Glaubens-Event auf Staatskosten

Deutscher Katholikentag in Würzburg

Glaubens-Event auf Staatskosten

Foto: Pixabay.com / MemoryCatcher

Religiöse Groß-Events wie „Kirchentage“ werden aus Steuergeldern mit Millionen großzügig subventioniert - auch der Katholikentag in Würzburg. Warum eigentlich? Gibt es nicht das Verfassungsgebot der Trennung von Staat und Kirche?

Alle Jahre wieder findet hierzulande ein Kirchentag statt, immer im Wechsel, mal ein katholischer, mal ein evangelischer – und immer in einer anderen Stadt. Das Ganze hat Event-Charakter: Es gibt Musik, Tanz, gemeinsames Gebet und jede Menge Vorträge über Gott und die Welt. Ein straff organisiertes Himmels-Festival mit Zeltlager-Flair. Vom 13, bis 17. Mai trifft sich die Christengemeinde in Würzburg zum106. Katholikentag.

Seit Jahren reist David Farago, im Zivilberuf Schreinermeister, als Leiter des Aktionsteams „11. Gebot“ zu jedem Kirchentag. Nicht als Gläubiger, sondern als Verfassungshüter. Er und seine Mitstreiter wollen auch in Würzburg mit dem Hinweis an das elfte Gebot erinnern: „Du sollst Deinen Kirchentag selbst bezahlen!“. Dort wird das Glaubens-Spektakel diesmal mit mindestens 4,44 Millionen Euro von der öffentlichen Hand gefördert. Das Land Bayern gibt drei Millionen Euro, der Bund anstatt wie traditionell 500.000 Euro erstmals 940.000 Euro und die mit über 815 Millionen Euro hoch verschuldete Stadt Würzburg steuert 500.000 Euro inklusive Sachleistungen bei. „Welches Interesse sollten Würzburger Bürgerinnen und Bürger an einer katholischen Missionierung auf Staatskosten haben,” fragt Farago.

Tatsache ist: Die Zahl der Mitglieder ist weiterhin rückläufig. Im Jahr 2025 gab es insgesamt über 600.000 Kirchenaustritte (rund 350.000 bei der evangelischen und 307.000 bei der katholischen Kirche). Noch rund 36,62 Millionen Menschen gehören hierzulande der katholischen oder der evangelischen Kirche an. Das entspricht knapp 43,8 Prozent der Gesamtbevölkerung (ca. 83,5 Millionen). Die konfessionelle Hegemonie der beiden Kirchen ist Geschichte. Doch die Politik – keineswegs nur die konservativ-christdemokratische – ignoriert diese Wirklichkeit. Noch immer garantiert sie den Kirchen enorme Privilegien und zweifelhafte Sonderrechte.

In Würzburg trägt die öffentliche Hand 44,4 Prozent der Gesamtkosten in Höhe von 10 Millionen Euro – viel Geld in Zeiten klammer Haushaltskassen. Die Politik rechtfertigt die öffentliche Förderung unter anderem damit, dass der Katholikentag auch diesmal Programmpunkte anbiete, die nicht nur für Katholiken, sondern für die gesamte Gesellschaft von Interesse seien. Doch dieses Argument lässt Farago nicht gelten: „Wenn man in der Programmdatenbank alle Schlagworte mit religiösem Bezug auswählt, erhält man 504 Ergebnisse. Über 56 Prozent der 900 Veranstaltungen drehen sich also um religiöse Themen. Darüber hinaus werden selbst weltliche Themen überwiegend durch die religiöse Brille betrachtet.” Waren die klerikalen Veranstalter vor Wochen noch von „mehreren zehntausend Teilnehmenden" ausgegangen, werden nun - inklusive tausender Mitwirkender – nun rund 30.000 Besucher erwartet, wie der Katholikentag selbst auf seiner Veranstaltungsseite angibt. „Bei 4,44 Millionen Euro von der öffentlichen Hand würde damit jeder Besucher mit 148 Euro aus öffentlichen Steuermitteln subventioniert. Fällt die Besucherzahl noch niedriger aus, wäre die Pro-Kopf-Quote sogar noch höher,” rechnet Farago vor.

