Gibt es prinzipielle Grenzen in den Naturwissenschaften?

Argumente gegen den Naturalismus aus der Sicht eines evangelikalen Christen

Gibt es prinzipielle Grenzen in den Naturwissenschaften?

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Warum verhalten sich die Dinge gesetzmäßig, woher kommt die „Ordnung“ in der Natur? Warum gibt es überhaupt etwas und nicht nichts? Was ist das „innere Wesen“ der Dinge? Woher stammen Bewusstsein und Geist? In dem Buch Welt ohne Gott? Eine kritische Analyse des Naturalismus (2014) setzt sich der evangelikale Christ Markus Widenmeyer mit solchen Fragen auseinander. Er behauptet, aus Sicht des Naturalismus der Naturwissenschaften seien all diese Fragen nicht nur „radikal unerklärt“, sondern prinzipiell unerklärbar. Er entwickelt daraus Argumente gegen den Naturalismus und behauptet, die einzig rationale Antwort auf diese Fragen sei „Gott“ (bzw. der Supranaturalismus). In diesem Buch bündeln sich die Argumente religiös motivierter Naturalismuskritik; wir wollen es daher in 10 Teilen besprechen. Teil 1 widmet sich der Frage, ob es prinzipielle Grenzen der Naturwissenschaften gibt und ob der Supranaturalismus eine (plausible) Erklärung für sie liefern kann.[1]

Metaphysische Fragen zur Existenz der Welt und Ordnung der Natur

Bei Widenmeyer lesen wir:

„Die Naturwissenschaft kann die grundlegende Regelmäßigkeit und damit einen wesentlichen Aspekt der Ordnung, die wir in der Natur wahrnehmen, aus prinzipiellen Gründen nicht erklären. Vielmehr ist diese Regelmäßigkeit eine theoretisch-methodische und eine metaphysische Grundvoraussetzung, um überhaupt Naturwissenschaft betreiben zu können.“ (ebd., 103)

„Naturwissenschaft kann … nur dort funktionieren, wo die Natur sich durchgängig hochgeordnet verhält und Gesetzmäßigkeiten folgt. Für das Betreiben von Naturwissenschaft muss also notwendig eine umfassende natürliche Ordnung vorausgesetzt werden, weil nur unter dieser Voraussetzung ihre Gegenstände systematisch beschreibbar sind und nur dann Gegenstände überhaupt denkbar sind. Und was für eine Erklärung vorausgesetzt werden muss, kann im Rahmen dieser Erklärung natürlich nicht selber erklärt werden.“ (ebd., 106)

In der Tat, nur wenige Wissenschaftsphilosophen dürften bestreiten, dass es prinzipielle Erklärungsgrenzen gibt: Das zufällige Zusammentreffen zweier Ereignisse beispielsweise, die auf voneinander unabhängigen Kausalketten beruhen, kann nicht nur nicht erklärt werden, es wäre auch unvernünftig, nach Erklärungen zu suchen. Der Umstand etwa, dass Sonne und Mond dieselbe scheinbare Größe am Himmel haben, ist eine Koinzidenz, für die es keinen Kausalzusammenhang und keine Erklärung gibt (VOLLMER 1986, 66f). Die Existenz jener Strukturen des Kosmos, die einen Urknall erzeugt haben, ist ebenfalls keiner Erklärung zugänglich. Man versucht zwar, mit der Erklärung so weit wie möglich an den Anfang zurück zu gehen, aber irgendwo muss die Ursachenkette beginnen, sonst landet man in einem unendlichen Regress.

Zu der metaphysischen Frage, warum überhaupt etwas existiert und nicht nichts, bemerkt der Wissenschaftsphilosoph Bernulf KANITSCHEIDER (1999):

„Diese berühmte und geheimnisvolle Frage, die schon Martin Heidegger aufgeworfen hat … das ist sicher die letzte Frage der Kontingenz. Sie ist aber aufgrund der logischen Struktur einer Erklärung gar nicht lösbar – aber nicht, weil da ein letztes Mysterium dahintersteckt. Eine Erklärung kann immer nur etwas mit etwas anderem verknüpfen, aber niemals etwas mit nichts. Also gibt es auf diese Frage keine Antwort.“

Das gleiche gilt für die Frage, warum die Dinge konstant miteinander verbundene Eigenschaften haben, die man mithilfe von Naturgesetzen beschreiben kann: Warum verhalten sich die Naturgegenstände gesetzmäßig? Antworten auf diese Fragen kann man nicht geben, weil die Sachverhalte, auf die sich diese Fragen beziehen, zu den metaphysischen Voraussetzungen wissenschaftlichen Erklärens gehören – und als solche können sie nicht Gegenstand des Erklärens selbst sein. Es handelt sich um eine Grundeigenschaft der Welt, die sich nicht weiter hinterfragen lässt, denn der Erklärungsregress muss irgendwo ein Ende haben (MAHNER, pers. comm.).

Kurzum, es gibt Tatsachen, die keine Erklärung zulassen, so genannte facta bruta. Fraglich ist nur, ob man darin einen Mangel des Naturalismus zu sehen hat, wie Widenmeyer zu glauben scheint, oder ob dies in der Natur der Dinge und in der logischen Struktur des Erklärens selbst liegt. Der Autor fordert von der naturalistischen Wissenschaftsphilosophie etwas ein, was diese explizit als unmöglich erachtet, nämlich die Auflösung von facta bruta. Daher ist seine Kritik am Naturalismus gegenstandslos, weil sie seinem Selbstverständnis widerspricht.

Warum „Gott“ keine vernünftige Antwort auf metaphysische Fragen ist

Noch fraglicher ist, ob der von Widenmeyer konstatierte Erklärungsmangel durch den Supranaturalismus behoben werden kann: Wenn facta bruta wie die Tatsache, dass es einen gesetzmäßig beschreibbaren Kosmos gibt, schon aufgrund des endlichen Erklärungsregresses nicht auflösbar sind, warum sollte dann ausgerechnet Gott eine befriedigende Erklärung dafür sein? Widenmeyer:

„Die einzige funktionierende Erklärung für die unvorstellbare Ordnung einer Welt, die ganz exakt so eingerichtet ist, dass es eine hochkomplexe Chemie, mathematisch formulierbare Strukturen und schließlich Lebewesen geben kann, ist … die kreative Konzeption und Erschaffung durch (mindestens) ein äußerst intelligentes Wesen, das auch die Macht besitzt, derartige Pläne zu realisieren.“ (ebd., 198)

Ein omnipotenter Schöpfer löst das Erklärungsproblem auch nicht, sondern verlagert die Erklärung nur einen Schritt weiter nach hinten. Die Theologie kann ja ihrerseits Gott nicht erklären, sieht sich also ebenfalls mit einem factum brutum konfrontiert. Dies scheint auch Widenmeyer zu realisieren, denn er stellt fest:

„Dass Gott existiert, ist zwar nicht ‚erklärbar‘ im Sinne von 'aus etwas noch Grundlegenderem ableitbar'. Das kann auch gar nicht der Fall sein und es wurde von Theisten nie akzeptiert oder gar behauptet.“ (ebd., 203)

„'Wer schuf Gott?' Diese Frage ist zumindest formal gegenstandslos, weil durch die Jahrtausende hindurch Theisten niemals von einem geschaffenen oder entstandenen Gott ausgingen. Dies wäre für ihr Konzept ein Widerspruch in sich. Stattdessen gibt es vielfältige theologische Konzepte eines ewigen, unerschaffenen Gottes, die uns nicht nur aus der Bibel, sondern auch zum Beispiel von den beiden bedeutendsten griechischen Philosophen, Platon und Aristoteles, überliefert sind. Aristoteles formulierte zum Beispiel im 12. Kapitel seiner Metaphysik das Konzept des 'unbewegten Bewegers', also einer unverursachten Ursache. Der Theist antwortet auf diese Frage also einfach so, dass Gott, wie er für ihn relevant ist, sowieso unerschaffen und ewig existent sei, womit die Attacke des Atheisten ins Leere geht.“ (ebd., 200)

Leider scheint er nicht zu erkennen, dass damit auch seine „Attacke“ gegen den Naturalismus scheitert: Warum dürfen die Naturwissenschaftler nicht einen nicht mehr hinterfragbaren, unerschaffenen Grundzustand der Welt als metaphysische Anfangsbedingung voraussetzen, wenn die Theologen einen nicht mehr hinterfragbaren, unerschaffenen Gott als Erklärungsgrund voraussetzen dürfen? Das Voraussetzen eines materiellen Anfangszustandes, dessen Eigenschaften sich hypothetisieren, überprüfen, rekonstruieren, nötigenfalls revidieren (mit einem Wort: erforschen lassen), ist doch allemal erklärungsmächtiger und intellektuell befriedigender als eine fiktive Gott-Entität, die sich nicht zeigt, über die wir nichts wissen und für deren Materie-Interaktion wir keine Mechanismen kennen.

Es kommt hinzu, dass die thomistischen „Vernunftgründe“ für die Existenz Gottes, etwa das Argument vom „unbewegten Beweger“ und „unverursachten Verursacher“ (argumentum ex ratione causae efficientis).[2] nicht stringent sind: Wenn wir mit der modernen Kosmologie davon ausgehen, dass der ursprünglichste Zustand der Welt eine Art Quantennatur besaß, in der es weder einen Zeitpfeil noch ein Kausalprinzip noch „versteckte Parameter“ zu geben scheint, gibt es auch keine Ursache (Gott), die in einer Zeit davor hätte wirken können. Das Kausalprinzip beschreibt lediglich den Ablauf der klassischen Welt, so dass fraglich ist, ob es im Anfang von Raum und Zeit Gültigkeit besaß (MORRISTON 2000). Die Frage, was „vor“ dem Urknall gewesen sein mag, lässt sich nicht mehr sinnvoll im Rahmen der normalen Raum-Zeit-Kategorien stellen. Lediglich die metaphysische Behauptung, dass ein Gott per Definition weder an raumzeitliche noch an materielle Strukturen gebunden sei, dass er weder räumlich, noch zeitlich, noch endlich, noch materiell, noch gesetzmäßig, noch begrifflich oder methodologisch fassbar sei, könnte Widenmeyer aus dem Dilemma befreien. Damit aber fielen erst recht alle rationalen Begründungsstrukturen, alle Vernunftgründe weg, die Gottexistenz für wahr zu halten. Denn die Annahme der Existenz von etwas, das sich weder semantisch einkreisen noch logisch fassen lässt und für dessen Wirken keine objektive Grenze angegeben werden kann, kann schlechterdings nicht für „wahr“ oder „falsch“ gehalten werden. Es gibt einfach keine Evidenz.

