kutschera, I. Ehnes (2025). Tropische Obama nungara-Landplanarie erobert Deutsche Gärten. Biologie in unserer Zeit 55/4, 322–323.

[3] T. Syed (2025). Neueste Synthese zur Evolution. Buchkritik. Biologie in unserer Zeit 55/4,331–333.

[4] G. Osche (1972) Evolution: Grundlagen-Erkenntnisse-Entwicklungen der Abstammungslehre. Verlag Herder, Freiburg i. Br. (10. Auflage 1979).

[5] U. Kutschera (2010). Erinnerungen an den Freiburger Evolutionsbiologen Günther Osche (1926–2009). Verh.

Geschichte u. Theorie d. Biologie 16, 257–263.

[6] U. Kutschera (2025). Evolution: From DarwinWallace to the expanded SyNaDEModel. IJISET11/5,1–10.

[7] U. Kutschera (2019). Physiologie der Pfanzen. Sensible Gewächse in Aktion. LITVerlag, Berlin.

[8] U. Kutschera (2009). Tatsache Evolution. Was Darwin nicht wissen konnte. Deutscher Taschenbuch Verlag, München (3. Auflage 2010).

[9] F. W. Wuketits (2009). Darwins Kosmos. Sinnvolles Leben in einer sinnlosen Welt. AlibriVerlag, Aschaffenburg.

[10] W. Nellen (2025). DNASequenzierung: Das „Buch des Lebens“ und wie man es heute lesen kann. Biologie in unserer Zeit 55/4, 385–388.

[11] U. Kutschera (2023). The taxonomic status of the San Francisco Bay area Leech Helobdella triserialis (SF) (Annelida Hirudinida Glossiphoniidae) with notes on its ecology. Biodiversity Journal 14, 537–546.

[12] R. Lehmitz, K. Hohberg, M. Husemann et al. (2025). Unknown Germany. An integrative biodiversity discovery. NPJ Biodiversity4/41, 1–16.

[13] G. Osche (1971). Die Motoren der Evolution. Biologie in unserer Zeit 1/1, 50–61.

[14] A. Tobena (2024) Big Wars, again: Psychobiological vectors. Psychology 15, 1066–1085.

[15] M. Veuille (Ed.) (2024) Sex, Gender and the Darwinian Evolution of Mankind. Routledge, London.

[16] E. Mayr (2001) What Evolution Is. Basic Books, New York

[17] D. J. Futuyma, M. Kirkpatrick (2022) Evolution. 5th Ed. Oxford University Press, Oxford.

[18] K.J. Dietz (2025) Biologie in unserer Zeit und in der Zukunft – Von Biodiversitätsforschung über Biotechnologie zu Scientia amabilis. Biologie in unserer Zeit 55/4, 302–303.

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