Auch wenn der Bedeutungsverlust unübersehbar ist, eine gesellschaftliche Debatte, ob Kirchentage weiterhin aus öffentlichen Mitteln unterstützt werden sollen – also auch von Kirchenfernen, Andersgläubigen und Ungläubigen – findet nicht statt. Die Politik verteilt weiterhin großzügig Blanko-Schecks. Dabei widerspricht die Kirchentagsförderung dem Grundgesetz: Laut Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes darf „niemand wegen seines Glaubens oder seiner religiösen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“. Die Millionen-Gaben verletzen den rechtsstaatlichen Grundsatz der Trennung von Staat und Religion. Glaubens-Event auf Staatskosten – ein permanenter Verfassungsbruch.

Dabei besitzen die deutschen Kirchen genügend Geldreserven, auch das Bistum Würzburg. Es besitzt ein – kaufmännisch schlank gerechnetes – Vermögen von 423,9 Millionen Euro. Allein aus Kirchensteuer-Erträgen fließen in diesem Jahr 178 Millionen Euro in das klerikale Finanz-Portfolio. Freilich: Nicht alles zu tun, das Millionen-Vermögen zu vermehren und zu schützen, wäre für die katholische Kirche beinahe ein Sündenfall. Aus diesem Grund schiebt die Kirche einen schlichten Katholikentags-Verein vor, um es als angebliche Laienbewegung für die Abrechnung vorzulegen. Religionsgemeinschaften sind in Deutschlands nicht rechenschaftspflichtig. Landesrechnungshöfe dürfen sie nicht überprüfen. So bleibt intransparent, wofür das staatliche Geld eigentlich eingesetzt wird. Transparenz sieht anders aus. Die Politik sollte endlich umdenken: die Kirchentags-Subventionen sind mit einem weltanschaulich neutralen Staat nicht zu vereinbaren. In unserer Verfassung steht: „Es besteht keine Staatskirche“. Der Staat muss in Glaubensfragen gottlos sein. In einer säkularen Demokratie darf sich der Staat nicht mit einer Religion identifizieren, keine Kirche, keine Glaubensgemeinschaft bevorzugen. Das ist geradezu die Garantie für Religionsfreiheit. Es gilt die strikte Trennung von Staat und Kirche. Erst der Bürger, dann der Gläubige.

Helmut Ortner, Jahrgang 1950, hat bislang mehr als zwanzig Bücher, überwiegend politische Sachbücher und Biografien veröffentlicht. Seine Bücher wurden bislang in 14 Sprachen übersetzt. Helmut Ortner ist Mitglied bei Amnesty International und im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung. Eine Auswahl seiner Bücher: Der Hinrichter - Roland Freisler, Mörder im Dienste Hitlers, Der einsame Attentäter - Georg Elser und EXIT: Warum wir weniger Religion brauchen - Eine AbrechnungWiderstreit: Über Macht, Wahn und WiderstandVolk im Wahn - Hitlers Deutsche oder Die Gegenwart der VergangenheitHeimatkunde - Falsche Wahrheiten. Richtige Lügen und Gnadenlos Deutsch - Täter, Helfer, Zuschauer – und die Entsorgung der NS-Zeit.

Zum Thema: Das klerikale Kartell - Warum die Trennung von Staat und Kirche überfällig ist.

Kommentare

  1. userpic
    Andreas Edmüller

    Zwei Gründe - von mehreren - warum es so schwierig ist, für das Thema breite öffentliche Aufmerksamkeit und Unterstützung zu gewinnen:

    Erstens: Diese Verzahnung von Staat und Religion findet leider an vielen Stellen statt und ist aus Sicht der Bürger ganz normal, gehört zum Alltag. Religionsunterricht, theologische Fakultäten an unseren Universitäten, "Seelsorger" allüberall - und das unsägliche wöchentliche Wort zum Sonntag sollte man auch nicht vergessen ...