Die Schwäche in Widenmeyers Argumentation ist also, dass sie nirgendwo zeigen kann, wie der Supranaturalismus zu konkreteren Erkenntnissen oder gar Erklärungen gelangen könnte. Den an sich gestellten Anspruch, einen intelligibleren Lösungsansatz zu präsentieren als den Naturalismus, kann er nicht einlösen. Implizit kann sich der Supranaturalist, um es mit MACKIE (1985, 230) auszudrücken, lediglich auf den Glaubensgrundsatz berufen,

„… dass sich eine geistige Ordnung (wenigstens bei Gott) aus sich selbst erklärt, wohingegen alle materielle Ordnung nicht nur nicht sich selbst erklärt, sondern auch positiv unbegründet ist und einer weiteren Erklärung bedarf.“

Damit aber setzt Widenmeyer etwas als gegeben voraus, was er nicht belegen kann, sondern einfach nur behauptet. In seiner Diktion liest sich dies so:

„In der relevanten Hinsicht ist aber die Existenz Gottes in sich verständlich, was insbesondere heißt, dass dieser Sachverhalt nicht mit einer sehr geringen a priori-Wahrscheinlichkeit oder gar einer Unmöglichkeit verbunden ist. Damit bleibt die anfangs gemachte Schlussfolgerung bestehen: Die Annahme der Existenz Gottes scheint für ein rationales Konzept der Wirklichkeit alternativlos zu sein.“ (S. 203)

Warum soll ausgerechnet die Existenz Gottes in sich verständlich sein? Wo ist der Beweis dafür? Dem Philosophen Hans ALBERT zufolge scheint ein solcher Nachweis gar nicht geführt werden zu können, weil jeder Versuch einer Letztbegründung in ein unauflösbares Trilemma führt (Abb. 1). Der Versuch, die Selbstverständlichkeit der Gottexistenz zu begründen, führt entweder in einen unendlichen Regress (jede Aussage muss durch weitere Aussagen begründet werden, was praktisch nicht durchführbar ist), zu einem Zirkelschluss (wonach das zu Beweisende bereits vorausgesetzt wird) oder zu einem willkürlichen Abbruch des Regresses (ALBERT 1991, 15).Die Behauptung, Gott sei in sich verständlich (oder a priori wahrscheinlich), kann nur dogmatisch (bzw. definitorisch) vorausgesetzt werden.

Abb. 1 Gemäß dem MÜNCHHAUSEN-Trilemma ist es unmöglich, eine letztgültige Wahrheit oder eine nicht mehr hinterfragbare erste Ursache anzugeben, die sich selbst begründet, aus sich heraus verständlich bzw. selbstevident ist, ohne selbst unerklärte Annahmen vorauszusetzen. Offenbar muss jeder etwas als gegeben hinnehmen, was er nicht weiter begründen kann. Die Philosophie kann sich sozusagen nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen, wie es dem Baron MÜNCHHAUSEN gelungen sein soll. Jeder Versuch, dieses Problem zu umgehen, führt in einen unendlichen Begründungsregress, zu einem (willkürlichen) Abbruch des Regresses oder zu einem Zirkel wechselseitiger Selbstbestätigung. Was Widenmeyer offenbar nicht sieht: Dies gilt auch und in besonderem Maß für den Supranaturalismus.

Widenmeyers Lösungsangebot für die „Erklärungsprobleme“ des Naturalismus erscheint also nur dann akzeptabel, wenn man das supranaturalistische Dogma bereits als selbstverständlich akzeptiert hat, ohne dessen Selbstverständlichkeit belegen zu können. Eine rationale, letzte Begründung der Gottexistenz ist damit unmöglich geworden. Wenn aber keine Letztbegründungen hinsichtlich der Geltungs- und Erklärungsansprüche möglich sind und wir nicht entscheiden können, ob am Anfang ein Gott oder ein materieller Zustand existierte, herrscht dann nicht die viel beschworene Patt-Situation zwischen Naturalismus und Supranaturalismus? Gründet am Ende gar jede Erkenntnis auf blinder Dogmatik?

Beide Fragen kann man verneinen: Erstens spricht gegen eine Patt-Situation das Argument der Begründungslast. KANITSCHEIDER (2003) sagt: „Derjenige, der für die Existenz eines Seins-Bereiches plädiert, trägt die argumentative Stützungslast“. Wer z.B. behauptet, Telepathie sei ein realer Sachverhalt, muss dies zeigen. Nicht der Skeptiker muss belegen, dass Telepathie unmöglich ist. Da der Naturalismus nicht mehr voraussetzt als die Welt, der Supranaturalist der Welt dagegen eine weitere Seins-Sphäre oktroyiert, liegt die Begründungslast auf Seiten der Supranaturalisten.

Zweitens ist die Idee der Letztbegründung in den faktischen Wissenschaften durch die Idee der kritischen Prüfung ersetzt worden (VOLLMER 1986, 169). Das bedeutet, dass Theorienbildung zwar zu einem gewissen Grad ein willkürlicher, kreativer Prozess ist, doch die Theorien müssen sich einer kritischen Prüfung unterziehen und sich bewähren: Sie müssen prinzipiell scheitern können, intersubjektiv nachvollziehbar sein, sich als erklärungsmächtig erweisen und nötigenfalls revidiert werden. Dieses „Trial-and-Error"-Prinzip der Erkenntnisgewinnung kann man auch auf Ontologien (Metaphysiken) anwenden – dabei trennt sich die Spreu vom Weizen, nämlich eine schlechte von einer guten Ontologie: Das Voraussetzen der Welt, deren Eigenschaften sich erforschen lassen, ist metaphysisch weniger aufwändig und besser kritisierbar als eine autonom geistige, übernatürliche Dimension. Die Existenzhypothese Gottes ist nicht intersubjektiv nachvollziehbar, weil der Schluss auf ein ewiges, vollkommenes, allmächtiges Geistwesen, das Welten und Naturgesetze planen kann, empirisch nicht gerechtfertigt ist. Die Erfahrung lehrt uns, dass es keine reinen Geistwesen gibt und dass alle intelligenten Akteure endlich, unvollkommen, begrenzt mächtig, an materiell-energetische Strukturen gebunden und in den Kausalstrom der Welt eingegliedert sind, ohne die konstant miteinander verbundenen Eigenschaften der Dinge ändern (z.B. sich mit Überlichtgeschwindigkeit fortbewegen oder außerhalb raumzeitlicher Strukturen handeln) zu können. Kurzum:

„Mit dem Verweis auf einen außerweltlichen Planer wird … das empirische Analogieargument verlassen, denn nichts aus unserer Erfahrung deutet auf die Existenz außerweltlicher Planung hin.“ (MAHNER 2005, 347)

Übernatürliches kann auch nicht überprüft werden, geschweige denn etwas erklären:

„Überprüfbar ist … nur das, mit dem wir wenigstens indirekt interagieren können, und das, was sich gesetzmäßig verhält. Übernatürliche Wesenheiten entziehen sich hingegen per definitionem unserem Zugriff und sind auch nicht an (zumindest weltliche) Gesetzmäßigkeiten gebunden.“ (MAHNER 2003, 138)

Wie Martin MAHNER ausführt, könnte etwas, das keinen (innerweltlichen) Gesetzmäßigkeiten unterliegt, zwar prinzipiell zur „Erklärung“ von allem und jedem herangezogen werden. Solche All-Erklärungen sind aber keine differenzierten Erklärungen, das heißt sie erklären nicht spezifisch das, was sie erklären sollen. Nur Theorien, die differenziert erklären, das heißt unter Nennung empirisch bestätigter Mechanismen und Gesetzesaussagen darlegen, wie und warum ein bestimmter Sachverhalt so und nicht anders zustande kam, haben Erklärungskraft. Bei „Gott“ und dessen Wechselwirkung mit der Materie hingegen handelt es sich um vollkommen unbekannte Faktoren. Folglich sind Erklärungen, die sich auf Gottes Wirken beziehen, weder erhellender noch spezifischer noch weniger beliebig als der Verweis auf Zauberei.

Die Gott-Hypothese als „rationales Konzept“ der Erklärung zu bezeichnen ist so, als würde man die Behauptung, ein geheimnisvoller Mechanismus gebäre Sterne, Planeten, Leben und überhaupt alles, was man sich sonst noch vorstellen kann, als intellektuell befriedigend betrachten, ohne diesen Mechanismus konkretisieren oder nachweisen zu können. Würde ein Naturalist so „argumentieren“, würde man ihn zu Recht des Obskurantismus bezichtigen.

Dadurch, dass Widenmeyer der naturalistischen Wissenschaftsphilosophie (zu Unrecht) den Appell an „eine gleichsam magische, fast unbegrenzte Schöpferkraft blinder, toter Materie“ unterstellt (s. Klappentext)[3], andererseits auf den Supranaturalismus verweist, auf den dieses Attribut (magische, unbegrenzte Schöpferkraft) zutrifft, scheitert seine Argumentation an einem performativen Selbstwiderspruch. Er kritisiert am Naturalismus „magische“ Elemente, von denen er selbst üppig Gebrauch macht.

Das „innere Wesen“ der Dinge

Widenmeyer behauptet ferner, die Naturwissenschaften könnten das „innere Wesen der Dinge“ nicht erfassen, wodurch nahegelegt wird, dass eine supranaturalistische Metaphysik dies könne:

„Die Naturwissenschaft ist nicht in der Lage, über das bloße äußerliche Verhalten der Gegenstände hinaus ihr eigentliches, inneres Wesen zu erforschen: Sie kann zum Beispiel nichts darüber sagen, ob Naturgegenstände überhaupt materiell sind, und was Materie ist (falls es sie gibt).“ (ebd., 103)

Wie oben betont wurde, ist es zwar richtig, dass sich metaphysische Fragen der Klärung durch die Naturwissenschaften entziehen, weil sie per Definition über den Zuständigkeitsbereich der Einzelwissenschaften hinausgehen: Wodurch zeichnen sich materielle Dinge aus? Was ist Kausalität? usw. Daraus folgt aber noch lange nicht, dass diese Fragen aus naturalistisch-materialistischer Sicht unbeantwortbar wären. Im Gegenteil, BUNGE & MAHNER (2004) formulieren eine materialistische Ontologie, die sich solchen Fragen stellt, siehe dort z.B. Kap. 2.1: „Materielle Dinge“ (S. 18-20), Kap. 2.5.1: „Materialität und Realität“ (S. 62-66) oder Kap. 4.1: „Ist die materielle Welt nur verkörperte Mathematik?“ (S. 128ff). Sie zeigen, dass alternative Ontologien wie diejenige Widenmeyers weder von der Wissenschaft benötigt werden noch in der Lage sind, brauchbare Lösungen für metaphysische Fragen anzubieten.

Schlechte Metaphysik zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie Begriffe in die Welt setzt, ohne klar darlegen zu können, was sie bedeuten. Zweifelsohne fällt Widenmeyers Konzept von einem „inneren Wesen“ der Naturgegenstände in diese Kategorie. Der Autor versucht zwar, den Begriff semantisch in nachvollziehbarer Weise zu beschreiben, doch kann er ihn im Wesentlichen nur negativ bestimmen: In einem Gedankenexperiment subtrahiert er alle empirisch feststellbaren Eigenschaften von den Dingen und definiert die so „gewonnene“, vermeintlich eigenschaftslose „Substanz“ als das innere Wesen der Naturgegenstände (womit er aber nur sagt, was dieses Wesen nicht ist):

„In anderen Worten ginge es darum, die intrinsischen Eigenschaften der Materie dingfest zu machen. Solche intrinsischen Eigenschaften der Materie könnten wir natürlich [sic!] nicht mittels der Naturwissenschaft untersuchen oder beschreiben, weil diese ja nur Zugang zu den äußerlichen, raumzeitlich gefassten Verhaltensweisen hat. Sie könnten aber auch nicht den sensitiven Eigenschaften unserer Wahrnehmungsgegenstände in irgendeiner Weise ähneln: Materie ist ja definitionsgemäß eine nicht geistige Substanz; sensitive Eigenschaften hingegen beruhen auf der Subjektivität geistiger Wesen; sie sind Merkmale des Geistigen, unseres Bewusstseins. Wir müssten uns also eine materielle Substanz als etwas denken, von dem sowohl alle sensitiven als auch alle strukturellen, physikalischen Eigenschaften vollständig abgezogen sind. Dies dürfte aber zumindest für uns Menschen undenkbar sein, denn hier bliebe für unser Denken und Vorstellen exakt nichts übrig. Von dem, was Materie an sich ist, falls es sie gibt, haben wir Menschen daher keinerlei Vorstellungen und nicht einmal irgendeinen Ansatz einer Vorstellung oder eines Begriffs.“ (ebd., 110)

In diesem Abschnitt wird der Leser gleich mit vier schweren Missverständnissen konfrontiert: Erstens ist „Materie“ keine Substanz, sondern die Menge aller materiellen Objekte bzw. Dinge und damit ein Abstraktum (BUNGE & MAHNER 2004, 64).[4]

Zweitens sind die Eigenschaften von Dingen keine real existierenden Objekte, sondern ebenfalls Abstrakta – folglich kann man sie auch nicht physisch von den Dingen „abziehen“ (vgl. BUNGE & MAHNER 2004, 23ff). Es gibt nur Dinge, die sich verhalten, und denen wir aufgrund ihres Verhaltens Eigenschaften zuschreiben, weder Eigenschaften an sich noch Substanzen an sich. Das heißt, auch die vermeintliche Substanz materieller Dinge ist ein Abstraktum. „Substanzen“, von denen „sowohl alle sensitiven als auch alle strukturellen, physikalischen Eigenschaften vollständig abgezogen sind“, existieren nicht real, sondern lediglich in der Phantasie einiger Metaphysikerhirne. Aus materialistischer Sicht ist es also völlig sinnlos, nach einem „inneren Wesen“ der Dinge zu fragen, das auf einer Vergegenständlichung (Reifikation) von Eigenschaften und (eigenschaftsloser) Substanz beruht.

Abb. 2 Gibt es ein „inneres Wesen“ der Dinge, das wir, wie KANT meinte, prinzipiell nicht erkennen können, sondern nur die Erscheinungen der Dinge selbst?

Widenmeyers Argument ist ein anschauliches Beispiel dessen, was man als Fehlschluss der Äquivokation (VOS SAVANT 1996, 76) bezeichnen kann: Wir sprechen über Eigenschaften von Dingen so, als wären es selbst Dinge, obwohl Dinge eine reale, ontologische Bedeutung haben, Eigenschaften dagegen nur eine abstrakte. So kann man die Eigenschaften von Dingen gedanklich von ihnen lösen, man spricht etwa von „der Ladung“ eines Elektrons. Es wäre jedoch ein Kategorienfehler, daraus zu folgern, es existiere einerseits eine struktur- und eigenschaftslose „Substanz“ namens Materie, und andererseits eine „Ladung“ an sich, die eine Substanz dazu befähige, sich wie ein Elektron zu verhalten. Nicht die gesetzmäßig miteinander verbundenen Eigenschaften der Dinge, die der Mensch aus ihrem Verhalten herausliest, bewirken, dass sie sich gesetzmäßig verhalten, sondern umgekehrt: Die Dinge verhalten sich aus sich selbst heraus gesetzmäßig, ohne dass ihr physisch jene Prädikate hinzugefügt werden müssten, die man von ihnen abstrahiert.

Drittens benutzt Widenmeyer eine deviante, ja irreführende Definition des Begriffs der intrinsischen Eigenschaft. Normalerweise versteht man unter intrinsischen Eigenschaften nämlich nicht das Gegenteil von dispositionalen oder empirisch messbaren, physikalischen Eigenschaften, sondern von relationalen Eigenschaften. Dazu wieder BUNGE & MAHNER (2004, 23):

„Eine intrinsische Eigenschaft eines Dings ist eine, die das Ding unabhängig von anderen Dingen besitzt, selbst wenn es sie unter dem Einfluss anderer Dinge erworben haben sollte. So sind Zusammensetzung, Spin, elektrische Ladung und Lebendigsein intrinsische Eigenschaften. Demgegenüber ist eine relationale Eigenschaft eine, die ein Ding in Bezug zu anderen Dingen besitzt.“

Ein weithin bekanntes Beispiel ist der Unterschied zwischen Masse und Gewicht: Masse ist eine intrinsische Eigenschaft realer Objekte, weil sie den Dingen inhärent ist. Gewicht hingegen ist eine relationale Eigenschaft, weil sie von der Stärke eines Gravitationsfelds, also von anderen Dingen abhängt. Intrinsische Eigenschaften der Dinge wie deren Masse sind zwar nicht direkt messbar (oder wahrnehmbar), doch kann man sie theoretisch erschließen: Sie werden zur Beschreibung bestimmter Phänomene gebraucht und lassen sich indirekt durch Messung anderer mit ihr in Verbindung stehender Eigenschaften (z.B. von Trägheitskräften) feststellen.

Da wir also die intrinsischen Eigenschaften von Dingen rekonstruieren und in den betreffenden Theorien begrifflich klar beschreiben können (meist sogar in mathematischer Form), ist das „innere Wesen“ der Dinge entweder trivial (weil wissenschaftlich beschreibbar) oder unnützer Mystizismus (weil ein geheimnisvolles „inneres Wesen“ der Dinge weder in den Naturwissenschaften noch in der Philosophie gebraucht wird). Das Konzept der Naturwissenschaften ist ersteres, Widenmeyers Konzept letzteres.[5]

Viertens erinnert Widenmeyers Argument an den so genannten Phänomenalismus Immanuel KANTs, der behauptete, dass wir die Dinge nicht wahrnehmen können, sondern nur ihre Erscheinungen (Phänomene) registrieren (Abb. 2; MAHNER pers. comm.). Würden wir aber davon ausgehen, dass sich in den Phänomenen – also in „den äußerlichen, raumzeitlich gefassten Verhaltensweisen“ (Widenmeyer) – nicht auch intrinsische Eigenschaften realer Dinge wiederspiegeln, wäre es völlig sinnlos anzunehmen, es sei möglich, etwas über die Welt in Erfahrung zu bringen. Eine solche Haltung ist anti-realistisch; wer meint, dass die Naturwissenschaften nicht hinter bloße Erscheinungen blicken, das Wesen der Dinge also nicht rekonstruieren können, sagt nichts anderes, als dass wir lediglich unsere Hirngespinste „erforschen“. Der hypothetische Realismus, der annimmt, dass es eine subjektunabhängige Wirklichkeit gibt, die wir teilweise wahrnehmen und erforschen können, wäre dann falsch; dies würde auch Widenmeyers Weltbild betreffen. Aussagen, wie dass es Indizien gäbe, die für die Existenz Gottes sprechen, wären dann erst Recht sinnlos.

Der KANTsche Phänomenalismus kann für Widenmeyer also genauso wenig eine Option sein, wie für die Naturwissenschaften: Nicht nur Naturwissenschaftler und Kriminalisten, auch im Alltag gehen wir davon aus, dass der Schein trügen kann, dass also hinter bloßen Erscheinungen eine weitaus mannigfaltigere Realität steckt, die wir in Teilen rekonstruieren können. Die Zeiten sind längst vorbei, als man in der Wissenschaftstheorie nur Entitäten akzeptierte, die sich über Erscheinungen, Messungen und über ihr dispositionales Verhalten definieren lassen. Dieser so genannte Operationalismus erwies sich als unhaltbar, weil die Bedeutung physikalischer Begriffe über das Beobachten und Protokollieren von Messdaten hinausgeht.