    Zweitens wäre die Forderung nach dem konsequent säkularen Staat leichter zu begründen, wenn sie ipso facto auf einen weltanschaulich neutralen Staat zielen würde. Das aber ist sehr oft leider nicht der Fall. Ich kenne viele Leute aus dem säkular-humanistischen Spektrum, die zwar gegen staatlich finanzierte Kirchen sind, gleichzeitig aber die staatliche Finanzierung von weltanschaulich und ideologisch sicher nicht neutralen NGOs wie z.B. der Amadeu Antonio Stiftung oder ganzer Programme wie "Demokratie leben" befürworten. Warum Steuergeld für die eine Weltanschauung oder Ideologie, nicht aber für die andere? (https://de.richarddawkins.net/articles/staatsfinanzierung-fuer-ngos)

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    1. userpic
      Huxley

      Die Edmüller-Agenda darf nicht zu kurz kommen, gell:
      Eine religiöse Sekte, deren Grundüberzeugungen NICHT mit dem GG konform gehen zu vergleichen mit einer Stiftung, die sich nun für Demokratie einsetzt (was laut GG unser ALLER Aufgabe ist), ist weit mehr als gewagt.
      Aber die Edmüller-umframing-Maschine läuft freilich.

      Zum wiederholten Mal äußern Sie sich recht extrem (ich habe mich nicht verschrieben, das Wortspiel ist durchaus beabsichtigt) und einseitig zum Thema NGOs. (Passt übrigens nicht zur angeblich „liberalen“ Selbstdefinition!)
      Die Begriffe „Staat“ und „NGO“ werden von Ihnen in der gleichen dysphemistischen und verzerrenden Art und Weise benutzt wie von extrem Rechten. Es gibt KEINERLEI Distanzierung Ihrerseits zu deren Ideologie, stattdessen befeuern Sie zum wiederholten Male deep-state-Narrative!

      Bei NGOs sind Ihnen diejenigen „suspekt“, die auch der CDSU „suspekt“ sind, keineswegs z. B. der Bauernverband, der laut Lobbyregister des Bundestags 2023 mindestens 1,7 Millionen Euro von der öffentlichen Hand erhalten hat (und in Bayern den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts hat), sich mit rechtsextremen Gesinnungen (inkl. aggressiver Wortwahl z. B. vom „Hängen“) hervortut und die Gesellschaft mit Straßenblockaden terrorisert. Dazu KEIN Wort von Ihnen.

      Wenn Sie bei dieser extremen Einseitigkeit sich auch noch als „liberal“ bezeichnen, schlägt’s nun dem Fass den Boden aus. Liberal im Sinne von neoliberal und wohl gar in die Nähe der FPÖ, ist das, was mir dazu einfällt.

      Die Verhältnismäßigkeit haben Sie weit hinter sich gelassen:
      Es werden per Parteienfinanzierung nachweisliche Verfassungsfeinde staatlich „gefördert“ Herr Edmüller! Wenn der „Liberale“ gerne mal ein Problem hätte, dann wüsste ich schon eins dafür (und nicht nur eins!)!

      Die "Liberalität" geht bei Ihnen offensichtlich weit über den demokratischen Grundkonsens hinaus, wenn Sie tatsächlich meinen diesen Beitrag hier mit Bezug auf die Amadeu Antonio Stiftung umframen zu können und suggerieren, dass deren Anliegen lediglich einer austauschbaren Ideologie und Weltanschauung geschuldet sei.
      In einer Demokratie ist diese „Ideologie“ nicht austauschbar! Sie fremdeln offensichtlich mit dem GG!

      Leider passen Ihre Äußerungen zum Inhalt der Mehrzahl der jüngsten Beiträge hier auf RDF, die sich inhaltlich kaum von billiger Pegida-Hetze unterscheiden.
      Nun – in Bezug auf Verschwörungstheorien kennen Sie sich ja bestens aus – jetzt hau‘ ich auch mal eine raus: Wäre nicht der erste „Verein“, der von extrem Rechten gekapert wird und in dem man Testballone startet um zu sehen, wie weit man den Diskurs nach rechts verschieben kann.
      Pseudowissenschaftlich werden fleißig die entsprechenden Narrative verbreitet.

      Die Qualität von RDF würde drastisch steigen, wenn Sie Ihre Agenda woanders verfolgen.

      Hier steht „Vernunft und Wissenschaft“ in der Überschrift.
      Ihre Beiträge lassen beides vermissen.

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