Im folgenden Abschnitt offenbart sich eine weitere ontologische Fehlkonzeption. So scheint Widenmeyer davon auszugehen, dass nicht nur Dinge, sondern auch Eigenschaften von Dingen über ein Wesen verfügen, das die Naturwissenschaften nicht erklären können:

„Wenn wir zum Beispiel den physikalischen Begriff eines Atoms weiter analysieren, so ergibt sich, dass es sich um etwas handelt, das eine bestimmte räumliche Struktur, Ladungsverteilung, Masseverteilung, Energiezustände und so weiter besitzt. Auf eine Frage schließlich, was zum Beispiel Ladung ist, wird die Naturwissenschaft nur zur Aussage kommen, dass es sich hierbei um eine bestimmte Weise handelt, wie Gegenstände sich unter definierten Bedingungen verhalten, wenn sie formal eine bestimmte ‚Ladung haben‘. Es ist wieder eine Wenn-Dann-Eigenschaft. Was aber Ladung, Masse, Energie und so weiter über bloße, definierte Verhaltensweisen hinaus jeweils sind, kann die Naturwissenschaft prinzipiell nicht sagen. Es wäre eine metaphysische Frage, was physikalische Gegenstände und Eigenschaften ihrem Wesen nach sind, was für eine Substanz ihnen zugrunde liegt beziehungsweise welche Realität sich jenseits ihrer bloßen Erscheinung befindet.“ (ebd., 110)

Der materialistischen Ontologie zufolge haben Eigenschaften aber selbst kein Wesen, sondern nur die Dinge selbst. Das Wesen von Dingen wird durch ihre (essentiellen) Eigenschaften bestimmt. Man kann z.B. fragen, wodurch sich Dinge mit einer (Ruhe-) Masse und mit einer elektrischen Ladung auszeichnen. Ein Wesen physikalischer Eigenschaften jedoch würde voraussetzen, dass diese Eigenschaften selbst durch essentielle Eigenschaften gekennzeichnet wären - dann aber könnte man fragen, durch welche essentiellen Eigenschaften wiederum diese essentiellen Eigenschaften von Eigenschaften gekennzeichnet sind usw. (MAHNER, pers. comm.).

Aus Sicht des Materialismus ist es ebenso sinnlos zu fragen, was „elektrische Ladung“ ihrem Wesen nach ist, wie wenn gefragt würde, worin das innere Wesen der Zahl 7 besteht. Und die Naturwissenschaften können schlecht etwas beschreiben, was auf einem Missverständnis des Materialismus beruht und was sie daher auch nicht als gegeben ansehend.

Zusammenfassung

Widenmeyers Naturalismuskritik scheitert an dem performativen Selbstwiderspruch, einerseits die Existenz nicht mehr hinterfragbarer Tatsachen (sog. facta bruta) als Unzulänglichkeit des Naturalismus und als Plausibilitätsargument zugunsten der Existenz Gottes zu interpretieren, andererseits aber die Gottexistenz als factum brutum voraussetzen zu müssen. Dieser Widerspruch wird nur oberflächlich zugedeckt, indem Gott als in sich verständlich bezeichnet wird, womit etwas vorausgesetzt wird, was nicht weiter begründet werden kann.

Dem Autor gelingt es nicht zu zeigen, wie der Supranaturalismus zu konkreteren Erkenntnissen oder gar zu Erklärungen gelangen könnte als der Naturalismus. Den an sich gestellten Anspruch, einen intelligibleren Lösungsansatz zu präsentieren als den Naturalismus, kann er nicht einlösen. Im Gegenteil, die Erklärungsleistung, die Widenmeyer für den Supranaturalismus beansprucht, geht nicht über das Niveau undifferenzierter All-Erklärungen hinaus. Eine ordentliche Theorie des Übernatürlichen und der behaupteten Interaktion zwischen Gottes Geist und der Materie kann er nicht anbieten. Er unterstreicht damit ungewollt die naturalistische Grundeinsicht, dass das Verständnis der Welt nicht über sie hinausführt. Ironischerweise wirft der Autor dem Naturalismus zu Unrecht den Gebrauch magischer Elemente vor, von denen er selbst üppig Gebrauch macht.

Der Supranaturalismus kann keine Evidenz beanspruchen, weil nichts aus der Erfahrung auf außerweltliche Planung hindeutet. Das Analogie-Argument ist nur dann scheinbar plausibel, wenn man alles, was wir über intelligente Planer wissen (etwa, dass es keine reinen Geistwesen gibt und dass sie sich nicht über die Naturgesetzlichkeit der Welt hinwegsetzen können), ignoriert und ins Gegenteil verkehrt. Daher kann sich Widenmeyer nicht auf Rationalität, sondern nur auf den A-priori-Glaubensstandpunkt berufen, dass sich eine geistige Ordnung bei Gott aus sich selbst erklärt, wogegen alle materielle Ordnung einer weiteren Erklärung bedarf.

Oft skizziert der Autor vermeintliche Probleme des Naturalismus, die nur aus dem Blickwinkel seiner speziellen Metaphysik zu existieren scheinen, dem Selbstverständnis des Naturalismus und Materialismus jedoch widersprechen: So beruht des Autors Vorstellung von der Existenz eines unerklärbaren „inneren Wesens“ der Dinge und ihrer Eigenschaften aus materialistisch-naturalistischer Sicht teils auf einem Kategorienfehler, weil er „Eigenschaften“ und „Substanzen“ vergegenständlicht, teils auf der philosophischen Anschauung des Phänomenalismus, wonach wir nur die Erscheinungen der Dinge erkennen, nicht aber das Wesen der Dinge selbst rekonstruieren können. Diese Anschauung ist jedoch anti-realistisch, womit Widenmeyer die Basis seiner eigenen Argumentation wegschneidet. Die Grundzüge des Naturalismus und Materialismus, die er kritisiert, hat er nicht hinreichend verstanden.

Dipl.-Ing. Martin Neukamm ist Chemie-Ingenieur an der TU München und geschäftsführender Redakteur der AG Evolutionsbiologie im Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland. Er ist Herausgeber mehrerer Bücher darunter „Darwin heute: Evolution als Leitbild in den modernen Wissenschaften“.

Hier geht es zu: Besprechung des Buches „Welt ohne Gott“ - Teil 2

Fußnoten

[1] Nachtrag (13.03.2016): Der Anti-Naturalist und WORT-UND-WISSEN-Vertreter Felix HESS (2015) hat sich inzwischen an einer Kritik dieses Beitrags versucht. Der Physiker Uwe GROM (2016) weist Punkt für Punkt nach, dass HESS‘ Argumentation in allen Belangen gescheitert ist; s.: www.ag-evolutionsbiologie.net/html/2016/welt-mit-verstand-replik-felix-hess.html

[2]Nach ARISTOTELES geht jeder Bewegung bzw. Wirkung eine weitere Bewegung bzw. Ursache voraus. Der unendliche Regress kann nur durch eine Ursache gestoppt werden, die selbst unbewegt bzw. unverursacht ist. Thomas V. AQUIN nannte den ersten „unbewegten Beweger“ Gott.

[3] In Wahrheit lässt der Naturalismus nur empirisch begründete Mechanismen und Gesetzesaussagen zu, die nicht unbegrenzt erklären. Zur Entstehung von Planeten etwa braucht es ganz andere Mechanismen als zur Entstehung von Leben.

[4] Materielle Objekte (Dinge) sind solche, die Zustandsänderungen erfahren können, also Teilchen, Teilchensysteme und Felder. Dies grenzt sie von immateriellen Objekten wie Zahlen, Formeln, Denkinhalten, fiktiven Gestalten, Argumenten usw. ab. Immaterielle Objekte sind Abstrakta und können sich nicht verändern, geschweige denn kausal wirksam werden. So wäre es unsinnig zu fragen, wie es der Zahl 7 heute erging, welche Prozesse die MAXWELL-Gleichungen verursachen oder welche Zustandsänderungen ein Gedanke erfährt. Daraus folgt, dass Bewusstsein und Geist auf materielle Prozesse reduzierbar sind. Wären sie nämlich etwas Immaterielles, wäre kein bewusstes Erleben möglich, weil Wahrnehmung und Nachdenken etwas Dynamisches sind – und damit die Folge von Zustandsänderungen eines Systems. Wir kommen in einem anderen Teil der Buchbesprechung darauf zurück.

[5] In populärwissenschaftlichen Abhandlungen liest man des Öfteren, wir wüssten nicht, „was Materie ist“ (so z.B. VAAS 2013, 59f). Wie erläutert wird, dürfte es aber bestenfalls heißen, dass wir wissen nicht, was konkrete Dingesind, da „Materie“ ein abstrakter Sammelbegriff ist. Doch auch diese Behauptung wäre falsch, denn bis zu einer Dimension von etwa 10-19 Metern sind alle Dinge in empirisch nachvollziehbarer Weise schalenartig durchstrukturiert und ihrem Wesen nach durch ihre Eigenschaften bestimmt. Wir können z. B. klar darlegen, was Protonen, Kohlenstoffatome, Elefanten und Menschen ihrem Wesen nach sind. Lediglich unterhalb einer Größenordnung von 10-19 Metern können wir die Substrukturen materieller Dinge (noch?) nicht auflösen. Ob Elektronen und Quarks aus noch elementareren Bausteinen bestehen, ob sie eine räumliche Ausdehnung haben und ob sie auf kleinsten Skalen als lokale Verdichtungen von Quantenfeldern beschreibbar sind, können wir derzeit nicht sagen. Das spannende an den Naturwissenschaften ist: Wir können es herausfinden.

Literatur

ALBERT, H. (1991) Traktat über kritische Vernunft. Verlag J.C.B. Mohr, Tübingen.

BUNGE, M. & MAHNER, M. (2004) Über die Natur der Dinge. Materialismus und Wis-senschaft. Hirzel-Verlag, Stuttgart.

KANITSCHEIDER, B. (1999) Es hat keinen Sinn, die Grenzen zu verwischen. Spektrum der Wissenschaften 11, 80–83.

KANITSCHEIDER, B. (2003) Naturalismus, metaphysische Illusionen und der Ort der Seele. Grundzüge einer naturalistischen Philosophie und Ethik. In: Zur Debatte. Themen der Katholischen Akademie in Bayern 1, 33–34.

MACKIE, J.L. (1985) Das Wunder des Theismus. Argumente für und gegen die Exis-tenz Gottes. Reclam-Verlag, Stuttgart.

MAHNER, M. (2003) Naturalismus und Wissenschaft. Skeptiker 16, 137–139.

MAHNER, M. (2005) Religion und Wissenschaft: Konflikt oder Komplementarität? MIZ 34, 16–20.

MORRISTON, W. (2000) Must the beginning of the universe have a personal cause? A critical examination of the kalam cosmological argument. Faith and Philosophy 7, 149–169.

VAAS, R. (2013) Vom Gottesteilchen zur Weltformel: Urknall, Higgs, Antimaterie und die rätselhafte Schattenwelt. Kosmos-Verlag, Stuttgart.

VOLLMER, G. (1986) Was können wir wissen? Bd. 2: Die Erkenntnis der Natur. Hirzel-Verlag, Stuttgart.

VOS SAVANT, M. (1996) The power of logical thinking. St. Martin’s Press, New York.

Widenmeyer, M. (2014) Welt ohne Gott? Eine kritische Analyse des Naturalismus. SCM Hänssler.

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Kommentare

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    Klaus Steiner

    Zitat: „Die Naturwissenschaft kann die grundlegende Regelmäßigkeit und damit einen wesentlichen Aspekt der Ordnung, die wir in der Natur wahrnehmen, aus prinzipiellen Gründen nicht erklären. …“

    Es gibt laut G. Vollmer gute Gründe dafür, warum Naturgesetze "nur" beschreiben und nicht erklären. Erklärungen enthalten weitere Elemente, i. d. R. Anfangsbedingungen, idealisierende, oft sogar kontrafaktische Annahmen und - ausdrücklich oder implizit - eine ceteris-paribus-Klausel, also die Annahme, dass keine weiteren Faktoren berücksichtigt werden müssen (Quelle 1, S. 210). Bei der Suche nach einer Kausalerklärung für die Naturgesetze müssten wir Zeitpunkte ins Auge fassen, die zeitlich vor allen Naturgesetzen liegen (Quelle 1, S. 222). Außerdem hindert uns der Zufall daran, eine echte Erklärung zu finden (Quelle 1, vgl. S. 226).

    (Quelle 1: Philosophia Nauturalis, Band 37, Heft 2, Was sind und warum gelten Naturgesetze?, Gerhard Vollmer, 2000)

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      Klaus Steiner

      Hallo Herr Neukamm,

      dieser Artikel besticht durch sein geballtes Wissen und ist enorm stark in seiner Erklärungskraft! Danke!

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        Dr. L. Steinbock
        1. Die Quantenmechanik ERKLÄRT die Regelmäßigkeit des periodischen Systems der Elemente als Folge der Schrödingergleichung in einer 3+1-Welt. Eine 4+1-Welt hätte ein anderes Preiodensystem zur Folge.
          2. Die Telegrafengleichung hat nur in ungeraden Dimensionen (1,3,5..) informationserhaltende Schwingungen. Oder die Mathematik erklärt die Physik.

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          Norbert Schönecker

          Was mir an dem Artikel gefällt:

          ) Er kommt völlig ohne Polemik aus.

          ) Er ist fair. Zum Beispiel stellt er fest, dass es in der Naturwissenschaft ebenso unsinnig ist zu fragen "Was war vor dem Urknall?" wie in der Theologie zu fragen "Wer hat Gott geschaffen?". Keine der beiden Disziplinen kann eine Antwort geben, man kann es auch von keiner verlangen.

          ) Er kennt seinen "Gegner". Es freut mich besonders, dass für die 5 Wege des Thomas von Aquin nicht der blöde Begriff "Gottesbeweis" verwendet wird, der auch im kirchlichen Bereich viel zu oft genannt wird. "Vernunftgründe" passt viel besser. Beweise sind es nämlich nicht, Thomas hat sie auch nicht als solche bezeichnet.

          Die Behauptung, dass der Naturalismus nicht alles erklären kann, dürfte Martin Neukamm gar nicht bestreiten. Das wäre auch absurd (selbst wenn es Menschen gibt, die glauben, dass meine Empfindungen beim Hören von Bachs Air nichts anderes sind als prinzipiell berechenbare Nebenwirkungen des Urknalls).
          Dazu eine reichlich simple Illustration:
          Bei einem Fußballmatch schießt ein Fußballer einen Elfmeter an die Stange. Auf die Frage "Warum hat er das gemacht?" kann die Naturwissenschaft exakt Parameter wie Impulskraft, Elastizität und Resilienz des Balles, Drall, Luftwiderstand und Wind hernehmen und so die Flugbahn bestimmen. Die Neurologie kann bis zu einem gewissen Grad Nervosität und Konzentration eruieren. Aber: Was Ehrgeiz und Ruhm und Triumph sind, das entzieht sich völlig jedem naturwissenschaftlichem Verständnis.

          Ich bin mit Herrn Neukamm völlig einig darin, dass "Gott" als Letztbegründung nicht logischer oder intellektuell befriedigender ist als "Zufall" (obwohl letzterer im Artikel gar nicht vorkommt) oder "Quantenfluktuation" (kommt auch nicht vor) oder "Potentialität" (kommt auch nicht vor).
          Mir fällt auf, dass Herr Neukamm überhaupt keine Alternative zu "Gott" vorgeschlagen hat. Das ist kein Mangel. Manches wissen wir einfach nicht. Menschen, die das Gegeteil behaupten, sind mir zutiefst suspekt

          Der Satz "Gott ist die Antwort" gibt übrigens dem Nichtwissen ohnehin nur einen Namen, beseitigt aber das Nichtwissen kaum. Als katholischer Theologe und gläubiger Christ halte ich Menschen, die glauben, über Gott ähnlich bescheid zu wissen wie über den ersten Hauptsatz der Thermodynamik, für gefährlich präpotent.

          Ein gläubiger Christ weiß nur, dass die Welt kein Zufall ist dass sie im Ursprung und im Ziel gut ist. Für diese Erkenntnis braucht ein Mensch überhaupt keine Lücken in der Natuwissenschaft. Es reicht, ein Neugeborenes im Arm zu halten; in der Nacht den Sternenhimmel zu betrachten; Musik zu hören; zu trauern und zu trösten; Freunde zu finden oder geliebte Menschen zu verlieren - und dann weiß man ohnehin, dass die Naturwissenschaft nicht alles erklärt. Extra den Urknall (oder die Evolution oder die Hyperfeinabstimmung oder wasauchimmer) zu bemühen ist völlig übertrieben und lenkt meiner Meinung nach sogar von Gott ab. Einem Christen will Gott in seinem Leben begegnen, nicht an den Randbedingungen des Universums.

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            Klaus Steiner

            Hallo Herr Schönecker,

            Ihr Zitat: „Ein gläubiger Christ weiß nur, dass die Welt kein Zufall ist dass sie im Ursprung und im Ziel gut ist.“
            Um spitzfindig zu sein, der Christ glaubt das, wissen tut er es nicht :-)

            Ihr Zitat: „Einem Christen will Gott in seinem Leben begegnen, nicht an den Randbedingungen des Universums.“
            Für einen Christen (wie auch allen Anderen) ist vor allem wichtig, dass er Menschen hat, die ihm nahe stehen, denen er vertrauen kann und mit denen er eine gute Zeit verleben kann. Mehr bräuchte es meines Erachtens dazu nicht. Mir ist auch klar, dass dieser - in meinen Augen - imaginäre Gott die Menschen durchaus zusammenbringen kann.

            Ihr Zitat: "Extra den Urknall (oder die Evolution oder die Hyperfeinabstimmung oder wasauchimmer) zu bemühen ist völlig übertrieben und lenkt meiner Meinung nach sogar von Gott ab." Was soll denn "extra" heissen? Auch finde ich "bemühen" und "übertrieben" unpassend. Der Urknall hat stattgefunden, dass ist mal sicher. Mehr braucht man dazu nicht zu sagen.

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              Norbert Schönecker

              S.g. Herr Steiner!

              Zur Spitzfindigkeit: Menschen sagen auf manchmal zu Ehepartnern: Ich weiß, dass Du mich liebst. Ähnlich sicher sind sich wirkich gläubige Menschen, was Gott betrifft.

              Dass Sie im Glauben etwas sehen, was potentiell etwas Positives bewirken kann (nämlich Menschen zusammenbringen), zeigt mir, dass Sie vor gläubigen Menschen Respekt haben (wahrscheinlich genauso viel wie vor jedem anderen Menschen). Das freut mich, weil ich gerade in letzter Zeit bei Atheisten ganz anderes erlebt habe. Danke!
              Meine Beziehung zu Gott bereichert mein Leben auf eine Art, wie es die Beziehung zu Menschen nicht vermag. Nicht unbedingt, weil sie besser oder größer wäre. Sie ist anders.

              Zum Urknall: Was ich damit meinte: Manche Kollegen von mir versuchen, Gott in der Natur zu belegen. Das ist soweit recht ehrenwert. Oft läuft es aber darauf hinaus, Bereiche zu finden, die die Naturwissenschaft (noch) nicht erklären kann. Seit wir wissen, wie Donner, Blitz und Berge entstehen, ziehen sich manche theistischen Apologeten auf Urknall und Entstehung des ersten Lebens zurück. Das sind zweifellos faszinierende Wissensgebiete. Aber sie haben wenig mit meinem persönlichen Leben zu tun. Ich glaube aber nicht an einen Gott, der in einer Wissenschaftsnische wohnt. Ich glaube an einen Gott, der in meinem Herzen wohnen will.
              Ich meinte also: Man nimmt "extra" etwas Exotisches statt etwas Naheliegendes. Man "bemüht" schwierige Naturwissenschaften statt Lebensbereiche, in denen jeder Mensch sich auskennt. Und ein Mensch, der auf der Suche nach Gott geistig bis an die Grenzen des Universums reist, "übertreibt" ebenso wie Mensch, der nach China reist, um Regenwürmer zu finden. Das ist höchstens für professionelle Zoologen interessant.

              Ein gläubiger Astronom erkennt vielleicht im Urknall ein Abbild der Genialität Gottes. Ein Theologe vielleicht auch. Der Durchschnittsmensch hat einfachere Wege, Gott zu begegnen.

              Hochachtungsvoll
              Schönecker

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              Dr. L. Steinbock

              ad Schönecker > und im Ziel gut ist. <: was ist "gut"?
              > Einem Christen will Gott in seinem Leben begegnen,<
              Wer ist "Gott"? Ist das eine Person, die "Wollen" kann?
              Was ist "Begegnung"? elektromagnetische, gravitätische oder nukleare Wechselwirkung?

              Antworten

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                Norbert Schönecker

                S.g. Dr. Steinböck!

                "Was ist "gut"?"
                - "Gut" heißt für einen gläubigen Menschen letzlich: So, wie es von Gott gedacht war. Da das etwas unkonkret ist, bleiben uns Beschreibungen: Ein guter Herrscher ist gerecht; ein guter Freund ist treu; gute Eltern sind liebevoll; ein gutes Land ernährt seine Bewohner; gute Arbeit macht den Arbeitenden und den Kunden zufrieden.

                "Wer ist "Gott"? Ist das eine Person, die "Wollen" kann?"
                - Für einen katholischen Christen sind das sogar drei Personen, die gemeinsam "Wollen" können.

                "Was ist "Begegnung"? Elektromagnetische, gravitätische oder nukleare Wechselwirkung?"
                - Nein, nicht unbedingt. Begegnung heißt in meinem Zusammenhang: jemanden besser kennenlernen, am Leben einer anderen Person teilnehmen. Beim Menschen ist das (in diesem Leben) auf jeden Fall mit Gehirnaktivität und deshalb mit elektromagnetischer Aktivität verbunden. Aber bei einer Brieffreundschaft z.B. gibt es Begegnung, ohne dass der andere physikalisch direkt auf mich einwirkt.

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                foramentor

                Lieber Herr Schönecker

                "Extra den Urknall ... zu bemühen ist völlig übertrieben und lenkt meiner Meinung nach sogar von Gott ab."

                Ja! Dabei möchte ich sogar noch weiter gehen:
                Die Wissenschaft untersucht Zusammenhänge und Details innerhalb der Schöpfung, nicht aber den Verursachers respektive den Schöpfer. Sobald die Wissenschaft über ein Detail Antworten erarbeitet hat, entstehen ähnlich einer Mandelbrotmenge sofort weitere ungelöste Probleme. Die Kenntnis über das Wesen Gottes flieht im selben Schrittmass, wie die Wissenschaft Fortschritte erzielt und Gott bleibt für uns so etwas wie ein "ewiger Horizont". Das ist m.E. philosophisch damit erklärbar, dass der Schöpfer eben über der Schöpfung steht und infolgedessen von seinen Geschöpfen nie in aller Klarheit erkannt werden kann. Ein wenig Abhilfe schafft hier das Gnadenmittel des Glaubens.

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                  Klarsicht(ig)

                  „Glaubens-Infizierte“ verwirklichen mit ihrem Glauben implizit permanent den Tatbestand der Blasphemie !?

                  Viele Menschen glauben, dass irgendwo etwas Übernatürliches existiert, das sie mit dem Begriff „Gott“ oder „Allah“ versehen haben. Von diesem Übernatürlichen nehmen sie an, dass Ihm nichts unmöglich und dass Es'' ihnen wohlgesonnen sei. Das würde bedeuten, dass **Es u. a. mit einer für Menschen nicht oder nicht gänzlich erfassbaren, überaus hohen Intelligenz ausgestattet sein müsste. Und diese Menschen glauben, dass die übernatürliche „Hochintelligenz“ der Autor oder Produzent des Gedanken- und Schriftgutes (Bibel, Koran usw.) sei, was sie als heilig betrachten und verehren. Nach redlicher Beurteilung vieler anderer Menschen mit normal ausgeprägter Empathie ist dieses Gedanken- und Schriftgut aber zumindest teilweise intellektuell und ethisch von überaus schlechter Qualität (Ausschuss). Wenn daher schon nach menschlicher Beurteilung schlechte Qualität vorliegt, dann ist es unvernünftig zu unterstellen, dass man es mit „Produkten“ einer übernatürlichen „Hochintelligenz“ zu tun hat.

                  Die vielen Menschen, die davon ausgehen, dass eine übernatürliche „Hochintelligenz“ existiert, die sie als „Gott“ oder „Allah“ bezeichnen, stellen Ihr mit dem Glauben daran, dass die Bibel, der Koran usw. von Ihr stammen bzw. dass deren Produktion von Ihr gedanklich / geistig initiiert wurde, implizit ein intellektuelles Armutszeugnis aus. Auch unterstellen diese Menschen durch ihren Glauben der übernatürlichen „Hochintelligenz“ implizit, dass es von Ihr nicht bemerkt wurde, schlechte Qualität produziert bzw. solche initiiert zu haben, womit Ihr von den „Glaubens-Infizierten“ auch hier ein intellektuelles Armutszeugnis ausgestellt wird.

                  Würde eine übernatürliche „Hochintelligenz“ existieren, so dürfte man logischerweise davon ausgehen, dass Sie nur qualitativ überaus gutes Gedanken - und Schriftgut selbst produzieren oder durch erwählte Menschen herstellen lassen würde. Hätte Sie es gleichwohl irrtümlich einmal zu verantworten, dass Ausschuss produziert wurde, so dürfte man auch hier logischerweise davon ausgehen, dass Sie es natürlich irgendwann bemerkt und beseitigt haben würde. Da zumindest teilweise Ausschuss vorliegt, der nicht beseitigt wurde, kann es nur vernünftig sein, davon auszugehen, dass sich die „Glaubens-Infizierten“ mit ihrem Glauben „auf dem Holzweg befinden“.

                  Das viele rituelle Verhalten, was sich Menschen gegenüber von ihnen als existent angenommenem Übernatürlichen ausgedacht und sich autonom auferlegt haben oder was ihnen Ihm gegenüber heteronom auferlegt wurde, sowie ihre ständige devot-servile Anbiederung an das imaginär Übernatürliche hat einen derart unwürdigen und primitiven Charakter, so dass diese Menschen Ihm auch hier durch ihr Verhalten und ihre Anbiederung implizit ein intellektuelles Armutszeugnis ausstellen. Denn durch ihren Glauben unterstellen die „Glaubens-Infizierten“ der übernatürlichen „Hochintelligenz“ ja implizit, dass es Ihr gefällt, wenn sich Menschen Ihr gegenüber primitiv verhalten und ihre Selbstachtung aufgeben. Schon ein nur halbwegs intelligenter Mensch kann doch nicht ernsthaft annehmen, dass eine übernatürliche „Hochintelligenz“ es von Menschen erwarten würde, dass Sie von ihnen auf eine Art und Weise verehrt werden möchte - wenn überhaupt -, die einen absurden und sehr skurrilen Charakter aufweist.

                  Durch das intellektuelle Armutszeugnis, das „Glaubens-Infizierte“ der übernatürlichen „Hochintelligenz“ mit ihrem Glauben mehrfach implizit ausstellen, verwirklichen gerade sie permanent den Tatbestand der Blasphemie, falls Sie wirklich existieren sollte.

                  Siehe auch:

                  „Glaubens-Infizierte“ verwirklichen mit ihrem Glauben implizit permanent den Tatbestand der Blasphemie !?:
                  https://www.youtube.com/watch?v=YxAS0n-pnRM&t=9s

                  Religiöse Gewalt | Jan Assmann:
                  https://www.youtube.com/watch?v=lrf2jIFQxM

                  Atheismus logisch erklärt:
                  https://www.youtube.com/watch?v=Ck798BDMoTE

                  Atheismus schützt gegen _„religiöse Glaubens- Infektion"
                  :
                  https://www.youtube.com/watch?v=vIJ4HvWlZDw

                  Gruß von
                  Klarsicht(ig)

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                    Klarsicht(ig)

                    Zitat: „ … warum überhaupt etwas existiert und nicht nichts, … “.

                    Ich denke, dass immer irgendetwas existiert – auch wenn nur ein „Nichts“ vorhanden wäre. Wo nichts existiert, existiert dann eben immer noch das „Nichts“.

                    Insbesondere „Glaubens-Infizierte“ stellen manchmal staunend die Frage, warum „etwas" existiert und warum eigentlich nicht„nichts" existiert ? Hier könnte staunend zurück gefragt werden, wodurch es gerechtfertigt sein sollte, das nichts Existierendem gegenüber etwas Existierendem evtl. ein Vorrang eingeräumt werden müsste ? Im übrigen staunen vom Glauben nicht infizierte Menschen ständig darüber, dass „Glaubens-Infizierte“ glauben, dass in ihrem Weltbild der Existenzumfang größer sei als im Weltbild vom Glauben nicht infizierter Menschen. Denn „Glaubens-Infizierte" glauben ja, dass der Existenzumfang in ihrem Weltbild z. B. zusätzlich durch die Existenz eines „dreifaltigen Bibeldämons“ angereichert sei. Wäre der Zustand gegeben, dass nichts existiert, dann wäre davon auch auch der „Held“ der „Glaubens-Infizierten“ betroffen.  

                    „Glaubens-Infizierte“ meinen, dass es einen transzendenten Überbau gibt, der aus ihrem angeblich überall anwesenden Protagonisten ihres religiösen Weltbildes besteht oder aus dem heraus ihr „Held“ Seine Herrschaft ausübt. Man könnte sich fragen, wieso die „Glaubens-Infizierten“ so kleingläubig sind und sich in ihrer „Glaubens-Fantasie“ nur auf einen transzendenten Überbau beschränken ? Wo es einen solchen Überbau geben soll könnten doch auch unendlich viele andere existieren, in denen jeweils ein „Superwesen“ etwa in der Art und Weise haust, wie es supermassive schwarze Löcher in den Galaxien des Universums tun. Was hindert „Glaubens-Infizierte“ daran, ihre „Glaubens-Fantasien“ zu erweitern und z. B. auch zu glauben, dass sich ihr „Held“ irgendwann aufgrund Seiner Allmacht, die sie Ihm zuschreiben, selbst vervielfältigt und mehrere „transzendente Filialen“ eröffnet hat ?

                    Gruß von
                    Klarsicht(ig)

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                    1. userpic
                      Klaus Steiner

                      Hallo Herr Schönecker,

                      Ihr Zitat: „Menschen sagen auf manchmal zu Ehepartnern: Ich weiß, dass Du mich liebst. Ähnlich sicher sind sich wirkich gläubige Menschen, was Gott betrifft.“
                      Hierbei kann ich R. Dawkins nur beipflichten, wenn er schreibt, dass innere Gefühle (dass jemand von jemand anderem geliebt wird) von Belegen gestützt sein müssen (Quelle: Gott im Fadenkreuz, J. Lennox, vgl. S. 54)!

                      Ihr Zitat: „Dass Sie im Glauben etwas sehen, was potentiell etwas Positives bewirken kann (nämlich Menschen zusammenbringen), zeigt mir, dass Sie vor gläubigen Menschen Respekt haben (wahrscheinlich genauso viel wie vor jedem anderen Menschen).“
                      Ich habe respekt vor Gläubigen Menschen, weil ich weiss, dass sie nicht anders können, weil sie keinen freien Willen haben. Sie sind eben so sozialisiert worden!

                      Ihr Zitat: „Ich glaube aber nicht an einen Gott, der in einer Wissenschaftsnische wohnt.“
                      Ja, der Lückenbüsser-Gott ist kein schmeichelnder Ausdruck. Wenn ich gläubig wäre, würde ich auch nicht an einen solchen Gott glauben wollen.

                      Ihr Zitat: „Ich glaube an einen Gott, der in meinem Herzen wohnen will.“
                      Diese Argumentation ist strategisch sehr gut! Damit erhöhen sie den Glauben zu einer Gefühlssache. Gegen Gefühle lässt sich rational nur schwer argumentieren. Aber wie oben schon aufgezeigt, sollten die Gefühle von Belegen gestützt sein. :-)

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                        foramentor

                        Lieber Herr Steiner

                        Zitat: "Diese Argumentation ist strategisch sehr gut! Damit erhöhen sie den Glauben zu einer Gefühlssache. Gegen Gefühle lässt sich rational nur schwer argumentieren."

                        Diese Argumentation fasse ich nicht als Strategie auf, sondern als im Wesen des Glaubens begründet. Wissenschaft ist verstandes- und faktenbasiert, der Glaube liegt grossteils im gefühlsmässigen und spirituellen Bereich, zumal das Wesen Gottes die menschliche Intelligenz überfordert. Somit manifestiert sich die Theologie als unexakte Wissenschaft, was m.E. anspruchsvoller ist und "mehr Mensch" erfordert als die Naturwissenschaften.
                        In diesem Sinne wählen Gläubige den schwierigeren Weg, weil sich in unserer heutigen verstandesbetonten Gesellschaft mit Gefühlen ebenso schwer argumentieren lässt wie gegen dieselben. Allerdings hat gerade die Kombination von Wissen und Erahnen, von Faktum und Postulat, von Diskursivität und Intuition die Menschheit so oft wissenschaftlich fortschreiten lassen.

                        Zitat: "Ich habe Respekt vor Gläubigen Menschen, weil ich weiss, dass sie nicht anders können, weil sie keinen freien Willen haben. Sie sind eben so sozialisiert worden!"

                        Diese Aussage steht für mich schief da. Genausogut wären Atheisten der Sozialisierung unterworfen und könnten folglich nicht anders, als Gott zu leugnen. Ad absurdum getrieben wären auch Schwerverbrecher entsprechend sozialisiert worden und könnten halt nichts dafür. Das Scheinargument der Sozialisierung entspricht etwa demjenigen der Indoktrination. Jedes Kind wird von seinen Eltern beeinflusst; wenn sich aber ein Mensch in reiferen Jahren noch immer darauf beruft, zeugt das nicht gerade von Eigenverantwortung und selbständigem Denken. Bei der Aburteilung Andersdenkender als "dahingehend sozialisiert" meine ich, eine gewisse - bitte fassen Sie dies nicht als Affront gegen Ihre Person auf - Überheblichkeit herauszuspüren.

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                          Klaus Steiner

                          Hallo foramentor,

                          Ihr Zitat: „…, der Glaube liegt grossteils im gefühlsmässigen und spirituellen Bereich, zumal das Wesen Gottes die menschliche Intelligenz überfordert.“
                          Eigentlich ist unter dem „Wesen“ Gottes eine Charaktereigenschaft zu verstehen. Hier wird das Gott zugeschriebene „Wesen“ so vielfältig wie die verschiedenen Religionen sein, solange nicht z. B. der These, man solle sich von Gott kein Bild machen, größeres Gewicht beigemessen wird.
                          Zum „Wesen“ Gottes möchte ich eine Analogie anführen. Für das Judentum ist Jesus gestorben, aber nie auferstanden sei. Der Islam sagt, Jesus sei nie gestorben. Das Christentum sagt, Jesus sei sowohl gestorben als auch auferstanden.
                          Die Inkompatibilität dieser religiösen "Wahrheiten" liegt in der Zwischengruppenkonkurrenz begründet. Diese baut auf der destruktiven Kraft moralischer Gewissheit und nicht auf den rationalen, zweifelhaften und um Ausgleich bemühten Diskurs unter Experten über das, was als Wahrheit zu deuten ist, auf (Quelle: Evolutionstheorie und Kreationismus - Ein Gegensatz, Otto Kraus, 2009, vgl. S. 89).

                          Ihr Zitat: „Somit manifestiert sich die Theologie als unexakte Wissenschaft, …“
                          Dazu lässt sich noch radikaler feststellen: Auch wenn in den exegetischen und geschichtlichen Fächern durchaus wissenschaftlich gearbeitet wird, ist die Theologie als Ganzes natürlich keine Wissenschaft. Sie ist es deshalb nicht, weil es ihr nicht gelingt und auch nach eigenem Anspruch nicht gelingen kann, ihren Gegenstand "Gott" überhaupt nachzuweisen (Quelle 1: Der Dogmenwahn, Heinz-Werner Kubitza, 2015, vgl. S. 41). Die Kernbestandteile der Theologie, von einigen Theologen "Axiome" genannt, sind im eigentlichen Sinn lediglich religiöse Bekenntnisse. Theologie ist demnach keine Wissenschaft, nicht in der Theorie und auch nicht nach den wesentlichen Aussagen der Dogmatiker selbst. Sie bleibt ein Relikt im Wissenschaftsbetrieb, Überbleibsel vorwissenschaftlichen Denkens aus einer Zeit religiöser Bevormundung (Quelle 1, vgl. S. 42).

                          Ihr Zitat: …, was m.E. anspruchsvoller ist und "mehr Mensch" erfordert als die Naturwissenschaften. In diesem Sinne wählen Gläubige den schwierigeren Weg, …“
                          Das sehe ich anders. Aberglaube ist bequem, Skepsis ist aufwendig. In einem Interview meinte der Psychologe und Wissenschaftshistoriker Michael Shermer: „Es ist einfach zu anstrengend, immer kritisch zu denken (Quelle: Im Lichte der Evolution, G. Vollmer, 2017, vgl. S. 250).“

                          Ihr Zitat: „Allerdings hat gerade die Kombination von Wissen und Erahnen, von Faktum und Postulat, von Diskursivität und Intuition die Menschheit so oft wissenschaftlich fortschreiten lassen.“
                          Weil man mit Forschung den Dingen auf den Zahn fühlt um sie besser zu verstehen. Natürlich hat man eine Idee/Theorie, wie sich etwas verhalten könnte. Solange man Versuche machen kann, die einem in das „Innerste“ vorzudringen weiterhelfen, kann man dann die Idee/Theorie der Wirklichkeit anpassen oder sie verwerfen.

                          Ihr Zitat: „Genausogut wären Atheisten der Sozialisierung unterworfen und könnten folglich nicht anders, als Gott zu leugnen.“
                          Wenn Sie von „leugnen“ sprechen, setzten Sie Wissen von der Existenz eines Gottes voraus. Nun lässt sich Gott aber nicht beweisen! Man könnte nun meinen, zwischen Existenz (Designer) und Nichtexistenz (Fehlen eines Designers) und ebenso zwischen Beweis und Widerlegung bestünde eine gewisse Symmetrie und damit zwischen Theisten und Atheisten eine Pattstellung. Das mag auf den ersten Blick plausibel erscheinen, ist jedoch erkenntnistheoretisch und wissenschaftslogisch falsch. Allaussagen ("Alle x haben die Eigenschaft y") lassen sich nicht beweisen, aber durch ein einziges Gegenbeispiel widerlegen. Existenzaussagen ("Es gibt mindestens ein x mit der Eigenschaft y") lassen sich durch ein einziges Beispiel belegen, aber nicht widerlegen. Deshalb verlangen wir von dem, der eine Existenzbehauptung ("Es gibt Gott / den intelligenten Designer") aufstellt, einen Beleg. Andernfalls müssten wir alles für existent halten, was wir weder belegen noch streng widerlegen können: Nessie, Yeti, Wolpertinger usw. (Quelle: Gretchenfragen an den Naturalisten, Gerhard Vollmer, 2013, vgl. S. 71). Wenn es also für Sie Gott gibt, dann sind Sie auch in der Pflicht, dies mit Belegen zu untermauern!

                          Ihr Zitat: „Ad absurdum getrieben wären auch Schwerverbrecher entsprechend sozialisiert worden und könnten halt nichts dafür.“
                          Dass Schwerverbrecher zum Großteil nichts dafür können, also in die Situation schrittweise „hineingeschlittert“ sind, halte ich für plausibel. Das ändert aber nichts daran, dass sie trotz ihrer Tat immer noch schuldfähig sind. In Gerichtsverfahren wird immer noch zwischen völlig freien, bedingt freien und völlig unfreien Entscheidungen oder schuldfähig, vermindert schuldfähig und schuldunfähig unterschieden. In diesen Fällen haben dann Gerichtspsychiater die Aufgabe, durch Gutachten dem Gericht plausibel zu machen, in welcher Situation sich der jeweilige Delinquent zur Tatzeit befand. Diese Aufgabe ist aber nach allem bisher gesagten nicht lösbar und führt deswegen zwangsläufig zu willkürlichen und sich widersprechenden gutachterlichen Aussagen, weil eben schon die Prämisse nicht stimmt. Es gibt eben keine etwas freieren oder völlig freien Entscheidungen. Willensentscheidungen sind grundsätzlich determiniert und damit unfrei (Quelle 2: Warum ich kein Christ sein will, Uwe Lehnert, 6. Auflage, vgl. S. 144). Menschen mit problematischen Verhaltensdispositionen als schlecht oder böse abzuurteilen - so wie es in der Theologie geschieht -, bedeutet nichts anderes als das Ergebnis einer schicksalhaften Entwicklung des Organs, das unser Wesen ausmacht, zu bewerten. Mit diesem religiösen Dogma wird die menschliche Natur verkannt und vergewaltigt (Quelle 2, vgl. S. 145). Folglich geht also darum, den klassischen Schuldbegriff aufzugeben und "Schuld" nur noch im Sinne von Ursache beziehungsweise Urheberschaft zu verstehen. Wer an das sogenannte Böse glaubt und es durch die dem Menschen angeblich gegebene Willensfreiheit meint erklären zu können, wird sich mit Verständnis und Mitgefühl schwer tun und den Täter verachten. Umgekehrt werden Menschen, die nicht von einem freien Willen eines Täters ausgehen, ihnen zugefügtes Unrecht leichter verarbeiten können. Die Tat ist verwerflich, der Täter ist es nicht! Das angeblich dem freien Willen entspringende "Böse" ist ein von Menschen erdachtes Prinzip, um verurteilen und strafen zu können (Quelle 2, vgl. S. 148). Eine rationale Betrachtung führt zu einem Verstehen-Können und ist somit die Voraussetzung des Vergeben-Könnens (Quelle 2, vgl. S. 149).

                          Ihr Zitat: „Das Scheinargument der Sozialisierung entspricht etwa demjenigen der Indoktrination. Jedes Kind wird von seinen Eltern beeinflusst; wenn sich aber ein Mensch in reiferen Jahren noch immer darauf beruft, zeugt das nicht gerade von Eigenverantwortung und selbständigem Denken.“
                          Sozialisierung ist kein Scheinargument. In der sensiblen Phase der Persönlichkeitsentwicklung wirken sich Einflüsse auf die Charaktereigenschaften der Person prägend aus. Dies Eigenschaften können z. T. so fest verankert sein, dass man sie nicht einfach abschütteln kann. Da hilft auch Eigenverantwortung nicht weiter. Was Hänschen gelernt hat, verlernt Hans nur sehr schwer…

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                            foramentor

                            Nun ja, ich habe bei meinen Auslegungen einzig das (katholische) Christentum im Auge; dieser Glaube birgt für mich die Wahrheit. Besser als "Wesen" Gottes ausgedrückt wäre die ontologische Person Gottes, was nun offensichtlich nicht bloss eine Charaktereigenschaft bedeutet. Solange ich Ihn mit meiner Geisteskraft nicht erfassen kann, kann ich sein Wesen auch nicht eindeutig definieren.

                            Sie haben recht, man kann Theologie nicht als "Wissenschaft" im konventionellen Sinne bezeichnen, zumal ihr der konventionelle Beweis Gottes nach eigenem Anspruch nicht gelingen kann - wie Sie passend formuliert haben. Überbleibsel vorwissenschaftlichen Denkens aus religiöser Bevormundung ist stark pejorativ ausgelegt. Die Untersuchung und Entwicklung des Gottesverständnisses mit wissenschaftlicher Methodik wäre neutraler und vermutlich beiderseits bekömmlicher formuliert.

                            Gottesglaube kann ich selbstverständlich nicht als "Aberglaube" gelten lassen. Eben genau im ehrlichen Glauben steckt ein gerüttelt Mass an Skepsis! Jedenfalls zweifle ich andauernd an irgendwelchen Glaubensinhalten und muss diese für mich laufend neu analysieren und überdenken. Das ist anstrengend, da pflichte ich Shermer bei. Bemerkenswerterweise führt mich meine Skepsis laufend tiefer in den Glauben und eröffnet mir so manche komplexe Zusammenhänge, welche mich immer stärker im Glauben bekräftigen.

                            Das Wort "leugnen" war von mir zugegebenermassen zu egozentrisch benutzt. Ein Gläubiger "weiss" von der Existenz Gottes, ist aber mit dem kniffligen Nachteil konfrontiert, dieses Wissen nicht wissenschaftlich beweisen zu können. Daher möchte ich "leugnen" mit "ablehnen" ersetzen (oder "negieren", um meinen Unmut doch noch etwas zu untermauern). Meine Belege für das Wissen um Gott sind sehr persönlicher, intimer Art und für Aussenstehende vielleicht nachvollzieh-, nicht jedoch nacherlebbar. Gott geht perfekt individuell auf jedes einzelne seiner Geschöpfe ein. Da erinnere ich mich prompt an Herrn Schöneckers Aussage des Wohnen Gottes in seinem Herzen.

                            Das "Böse" per se entspringt nicht dem freien Willen, sondern ist nach christlichem
                            Glauben in Form eines personifizierten Geisteswesens existent, als der gefallene (non serviam) Engel Satanael oder Luzifer, welcher den Menschen dazu verführt, den freien Willen für Böses zu benutzen. Gott verabscheut nicht den Sünder, sondern die Sünde; jeder Sünder hat dank seines freien Willens die Chance zur Umkehr und wird, sofern er echte Reue zeigt, von Gott angenommen. Somit sind Ihre Aussagen am Ende Ihres vorletzten Abschnittes erfüllt und Gott scheint eine durchaus rationale Seite zu haben!

                            Mit "Scheinargument" meine ich folgendes:
                            Sozialisierung, Indoktrinierung, Autosuggestion und Bevormundung werden zu oft als
                            Argumente gegen den Glauben benutzt und können vice versa genausogut für jede
                            andere Überzeugung herhalten. Daher sind sie nur scheinbar stichhaltig. Bei Ihrem Gebrauch wird regelmässig die Kritikfähigkeit der Menschen sowie ihr Vermögen, eigene Erfahrungen auszuwerten unter den Teppich gekehrt.

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                              Klaus Steiner

                              Hallo Foramentor,

                              Ihr Zitat: „Das "Böse" per se entspringt nicht dem freien Willen, sondern ist nach christlichem Glauben in Form eines personifizierten Geisteswesens existent, als der gefallene (non serviam) Engel Satanael oder Luzifer, welcher den Menschen dazu verführt, den freien Willen für Böses zu benutzen.“
                              Sie kommen mit Ihrem Postulat eines Satans vom Regen in die Traufe. Auch hier liegt die Beleglast bei Ihnen :)

                              Ihr Zitat: „Gott verabscheut nicht den Sünder, sondern die Sünde.“
                              Da aber die Sünde untrennbar mit dem Sünder verwoben ist, geht es doch letztlich gegen die Person als Verantwortliche Instanz, welche dafür bestraft wird. Bei dieser Aussage wird lediglich mit Worten gespielt, denn eine Sünde gibt es nicht losgelöst von einem verursachenden Individuum.

                              Ihr Zitat: „Sozialisierung, Indoktrinierung, Autosuggestion und Bevormundung werden zu oft als Argumente gegen den Glauben benutzt und können vice versa genausogut für jede andere Überzeugung herhalten. Daher sind sie nur scheinbar stichhaltig.“
                              Warum sollen diese Argumente „gegen“ den Glauben benutzt werden? Diese Argument erklärt lediglich die Entstehung des individuellen Glaubens. Wo soll hier der „Schein“ liegen?

                              Ihr Zitat: „Bei Ihrem Gebrauch wird regelmässig die Kritikfähigkeit der Menschen sowie ihr Vermögen, eigene Erfahrungen auszuwerten unter den Teppich gekehrt.“
                              Die Kritikfähigkeit des Menschen geht aber in seltensten Fällen so weit, dass der Glaube als Ganzes angezweifelt werden würde. Christen sagten mir, dass sie bei bestehenden Glaubenszweifeln, ob es Gott gibt, zu Gott/Jesus beten. Er möge Ihnen z. B. Sicherheit und Standhaftigkeit geben…und schon sind sie wieder über dem Berg. Da war kein Einziger dabei, der sich Gedanken gemacht hätte, ob denn der Agnostizismus bzw. der Atheismus eine Alternative wären. Für diese Gläubigen war der Glaube auch zu kostbar, schließlich hat er dafür gesorgt, dass sie sich wöchentlich zum Bibelkreis trafen und ein Thema hatten, was sie verbindet, interessiert und begeistert.

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                                libertador

                                "[3] In Wahrheit lässt der Naturalismus nur empirisch begründete Mechanismen und Gesetzesaussagen zu, die nicht unbegrenzt erklären. Zur Entstehung von Planeten etwa braucht es ganz andere Mechanismen als zur Entstehung von Leben."

                                Ist das als faktische Beschränkung der aktuellen Wissenschaft zu verstehen oder als allgemeine Festlegung?
                                Letzteres würde den Naturalismus auf starke Emergenz festlegen und getrennte Gegenstandsbereiche implizieren.
                                Das ist keine kluge Beschränkung des Naturalismus. Es könnte durchaus sein, dass es Gesetze gibt die unbegrenzt erklären. Genau danach wird ja in der Physik auch gesucht, bei der Vereinigung in der Quantengravitation.
                                Der Naturalismus sollte entsprechend zu der Frage der Unbegrenztheit neutral bleiben und sich, wie Sie richtig schreiben, auf empirische Belege berufen. Die empirischen Belege sind meiner Einschätzung nach offen bezüglich der Frage der alles umfassenden Gesetze und Mechanismen.

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                                  Klaus Steiner

                                  Hallo libertador,

                                  Ihr Zitat: „Es könnte durchaus sein, dass es Gesetze gibt die unbegrenzt erklären. Genau danach wird ja in der Physik auch gesucht, bei der Vereinigung in der Quantengravitation.“

                                  Es kann kein „unbegrenztes erklären“, wie Sie schreiben, geben. Zur Wiederholung noch einmal mein anfängliches Zitat:

                                  Es gibt laut G. Vollmer gute Gründe dafür, warum Naturgesetze "nur" beschreiben und nicht erklären. Erklärungen enthalten weitere Elemente, i. d. R. Anfangsbedingungen, idealisierende, oft sogar kontrafaktische Annahmen und - ausdrücklich oder implizit - eine ceteris-paribus-Klausel, also die Annahme, dass keine weiteren Faktoren berücksichtigt werden müssen (Quelle 1, S. 210). Bei der Suche nach einer Kausalerklärung für die Naturgesetze müssten wir Zeitpunkte ins Auge fassen, die zeitlich vor allen Naturgesetzen liegen (Quelle 1, S. 222). Außerdem hindert uns der Zufall daran, eine echte Erklärung zu finden (Quelle 1, vgl. S. 226).

                                  (Quelle 1: Philosophia Nauturalis, Band 37, Heft 2, Was sind und warum gelten Naturgesetze?, Gerhard Vollmer, 2000)

                                  Die Theorie der Quantengravitation könnte „erklären“, was in einem Schwarzen Loch vorgeht und was in den ersten Sekundenbruchteilen nach dem Urknall geschah.
                                  (Quelle: Google Books, vgl. Parallelwelten: Über die großen Rätsel des Universums, Spektrum der Wissenschaft, Dossier)

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                                    Klaus Steiner

                                    Hallo libertador,

                                    Ihr Zitat: "Ist das als faktische Beschränkung der aktuellen Wissenschaft zu verstehen oder als allgemeine Festlegung? Letzteres würde den Naturalismus auf starke Emergenz festlegen und getrennte Gegenstandsbereiche implizieren."
                                    Können Sie mir sagen, was Sie unter "starker Emergenz" verstehen?

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